30. Januar 1536 Menno Simons legt das Priesteramt nieder
- Redaktion

- 30. Jan.
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Am Sonntag, dem 30. Januar 1536, legte Menno Simons in Witmarsum (Friesland) sein Priesteramt nieder. Dieser Schritt war kein plötzlicher Bruch, sondern das Ergebnis eines jahrelangen inneren Ringens, das sich an zwei Lehrfragen entzündete: am Abendmahl – und danach, mit wachsender Schärfe, an der Taufe.
Der erste Anstoß: Gewissensnot am Altar (Abendmahl)
Menno war seit 1524 Priester und diente zunächst in der Nähe seines Heimatortes. In seinen Rückblicken beschreibt er, dass ihn mitten im gottesdienstlichen Vollzug eine Frage nicht mehr losließ: Ist das Brot im Messopfer wirklich „verwandelt“ – oder ist das Verständnis der Kirche an dieser Stelle nicht schriftgemäß?
Nach dem Bericht der zeitnahen mennonitischen Überlieferung quälten ihn diese Zweifel über etwa zwei Jahre. Er versuchte, sie durch Frömmigkeitsübungen zu ersticken – doch sie blieben. Schließlich griff er (für einen katholischen Landpfarrer jener Zeit ein entscheidender Schritt) zur Bibel und prüfte die Sache an der Schrift. Der Befund war für ihn eindeutig: Das Abendmahl ist nach seiner Erkenntnis biblisch als Zeichenhandlung zu verstehen, nicht als Transsubstantiation. Damit stand er innerlich zwischen zwei Autoritäten: Kirche und Schrift.
Gerade hier wird sein späteres Gesamtwerk verständlich: Menno entwickelt seine Theologie nicht als System aus dem Studierzimmer, sondern als Antwort auf Gewissensnot. Das Abendmahl bleibt bei ihm fortan eng gebunden an Buße, Glauben, Gemeindezucht und ein geheiligtes Leben – nicht als „Ritus für alle“, sondern als Feier der Jüngerschaft.
Die zweite Frage: Taufe – ausgelöst durch Sikke Snijders in Leeuwarden
Während Menno noch ringt, erschüttert ihn ein Ereignis in unmittelbarer Nähe: die Hinrichtung des Täufers Sicke Freerks, genannt Sicke Snyder/Snijder, der am 20. März 1531 in Leeuwarden enthauptet wurde – wegen seiner „Wiedertaufe“ (Glaubenstaufe). Menno selbst schreibt später, dies sei geschehen, bevor er überhaupt von „Brüdern“ (Täuferkreisen) wisse; das Gerücht einer „zweiten Taufe“ habe ihn zunächst befremdet – aber tief getroffen.
Von diesem Punkt an lässt ihn die Tauffrage nicht mehr los. Menno sucht in der Schrift nach einer Grundlage für die Kindertaufe – und findet sie nicht. Er geht dabei, seinem konservativen Gewissen entsprechend, nicht leichtfertig vor: Er konsultiert Kollegen, Kirchenväter und auch Reformatoren (u. a. Luther, Bucer, Bullinger) – doch die Begründungen überzeugen ihn nicht, weil sie für ihn nicht zwingend aus dem Neuen Testament folgen. Am Ende steht seine Überzeugung: Die Taufe gehört zum Glaubensbekenntnis des mündigen Menschen.
Bemerkenswert ist: Diese Einsicht führt noch nicht sofort zu seinem Austritt. Menno bleibt zunächst im Amt und übernimmt sogar die Pfarrstelle in Witmarsum. Das zeigt seinen Weg: nicht revolutionär, sondern schrittweise, in Treue zum Gewissen – bis er merkt, dass „weiter so“ nicht mehr möglich ist.

1534/35: Unruhe, Radikalisierung – und der Schmerz von Oldeklooster
Die Jahre 1534/35 sind in den Niederlanden von schweren Spannungen geprägt. Teile des täuferischen Umfelds geraten unter apokalyptischen Druck; Ereignisse wie Münster werfen lange Schatten. Menno erkennt einerseits den Ernst vieler Suchender, andererseits sieht er Irrwege – und beginnt, sich deutlicher abzugrenzen: Christus wird nicht mit Gewalt verteidigt, und Gemeinde entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Umkehr und Glauben.
In diese Lage fällt ein Ereignis, das Menno persönlich trifft: Beim Oldeklooster (nahe Bolsward) kommt es im Frühjahr 1535 zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die am 7. April 1535 blutig enden. Unter den Gefallenen war Mennos Bruder Peter. Menno erwähnt später ausdrücklich den Tod eines Bruders in Verbindung mit Oldeklooster; die Überlieferung nennt ihn Peter.
Für Menno wird das nicht nur zur Familienkatastrophe, sondern zur geistlichen Krise: Er sieht Menschen „in Eifer“ sterben – und spürt zugleich die eigene Halbheit. In der mennonitischen Überlieferung ist diese Gewissensnot mit einem Satz zusammengefasst, der seinen Wendepunkt markiert: Das vergossene Blut habe ihn „heiß“ getroffen; er finde keine Ruhe, solange er aus Furcht und Bequemlichkeit schweige.
Der letzte Schritt: Amtsniederlegung und der Weg „unter das Kreuz“
Nach Oldeklooster und dem Ende von Münster verdichtet sich alles. Menno predigt noch eine Zeit lang offener Buße und weist auf den „schmalen Weg“ hin; zugleich spricht er – so weit er es damals bereits verantworten kann – über Taufe und Abendmahl „nach der Lehre Christi“. Doch er weiß: Ein Priester kann nicht glaubwürdig das vollziehen, was er im Innersten nicht mehr bejahen kann.
So kommt es zum Schritt vom 30. Januar 1536: Menno legt das Amt nieder, verlässt Witmarsum und lebt fortan als Verfolgter. Wie Ihr kurzer Beitrag bereits richtig betont: Er gibt Sicherheit, Ansehen und „Komfort“ auf und nimmt das „drückende Kreuz Christi“ auf sich. In den ersten Monaten predigt er in der Umgebung an verborgenen Orten – in Häusern und Scheunen.
So wird der 30. Januar 1536 zu mehr als einem Datum: Er markiert den Übergang vom inneren Ringen zur öffentlichen Verantwortung – und damit den Beginn jenes Wirkens, das später den friedfertigen Täufern in den Niederlanden Gestalt gab.
Quellen:
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