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S. S. Surriento – vom Grace-Line-Luxusliner zum Auswandererschiff (1928–1966)


Wenn die Danziger/Westpreußischen Mennoniten im Oktober 1951 in Montevideo an Land gingen, trug ihr Schiff bereits ein ganzes halbes Jahrhundert Weltgeschichte in Stahl und Nieten mit sich: Die S. S. Surriento war ursprünglich als eleganter Grace-Line-Passagierliner Santa Maria gebaut worden, diente im Zweiten Weltkrieg als US-Navy-Angriffstransporter USS Barnett (APA-5) und kehrte nach 1948 – nach großem Umbau – als italienisches Passagier- und Migrantenschiff in den zivilen Verkehr zurück.


1) Bau als Santa Maria (1928): moderne Dieseltechnik statt Dampf


Die Santa Maria gehörte zu einer damals bemerkenswerten Generation von „Motor Ships“: Statt Dampfturbinen arbeiteten zwei große Sulzer-Dieselmaschinen. ShipScribe ordnet diese Schiffe ausdrücklich als die ersten großen Motor-Passagierschiffe ein, die unter US-Flagge fuhren (Grace Line betrieb sie im Dienst für die Amerika-Routen).


Das Schiff Santa Maria
Das Schiff Santa Maria

Technisch war das Konzept auf zuverlässigen Liniendienst ausgelegt: zwei Schrauben, kräftige Dieselleistung und eine Reisegeschwindigkeit, die für Passagier-/Frachtschiffe der Zeit absolut konkurrenzfähig war. Die Schiffe waren ursprünglich auf rund 150 Passagiere ausgelegt – eher „klein, hochwertig, schnell im Umlauf“ als schwimmender Massenbetrieb.


Auch die Silhouette ist typisch für die Zwischenkriegszeit: Zwei Schornsteine, wobei der vordere bei dieser Klasse konstruktiv sogar als „Dummy-Funnel“ (Attrappe) ausgeführt war – ein Designmerkmal, das später in der militärischen Umrüstung sichtbar verändert wurde.


Technischer Steckbrief (Basiszustand / Klasse)

  • Länge: 486 ft 6 in (≈ 148,3 m)

  • Breite: 63 ft 9 in (≈ 19,4 m)

  • Tiefgang: 25 ft 4 in (≈ 7,7 m)

  • Maschinenanlage: 2× 8-Zylinder Sulzer-Diesel, je ca. 4.000 hp (gesamt ~8.000 hp), 2 Schrauben

  • Dienstgeschwindigkeit: ca. 16 kn (zivil), in Navy-Angaben meist 15 kn (umgerüstet/Beladung)

  • Bruttoregistertonnen (als Grace-Line-Schiff): 7.857 GRT (in der zivilen Überlieferung zur Santa Maria/ Surriento)


2) Grace-Line-Dienst: Amerika-Routen und „zivile Routine“ (1928–1940)


Als Santa Maria fuhr das Schiff im zivilen Liniendienst, bevor der Krieg die Flotten weltweit „umverteilte“. In dieser Phase war sie Teil jener Verkehrsströme, die Nord- und Südamerika (über den Panamakanal) verbunden haben – Passagiere, Post und Fracht in planbaren Takten. Diese „Routine“ war genau das, was die Navy 1940 suchte: ein solides, seegängiges Schiff mit guter Reichweite und bereits bewährter Maschinenanlage.


3) Kriegseinsatz als USS Barnett (AP-11 / APA-5): Transporter für Landungen


Am 11. August 1940 übernahm die US-Navy das Schiff und stellte es als USS Barnett in Dienst; ab 1. Februar 1943 lief es als „Attack Transport“ APA-5 – ein Schiffstyp, der nicht nur Truppen transportierte, sondern auch für amphibische Operationen (Ausschiffen, Landungsboote, koordinierte Versorgung) ausgerüstet war.


Die U.S.S. Barnett
Die U.S.S. Barnett

NavSource fasst die „militärische Gestalt“ sehr greifbar in Zahlen:

  • Verdrängung: 9.750 t (leicht) / 16.100 t (voll)

  • Truppenunterkünfte: 99 Offiziere + 1.392 Mannschaften (Transportkapazität)

  • Landungsgerät: u. a. 27× LCVP, 2× LCM(2) plus Motor-Whaleboats

  • Bewaffnung (typischer APA-Stand): u. a. 4× 3"/50-Geschütze (dual purpose)


Diese Daten zeigen, was aus dem ehemaligen 150-Passagier-Schiff geworden war: ein „schwimmendes Logistik-Werkzeug“ für groß angelegte Operationen. Dass die Barnett im Krieg mehrfach eingesetzt wurde und dafür auch Auszeichnungen erhielt, ist in der gängigen Schiffsdokumentation festgehalten.


Die U.S.S. Barnett beim Einlaufen in den Hafen
Die U.S.S. Barnett beim Einlaufen in den Hafen

4) Nachkriegszeit: Verkauf, Umbau und zweites Leben als Surriento


Nach dem Krieg begann – wie bei vielen früheren Truppentransportern – die zweite Karriere. Die MARAD-Datenbank dokumentiert den Namenslauf klar: Santa Maria (1928–1940) → Barnett (1940–1948) → Surriento (1948–1966).


Die Surriento, das Schiff mit dem eine Gruppe von Mennoniten über Genua nach Uruguay auswanderten
Die Surriento, das Schiff mit dem eine Gruppe von Mennoniten über Genua nach Uruguay auswanderten

Mit dem Verkauf an die italienische Flotta Lauro war das Schiff wieder im Passagiergeschäft – allerdings in einer neuen Epoche: Europa war voller Displaced Persons, Auswanderer und Nachkriegsmigranten. Dafür musste ein Kriegstransporter wieder „zivil“ werden: Kabinen, öffentliche Räume, Sicherheits- und Passagierroutine – ein umfassender Refit. Zeitgenössische/sekundäre maritime Darstellungen beschreiben die Surriento ausdrücklich als umgebauten Grace-Liner und Nachkriegs-Migrantenschiffstyp.


Dass sie tatsächlich in den großen Auswandererströmen der frühen 1950er Jahre lief, passt zu ihrem dokumentierten Einsatzprofil unter Lauro (u. a. Linien in Richtung Australien und weitere Fernrouten, wie in Standarddarstellungen zur Barnett/Surriento aufgeführt).


5) Die Mennonitenpassage nach Montevideo (Oktober 1951)


In diese Nachkriegsmigration gehört auch die mennonitische Passage: Am 19. Oktober 1951 landete laut GAMEO ein „zweites Kontingent“ von 431 Danziger Flüchtlingen in Montevideo – an Bord der S. S. Surriento. Eine uruguaybezogene mennonitische Übersicht bestätigt ebenfalls Datum und Schiff und ordnet die Gruppe zudem breiter als Menschen „ursprünglich aus Preußen und Russland“ ein – ein Hinweis darauf, dass die Passagierlisten in der Praxis oft mehrere Herkunftsräume bündeln, obwohl der Kern in der Danzig/Westpreußen-Tradition lag.


Für die spätere Siedlungsgeschichte ist wichtig: Viele der 1951 Angekommenen gingen in Gartental auf; GAMEO nennt dafür die Mehrheitsansiedlung dieser Gruppe.


Die Surriento war 1951 nicht „nur ein Schiff“, sondern ein umgebautes Stück Weltgeschichte: gebaut als moderner Diesel-Liner der späten 1920er, im Krieg zum Angriffstransporter mit Landungsbooten, Bewaffnung und großer Truppenaufnahme umgerüstet, danach wieder zivilisiert und in den Auswandererlinien eingesetzt. Dass ausgerechnet dieses Schiff eine größere Gruppe Danziger/Westpreußischer Mennoniten nach Montevideo brachte, macht die Surriento zu einem wichtigen Träger der uruguayischen mennonitischen Migrationsgeschichte – und zu einem Beispiel dafür, wie maritime Technik, Krieg und Nachkriegsflucht in einem einzigen Rumpf zusammenlaufen.


Quelle:

  • MARAD Vessel History Database – Eintrag „BARNETT (AP-11/APA-5) / SANTA MARIA / SURRIENTO“ (Namenslauf 1928–1966, grundlegende Eckdaten).

  • NavSource Online – „Attack Transport APA-5 Barnett“ (technische Spezifikationen: Verdrängung, Maße, Geschwindigkeit, Truppenkapazität, Landungsboote, Bewaffnung).

  • ShipScribe – „USS McCawley (APA-4) Class“ (Kontext der Grace-Line-Neubauten Santa Maria/Santa Barbara, Bauwerft Furness Shipbuilding, Hintergrund zur Klasse).

  • GAMEO – „Uruguay“ (Ankunft 19.10.1951: 431 Danziger Flüchtlinge in Montevideo an Bord der S. S. Surriento; Siedlungshilfe-Kontext).

  • Mennonite Genealogy Resources – PDF „Mennonite Settlers in Uruguay: 1948–1951“ (Zusammenstellung zur Einwanderung 1948/1951 inkl. Schiffsnamen und Zahlen).

  • GAMEO – „Gartental (Uruguay)“ (Einordnung, dass ein Großteil der 1951 Angekommenen in Gartental siedelte; Herkunftsangaben).

  • Wikipedia – „USS Barnett“ (übersichtliche Chronologie/Stationen; nützlich als Sekundärüberblick, mit Verweisen).

  • SSMaritime – „MS Santa Maria / USS Barnett / Surriento“ (maritime Sekundärdarstellung zur zivilen/kommerziellen Phase und Umbenennungen).

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