Mennonitische Mühlen an der Zaan
- Andreas Tissen

- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen
Vor den Toren Amsterdams, wo es immer windig ist, drehen sich die Mühlen der Mennoniten. Sie erinnern an eine Zeit, als diese Region zum Motor eines Wirtschaftswunders wurde. Mehrere Tage reise ich durch diese Gegend und erkunde ihre Industriegeschichte und die Menschen dahinter.

Von Windkraft zur Industrie
Sie betreiben Walfang, bauen Schiffe für den Welthandel und produzieren Papier, Farben, Öl und Gewürze. Und sie sind sehr erfolgreich dabei. Zur Blütezeit stehen hier rund 600 Windmühlen. Sie gehören zum weltweit ersten Industriegebiet. Die Mühlen verrichten weit mehr als nur das Mahlen von Getreide. Mit Windkraft wird gesägt, gestampft, gequetscht, geschliffen, gemischt und vieles mehr.

Der Fluss Zaan als Lebensader
Von einem Ausflugsboot aus zeigt Dirk mir die Kontraste zwischen damals und heute. Historische Mühlen stehen direkt neben riesigen Industrieanlagen. Auf dem Fluss kommen uns regelmäßig Schiffe mit Waren aus der Lebensmittelindustrie entgegen. Damals wie heute erfüllt die Zaan eine wichtige Aufgabe. Als Wasserweg für Transport und Schiffbau trägt sie maßgeblich zum Wirtschaftsaufschwung bei. Die Weltmeere und Amsterdam als Handelszentrum Europas sind von hier aus gut erreichbar.

Arbeiten wie damals
Von unserem Hotel aus sehen wir, wie sich zahlreiche Mühlen entlang des Flusses im Wind drehen. Diese Mühlen sind aus der Zeit der Wirtschaftsblüte erhalten geblieben und gehören heute zu einem Freilichtmuseum. Bei einem Rundgang schauen wir den Müllern bei der Arbeit zu. Alles wird hier genauso hergestellt wie vor 250 Jahren. In der Farbmühle werden Farbpigmente hergestellt, in der Sägemühle Bretter zugeschnitten und in der Ölmühle Öl gepresst – alles mit Windkraft.
Für viele Handwerker und Müller von damals, ist Arbeit eng mit ihrem Glauben verbunden. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Mennoniten. Sie sind ehrlich, zuverlässig und arbeiten hart. Gewinne investieren sie wieder in ihre Betriebe. Sie führen ein einfaches Leben. Vom übermäßigen Konsum halten sie sich fern. Das führt dazu, dass sie immer reicher werden. Ich verstehe: Aus Verzicht wird Wohlstand.
Von außen betrachtet sind sie Kapitalisten, ohne es jemals sein zu wollen.

Die Villa des Mennoniten
Direkt gegenüber vom Freilichtmuseum, auf der anderen Seite des Flusses Zaan, besichtige ich das Wohnhaus eines mennonitischen Unternehmers. Das Haus der Familien Honig und Bret steht in einer Reihe mit zahlreichen weiteren historischen Villen.
„Alle Reichen und Bedeutenden waren hier damals Mennoniten“, sagt der Gästeführer, der uns durch das mennonitische Haus führt. Vielleicht hat er ein wenig übertrieben. Laut meiner Recherche waren jedoch etwa 60 Prozent der Bewohner dieser Gegend Mennoniten. Und die einflussreichen Unternehmer des 17. und 18. Jahrhunderts sollen fast alle Mennoniten gewesen sein.
Der Gästeführer zeigt mir sämtliche Räume und erzählt dabei die Geschichte des wirtschaftlichen Aufschwungs dieser Region sowie von der Bedeutung der Familien Honig und Bret als Papierhersteller.

Kirchen, die nicht auffallen
Den Mennonitenkirchen dieser Region widme ich einen ganzen Tag. Nachdem ich zahlreiche Kirchen gesehen habe, stelle ich fest: Das Prinzip ist immer gleich. Die schlichten Versammlungshäuser der Mennoniten stehen weit von der Straße entfernt und sehen aus wie gewöhnliche Holzscheunen. Die Mennoniten durften ihren Glauben zwar ausüben, ihre Gotteshäuser sollten jedoch nicht als Kirchen erkennbar sein. Diese Scheunenkirchen sind bis heute die eindrucksvollsten Zeugnisse ihrer Geschichte.

Dachkonstruktion aus dem Schiffbau
Eine dieser gut erhaltenen historischen Kirchen sehe ich mir von innen an. Beim Hochschauen fällt der massive offene Dachstuhl sofort auf. Hier haben die Schiffbauer der Gemeinde das Prinzip eines Schiffsrumpfes angewendet – nur umgedreht. Der Raum strahlt eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus. Dieser Eindruck wird durch den mit Sand bedeckten Boden noch verstärkt. Vor Jahrhunderten diente der Sand hier dem Brandschutz.

Predigen für den Kaiser
In dieser Kirche soll einst der russische Zar zu Besuch gewesen sein. Der mennonitische Prediger, der ihn damals durch den Ort führte, zeigte ihm auch seine Kirche. Dort verlangte der Zar, eine typisch mennonitische Predigt zu hören. Der Prediger solle sich jedoch kurz fassen.
Prediger Cornelis Calff bestieg die Kanzel und sprach würdevoll: „Denkt gut, sprecht gut und handelt gut. Amen.“ Das sei die beste Predigt, die er jemals gehört habe, sagte der Zar.

Friedhof als Denkmal für Mennoniten
Abends stehe ich an einem historischen Friedhof, der im 17. Jahrhundert angelegt wurde. Es war eine Zeit, in der Mennoniten bereits erheblichen Reichtum angehäuft hatten, diesen aber nicht offen zeigen wollten. Genau das erkennt man an den schlichten Grabplatten.
Es ist kein reiner Mennonitenfriedhof. Der Historiker Jan Leguijt bestätigt mir jedoch, dass ein relativ hoher Anteil der Beigesetzten Mennoniten waren, da zu dieser Zeit viele Mennoniten in Koog aan de Zaan und Zaandijk lebten. Bekannte mennonitische Namen seien Honig(h), Crok, Stuurman, Duyvis, Couwenhove und Sweepe. Namen, die bis heute mit großen Unternehmerfamilien dieser Region in Verbindung stehen.
So lässt sich das Spannungsfeld zwischen Einfachheit und dem tatsächlichen Wohlstand vieler mennonitischer Familien besonders anschaulich nachvollziehen.

Was bleibt, wenn sich alles ändert?
Aus verfolgten Handwerkern werden erfolgreiche Kaufleute und Fabrikbesitzer. Ungewollt werden sie zu Kapitalisten. Sie öffnen sich für die Gesellschaft um sie herum. Sie lassen sich vom Geist der Aufklärung mitreißen. Damit lässt die Frömmigkeit vieler Gemeinden nach.
Die mennonitischen Namen der Großunternehmen in der Region erinnern bis heute an ihre Ursprünge. Doch ihre einst gut gefüllten Kirchen sind weitgehend verlassen. Es finden nur noch vereinzelt Gottesdienste statt. Die wenigen Besucher befinden sich größtenteils im Rentenalter.
Vielleicht lässt sich ihre Geschichte mit drei kurzen Sätzen zusammenfassen:
Aus Glauben entstand Wohlstand. Aus Wohlstand entstand Anpassung. Anpassung führte zum Verfall.
Ich frage mich, ob konsequente Nachfolge immer so endet.

Zeitzeuge über die Nachahmung der Welt
Bereits Mitte des 17. Jahrhunderts beklagt Thieleman J. van Braght den Zustand der Mennoniten in den Niederlanden:
„Viele große köstliche und geschmückte Häuser … Die fremde Kleidertracht aus anderen Ländern, ausländische Stoffe, ungewöhnliche Farben oder in seltsamen Moden … Große Mahlzeiten, üppige Bankette, Hochzeiten und Feste, die mit allem Überfluss angefüllt sind … geben einen unwiderlegbaren Beweis von wollüstigen und üppigen Herzen. … O wie sehr unterscheidet sich dies von dem Leben eines wahren Christen, der sich selbst und seinen Lüsten abgesagt hat!“
(Märtyrerspiegel, Einleitung „An meine geliebten Freunde und Mitgenossen in Christus Jesus, unserem Heiland“)

Rückblick Für diese Mennoniten war Arbeit ein Gottesdienst und Verzicht war Nachfolge. Diese Prinzipien sucht man hier heute vergebens. Trotzdem bekommt man hier, wie kaum irgendwo anders, einen sehr guten Eindruck von der Geschichte einer wirtschaftlich außerordentlich erfolgreichen Region, in der Mennoniten eine prägende Rolle gespielt haben - und deutliche Spuren hinterlassen haben.


















Kommentare