Von der Kutsche ins Flugzeug: Mennoniten aus Belize in Deutschland
- Andreas Tissen

- vor 21 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Fünf Mennoniten aus Belize sind zu Besuch bei Freunden in Deutschland. Eingeladen hat sie Benjamin Hedert. Gemeinsam wollen sie Europa bereisen, dorthin, wo die Geschichte ihrer Vorfahren begann. Bei einem Teil dieser Reise darf ich sie begleiten.
Dahin, wo alles begann
In ihrer Heimat sind Pferd und Kutsche bis heute ein wichtiges Transportmittel. Als Alt-Kolonier-Mennoniten leben sie sehr traditionell mit einfacher Kleidung und eingeschränkter Techniknutzung. Nun sitzen sie im Flugzeug und fliegen über den Atlantik in ein Land, das sie als Ursprung ihrer Geschichte empfinden: Deutschland.
Ihre Familiengeschichte gleicht einer langen Wanderung. Von Holland, den heutigen Niederlanden, und Deutschland zogen ihre Vorfahren weiter nach Westpreußen, von dort nach Südrussland und schließlich über Kanada und Mexiko bis nach Belize. Immer auf der Suche nach Land und einem Ort, an dem sie ihren Glauben frei leben können, ohne Militärdienst leisten zu müssen.
Büdingen: Begegnung mit der Vergangenheit
Die erste Station ist Büdingen (bei Frankfurt). Bei einer Stadtführung erfahren sie viel über alte Kirchen, Reste der Stadtmauer und Gebäude, die bereits vor 500 Jahren standen, als die Reformation Europa veränderte.
Zur gleichen Zeit entstand hier auch die Täuferbewegung. Aus ihr gingen später die Mennoniten hervor. Für unsere Gäste sind diese Orte deshalb mehr als nur schöne Altstädte. Deutschland ist für sie ein Stück geistliche Heimat.
Ingolstadt: Geschichte zum Anfassen
Am nächsten Tag nimmt Benjamin sie mit nach Ingolstadt. Er gibt ihnen einen Überblick über die wichtigsten Schauplätze der Täufer und Mennoniten in Europa und erzählt von den Lebensstationen Menno Simons.
Man merkt, wie sehr sie sich bemühen, sich auf dem europäischen Kontinent zurechtzufinden. Sie wissen, dass sich hier vor rund 500 Jahren die Geschichte ihrer Vorfahren abgespielt hat.
Beim Stadtrundgang zeigt Benjamin ihnen den Rathausplatz. Dort wurde dem Täufer Michael Fischer einst das Todesurteil vorgelesen. Die Vergangenheit wirkt plötzlich ganz nah.
Auf den Spuren von Michael Fischer in Ingolstadt
Einkaufen mit Zurückhaltung
Später schlendern sie durch die Innenstadt und verschaffen sich einen Überblick über die Geschäfte. Sie kaufen einiges ein. Besonders bei Schokolade greifen sie kräftig zu.
Im Alltag sind sie eher zurückhaltend im Konsum, obwohl viele von ihnen einen bescheidenen Wohlstand erreicht haben. Sie arbeiten hart und investieren ihr Geld vor allem in ihre eigenen Betriebe.
Erster Schnee: ein besonderes Erlebnis
Für den nächsten Tag ist etwas Besonderes geplant. Ein Ausflug nach Österreich zum Schlittenfahren.
Die meisten von ihnen haben noch nie Schnee gesehen, geschweige denn auf einem Schlitten gesessen. In Belize herrscht ganzjährig warmes Klima. Nun sausen sie sechs Kilometer einen Berg hinunter, mit strahlenden Gesichtern und viel Freude.
Wartburg: Luther und die Bibel
Einen Tag später stehen sie auf der Wartburg in Eisenach. Sie hören die Geschichte von Martin Luther, der sich hier versteckt hielt, und sehen den Raum, in dem er die Bibel ins Hochdeutsche übersetzte.
Genau diese Bibel lesen sie bis heute. In ihren Kolonien ist Hochdeutsch noch immer Gottesdienstsprache.
Beeindruckt sind sie auch vom tiefen Loch im Turm der Burg. Dort war der Täufer Fritz Erbe jahrelang gefangen, bis er schließlich dort starb.
Ein Sonntag voller Musik
Am Sonntag besuchen sie ein großes Bläsertreffen in Willebadessen. Etwa 300 Bläser und rund 1.000 Zuhörer sind gekommen.
Aufmerksam und interessiert lauschen sie der Blasmusik. Für sie ist das eine neue und zugleich faszinierende Erfahrung. In den Kirchen ihrer Kolonie wird Wert auf traditionelles Singen gelegt (Alte Weise). Das ähnelt stark dem gregorianischen Musikstil. Mit den Kindern in ihren Häusern singen sie so, wie wir es kennen.

Ein Treffen wie nach 150 Jahren
Danach geht es weiter nach Minden. Meine Frau und ich haben sie eingeladen. Wir lernen uns kennen und unterhalten uns. Sie sagen, das nennt man „spazieren“. Das tun sie Sonntagnachmittag immer.
spazieren = sich mit Gästen unterhaltenUnser Treffen fühlt sich an wie ein Wiedersehen nach 150 Jahren. Damals lebten unsere Vorfahren gemeinsam in Kolonien. 1874 wanderten einige nach Amerika aus, andere blieben in Russland.
Eine Verbindung ist geblieben. Die Sprache. Wir "spazieren" in Plautdietsch. Eine Sprache, die uns allen sehr vertraut ist. Unsere Gäste beherrschen außerdem noch Hochdeutsch, Englisch und Spanisch.

Das Wort „plietsch“
Ein Begriff taucht in unseren Gesprächen immer wieder auf. „plietsch“. Sie erklären es:
Gemeint sei jemand, der klug genug ist, Regeln nicht offen zu brechen, sondern sie unauffällig zu umgehen. Wer plietsch ist, eckt nicht an, bleibt Teil der Gemeinschaft und kommt trotzdem zurecht. Wir schmunzeln, weil jeder sofort versteht, was gemeint ist.
plietsch = schlau, taktvoll, einfallsreichSchnee am Morgen
Am nächsten Morgen erwartet uns eine Überraschung. Heftiger Schneefall. Wir kämpfen uns durch die Straßen, während wir zu einem besonderen Ziel aufbrechen. Zu dem Ort, an dem Menno Simons seine erste Lebenshälfte verbrachte.
Wir fahren nach Holland, ein Land das sie nur aus den Erzählungen ihrer Großeltern kennen.

Pingjum: Auf den Spuren Menno Simons
In Pingjum besuchen wir die Kirche, in der Menno als katholischer Priester begann. Hier denken wir an die inneren Kämpfe, die er durchlebte. In dieser Zeit begann er, die Bibel intensiv zu lesen und vieles zu hinterfragen, was die Kirche lehrte.
Ein paar Häuser weiter stehen wir vor einem unscheinbaren Gebäude. Von außen wirkt es wie ein gewöhnliches Wohnhaus. Doch im hinteren Teil entdecken wir einen historischen Versammlungsraum. Eine versteckte mennonitische Kirche.
Unsere Gäste sind erstaunt.„Der Saal sieht fast genauso aus wie unsere Kirche in Belize.“
Jakob W. trägt sich dankbar ins Gästebuch ein.
Witmarsum: Geburt und Entscheidung
Im Nachbardorf Witmarsum wurde Menno Simons geboren. Wir besuchen sein Denkmal und eine weitere Kirche, in der er als Priester diente.
Hier fasste er schließlich den Entschluss, mit der katholischen Kirche zu brechen und Gott nur noch so zu dienen, wie er es in der Bibel erkannte. Nach dieser Entscheidung musste er seine Heimat verlassen und war für den Rest seines Lebens auf der Flucht.
Besuch in Witmarsum, Niederlande
Suche nach vertrauten Namen
Bevor wir Witmarsum verlassen, gehen wir über den Friedhof. Jakob W. betrachtet aufmerksam die Grabsteine. Doch die typischen mennonitischen Namen wie Friesen, Fehr, Klassen oder Dück findet er nicht. Diese hatte er hier eigentlich erwartet.
Gemeinsame Wurzeln
Am Abend in Minden beschäftigen wir uns weiter mit unseren Vorfahren. Gibt es gemeinsame Linien?
Wir nutzen die Suchfunktion der GRanDMA-Datenbank und werden tatsächlich fündig. Benjamin sucht gezielt nach Verbindungen zwischen uns und unseren Gästen und entdeckt mehrere Treffer. Unsere Familien hatten vor mindestens sieben Generationen gemeinsame Vorfahren in Südrussland.

Die „Gebliebenen“
Die Vorfahren von Benjamin und mir blieben damals in Russland. Für unsere Gäste gelten wir bis heute als die „Gebliebenen“, auch wenn inzwischen die meisten von uns in Deutschland leben. Entsprechend groß ist ihr Interesse daran, wie wir hier leben.
Über diese „Gebliebenen“ in Deutschland, die sie auch als „Plautdietsche Mensche“ bezeichnen, wollen sie mehr wissen. Gerhard F. fragt, wie viele „Plautdietsche Mensche“ hier leben und wo genau sie wohnen. Jakob W. möchte wissen, warum wir hier nicht in Kolonien zusammenleben. Ein anderer wundert sich, warum es hier keine Alt-Kolonier-Mennoniten gibt, zu dieser Richtung gehören sie nämlich.
Gab es in Russland "Trubbel" als ihr von Pferdekutschen auf Autos umgestiegen seid? Jakob W.
Und dann kommt die Frage, die ich am wenigsten erwartet habe. Jakob W. möchte wissen, ob es „Trubbel“ in Russland gab, als wir von Pferdekutschen auf Autos umgestiegen sind. Mit „Trubbel“ meint er, ob es damals Probleme mit den Regeln der Kirche gab, ein moderneres Verkehrsmittel zu nutzen.
Trubbel = Unruhe, ÄrgerGespräche über den Glauben
Neben all den Gesprächen über Herkunft und Geschichte reden wir auch über unseren persönlichen Glauben. Das Leben von Menno Simons und der Märtyrerspiegel, der bei ihnen bekannt ist, geben dazu Anlass. Wir sprechen über Bekehrung, Wiedergeburt und den Sinn von Verfolgung, wie bei den ersten Täufern. Dabei entdecken wir Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten.

Moderne Landwirtschaft
Am nächsten Morgen verabschiede ich mich. Die Gruppe fährt weiter zu einer großen Milchfarm bei Büdingen. Dort sehen sie, wie das Melken vollständig von Robotern übernommen wird.
Anschließend besichtigen sie die Produktion einer Fertighausfirma. Mit großem Interesse beobachten sie die Abläufe.
In Belize haben sie selbst kleine Betriebe. Viele sind Handwerker oder Händler, andere Landwirte. Sie bauen Gemüse und Getreide an oder halten Tiere. Vieles läuft in Eigenversorgung. Auch Strom wird nicht aus einem öffentlichen Netz bezogen. Jedes Haus produziert ihn selbst.
Besichtigung einer Milchfarm bei Büdingen
Erinnerungen an Russland
Am Abend sind sie bei Familie Peters eingeladen und schauen Fotos aus Russland. Sie hören aufmerksam zu, wenn vom Leben der „Gebliebenen“ erzählt wird. Von Revolution, Krieg und Kommunismus. In ihren Kolonien wurde davon immer wieder berichtet.

Abschied nach einer intensiven Woche
Am nächsten Tag heißt es Abschied nehmen. In nur einer Woche sind sie rund 3.000 Kilometer quer durch Europa gereist. Viele Eindrücke nehmen sie mit zurück nach Belize.

Rückblick: Verständnis statt Vorurteile
Ich denke gerne an diese Begegnung zurück. Während ihres Besuchs wurden sie auch mit Kritik konfrontiert, die in sozialen Medien und anderen Berichten zu lesen war. Vieles davon kannten sie bereits.
Sie fühlten sich oft von Ausgetretenen falsch dargestellt. Ruhig und sachlich erklärten sie ihre Sicht der Dinge und räumten mit manchem Vorurteil auf.
Ich habe in dieser Zeit viele neue Einblicke in ihr Leben gewonnen. Und ich merke, dass mein Verständnis für ihre Lebensweise gewachsen ist.
Aus entfernten „Verwandten“ sind Freunde geworden.
Weitere Informationen zu Mennoniten in Belize:


















































































































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