Gefangen hinter dicken Mauern in Südtirol
Seit Jahrhunderten prägen zahlreiche Burgen und Schlösser die Landschaft in Südtirol. Einige davon stehen für eine düstere Vergangenheit. An einer dieser mittelalterlichen Anlagen sind wir als Familie mit dem Theologen Robert Hochgruber verabredet. Er will uns erzählen, warum hier Christen hinter dicken Mauern gefangen gehalten wurden.

Schloss Summersberg bei Klausen
Wir stehen vor Schloss Summersberg bei Klausen in Südtirol, Italien. Das malerische Schloss mit den rot-weißen Fensterläden befindet sich heute in Privatbesitz. Jemand aus der Eigentümerfamilie Zingerle öffnet das große Holztor und führt uns in den Innenhof.
Hier kennt sich Robert Hochgruber gut aus. Und er kennt auch die Geschichte dieses Schlosses. Vor allem weiß er, was hier in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts geschah.
Hochgruber ist Vorsitzender des „Hutterer Arbeitskreises Tirol und Südtirol“. Er arbeitet daran, eine fast vergessene Geschichte wieder stärker in das Bewusstsein der Menschen in Südtirol zu bringen.

Eine vergessene Geschichte
Umgeben von dicken Mauern stehen wir im naturbelassenen Innenhof und sprechen über Mennoniten, Amische und Hutterer. Sie alle gehören zur Täuferbewegung, die 1525 in Zürich ihren Anfang nahm.
Vor allem Hutterer, so Hochgruber, haben in Südtirol einst ihre Heimat gehabt. Es waren Christen, die die Lehren Jesu möglichst genau befolgen wollten und sich am Leben der ersten christlichen Gemeinde orientierten.
Ihr schlimmstes Vergehen war aus Sicht der damaligen Obrigkeit, dass sie nur mündige Christen tauften. Die katholischen Herrscher sahen darin eine Gefahr für ihre Macht und gingen mit großer Härte gegen die Täufer vor.

Flucht aus Tirol
Viele der verfolgten Christen flohen aus Südtirol nach Mähren, heute ein Gebiet im Süden Tschechiens. Dort lebten sie erstmals als Gemeinschaft auf Bruderhöfen zusammen; nach dem Vorbild der Urgemeinde in Jerusalem, in der alles miteinander geteilt wurde.
Doch auch dort fanden sie auf Dauer keine Ruhe. Später mussten sie weiterziehen und gelangten über Südrussland schließlich nach Kanada.
So wurde aus einer Bewegung, die einst in Tirol eine Heimat hatte, eine Gemeinschaft, deren Nachfahren heute tausende Kilometer entfernt leben.

Zwölf Gefangene
Am Schlossbrunnen zeigt Hochgruber auf eine Gedenktafel, die sein Arbeitskreis an der Burgmauer angebracht hat. Darauf stehen die Namen von Christen, die nachweislich in diesem Schloss gefangen gehalten wurden.
Früher war Summersberg ein bedeutender Gerichtssitz. Einige der Gefangenen wurden nach ihrer Haft sogar unterhalb des Schlosses auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Insgesamt sind zwölf Christen dokumentiert, die hier als Täufer oder Hutterer gefangen gehalten wurden. Ihre Namen stehen heute auf der Gedenktafel.

Georg Blaurock
Einer von ihnen war Georg Blaurock. Er war bei der ersten Taufe in Zürich dabei und wurde später aus der Stadt vertrieben. Danach zog er als Wanderprediger durch Südtirol.
Zahlreiche Verhörprotokolle belegen seine Tätigkeit, so Hochgruber. Besonders bei der Landbevölkerung und unter den Bergleuten stieß er auf offene Ohren.
Mit großem Eifer verkündete Blaurock das Evangelium und taufte diejenigen, die zum Glauben gekommen waren.

Jakob Hutter
Das Wasser plätschert im Schlossbrunnen, während Hochgruber weitererzählt: „Jakob Hutter war eine starke Persönlichkeit und ein geistlicher Führer.“
Ihm schlossen sich die meisten Christen der neuen Erweckungsbewegung in Südtirol an. Sie wurden nach ihm Hutterer genannt.
Hutter wurde zu einem prägenden Führer dieser Gemeinschaft. Die Geschichte der Hutterer ist damit zugleich Teil der gemeinsamen Geschichte der Täuferbewegung, aus der auch die Mennoniten und Amischen hervorgegangen sind.

Wölfl – Prediger im Verborgenen
Auch ein Täufer namens Wölfl wurde auf Summersberg gefangen gehalten. In alten Quellen taucht sein Name mehrfach auf, weil er immer wieder bei geheimen Treffen predigte und taufte.
Als einer der wenigen hatte er Kontakt zu Gleichgesinnten in Augsburg. Anders als die Hutterer lehnte er beispielsweise die Gütergemeinschaft ab.
Die Täufer waren also keine völlig einheitliche Bewegung. Es gab unterschiedliche Überzeugungen und Formen des gemeinsamen Lebens.

Das Geschicht-Buch der Hutterer
In seiner Hand hält Hochgruber ein dickes Buch, aus dem er immer wieder zitiert. Es ist das „Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder“, eine chronologische Beschreibung ihrer bewegenden Geschichte.
Flucht und Vertreibung ziehen sich wie ein roter Faden durch diese Aufzeichnungen. Es enthält Geschichten von Menschen, die ihren Glauben bewahren wollten und dafür einen hohen Preis zahlten.

„Die Gerechten“
Dann kommt Hochgruber auf das zu sprechen, was ihm am wichtigsten ist. „Die Christen der damaligen Zeit waren gerechter als ihre Verfolger.“ Die katholischen Herrscher hätten Schuld auf sich geladen, indem sie die „Gerechten“ verfolgt hätten. Dabei bezieht er sich auf das Bibelzitat, das unten auf der Gedenktafel steht: „Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Matth. 5,10.
Als Katholik ist es ihm ein aufrichtiges Anliegen, entstandenes Leid wiedergutzumachen und sich mit den noch lebenden Hutterern zu versöhnen.

Im finsteren Gefängnisturm
Besonders ergriffen sind wir, als wir kurz darauf im kühlen, finsteren Gefängnisturm stehen.
Während sich unsere Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen, lauschen wir den Schicksalen von Georg Blaurock, Anna Stainer und Katharina Hutter, der Frau von Jakob Hutter. Sie waren wegen ihres christlichen Glaubens hier eingesperrt.

Eine Luke zur Außenwelt
Die heutige Eingangstür gab es damals noch nicht. Hoch über uns zeigt Hochgruber mit seiner Taschenlampe auf die Balkendecke. An einer Stelle befindet sich eine kleine Luke. Sie war der einzige Zugang zu den Gefangenen.
Die Gefangenen wurden durch diese Öffnung mit einem Seil hinuntergelassen. Auch das Essen wurde auf diesem Weg zu ihnen gebracht.
Auf dem Boden wurde die Notdurft erledigt. Zum Schlafen warf man etwas Stroh hinunter. Möbel gab es nicht.

Eine große Bewegung
Trotz der grausamen Verfolgung waren in Tirol etwa fünf Prozent der Bevölkerung Täufer geworden. Rund 30 Prozent sollen mit ihnen sympathisiert haben. Als Quelle für diese Zahlen nennt Hochgruber den Historiker und Täuferforscher Werner O. Packull.
Die hohe Zahl der Sympathisanten hilft zu erklären, warum immer wieder gefangenen Täufern die Flucht gelang.
Die Verfolgung konnte die Bewegung nicht einfach auslöschen.
Katharina Hutter entkommt
Auch Katharina Hutter gelang die Flucht aus diesem finsteren Gefängnisturm.
Nach einer überlieferten Erzählung soll ihr Sympathisanten im Schoss geholfen haben. Vermutlich hatte Katharina zuvor in diesem Gefängnisturm ein Kind geboren.
Ihre Flucht blieb nicht unbemerkt. In einem Schriftstück an den damaligen Gerichtsvorsteher wird sogar darauf gedrängt, künftig härter gegen die Täufer vorzugehen.

500 Jahre später
Als wir wieder draußen in der warmen Sonne stehen, erzählt Robert Hochgruber von einem Besuch der Hutterer in Tirol und auf Schloss Summersberg.
Sie seien sehr daran interessiert gewesen, die Heimat kennenzulernen, aus der ihre Vorfahren vor etwa 500 Jahren vertrieben worden waren.

Eine Reise nach Kanada
Auch Hochgruber selbst ist der Geschichte der Hutterer weit über Südtirol hinaus gefolgt.
Er reiste nach Kanada und besuchte dort einen der Bruderhöfe, auf denen Hutterer heute leben. Im Auftrag seines Arbeitskreises überbrachte er ihnen ein Schreiben mit der Bitte um Versöhnung.

Ein stummes Mahnmal
Der unscheinbare runde Gefängnisturm ist schon von weitem zu sehen. Heute wird er „Hexenturm“ genannt.
Er erinnert an düstere Zeiten und grausame Schicksale. Für Hutterer und viele andere Täufer ist er zugleich ein stummes Mahnmal.
Ein Mahnmal dafür, dass Christen um ihres Glaubens willen verfolgt wurden. Und ein Erinnerungsort für Menschen, deren Vorfahren vor rund 500 Jahren aus dieser Landschaft vertrieben wurden.

Historische Quellen und Fachliteratur:
Rudolf Wolkan: Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder. Standoff Colony bei Macleod, Alberta (Kanada) 1923
Packull, Werner O.: Die Hutterer in Tirol. Frühes Täufertum in der Schweiz, Tirol und Mähren. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner, 2000, S. 186.
Georg Zingerle: Privater Burgenbesitz: heute noch aktuell. In: Südtiroler Burgeninstitut (Hrsg.): Burgen Perspektiven. 50 Jahre Südtiroler Burgeninstitut, 1961–2013. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2013, S. 555–559.
Südtiroler Landesarchiv: Bestand „Schloss Summersberg, Gufidaun“. Urkunden und Urbare zur Herrschaft Gufidaun.
Tiroler Landesarchiv: Gerichts- und Regierungsakten zur Verfolgung der Täufer in Tirol. Weitere Informationen:





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