Die SS Volendam: Vom Tudor-Luxus zur „Arche“ der Hoffnung
- Redaktion

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Die Geschichte der SS Volendam ist mehr als eine Chronik über Stahl und Dampf. Sie ist eine Erzählung von technischer Innovation, militärischem Glück und einer beispiellosen humanitären Rettung von mennonitischen Flüchtlingen.
1. Ein Meisterwerk schottischer Ingenieurskunst (1922)
Die Volendam wurde in einer Ära geboren, in der Ozeandampfer die Kathedralen der Moderne waren.
Bau und Design: Unter der Baunummer 649 lief sie am 6. Juli 1922 bei Harland & Wolff in Govan (Glasgow) vom Stapel. Zusammen mit ihrem Schwesterschiff, der SS Veendam, sollte sie die Lücke füllen, die der Erste Weltkrieg in die Flotte der Holland-America Line gerissen hatte.
Luxus und Innovation: Für die damalige Zeit bot sie bahnbrechende Neuerungen: In den Kabinen konnten Passagiere Heizung und Belüftung individuell regulieren. Die Gesellschaftsräume waren prachtvoll gestaltet; besonders berühmt war der Rauchsalon der Ersten Klasse im Tudor-Stil, komplett mit Eichenpaneelen und einem funktionierenden Kamin.
Maiden Voyage: Am 4. November 1922 trat sie ihre Jungfernfahrt von Rotterdam nach New York an. Mit 15.434 BRT und einer Geschwindigkeit von 15 Knoten war sie ein verlässliches Arbeitstier des Nordatlantiks.
2. Das Torpedo-Wunder und der schlafende Junge (1940)
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Volendam Teil des CORB-Programms (Children's Overseas Reception Board), um britische Kinder vor deutschen Bomben nach Übersee zu retten.
Der Angriff: Am 30. August 1940 wurde sie im Geleitzug OB 205 vom deutschen U-Boot U-60 angegriffen. Ein Torpedo schlug in Laderaum 1 ein. Wie durch ein Wunder sank das Schiff nicht.
Das zweite Wunder: Erst bei späteren Reparaturen in Schottland entdeckte man das Unfassbare: Ein zweiter Torpedo steckte unexplodiert im Bug. Der erste Einschlag hatte den Zünder des zweiten deaktiviert. Wäre dieser explodiert, wäre das Schiff sofort gesunken.
Menschliche Details: Von den 879 Passagieren (darunter 320 Kinder) starb nur eine Person: der Zahlmeister Rijk Baron, der beim Abseilen der Boote ins Meer stürzte. Berühmt wurde die Geschichte des 9-jährigen Robert aus Glasgow, der die gesamte Evakuierung in seiner Koje verschlief und erst am nächsten Morgen von einem Bergungskommando auf dem verlassenen Schiff gefunden wurde.
3. Die diplomatische Rettung: „Operation Mennonit“ (1947)
Nach 1945 war die Lage für mennonitische Flüchtlinge aus der UdSSR verzweifelt. Sie galten als staatenlos und wurden oft zwangsweise in die Sowjetunion zurückgebracht.
Königliche Hilfe: Dass die Volendam zur Verfügung stand, verdankte man auch Königin Wilhelmina der Niederlande. Als Dank für die Hilfe der Mennoniten während der Hungerwinter in Holland soll sie gesagt haben: „Sollte nicht eine Hand die andere waschen?“
Die Charter: C.F. Klassen vom Mennonitischen Zentralkomitee (MCC) charterte das Schiff für die enorme Summe von 375.000 US-Dollar.
Der Berlin-Escape: Am 30. Januar 1947 geschah das „Wunder von Berlin“. General Lucius D. Clay gab in letzter Minute die Erlaubnis für 1.115 Flüchtlinge, mit dem Zug durch die sowjetische Besatzungszone nach Bremerhaven zu fahren. Als der Zug die Grenze zur britischen Zone passierte, sangen die Menschen unter Tränen „Nun danket alle Gott“.
4. Die „Volendam I & II“: Fahrten in die Freiheit (1947–1948)
Die Passagierzahlen auf diesen Fahrten waren weit höher als die ursprüngliche Kapazität des Schiffes, da es für den Transport von Displaced Persons (DPs) umgerüstet worden war.
Fahrt I (Februar 1947): 2.303 Passagiere (aus Berlin, München und den Niederlanden). Das Schiff legte am 1. Februar in Bremerhaven ab. Es war eine Reise der Emotionen: Die traumatisierten Flüchtlinge erhielten an Bord zum ersten Mal seit Jahren ausreichend Nahrung und Sicherheit.
Fahrt II (Oktober 1948): Diese Fahrt brachte 1.693 weitere Personen nach Südamerika, darunter eine große Gruppe von Danziger Mennoniten, die über Uruguay (Montevideo) einwanderten.
Die Kanada-Charter (Juni 1948): Hier zeigte sich die globale Vernetzung der Glaubensgemeinschaft. Kanadische Mennoniten charterten das Schiff, um Familienzusammenführungen zu ermöglichen und Siedler von Quebec nach Buenos Aires zu bringen, oft beladen mit landwirtschaftlichem Gerät.
5. Das lebende Denkmal: Die Gründung der Kolonien
Die Ankunft der Volendam-Passagiere veränderte die Landkarte Südamerikas dauerhaft.
Kolonie Neuland: Gegründet im paraguayischen Chaco von den Passagieren der 1947er Fahrt. Der Name war Programm: ein neues Land nach der Zerstörung des alten.
Kolonie Volendam: Als Zeichen höchster Dankbarkeit benannten die Siedler im Department San Pedro ihre 1947 gegründete Kolonie direkt nach dem Schiff. Es ist weltweit eines der wenigen Beispiele, wo ein Ozeandampfer zum Namenspatron einer ganzen Siedlung wurde.
Abschied vom Schiff: Die SS Volendam wurde 1952 bei Hendrik-Ido-Ambacht verschrottet. Während der Stahl zerlegt wurde, blieb ihr Name in Paraguay als Ort der Hoffnung bestehen.

Ohne die Volendam, die organisatorische Meisterleistung des MCC (insbesondere durch Peter und Elfrieda Dyck) und natürlich auch die gnädige Führung Gottes wäre ein großer Teil der heute in Südamerika lebenden mennonitischen Bevölkerung vermutlich in sowjetischen Lagern verschwunden. Sie war wahrlich die „Arche“, die viele Mennoniten vor dem Untergang bewahrte.
Quellen:
1. Maritime & Technische Quellen (Das Schiff)
Diese Quellen dokumentieren den Bau, die technischen Daten und die militärische Geschichte des Schiffes:
Harland & Wolff Shipyard Records: (Baunummer 649, Govan/Glasgow). Die Werftarchive enthalten die ursprünglichen Konstruktionspläne und technischen Spezifikationen des Schiffes.
Stichting Maritiem-Historische Databank (MarHisData): Ein umfassendes niederländisches Archiv, das den Lebenslauf der Volendam bei der Holland-Amerika Lijn (HAL) von 1922 bis zur Verschrottung 1952 listet.
Uboat.net (Chronik des Seekrieges): Detaillierte Dokumentation des Torpedoangriffs durch U-60 am 30. August 1940, inklusive Passagierzahlen (CORB-Programm) und Schadensberichten.
Holland-America Line Archive: (Verwaltet durch das Maritiem Museum Rotterdam). Hier finden sich Deckspläne der Zwischenkriegszeit und Logbücher.
2. Mennonitische Geschichtsquellen (Die Migration)
Dies sind die zentralen Quellen für die Erforschung der Flüchtlingstransporte 1947–1948:
GAMEO (Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online):
Artikel: Volendam (Ship) – Fokus auf die Charter durch das MCC.
Artikel: Volendam Colony (Paraguay) – Zur Gründung der Siedlung durch die Passagiere.
Mennonitisches Lexikon (MennLex): Standardwerk zur Täufergeschichte; enthält detaillierte Artikel zur Nachkriegswanderung und den spezifischen Kontingenten (Berliner Gruppe, Danziger Gruppe).
Mennonite Central Committee (MCC) Archives (Akron, Pennsylvania): Die Originalakten von Peter und Elfrieda Dyck sowie C.F. Klassen. Sie enthalten Korrespondenzen über die Charterverträge, Verpflegungslisten und Berichte über die „Operation Mennonit“.
Mennonite Heritage Archives (Winnipeg, Kanada): Sammlung von Passagierlisten, Fotografien (Sammlung Arthur Voth) und persönlichen Tagebüchern von Auswanderern.
3. Literatur & Zeitzeugenberichte (Die Schicksale)
Bücher und Monografien, die den historischen Kontext und persönliche Erlebnisse vertiefen:
Peter J. Dyck & Elfrieda Dyck: Up from the Rubble (Deutsch: Auferstanden aus Ruinen). Das Standardwerk der Leiter des Transports; beschreibt dramatisch den „Berlin Escape“ und die Fahrt auf der Volendam.
Frank H. Epp: Mennonite Exodus. Eine umfassende wissenschaftliche Darstellung der mennonitischen Wanderungsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Walter Quiring: Im Schatze des Chaco. Historische Berichte über die ersten Jahre der Kolonien Neuland und Volendam in Paraguay, die durch diese Schiffstransporte entstanden.
Marlene Epp: Women Without Men: Mennonite Refugees of the Second World War. Untersucht die spezifischen Schicksale der vielen Witwen und alleinstehenden Frauen an Bord der Volendam.




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