top of page

Der „Trostbrief an die Witwen“ – Menno Simons einzig erhaltenes Original

Aktualisiert: 30. Dez. 2025


Mitten im 16. Jahrhundert lebten die niederländischen Täufergemeinschaften (Doopsgezinden) unter starkem Druck. Texte wurden oft anonym verbreitet und in unauffälligen Formaten gedruckt, weil jede Spur zu Autoren, Druckern oder Besitzern lebensgefährlich sein konnte. In diese Situation gehört der sogenannte Trostbrief an die Witwen: ein seelsorgerlicher Brief, der nicht als gedrucktes Traktat begann, sondern als persönliches Schreiben – und der gerade deshalb für die Geschichtsforschung eine Ausnahmestellung hat.


Menno Simons und seine Rolle


Menno Simons (ca. 1496–1561) war ursprünglich katholischer Priester und wurde später zu einem der prägenden Leiter der friedfertigen Richtung des niederländischen Täufertums – so sehr, dass seine Anhänger schließlich „Mennoniten“ genannt wurden. Dass ein Mann, dessen Werke überwiegend nur in Drucküberlieferung greifbar sind, überhaupt handschriftlich fassbar wird, ist selten – und genau hier setzt die Bedeutung des Trostbriefes an.


Das Dokument: das einzige erhaltene Autograph


Der „Trostbrief“ gilt als die einzige heute erhaltene originale, eigenhändig geschriebene Briefhandschrift Menno Simons’. Aufbewahrt wird das Stück in der Doopsgezinde Bibliotheek (Allard Pierson / Universiteit van Amsterdam), mit der Signatur A 617.Datiert wird der Brief auf 18. Mai (ca. 1549).


Allein dieser „eine“ Brief macht sichtbar, was sonst oft verborgen bleibt: Menno nicht nur als theologischen Autor, sondern als konkreten Seelsorger, der Menschen in verletzlichen Lebenslagen anspricht.


An wen richtet sich der Brief?


In der Transkription ist von einem „Brief an die Weduwen“ (an die Witwen) die Rede – im Text werden sie als „geliebte Schwestern“ angeredet.Historisch ist das plausibel: In einer Epoche von Verfolgung, Flucht, Haft und Hinrichtungen gehörten Witwen und vaterlose Familien zu den besonders gefährdeten Gruppen in den Gemeinden. (Das ist eine naheliegende historische Einordnung; der Brief selbst nennt keine konkreten Ereignisse, sondern setzt die „Witwenschaft“ als Tatsache voraus.)


Inhalt: Trost – und sehr praktische Lebenshilfe


Der Brief ist kein „romantischer“ Trosttext, sondern verbindet geistliche Ermutigung mit konkreter Anleitung für den Alltag:


  • Geistliche Standfestigkeit: Menno ermahnt zu einem Wandel, „wie es Witwen geziemt“, und verweist auf biblische Vorbilder (u. a. Anna aus Lk 2: im Tempel, in Gebet und Fasten).


  • Barmherzigkeit und Gemeindesinn: Er ruft dazu auf, den „bedürftigen Heiligen“ zu tun, wie die Witwe von Sarepta Elia diente (Anspielung auf 1 Kön 17 / Lk 4).


  • Ernüchterung und Ordnung: Der Trost bleibt nicht bei Worten stehen, sondern zielt auf einen geordneten, glaubwürdigen Lebenswandel – passend zur täuferischen Betonung von Nachfolge und sichtbarem Christsein.


  • Gemeindliche Verbundenheit: Am Ende bittet Menno um Fürbitte („betet für mich“) und segnet die Empfängerinnen – ein typischer Ton eines Hirten, der selbst unter Gefahr steht.


Überlieferung: vom Autograph zum Druck


Besonders spannend ist die Rezeptionsgeschichte: Der Brief blieb nicht privat, sondern gelangte später in den Druck und wurde redaktionell bearbeitet. In Doopsgezinde Bijdragen (1996) ist nicht nur eine Transkription des Briefes enthalten, sondern auch ein Variantenvergleich zwischen mehreren редакtionen, darunter:


  • eine Fassung bei Pieter Jansz Twisck („Troost-brief der Weduwen“, Hoorn 1630)

  • sowie die spätere Aufnahme in die Opera Omnia (Amsterdam 1681).


Gerade dieser Vergleich zeigt: Der Brief wurde als so wertvoll empfunden, dass er Jahrzehnte nach Menno weitergereicht, ediert und gedruckt wurde – und doch ist die Handschrift der Maßstab, an dem man die Drucktexte prüfen kann.


Warum dieser Brief historisch so wichtig ist


  1. Einziges „Original aus Menno’s Hand“: Für die mennonitische Geschichtsschreibung ist das ein Ankerpunkt: Hier berührt man buchstäblich die Überlieferung.

  2. Sprach- und Echtheitsfragen: Forschungen in Doopsgezinde Bijdragen betonen, dass gedruckte Texte oft sprachlich durch Setzer und Redaktionen geprägt sind – die Handschrift erlaubt, Menno’s eigenen Sprachgebrauch besser zu fassen.

  3. Ein Blick in die Seelsorgepraxis: Der Brief zeigt Menno als Gemeindeleiter, der nicht nur Grundsatzfragen klärt, sondern Menschen in konkreter Not anspricht – typisch für eine Bewegung, die „Gemeinde“ als gelebte Nachfolge verstand.


Steckbrief (für Artikel/Unterrichtsmaterial)


  • Dokument: Trostbrief an die Witwen („Brief aan de weduwen“)

  • Datum: 18. Mai, ca. 1549

  • Bedeutung: einzig erhaltenes eigenhändiges Brief-Original Menno Simons’

  • Aufbewahrung: Doopsgezinde Bibliotheek (Allard Pierson / UvA Amsterdam)

  • Signatur: A 617


Quellenliste:


  • Allard Pierson (Universiteit van Amsterdam): Op een koude winternacht, 500 jaar geleden (Blogbeitrag, 21.01.2025). Enthält den Hinweis auf die Doopsgezinde Bibliotheek und bezeichnet den Trostbrief als „die einzige originale handgeschreven brief“ von Menno Simons (ca. 1549).

  • Visser, Piet: „De Opera Omnia Theologica of de ‘affecten en voornemens’ van Menno’s tekstbezorgers“, in: Doopsgezinde Bijdragen. Nieuwe reeks 22 (1996). Behandelt das einzige erhaltene Menno-Handschriftstück, nennt die Aufbewahrung/Signatur (Doopsgezinde Bibliotheek, Handschriften, sign. A 617) und dokumentiert die frühen Druckfassungen (u. a. Hoorn 1630, Amsterdam 1681).

  • Visser, Piet (Anhang/Edition): „Bijlage III: Transcriptie van Menno’s brief aan de weduwen, 18 mei ca. 1549 (Doopsgezinde Bibliotheek, sign. A 617)“, in: Doopsgezinde Bijdragen. Nieuwe reeks 22 (1996). Transkription des Briefes (mit Editionshinweisen).

  • Encyclopaedia Britannica: „Menno Simons“ (Biographie/Einordnung; laufend gepflegte Referenzseite).

  • GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online): Artikel „Twisck, Pieter Jansz (1565–1636)“ (u. a. Hinweis auf Twiscks Veröffentlichung des Trostbriefes und den Aufbewahrungsort des Originals) sowie „Menno Simons (1496–1561)“ (biographischer Rahmen).

Kommentare


Mit dieser Internetseite möchten wir den internationalen Erfahrungsaustausch und die gegenseitige Unterstützung über Ländergrenzen hinweg fördern.

Wir laden alle Besucher herzlich ein, Feedback zu geben, Korrekturen vorzuschlagen oder eigene Beiträge einzureichen.

Bei Fragen, Kommentaren oder Anregungen können Sie uns gerne kontaktieren.


WhatsApp:
00598 98072033
Uruguay-98072033


info@mennoniten-weltweit.info

WhatsApp.webp
telegram-icon-6896828_640.png
Mennoniten: Arbeite und hoffe
bottom of page