Roter Winterweizen („Turkey Red“): Wie ein mennonitisches Saatkorn Kansas veränderte
- Redaktion

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Aktualisiert: vor 4 Tagen

Wenn man die Wanderungsgeschichte der Mennoniten erzählt, denkt man an Glaubensfragen, an Wehrdienstverweigerung, an die Suche nach Land und Freiheit. Beim „Roten Winterweizen“ (meist Turkey Red / Red Turkey hard red winter wheat) kommt noch etwas hinzu: ein ganz konkretes Stück Heimat im Gepäck. Dieses robuste Getreide wurde zum landwirtschaftlichen Bindeglied zwischen der Schwarzmeersteppe (heutige Ukraine/Regionen am Schwarzen Meer) und den Prärien Nordamerikas – und es prägte langfristig die Weizenwirtschaft der Great Plains.
1) Wurzeln in der Steppe – warum gerade Winterweizen?
Die mennonitischen Siedlungen im südlichen Zarenreich verfügten über Erfahrung mit Steppenklima, wenig Niederschlag und harten Wintern. Genau dafür ist Winterweizen geeignet: Er wird im Herbst gesät, überwintert, nutzt Winterfeuchte und wird im Frühsommer geerntet – oft bevor die große Sommerhitze zuschlägt. Das machte die Kultur für Regionen attraktiv, die mit Sommerdürre kämpfen. (Zur agrarischen Einordnung und zur späteren Bedeutung harter Winterweizen-Sorten vgl. auch zeitgenössische USDA-Darstellungen zu „Turkey“ und verwandten Sorten.)
2) Auswanderung der 1870er – Saatgut als „Überlebensversicherung“
Als in den 1870er Jahren im Russischen Reich Privilegien für die Mennoniten schrittweise zurückgenommen wurden und insbesondere die Wehrpflichtfrage bedrohlich wurde, suchten viele Mennoniten Auswege um von Russland auszuwandern, auch über den Atlantik. In Nordamerika entstand zur praktischen Hilfe ein Netzwerk, das Reise, Finanzierung und Weitertransport organisierte: das Mennonite Board of Guardians.
In der Erinnerungskultur ist das Getreide dabei fast ein Symbol: Die Auswanderer kamen nicht nur „mit Koffern“, sondern mit einer Anbau- und Ernährungssicherheit, die sich schon in der Steppe bewährt hatte.
3) „Im Koffer, Korn für Korn“ – die Überlieferung der handverlesenen Samen
Ein berühmter Kansas-Historical-Marker (eine offizielle historische Hinweistafel) in Walton (Harvey County) hält eine oft erzählte Tradition fest: Kinder hätten in Russland die besten Körner von Hand ausgelesen, bevor die Familien auswanderten. Ob jedes Detail dieser Geschichte im strengen Sinn belegbar ist, lässt sich heute nicht immer für jede Familie prüfen – aber als zeitgenössisch gepflegte Überlieferung zeigt sie, welchen Wert man dem Saatgut beimaß.

4) 1873 / 1874 in Kansas – erster Anbau, großer Durchbruch
In Kansas wird meist 1874 als „Schlüsseljahr“ genannt: Mennonitische Siedler brachten den harten roten Winterweizen in mehrere Bundesstaaten (u. a. Harvey/Marion und Nachbarregionen) und bauten ihn erfolgreich an. Wissenschaftliche Rückblicke betonen zugleich: Den „Erstimport“ nur einer Person oder einer einzigen Familie zuzuschreiben, greift zu kurz – der Erfolg entstand aus Gemeinschaftstransfer, Anpassung und Verbreitung.
5) Bernhard Warkentin – Motor der Verbreitung
Unter den prägenden Akteuren ragt Bernhard Warkentin heraus – weniger als „Erfinder“ des Weizens, sondern als Promoter, Organisator und Müller, der den Sortenerfolg praktisch in die Fläche brachte:
1871 kam er in die USA, erkundete mit anderen Mennoniten mögliche Siedlungsräume und ging 1873 nach Halstead (Harvey County), wo er die erste Getreidemühle im County mit aufbaute.
Ende 1873 wurde er Agent des Mennonite Board of Guardians und verhandelte u. a. mit der Atchison, Topeka & Santa Fe Railway günstige Konditionen – entscheidend, um viele Landsleute nach Zentral-Kansas zu lotsen.
1874 experimentierte er zusammen mit einem Vertreter des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA) mit Sorten. 1885 organisierte er eine größere Lieferung harten Winterweizens aus Russland nach Kansas; 1900 bat ihn die Müller- und Händlervereinigung um einen Import von rund 15.000 Bushel (ca. 408 Tonnen) Saatweizen.
Sein Tod 1908 ist ungewöhnlich gut dokumentiert: Auf einer Reise im Nahen Osten traf ihn ein versehentlich abgefeuerter Schuss in einem Zug zwischen Damaskus und Beirut; er starb in Beirut.

6) Warum „Turkey Red“ so gut passte – Qualität, Klima, Markt
„Turkey Red“ war ein harter roter Winterweizen mit guten Back- und Mahleigenschaften (Protein/Gluten), der sich für Brotmehle eignet. In der Logik der Great Plains war das Gold wert: Ein Getreide, das Winterfeuchte nutzt, robust ist und gleichzeitig eine Qualität liefert, die Mühlen und Bäcker nachfragen. Überblicksarbeiten zur Weizengeschichte in Kansas und zur Rolle harter Weizen betonen diesen Zusammenhang zwischen Sorteneigenschaften und Industrialisierung (Mühlen, Handel, Transport).
In der populären Geschichtsschreibung wird der Effekt zugespitzt: Dieses Getreide half mit, Kansas vom Randgebiet zu einem Weizen-Schwerpunkt zu machen – ein Motiv, das sogar in einschlägigen Überblickswerken aufgegriffen wird.
7) Von der Sorte zur Weizen-Ökonomie – Mühlen, Elevator, Denkmäler
Die wirtschaftliche Kettenreaktion ist gut sichtbar: Wo Weizen zuverlässig wächst, entstehen Mühlen, dann Silos / Grain Elevators, dann Qualitätslabore, Handel und Exportstrukturen. Das Goessel Museum beschreibt „Turkey Red“ als Sorte, die über Jahrzehnte dominierte und die Grundstrukturen der Weizenindustrie mittrug.

Dass der Weizen längst Teil regionaler Identität wurde, zeigen Denkmäler wie der „Mennonite Settler“ in Newton (Kansas): Er steht ausdrücklich in Verbindung mit der Einführung von Turkey Red und ist als historisch bedeutsames Objekt dokumentiert. Auch der Marker in Walton macht denselben Zusammenhang öffentlich erzählbar: Migration – Saatgut – erste Ernten – „Brotkorb“.
8) Weiterentwicklung, Verdrängung – und heutige Rückkehr als Traditionsgetreide
Im 20. Jahrhundert geriet der Türkei-Rot-Weizen zunehmend unter Druck – nicht, weil er „schlecht“ gewesen wäre, sondern weil sich die Landwirtschaft grundlegend veränderte. Züchtung und Technik zielten nun stärker auf maximale Erträge, leichtere Ernte und gleichmäßige Bestände. Dafür setzten sich vielerorts kurzstrohige, ertragreichere Zuchtsorten durch, die besonders gut zu intensiver Bewirtschaftung passten.
Warum wurde der alte Weizen verdrängt?
Türkei-Rot wächst im Vergleich zu modernen Sorten höher. Das hat Nachteile, sobald man stärker düngt oder wenn Wind und Regen den Bestand belasten: Hohe Halme neigen eher zum Lagern (Umknicken/„Hinlegen“), was Ernteverluste und Qualitätsprobleme bringen kann. Kurzstrohige Sorten sind standfester, lassen sich leichter mit Maschinen ernten und liefern oft mehr Körner pro Fläche. Außerdem wurden neue Sorten gezielt auf Krankheitsresistenzen, gleichmäßige Reife und eine möglichst stabile Verarbeitung in Mühlen ausgerichtet. In diesem Umfeld wurde Türkei-Rot vielerorts wirtschaftlich weniger attraktiv – selbst wenn Geschmack und Backqualität weiterhin geschätzt wurden.
Warum blieb Türkei-Rot trotzdem wichtig?
Auch wenn er auf den Feldern zurückging, blieb er in der Züchtung „im Hintergrund“ wirksam. Türkei-Rot brachte Eigenschaften mit, die in den Prärie- und Steppenräumen besonders wertvoll waren: Winterhärte, Trockenheitsverträglichkeit und häufig eine gute Brotqualität (z. B. durch Eiweiß- und Klebereigenschaften). Züchter nutzten solche Merkmale als Ausgangsmaterial und kreuzten sie in neue Linien ein. So „lebt“ Türkei-Rot in Teilen in späteren Sorten weiter – nicht unbedingt als Name auf dem Saatgutsack, sondern als Erbgut-Baustein.
Warum kommt er heute wieder? (Traditionsgetreide-Renaissance)
Seit einigen Jahren wächst das Interesse an Traditionsgetreide (auch: alte Sorten, Erhaltungssorten). Dafür gibt es mehrere Gründe:
Geschmack & Handwerksqualität: Viele Bäcker schätzen den charakteristischen Geschmack und die Teigeigenschaften alter Weizen – besonders im handwerklichen Brot mit längeren Teigführungen.
Regionale Wertschöpfung: Kleine Betriebe bauen Türkei-Rot wieder an, lassen ihn regional vermahlen und verarbeiten ihn in lokalen Bäckereien – eine transparente Kette Bauernhof → Mühle → Bäckerei.
Robustheit im Feld: Unter weniger intensiven Bedingungen (z. B. geringere Düngung, trockene Jahre) können alte Sorten durch ihre Anpassungsfähigkeit wieder interessant werden – auch wenn sie nicht immer Spitzenerträge liefern.
Kultur- und Migrationsgeschichte: Beim Türkei-Rot-Weizen spielt die mennonitische Überlieferung eine besondere Rolle: Saatgut als „mitgebrachter Schatz“, der die neue Heimat prägte. Für manche Höfe und Initiativen ist der Anbau deshalb auch gelebte Erinnerungskultur.
So steht „Rote Winterweizen“ heute oft nicht mehr für „Massenware“, sondern für Identität, Vielfalt und regionale Qualität – ein Weizen, der historisch verdrängt wurde, aber als Traditionsgetreide eine neue, bewusstere Nische gefunden hat.
Um die Geschichte des Turkey Red Wheat nicht nur in Büchern zu lesen, sondern physisch zu begreifen, lohnt sich eine Reise in das „Goldene Dreieck“ von Kansas (die Countys Harvey, Marion und McPherson). In dieser Region haben lokale Gemeinschaften Museen und Gedenkstätten geschaffen, die weit mehr sind als bloße Ausstellungen: Sie sind lebendige Archive der Migration.
Hier wird die mühsame Reise von der Krim in die Prärie greifbar – durch originale landwirtschaftliche Geräte, die Architektur der ersten Siedlerhäuser und die beeindruckende Industriegeschichte der Mühlen. Die Museen dokumentieren eindrucksvoll, wie aus der religiösen Überzeugung des Pazifismus und dem technologischen Wissen um den Winterweizen eine weltweite Agrarrevolution hervorging.
1. Mennonite Heritage and Agricultural Museum (Goessel)
Dies ist das „Epizentrum“ der Turkey Red-Geschichte. Das Museum besteht aus acht historischen Gebäuden und widmet sich fast ausschließlich der Einwanderung von 1874.
Highlight: Die Ausstellung zeigt originale Weizensäcke, landwirtschaftliche Geräte aus der Pionierzeit und dokumentiert detailliert die Ankunft der Alexanderwohl-Gemeinde.
Warum hin? Hier verstehen Sie den Kontrast zwischen der kargen Steppe und dem Erfolg in der Prärie am besten.
Website: www.goesselmuseum.com
2. Kauffman Museum (North Newton)
Angeschlossen an das Bethel College, bietet dieses Museum eine preisgekrönte Dauerausstellung namens „Of Land and People“.
Highlight: Ein riesiges Diorama der Prärie und detaillierte Exponate über die technologische Entwicklung des Weizenanbaus.
Warum hin? Es verknüpft die religiöse Identität der Mennoniten mit der ökologischen Transformation von Kansas.
Website: kauffmanmuseum.org
3. Warkentin House Museum (Newton)
Besuchen Sie das ehemalige Wohnhaus von Bernhard Warkentin, dem Mann, der den Weizenmarkt industrialisierte.
Highlight: Das prachtvolle viktorianische Haus (erbaut 1887) ist fast im Originalzustand erhalten. Es zeigt den Wohlstand, den der Weizenboom den Akteuren der ersten Stunde bescherte.
Warum hin? Um die wirtschaftliche Seite der Geschichte zu verstehen – weg vom Feld, hin zum globalen Handel.
Website: www.warkentinhouse.org
Quellen:
Kansas Historical Society / Kansapedia: Bernhard Warkentin (Biografie, Importdaten, Board of Guardians, Tod)
K. S. Quisenberry (Agricultural History): „Turkey Wheat: The Cornerstone of an Empire“ (Einordnung, Differenzierung der Zuschreibungen)
Goessel Museum: Überblick zur Rolle von Turkey Red in Kansas
Historical Marker (Walton, KS): Überlieferung der handverlesenen Samen, Migration–Erstpflanzung
National Park Service / NRHP-Unterlagen: „Mennonite Settler“ (Denkmal, Bedeutung)
USDA/zeitgenössische Agrarquellen zu „Turkey“ und verwandten harten Winterweizen-Sorten
Moderne „Heritage“-Rückkehr (Beispiele): Penner Farms; Dorothy Lane Market Projektberichte




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