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Beerdigung bei den Altkoloniern

Nachdem ich bereits mehrfach an Gottesdiensten der Altkolonier teilgenommen hatte, wurde ich diesmal von meinem altkolonischen Freund Cornelius zu einer Beerdigung eingeladen. Zwar hatte ich bei früheren Besuchen in der Kolonie bereits Beerdigungen aus der Ferne gesehen, jedoch noch nie direkt daran teilgenommen.


Bitte habt Verständnis dafür, dass ich im Folgenden auf genaue Zeitangaben, Ortsangaben und vollständige Namen verzichte, um persönliche Rückschlüsse zu vermeiden.


Beerdigungen bei den Altkoloniern sind in der Regel leicht zu erkennen: Mehrere Hundert Menschen versammeln sich, allerdings nicht in der Kirche, sondern meist auf dem Hof der trauernden Familie oder – je nach örtlichen Gegebenheiten – bei nahen Verwandten. Dort werden viele Bänke aufgebaut und Platz für den Sarg sowie für den Prediger geschaffen.


In diesem Fall handelte es sich um den unerwarteten, tragischen Tod einer Mutter im Alter von etwa 50 Jahren. Entsprechend groß war die Anteilnahme.

Altkolonier Mennoniten auf dem Weg zur Beerdigungsfeier
Altkolonier Mennoniten auf dem Weg zur Beerdigungsfeier

Um 11:25 Uhr kam ich auf die Beerdigung. Es war bereits ziemlich voll. Zahlreiche Pferdewagen standen auf dem Hof und entlang des Weges, und es wurden immer mehr. Die Beerdigung fand unter einem großen Dach statt – man kann es sich wie eine riesige Terrassenüberdachung vorstellen. Mir fiel sofort auf, dass die meisten Anwesenden, insbesondere die Gemeindemitglieder, schwarz gekleidet waren. Im Gegensatz zu der Stille vor den Sonntagsgottesdiensten wurde sich hier aber vor Beginn teilweise ruhig unterhalten.

Mehrere Prediger der Kolonie waren anwesend, was man daran erkannte, dass sie ihre schwarzen Mützen hinter der Kanzel an eigens dafür vorgesehenen Nägeln aufhängten. Die anderen Männer legten ihre Hüte vor Beginn des Gesangs unter die Bank oder in ihrer Nähe auf den Boden.


Auffällig war auch, dass einige Einheimische gekommen waren, obwohl sie die Predigt in Hochdeutsch und Plautdietsch vermutlich nicht verstehen würden. Ich schloss persönlich daraus, dass die Verstorbene bei ihnen einen guten Eindruck hinterlassen haben muss. Kurz vor 12:00Uhr suchten sich auch die letzten noch stehenden Gäste Sitzplätze.


Um 12:00 Uhr begann dann die Beerdigungszeremonie mit Lied Nr. 544: „Ach, was fühl’ ich für Traurigkeit“.

Wir sangen nur die ersten vier Strophen, in langer Weise, was etwa 15 bis 20 Minuten dauerte.


Anschließend, um 12:20 Uhr, trat der Älteste der altkolonischen Gemeinde an die Kanzel am Fuße des Sargs und hielt die Beerdigungspredigt, den sogenannten „Aufdank“. Diese dauerte etwa eine Stunde und zwanzig Minuten.


Es war eine ernste Predigt, in der unter anderem darauf hingewiesen wurde, dass „diese Glaubensschwester“ wohl kaum damit gerechnet hätte, dass ihr Leben so plötzlich enden würde. Den Zuhörern wurde der Ernst der Ewigkeit eindringlich vor Augen geführt. Um den Sarg herum saßen die nahen Angehörigen, und der Schmerz über den Verlust ihrer Mutter war deutlich spürbar. Selbst ich musste mit den Tränen kämpfen – besonders in Momenten, in denen eine der Töchter der Verstorbenen sichtlich bemüht war, ihre Tränen zurückzuhalten, und man doch immer wieder ein unterdrücktes Schluchzen hörte.


Trotz des tragischen Todes – der vermutlich durch ärztliches Versagen verursacht wurde – war die Stimmung insgesamt sehr gefasst. Die verstorbene Mutter war ganz in Weiß gekleidet, und der Sarg war offen. Die Leiche war jedoch mit durchsichtiger Plastikfolie abgedeckt, was bei den tropischen Temperaturen und der Beerdigung im Freien sehr sinnvoll war.


Um 13:40 Uhr war die Predigt beendet. Danach erhielten die anderen Prediger die Möglichkeit, ebenfalls einige Worte an die Anwesenden zu richten, was auch teilweise genutzt wurde.


Mehrere Personen erkundigten sich bei mir, ob ich der Predigt folgen konnte. Für mich war das kein Problem, da sie größtenteils in leicht verändertem Hochdeutsch mit einigen plautdietschen Ergänzungen gehalten wurde. Für jemanden, der nur Hochdeutsch versteht, könnte das jedoch zu Verständnisproblemen führen.


Im Anschluss hatten alle die Möglichkeit, noch einmal am offenen Sarg vorbeizugehen und Abschied zu nehmen. Danach wurden unter dem Dach Tische für die gemeinsame Mahlzeit aufgestellt. Viele versammelten sich im Freien, was eine gute Gelegenheit bot, sich zu unterhalten.


Mir gegenüber waren alle sehr freundlich und offen. Die meisten dachten zunächst, ich käme aus einer anderen Kolonie. Wenn ich dann erzählte, dass ich aus Deutschland sei, ergaben sich oft interessante Fragen und schöne Gespräche.


Nachdem die Tische vorbereitet waren, wurde zum Essen eingeladen. Die ersten konnten sich setzen, während die übrigen von Ordnern an die nach und nach frei werdenden Plätze geführt wurden. Es gab die traditionellen Zuckerstücke und Kringel, die hier in der Kolonie bei keiner Beerdigung fehlen und zu Trinken gab es Kaffee. Mir schmeckte es wunderbar. Das Essen war in den Tagen zuvor von Nachbarn der Verstorbenen zubereitet worden. Das Tischgebet wurde von jedem vor dem Essen selbst gehalten und auch nach dem Essen dankten die Teilnehmer im stillen, jeder für sich, für die Speise.


Wer wollte, konnte sich dem Trauerzug zum Friedhof anschließen. Leider habe ich diesen Teil verpasst, da viele vor Ort blieben und sich weiterhin unterhielten und ich in viele Gespräche eingebunden war.


Auf dem Friedhof wurde die Leiche im Sarg beerdigt. Die grundlegenden Bestattungsform – wie etwa die Tiefe des Grabes, Erdbestattung usw. – ähneln den Bestimmungen, wie wir sie aus Deutschland kennen. Ich erwähne das, weil die Einheimischen hier ganz andere Bestattungsbräuche haben. Dort werden die Verstorbenen mit dem Sarg oberirdisch in Betonkästen eingemauert. Es wurde mir später erzählt, dass auf dem altkolonischen Friedhof meist nur die Grabstelle markiert wird. Da heißt auf eine Ausschmückung der Gräber – wie sie in Deutschland häufig üblich ist – wird hier scheinbar verzichtet. Der Friedhof des Dorfes befindet sich häufig hinter der Schule.


Zum Abschluss der Beerdigung wurde noch Lied Nr. 694 gesungen: „Herr Gott! Nun sei gepreiset, wir sag’n dir großen Dank“. Es dauerte wieder ungefähr 15 Minuten.




Damit war die eigentliche Beerdigung beendet. Einige Gäste fuhren direkt nach Hause, während andere noch blieben, um sich zu unterhalten oder beim Aufräumen zu helfen.

Am nächsten Vormittag fand dann das sogenannte „Nobejarafnis“ (auf Deutsch: Nachbegräbnis) statt. Dabei treffen sich die nahen Verwandten, um das Erbe zu schätzen und gegebenenfalls zu besprechen, wer sich künftig um die Kinder kümmert. Ich selbst habe daran nicht teilgenommen, da diese in einem deutlich kleinerem Kreis stattfindet, wurde jedoch während der Beerdigung von den Altkoloniern darüber aufgeklärt.

Der Sinn dieser Schätzung liegt darin, im Falle einer Wiederheirat des verbliebenen Ehepartners die Güter gerecht unter den Kindern aufzuteilen. In der Regel erfolgt die Aufteilung gleichmäßig – mit der Ausnahme, dass behinderte Kinder den doppelten Anteil erhalten.


Für mich war es eine eindrückliche und interessante Erfahrung. Im Gegensatz zu den Gottesdiensten bot eine Beerdigung eine besondere Gelegenheit für zahlreiche wertvolle Kontakte und Gespräche.

 

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