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Marienburg: ehemaliges mennonitisches Altenheim am Rhein

Aktualisiert: 29. Jan.


Ansicht der Marienburg von der Rheinseite aus
Ansicht der Marienburg von der Rheinseite aus


Wer heute am rechten Rheinufer durch den Weinort Leutesdorf spaziert, entdeckt direkt am Strom ein auffälliges, schlossartiges Gebäude: die Marienburg. Hinter den Mauern, die heute wieder privat genutzt werden, steckt ein Stück Nachkriegsgeschichte, das besonders für Mennoniten aus Ost- und Westpreußen eine große Bedeutung hatte.


Ein Schloss mit älteren Wurzeln


Die Marienburg wirkt wie ein klassisches Rhein-Schlösschen – und genau das ist sie auch: Ein repräsentatives Herrenhaus aus der Zeit des Spätbarock. Der Bau entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts und wurde als Wohnsitz eines kurtrierischen Hofbeamten geplant. Dabei knüpft das Gebäude an eine ältere, ursprünglich mittelalterliche Burganlage an, die an dieser Stelle zuvor bestanden hatte.


Auffällig ist die Ausrichtung: Die Schauseite zeigt zum Rhein, während man landseitig über ein Tor und einen Weg in Richtung Ortskern gelangt. Eine Besichtigung der Innenräume ist in der Regel nicht möglich, da die Anlage heute in privater Hand ist.


1949–1972: Das mennonitische Altenheim „Marienburg“


Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele mennonitische Flüchtlinge und Vertriebene aus den östlichen Siedlungsgebieten Deutschlands in den Westen. Unter ihnen waren zahlreiche ältere Menschen, die durch Flucht, Notunterkünfte und Verlust der Heimat besonders belastet waren.


Im Jahr 1949 gelang es, in der Marienburg in Leutesdorf das erste mennonitische Altenheim dieser Nachkriegszeit einzurichten. Träger war ein neu gegründeter mennonitischer Hilfsverein; unterstützt wurde der Aufbau auch durch internationale Hilfe und Spenden.


Innenhof der Marienburg
Innenhof der Marienburg

Bevor die ersten Bewohner einziehen konnten, wurde das Gebäude mit großem Einsatz hergerichtet: Freiwillige halfen beim Renovieren, es wurde Mobiliar beschafft und die Versorgung organisiert. Am 14. November 1949 kamen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner an. Bereits wenige Wochen später war das Haus deutlich belegt – und im Folgejahr entwickelte sich die Marienburg zu einem wichtigen Zufluchtsort für alte Menschen, die nach Jahren der Unruhe endlich einen Platz zum Ankommen fanden.


Zum Alltag gehörten Pflege und Betreuung, eine gemeinschaftliche Hauswirtschaft – und (für viele ebenso wichtig) Andachtszeiten, Gespräche und das Gefühl, „unter Gleichgesinnten“ zu sein. Auch einfache Arbeiten, etwa im Garten oder in der Küche, gaben dem Leben Struktur, soweit es die Gesundheit zuließ.


Warum das Heim geschlossen wurde


1972 endete die Altenheim-Zeit der Marienburg. Der Grund war nicht mangelnder Bedarf, sondern die bauliche Situation: Für einen Weiterbetrieb wären umfangreiche Sanierungen und Anpassungen an (damals bereits strengere) Bau- und Sicherheitsauflagen nötig gewesen. Die Bewohner wurden anschließend auf andere Einrichtungen verteilt oder von Familien aufgenommen.


Eingangstor zur Marienburg
Eingangstor zur Marienburg

Der Mennonitenfriedhof an der Marienburg


Zur Geschichte des Heims gehört auch der Mennonitenfriedhof in der Nähe, direkt am Rhein. In den ersten Jahren mussten Bestattungen noch auf einem anderen Friedhof erfolgen, doch Anfang der 1950er Jahre wurde ein eigenes Gelände erworben.


Eingangstor zum mennonitischen Friedhof
Eingangstor zum mennonitischen Friedhof

Die erste Beerdigung auf dem neuen Friedhof fand im Februar 1954 statt. In den folgenden Jahrzehnten wurden dort viele Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheims bestattet. Typisch sind die schlichten Grabplatten, die in den Boden eingelassen sind – zurückhaltend, ohne großen repräsentativen Anspruch.


Grabstein von Bernhard Klaassen
Grabstein von Bernhard Klaassen

Die letzte Beisetzung erfolgte 1997. Nachdem Ruhefristen abliefen und dauerhaft niemand mehr die Verantwortung für Pflege und Unterhalt tragen konnte, wurde der Friedhof schließlich entwidmet. Das Grundstück ging an die Ortsgemeinde über. Einzelne Grabsteine wurden (oder werden) an andere Orte umgesetzt, um die Erinnerung zu bewahren.


Auf den Grabsteinen finden sich bekannte mennonitische Familiennamen wie: Dyck, Fast, Penner, Regehr, Klaassen und viele weitere.
Auf den Grabsteinen finden sich bekannte mennonitische Familiennamen wie: Dyck, Fast, Penner, Regehr, Klaassen und viele weitere.


Erinnerung am Rhein: Warum die Marienburg bis heute wichtig ist


Die Marienburg ist mehr als ein schönes Gebäude am Rhein. Für viele mennonitische Familien steht der Ort für einen Neubeginn nach Flucht und Vertreibung – und für ein praktisches Glaubenszeugnis: Gemeinschaft, Hilfe und Würde im Alter, als vieles unsicher war.


Wer heute an der Marienburg vorbeigeht, sieht nicht nur historische Architektur, sondern einen Erinnerungsort: an Menschen, die ihre Heimat verloren – und hier, am Rhein, noch einmal Heimat auf Zeit fanden.


Zeitleiste (kurz)

  • 18. Jahrhundert: Bau des spätbarocken Schlosses auf/bei älteren Burgfundamenten

  • 1949: Einrichtung des mennonitischen Altenheims „Marienburg“

  • 14. November 1949: Einzug der ersten Bewohner

  • 1954: Anlage des Mennonitenfriedhofs, erste Beisetzungen

  • 1972: Schließung des Altenheims

  • 1997: letzte Beisetzung auf dem Friedhof

  • 2023: Entwidmung/Übergabe des Friedhofsgeländes an die Ortsgemeinde


Quellen:

  • Baugeschichte (18. Jh., Auftrag durch Ernst Anton Sohler; Planung/Ausführung Johannes Seiz; Abtragung der älteren Burg):

  • Überblick Schloss Marienburg (Leutesdorf):

  • Altenheim: Einzug erster Bewohner 14.11.1949, Belegung/Alltag, Personal, Heimleiter, Schließung 1972, Denkmalzone seit 1986:

  • Träger-/Vereinskontext „Mennonitische Heime e.V.“ (Nachkriegs-Altenheime):

  • Friedhof: Einrichtung ab 1954, letzte Beisetzung 1997, ca. 170 Grabstellen, Übergabe an Ortsgemeinde 07/2023:

  • Historischer Hintergrund „Flucht und Vertreibung“ nach 1944/45:






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