Täufer auf den Galeeren
Auf einer Rundreise durch Europa besuche ich gemeinsam mit meiner Familie Alexander Basnar in Österreich. Er ist nicht nur Täuferexperte, sondern auch selbst überzeugter Täufer. Heute zeigt er uns die Burgruine Falkenstein, die sich unweit von Wien befindet. Falkenstein erinnert an ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte. Rund 150 friedliche Täufer erlitten hier ein grausames Schicksal.

Das Leid beginnt
Schon von weitem sehen wir, wie sich die Burg majestätisch hoch über das Land erhebt. Hier hat Basnar zusammen mit seinem „Hutterischen Geschichtsverein“ die Geschichte von Täufern ausgestellt, deren Leidensweg hier begann. Mit einem großen schwarzen Filzhut, schlichter schwarzer Kleidung und langem Bart fällt er sofort auf. „So in etwa sahen die Täufer in dieser Gegend früher aus“, erklärt Basnar. Es waren Hutterer. Sie gehörten zur Täuferbewegung und lebten nach dem Vorbild der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Ihren Besitz teilten sie miteinander.

„Die Wahrheit ist untödlich“
Wir stehen im „Täufergwölb“, einem der wenigen überdachten Räume auf der sonst ziemlich verfallenen Burg. Als Erstes fällt mir ein großer Schriftzug auf: „Die Wahrheit ist untödlich“. Sie waren überzeugt, die Wahrheit gefunden zu haben. Davon wollten sie nicht abweichen. Zum Beispiel tauften sie nur mündige Gläubige und keine Kinder. Das führte dazu, dass im Dezember 1539 rund 150 Täufer von kaiserlichen Truppen im nahegelegenen Steinebrunn verhaftet und auf die Burg Falkenstein gebracht wurden.

90 Männer für die Galeeren
Nach sechs Wochen Gefangenschaft, Folter und Verhören wurde entschieden, dass die erwachsenen Männer – es waren 90 Gefangene – auf die Galeeren sollten. Sie sollten als Galeerensklaven auf einem Kriegsschiff rudern, angekettet an ihre Plätze – bis zu ihrem Tod. Das Schicksal dieser 90 Männer steht an diesem Originalschauplatz im Mittelpunkt. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Lieder und Briefe schauen wir uns jetzt an.

Vom Leid zum Lied
Basnar weist auf ein Lied hin, das einer der gefangenen Täufer während des langen Weges zu den Galeeren verfasst hat. Dann beginnt er, ganz unerwartet, die erste Strophe zu singen: „Herr Gott, Vater im Himmel …“
Das Lied erzählt vom beschwerlichen Fußmarsch der gefangenen Täufer von Burg Falkenstein bis nach Triest, wo sie ihrem Schicksal als Galeerensträflinge entgegengingen. Basnars äußeres Erscheinungsbild und seine feste, eindringliche Stimme lassen die Schwere dieses historischen Geschehens spürbar werden.
Als ausgewiesener Kenner der Täuferlieder hat er bereits zahlreiche Melodien dieser historischen Lieder rekonstruiert. Einige davon sind in den Liederbüchern seiner Gemeinschaft erschienen.

Abschied von den Liebsten
Mir fällt eine Zeichnung mit einer bewegenden Abschiedsszene auf. „Das Bild ist aus dem niederländischen Märtyrerspiegel“, sagt er. „Es zeigt die Verabschiedung der 90 verurteilten Männer von ihren Frauen und Kindern auf dieser Burg. Für die meisten war es ein Abschied für immer.“ Die Frauen und Kinder durften wieder auf ihren Bruderhof zurückkehren und mussten von nun an allein für ihren Unterhalt aufkommen.

Hutterer bewahren die Geschichte
„Die wichtigsten Quellen für diese Ausstellung sind der Märtyrerspiegel und das ‚Große Geschichtbuch der hutterischen Brüder‘“, so Basnar. Er hat schon mehrfach die Hutterer in den USA besucht und kennt sich gut mit dieser Täufergruppe aus. „Das handschriftliche Original der Chronik befindet sich in der Bon-Homme-Huttererkolonie in South Dakota (USA). Hier haben wir nur eine Kopie ausgestellt“, sagt er und zeigt auf ein großes Buch hinter Glas.

Sechs Wochen in der Höhle
Ich frage Basnar, wo die gefangenen Täufer vor fast 500 Jahren festgehalten wurden. Er führt uns einige Stufen nach unten in eine hell erleuchtete, aus dem Felsen gehauene Höhle mit mehreren Gängen und Nischen. An der Decke hängen Fledermäuse. Ich stelle mir vor, dass es hier ohne Licht ziemlich unheimlich ist. „Hier wurden sie sechs Wochen lang gefangen gehalten“, berichtet er uns.

Ahnen, was Täufer fühlten
Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden. Es nieselt ein wenig und ein kalter Wind weht uns um die Ohren, als wir aus der Höhle treten. „Das passt zu dem, was sich auf dieser Burg abgespielt hat“, stellt Basnar fest. Ich schaue mich um und sehe, dass dunkle, nasse Mauern uns umgeben. Dann muss ich ihm zustimmen.

Rudern bis zum Tod
Wir gehen zum Ausgang der Burg und ich muss an die weinenden Frauen und Kinder denken, die sich genau hier von ihren Liebsten für immer verabschiedet haben. Auf dem Weg zum Ausgang kommen wir an dem Nachbau einer Galeere vorbei, den wir schon zu Beginn unseres Rundgangs gesehen haben. Es ist ein Kriegsschiff aus Holz. An den Seiten ragen lange Ruder heraus.
„Die Verurteilung zu den Galeeren war ein sicheres Todesurteil“, so Basnar. Unter unmenschlichen Bedingungen mussten sie, angekettet an ihren Plätzen, bis zum Tod hart rudern. Dieses Schicksal erwartete nun auch die 90 Täufer. Allerdings gelang 81 von ihnen die Flucht, bevor sie auf den Galeeren ankamen. Laut Informationen in der Ausstellung wurden zwölf davon wieder aufgegriffen und gingen elendig auf den Galeeren zugrunde. Das Schicksal der anderen bleibt unbekannt.

Ein Herzensanliegen
„Der Bürgermeister des Ortes war sehr offen für unser Konzept, hier eine Ausstellung über Täufer einzurichten“, erzählt Basnar, als wir wieder zum Auto gehen. Das Projekt wurde von mehreren öffentlichen Stellen finanziert. „Jedes Jahr kommen hier circa 5.000 Besucher hin“, berichtet er zufrieden. Ihm ist es ein Herzensanliegen, den Besuchern zu zeigen, was sich hier abgespielt hat. Sie sollen auch verstehen, warum die Täufer bereit waren, Leid und Verfolgung zu ertragen. Sie nahmen in Kauf, auch für ihre Überzeugung zu sterben. Ihre Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod konnte ihnen nicht genommen werden. Für sie stand fest: „Die Wahrheit ist untödlich.“

Keine Opferrolle
Auf der anschließenden Fahrt zu seinem Haus sitzt Alexander Basnar neben mir. Ihm ist es wichtig zu sagen: „Wir wollen uns nicht in eine Opferrolle begeben. Das hilft uns nicht weiter.“
Ich verstehe, was er meint. Das Unrecht, das den Täufern damals widerfahren ist, soll nicht vergessen werden. Doch die Erinnerung daran soll nicht dazu führen, dass sich die heutigen Hutterer als Opfer verstehen. Aus seinen persönlichen Begegnungen weiß Basnar, dass die Hutterer trotz dieser Geschichte keinen Hass empfinden.
🎧 Podcast-Tipp: Tod auf der Galeere
Wer mehr über das Schicksal der Täufer von Burg Falkenstein, ihre Gefangenschaft und die grausame Verurteilung zum Galeerendienst erfahren möchte, kann im Podcast „Tod auf der Galeere“ tiefer in dieses bewegende Kapitel der Täufergeschichte eintauchen.
Quellen und weiterführende Informationen
Historische Bücher und Chroniken
Der Märtyrerspiegel (1660).
Rudolf Wolkan (Hrsg.): Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder (1923).
A. J. F. Zieglschmid (Hrsg.): Die älteste Chronik der Hutterischen Brüder (1943).
A. J. F. Zieglschmid (Hrsg.): Das Klein-Geschichtsbuch der Hutterischen Brüder (1947).
Vereine und Internetquellen
Hutterischer Geschichtsverein, Wien: https://www.taeufer.net
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: https://gameo.org
Gemeinde Drasenhofen: https://www.drasenhofen.at
Burgruine Falkenstein und Täufergwölb: https://www.weinviertel.at/ausflug-freizeit/burgruine-falkenstein
Reinhold Eichinger: „Von Falkenstein auf die Galeeren“, in: Das Weinviertel. Mehr als Idylle, 2013, S. 186–189.
Persönliche Quelle
Gespräch und Führung mit Alexander Basnar, Mitglied des Hutterischen Geschichtsvereins, auf der Burgruine Falkenstein in Österreich.
Fotos: Eigene Aufnahmen.







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