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Ein Brief ging um die Welt

Umschlag in welchem der Brief jahrelang aufbewahrt wurde
Umschlag in welchem der Brief jahrelang aufbewahrt wurde

Im Flüchtlingslager Oksböl in Dänemark hat der ehemalige Älteste der Mennonitengemeinde Heubuden Bruno Ewert einen Brief geschrieben, um das „tragische Ende“ der Danzig-Westpreußischen Mennonitengemeinden nicht nur zu beklagen, sondern mit seiner Vorgeschichte (Siedlungsaufbau, Privilegien, Wehrfrage, Umbrüche der Zeit) verständlich zu machen und für die Glaubensgeschwister in Übersee festzuhalten. Zugleich ist der Brief ein „Brief gegen das Vergessen“: Er sammelt Flucht- und Verlustwege, nennt Vermisste und Verschleppte und verankert die Not der Zerstreuung in Trost, Fürbitte und Hoffnung auf Gottes Führung.


Der Brief wurde mit der Auswanderung nach Uruguay mitgenommen. Da die Generation welche den Krieg miterlebt hatte, nicht gerne über diese Zeit sprach, ist es wahrscheinlich, dass dieser Brief bei dem Adressaten Ältester Reinhard Fast, Kolonie "El Ombú" in einer Schublade verschwand und dort längere Zeit verblieb. Gefunden wurde dieser Brief nach dessen Tode und gelangte somit in die Hände von Hans Ulrich Kliewer, dem Schwiegersohn von Reinhard Fast. Dieser hat den Brief digitalisiert und möchte diesen Brief somit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Im folgenden ist eine Zusammenfassung des Briefes zu lesen.


1) Anfänge: Ansiedlung, Aufbau und frühe Gemeindestrukturen


Bruno Ewert beginnt bewusst „ganz am Anfang“: Er erinnert daran, dass täuferische Siedler schon um 1530 nach Danzig und in die Thorner Niederung kamen und sich die Besiedlung dann in weitere Niederungsgebiete ausbreitete. Anschaulich beschreibt er, wie aus sumpfigem Gelände durch enorme Arbeit fruchtbares Land wurde – mit Entwässerungsmühlen, Gräben, Polder- und Flutdämmen gegen das Hochwasser von Weichsel und Nogat.


Bruno Ewert mit P. C. Hiebert, Walter Gering und Bruno Enß
Bruno Ewert mit P. C. Hiebert, Walter Gering und Bruno Enß

Auch das geistliche Leben macht er greifbar: Versammlungen fanden in großen Stuben statt, im Sommer sogar in gereinigten Scheunen oder Kuhställen; erst später wurde Gottesdienstfreiheit deutlicher gewährleistet. Dazu nennt er frühe Gemeinde- und Leitungsdaten (z. B. Danzig als sehr frühe Gemeinde, später Wahl eines Ältesten wie Hans Siemens in Rosenort) und zeichnet so nach, wie sich aus Siedlungsgemeinschaften geordnete Gemeinden formten.


2) Privilegien, Religionsfreiheit und die Wehrfrage als ständiger Druck


Ewert zeigt, wie eng Glaubensfreiheit und Alltag miteinander verknüpft waren: Über lange Zeit wurden Duldungs- und Schutzrechte gesucht und bestätigt, doch der wachsende Bevölkerungsdruck machte Land knapp – und Landkauf wurde zur wichtigsten Frage welche die ganzen Zukunft betraf.


Als besonders einschneidend schildert er das Mennoniten-Edikt von 1789: Neue Grundstücke zu erwerben wurde „fast unmöglich“, und nur bestimmte, bereits mennonitische Höfe waren „kantonfrei“; beim Kauf aus anderer Hand drohte Wehrpflicht für die Söhne.


Erste Seite des Originalbriefes
Erste Seite des Originalbriefes

So erklärt er auch die dauernden Auswanderungswellen: Nicht „Abenteuerlust“, sondern der Wunsch, nach den Glaubensgrundsätzen zu leben – vor allem die Wehrlosigkeit zu bewahren – trieb viele fort. Später nennt er den nächsten Einschnitt: Als die Wehrlosigkeit den preußischen Mennoniten 1868 gesetzlich genommen wurde, kam es erneut zu starken Wanderungen; er macht das mit Familienbeispielen greifbar (u. a. Ältester Wilhelm Ewert und die Gründung/Weiterführung von Gemeindewegen in Amerika).


Selbst dort, wo die Kabinettsorder von 1872 Ersatzdienste ermöglichte, blieb die Frage präsent; und im Ersten Weltkrieg waren viele zwar nach dieser Regelung im Dienst, doch Ewert betont: Die Gefahren und die Trauer um Gefallene trafen die Gemeinden trotzdem hart.


3) Gemeindeleben: Konferenz, Jugend, gegenseitige Hilfe und innere Spannungen


Ewert lässt spüren, dass diese Gemeinden nicht nur „überlebten“, sondern organisiert und verbunden waren: In der Konferenz der ostdeutschen Mennoniten trafen sich Vertreter regelmäßig nach Pfingsten, oft 50–60 Brüder aus vielen Gemeinden, mit Beratungen in brüderlichem Geist und fast einstimmigen Beschlüssen.


Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Kalthof an der Nogat ein fester Konferenzort, und Ewert nennt wichtige Entscheidungen wie die Stärkung gemeinsamer Jugendarbeit und die Anstellung eines Jugendwartes.


Sehr anschaulich wird seine weltweite Verbundenheit: Er zählt Gäste, Prediger und Missionare aus vielen Ländern auf (Holland, Java, China u. a.) und schreibt, dass er manche als Gäste in seinem Haus willkommen hieß – für ihn sind das „unvergessliche Stunden“ gemeinsamer Reich-Gottes-Arbeit.


Gleichzeitig verschweigt er die Reibungen nicht: Er beschreibt Regeln und Konfliktfelder (z. B. beim Thema Mischehen) und bemerkt, wie sehr es ihn schmerzte, wenn begabte junge Leute durch Ausbildung und entfernte Beamtenstellen den Gemeinden innerlich und praktisch verloren gingen.


4) NS-Zeit: wirtschaftliche Entlastung, geistlicher Druck und spätes Erwachen


Ewert erklärt nachvollziehbar, warum viele Menschen – auch in mennonitischen Kreisen – zunächst „aufatmeten“: Marktordnung, feste Preise, sinkende Zinsen und Entschuldungen stabilisierten Höfe; das Erbhofgesetz machte Besitz bis 125 ha unverkäuflich und band Schulden in langfristige Formen.


Er schreibt offen, dass man damals sogar stolz war, wenn Mennoniten verantwortliche Posten bekamen – und dass man den Irrtum erst später erkannte, als Judenverfolgung, Kirchenkampf und Krieg die „Augen öffneten“; auch das KZ Stutthof in der Nähe nennt er als erschütternden Realitätsbeleg.


Gleichzeitig hält er fest, dass Predigt und Gemeindeleben nicht einfach „abgeschaltet“ wurden: Man durfte Christus predigen, aber der Druck zeigte sich z. B. darin, dass weltanschauliche Veranstaltungen gezielt auf Gottesdienstzeiten gelegt wurden, um die Menschen vom Kirchengehen abzuhalten.


Als Gegenbild schildert er die Treue vieler Familien und die intensive Jugendarbeit (Jugendbibelstunden, Jugendwart) – und dass später Frontbriefe junger Männer diese Früchte des Glaubens bezeugten.


5) Tragisches Ende: Flucht 1945, Verlustwege – und Oksböl als Ort des Überlebens


Der Brief zeigt schließlich noch den Abgrund der Jahre 1944/45: Ewert beschreibt, wie Ende Januar 1945 die Flucht beginnt – mit dem „letzten Blick“ vom beladenen Planwagen und der Ahnung, dass es kein Zurück gibt.


Er macht das Chaos körperlich spürbar: verstopfte Straßen, Fliegerangriffe, tote Pferde und Menschen, Erfrieren in Schnee und Sturm, Nächte auf den Wagen – und auch Verzweiflung bis hin zu Selbstmord, den er nicht verurteilt, sondern erschüttert benennt.


Dann schildert er die auseinandergehenden Schicksalslinien: Einige werden per Schiff Richtung Westen / Dänemark gebracht, doch manche Schiffe gehen durch Torpedos oder Angriffe unter – die Vermissten „ruhen auf dem Grunde der Ostsee“. Andere werden von der Front überholt und erleben Plünderung, Gewalt, Deportationen in Lager und Zwangsarbeit bis weit nach Osten; wieder andere – vor allem Frauen und Kinder – werden zurückgeschickt und kämpfen in ausgeplünderten Dörfern ums bloße Überleben.


Schließlich wird das Flüchtlingslager Oksböl zum Gegenbild der Verwüstung: Ewert erinnert an die ersten Lagerbedingungen (Stroh auf Zement, unregelmäßige Verpflegung, Krankheit und Sterbefälle), aber auch an die wachsende Ordnung durch Gottesdienste, Sonntagsschule, Chor – und an konkrete Hilfezeichen wie den Besuch von C. F. Klassen aus Winnipeg, dem sie bereits Listen mit vielen Namen übergeben konnten. Den inneren Halt fasst er in dem von ihm zitierten Trostlied zusammen: Nicht wissen, wohin – aber darauf vertrauen, dass Gott den Weg kennt.



Informationen von Hans Ulrich Kliewer aus Witmarsum, Brasilien


Download Datei Original Brief von Bruno Ewert


Word-Dokument Brief von Bruno Ewert erstellt von Hans-Ulrich Kliewer


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