Bernhard Warkentin (1847–1908)
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Bernhard Warkentin wurde am 19. Juni 1847 im mennonitisch geprägten Raum des damaligen „Südrusslands“ geboren (die Biografien nennen teils Altona/Crimea, teils Altonau/Molotschna). In dieser Siedlungswelt waren Landwirtschaft, Handwerk und Gemeinde eng ineinander verwoben. Besonders das Mühlenwesen prägte seinen Lebensweg – nicht nur als Beruf, sondern als Schlüssel für Versorgung, Handel und Stabilität einer bäuerlichen Gemeinschaft.
1) Orientierung in einer Umbruchszeit: Erkundung, Briefe, Entscheidungshilfe (1871–1873)
Als die Auswanderungsfrage unter den Russlandmennoniten an Dringlichkeit gewann, wurde Warkentin früh zu einem derjenigen, die nicht nur „mitgingen“, sondern vorangingen:Er kam 1871 in die USA, bereiste anschließend mit anderen Mennoniten und im Kontakt mit Eisenbahnvertretern weite Teile Nordamerikas, um Siedlungsräume zu prüfen (u. a. Kanada/Manitoba, Minnesota, Dakota Territory, Texas; später Einladung nach Kansas).
Bedeutsam war dabei nicht nur die Reise selbst, sondern die Kommunikation zurück nach Russland: Das NPS-Dossier beschreibt, wie Warkentin fortlaufend Briefe mit sehr praktischen Informationen sandte (Boden, Klima, Löhne, Transport- und Preisfragen). Diese Korrespondenz trug dazu bei, dass 1873 eine offizielle mennonitische Delegation Nordamerika bereiste. Nutzen für die Gemeinschaft: In einer Zeit widersprüchlicher Gerüchte wurden verlässliche, konkrete Informationen zur Grundlage gemeinsamer Entscheidungen – ein entscheidender „Dienst im Hintergrund“.
2) Ankommen organisieren: Mennonite Board of Guardians und konkrete Hilfe (ab Ende 1873–1875)
Ende 1873 entstand das Mennonite Board of Guardians zur Unterstützung der Auswanderung aus Russland; Warkentin wurde zum Agenten / Business Agent bestellt. Kansapedia hebt hervor, dass er mit der Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad günstige Tarife verhandelte und „instrumental“ daran beteiligt war, viele Mennoniten nach Zentral-Kansas zu bringen.
Das NPS-Dossier ergänzt den Alltag dieser Arbeit sehr plastisch: Warkentin sei die „vital link“-Figur zwischen Bahninteressen, Werbern und der tatsächlichen Einwanderung gewesen; er verglich Schiffspassagen, sondierte Bahnpreise und koordinierte Wege von der Ankunft bis ins Siedlungsgebiet. Besonders greifbar wird die Belastung im Herbst/Winter 1874: Zwischen September und Dezember kamen laut NPS-Dossier etwa 1.100 Mennoniten (rund 200 Familien) in Kansas an; ein erheblicher Teil der ersten Versorgung und Organisation fiel auf Warkentin – bis hin dazu, dass er zeitweise notwendige Ausgaben vorstreckte und Spenden einwarb. Bis Mitte 1875 trat er – auch wegen Konflikten und Überlastung – von der Funktion im Board zurück. Nutzen für die Gemeinschaft: Migration wurde dadurch nicht nur möglich, sondern geordnet: weniger Orientierungslosigkeit, weniger soziale Not unmittelbar nach der Ankunft, schnellere Bündelung der Siedler in tragfähigen Gemeinden.
3) „Brot“ als Grundlage: Mühle, Infrastruktur und Wirtschaftsstart in Halstead (1873–1877)
1873 zog Warkentin nach Halstead (Harvey County, Kansas) und baute dort die erste Grist Mill im County. Das NPS-Dossier datiert die Pionierphase noch genauer: 1874 erwarb er die Farm-Fläche; im Januar 1874 begann er eine wasserbetriebene Mühle zu planen, die bis Ende Juni „unter Dach“ war; bis November war auch ein erstes Wohnhaus fertig. Bereits 1877 verlagerte er seine Mühle näher an die Santa-Fe-Hauptlinie, stellte von Wasser- auf Dampfkraft um und baute die Anlage weiter aus. Nutzen für die Gemeinschaft: Eine Mühle war in einer Siedlerregion nicht „nur“ ein Betrieb – sie war Versorgungs- und Absatzknotenpunkt. Wo Mahlen, Lagern und Transport zusammenkamen, wurde aus Ernte zuverlässig Einkommen.
4) Turkey Red – vom mitgebrachten Korn zur regionalen Lebensgrundlage (ab 1874; 1885; 1900)
Die Russlandmennoniten brachten Hard Red Winter Wheat („Turkey Red“)mit; Kansapedia betont, dass Warkentin gemeinsam mit einem USDA-Vertreter die Sorten systematisch erprobte. GAMEO formuliert zugespitzt: Viele Mennoniten säten den Weizen früh – Warkentins besondere Leistung sei aber die Kooperation mit Mark A. Carleton (USDA) und das gezielte Experimentieren gewesen.
Zwei große „Saatgut-Momente“ unterstreichen seine überregionale Rolle:
1885 organisierte er eine größere Lieferung von Hard Winter Wheat aus Russland zur Verteilung an Farmer.
1900 baten ihn die Kansas State Millers’ Association und die Kansas State Dealers’ Association um eine groß angelegte Einfuhr von ca. 15.000 Bushels (ca. 408 Tonnen) Saatweizen.
Die Kansapedia-Seite zu Turkey Red ergänzt, warum die Sorte so einschlug: 1874 in Kansas angekommen, erwies sich Turkey Red als winterhart, relativ krankheitsresistent und proteinreich (bessere Backqualität) – und passte damit zu Klima und Anbauweise der Great Plains. Nutzen für die Gemeinschaft: Der Weizen machte Höfe krisenfester. Mit stabilerem Ertrag kamen Kreditwürdigkeit, Landkauf, Hausbau, Schul- und Gemeindestrukturen in Reichweite.
5) Institutionen, die „tragen“: Bildung, Gesundheit, Versicherung
Kansapedia nennt Warkentin als aktiv beteiligt an der Gründung bzw. dem Aufbau von Bethel College, Bethel Deaconess Hospital und der Mennonite Mutual Fire Insurance Company (Newton). Nutzen für die Gemeinschaft: Das sind klassische „Gemeindesicherungen“: Bildung für die nächste Generation, Hilfe bei Krankheit, Schutz nach Brandverlust – also Resilienz statt bloßer Nothilfe.
6) Wahrnehmung über die Mennonitengemeinde hinaus
Kansapedia zitiert den Kansas-Agrarfunktionär F. D. Coburn (1910), der sinngemäß festhielt: Kansas sei zur führenden Weizenregion geworden, und „much of the credit … belongs to … Bernhard Warkentin“. Nutzen für die Gemeinschaft: Anerkennung nach außen stärkte die Position der Mennoniten als leistungsfähige Siedlergruppe – das erleichterte Kooperationen (Bahn, Handel, Landwirtschaftsnetzwerke) und reduzierte sozialen Druck.
7) Tod (1908) und Vermächtnis
Warkentin starb am 1. April 1908 in Beirut, nachdem sich in einem Zug zwischen Damaskus und Beirut in einem Nachbarabteil ein Pistolenschuss versehentlich löste und ihn tödlich verletzte. Sein Vermächtnis besteht weniger in „Heldengeschichte“ als in dauerhaften Strukturen: geordnete Einwanderungshilfe, wirtschaftliche Infrastruktur, agrarische Anpassung (Turkey Red) und Institutionen der gegenseitigen Verantwortung.
Quellenliste:
Kansas Historical Society: „Bernard Warkentin“ (Kansapedia). Date Created: July 2010; Date Modified: June 2025. Abgerufen am 16.02.2026.
Kansas Historical Society: „Turkey Red Wheat“ (Kansapedia). Date Created: March 2011; Date Modified: April 2015. Abgerufen am 16.02.2026.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): Krahn, Cornelius; Thiessen, Richard D.: „Warkentin, Bernhard (1847–1908)“. June 2007. Abgerufen am 16.02.2026.
National Park Service (NPGallery): National Register of Historic Places Registration Form (NFS Form 10-900): Bernhard Warkentin Farm (PDF).
KSGenWeb (Transkription): „BERNHARD WARKENTIN“ in A Standard History of Kansas and Kansans (1918).
KSGenWeb (Transkription): „Bernard Warkentin“ in Kansas Cyclopedia (1912).
Kansas Wheat (Kansas Wheat Commission): „A Love Letter to Turkey Red“ / Hintergrundseite zu Turkey Red und Abstammung moderner Sorten.
Goessel Museum / Mennonite Heritage and Agricultural Museum: „The Story of Turkey Red Hard Red Winter Wheat in KS“.
Kansas Farm Bureau: Doering, Greg: „Warkentin’s wheat“ (11.03.2024).
Wikimedia Commons: „Bernhard Warkentin portrait“ (Bilddatei; Quelle wird auf Kansapedia/zeitgenössische Zeitung verwiesen).




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