Dänemark stellt die Briefzustellung ein: Mennoniten halten am Brief fest
- Redaktion

- 30. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Dänemark stellt die klassische Briefzustellung ein – und plötzlich wirkt etwas, das lange selbstverständlich war, wie ein Relikt aus einer anderen Zeit: der handgeschriebene Brief. Für viele ist das nur eine Randnotiz im Zeitalter von E-Mail und Messenger. Für uns Mennoniten berührt diese Nachricht jedoch einen Nerv, denn der Brief war über Jahrhunderte nicht einfach „Post“, sondern ein Stück Identität: ein Faden, der Glauben, Familie und Gemeinde über Verfolgung, Kontinente und Generationen hinweg zusammenhielt.
Schon in der frühen Täuferzeit war der Brief mehr als Information – er war Beistand. Holländische Mennoniten schrieben, um verfolgten Geschwistern in der Schweiz beizustehen, sie zu stärken und sogar bei Obrigkeiten für sie einzutreten. Briefe waren damals eine stille Form von Solidarität: Papier als Schutzschild, Tinte als Fürbitte. Auch Menno Simons nutzte dieses Mittel. Dass bis heute ein Trostbrief – der „Trostbrief an die Witwen“ – erhalten geblieben ist, zeigt, wie sehr Worte, sorgfältig gesetzt und getragen von Glauben, zu einem bleibenden Zeugnis werden können.

Später, als Auswanderung zum großen Thema wurde, bekam der Brief noch einmal eine besondere Rolle. Wer auf Landsuche war, wer eine neue Heimat erwog oder bereits unterwegs war, brauchte ein verlässliches Band zur alten Welt. Briefe hielten Kontakt zur Heimat, gaben Orientierung, trugen Nachrichten über Chancen und Risiken weiter und machten die großen Entscheidungen der Geschichte im Kleinen sichtbar: Wo gibt es Land? Wie ist die Lage im Einwanderungsland? Was sagen die Verantwortlichen dort? Welche Bedingungen werden gestellt? In einer Zeit ohne schnelle Verbindungen waren Briefe das System, das Informationen, Hoffnung und Verantwortung transportierte.
Während der Auswanderungen wurden Briefe zu Boten des Fortgangs. Für die Daheimgebliebenen war jede Zeile wie ein Fenster in eine ferne Wirklichkeit: Wie weit seid ihr? Wie geht es den Kindern? Wie ist das Wetter, die Krankheit, die Stimmung? Und wenn schließlich eine neue Siedlung entstand, wurde der Brief wieder zum täglichen Brot der Beziehung: Er hielt Verwandtschaft zusammen, trug Geburts- und Todesnachrichten, ließ Anteil nehmen an Ernte, Not und Dank. In solchen Briefen lässt sich bis heute ablesen, was Mennoniten wichtig war – nicht als Theorie, sondern als gelebtes Leben.
Und heute?
Ein Blick in die Gegenwart zeigt: Auch bei uns hat das Briefeschreiben stark abgenommen. Bei modernen Mennoniten wird im privaten Bereich vermutlich kaum noch ein Brief verfasst – höchstens dort, wo es beruflich oder amtlich nötig ist. Privat laufen Gespräche über E-Mail, und in den letzten Jahren immer mehr über WhatsApp. Was früher Tage und Wochen brauchte, erreicht heute in Sekunden den Empfänger. Das ist praktisch – aber es verändert auch Ton, Tiefe und Dauer. Eine Nachricht im Chat ist schnell geschrieben – und ebenso schnell wieder vergessen. Ein Brief dagegen verlangt Zeit: Er zwingt zur Sammlung, zur Ordnung der Gedanken, zur bewussten Sprache. Genau darin lag immer seine Kraft.

Bemerkenswert ist deshalb, dass sich in konservativen mennonitischen Kolonien das Briefeschreiben bis heute hält – nicht als Folklore, sondern als lebendige Praxis. Eine Anfrage bei der Mennoniten-Post zeigt das eindrücklich: Im Monat kommen hier durchschnittlich 109 Briefe aus den Kolonien an. Es sind hauptsächlich handgeschriebene Briefe, teils auch mit Schreibmaschine verfasst. Diese Zahl ist klein im Vergleich zur digitalen Welt – und gerade darum bedeutungsvoll: Hier wird eine Tradition nicht nur bewahrt, sondern genutzt.

Allerdings ist auch dort eine Veränderung sichtbar – nicht im Schreiben, sondern im Transport. Die Zustellung erfolgt oft nicht mehr klassisch über die Post, sondern über moderne Wege: Der Brief wird weiterhin mit der Hand geschrieben, dann aber von Personen mit Handy abfotografiert und versendet. Für Außenstehende mag das zunächst ungewöhnlich wirken: ein Brief, der per Smartphone reist. Doch im Kontext der Kolonien ist es ein nachvollziehbarer Kompromiss. Wo es keine oder nur wenige Handys gibt, wo Technik begrenzt ist, wird das Digitale nicht zum Ersatz des Briefes – sondern zum Träger des Briefes. Die Form bleibt, nur der Weg ändert sich.

Teilweise geschieht dieses Abfotografieren sogar außerhalb der Kolonie, zum Beispiel in Bolivien: Briefschreiber bringen ihre Schreiben ins Centro Menno, lassen sie dort fotografieren und nach Kanada zur Mennoniten-Post schicken. Das zeigt etwas sehr Typisches: keine blinde Ablehnung, aber auch keine gedankenlose Übernahme moderner Mittel. Es ist ein vorsichtiges Nutzen dessen, was hilft – ohne den Kern preiszugeben. Der Inhalt bleibt Brief: persönlich, bedacht, verantwortungsvoll. Die Technik ist nur das Gefährt.
Und genau hier liegt ein stilles, aber starkes Zeugnis: Während in hochdigitalisierten Ländern wie Dänemark der Brief aus der öffentlichen Alltagswelt verschwindet, lebt er in mennonitischen Kreisen weiter – nicht, weil man „gegen die Zeit“ ist, sondern weil man etwas bewahren will, das sich bewährt hat. Der Brief ist langsam, ja. Aber er ist auch verlässlich. Er ist nicht laut, aber nachhaltig. Er bleibt. Und er trägt etwas von dem, was mennonitische Geschichte immer geprägt hat: Gemeinschaft über Distanz, Treue über Jahre, Verantwortung in Worten.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Gegenwart: Mennoniten sind nicht nur Menschen, die Traditionen sammeln – sondern Menschen, die Traditionen in die Zukunft tragen, indem sie ihren Sinn bewahren. Ob der Brief nun im roten Kasten landet oder als Foto seinen Weg macht: Entscheidend ist, dass er weiterhin geschrieben wird – als Zeichen, dass Beziehung, Glauben und Erinnerung mehr sind als eine flüchtige Nachricht auf dem Bildschirm.
Informationen von persönlichen Kontakten




Kommentare