07. März 1872: London leitet die mennonitische Auswanderungsfrage nach Ottawa weiter
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Der 7. März 1872 steht am Beginn eines Vorgangs, der für die Geschichte der Russlandmennoniten von großer Tragweite werden sollte: Die britische Kolonialverwaltung leitete Unterlagen zur möglichen mennonitischen Einwanderung aus Russland nach Kanada an die zuständigen Stellen in Ottawa weiter. Damit wurde aus einer besorgten Anfrage aus Südrussland eine offizielle Angelegenheit zwischen Berdiansk, London und Kanada.
Der Hintergrund war ernst. Seit 1871 sahen sich die Mennoniten im Russischen Reich mit Reformen konfrontiert, die ihre bisherige Sonderstellung bedrohten. Dazu gehörten die allgemeine Wehrpflicht für Männer und stärkere staatliche Eingriffe in das Schulwesen, verbunden mit russischer Unterrichtssprache. Gerade diese beiden Punkte – Militärdienst und Schule – waren für viele Mennoniten entscheidend, weil sie Gewissensfreiheit, Gemeindeleben und die Weitergabe des Glaubens unmittelbar berührten. Deshalb begannen mennonitische Führer 1872, gezielt Möglichkeiten einer Auswanderung nach Nordamerika zu prüfen.
Eine der ersten offiziellen Anlaufstellen war James Zohrab, der britische Konsul in Berdiansk. Ihm legten mennonitische Vertreter ihre Fragen vor: Würde Kanada vollständige Befreiung vom Militärdienst gewähren? Gäbe es Land? Und wäre eine Delegationsreise sinnvoll? Zohrab leitete die Anfrage Anfang Februar 1872 an den britischen Außenminister weiter und empfahl Kanada als mögliches Ziel. In London wurde die Sache ernst genommen; im Colonial Office wurde die Eingabe als wichtig eingestuft.

Gerade darin liegt die Bedeutung des Vorgangs vom März 1872. Kanada besaß damals noch kein eigenes Außenministerium, daher liefen solche internationalen Angelegenheiten über das britische Foreign Office und Colonial Office. Von dort gingen die Unterlagen weiter an den Generalgouverneur von Kanada und damit in die politische Sphäre Ottawas. Der britische Beamte Henry Holland hielt fest, dass eine besondere Befreiung vom Militärdienst in Kanada rechtlich möglich sei; Kolonialminister Earl Kimberley stimmte im Grundsatz zu, notierte aber, die Mennoniten sollten ersatzweise eine Abgabe zahlen. Schon hier zeigt sich: Die britisch-kanadische Seite war interessiert, dachte aber zugleich in Kategorien von Staatsnützlichkeit und Verteidigung.
Für die Mennoniten war diese Weiterleitung dennoch ein Hoffnungssignal. Ihre Bitte blieb nicht in einer Konsulatsmappe liegen, sondern wurde zum Gegenstand offizieller Beratung im britisch-kanadischen Regierungsapparat. Wenige Wochen später bestätigte die kanadische Seite, dass Mennoniten nach geltendem Recht vom Militärdienst befreit werden konnten. Auf dieser Grundlage gewann die Werbung Kanadas an Gewicht; später trat auch der Einwanderungsagent William Hespeler in Südrußland in Erscheinung und warb aktiv für Manitoba.

So war der 7. März 1872 kein spektakulärer Tag mit öffentlichem Auftritt, wohl aber ein Schlüsseltermin auf dem Papierweg der Geschichte. Aus Sorge um Glaubensfreiheit, Schule und Wehrlosigkeit entstand ein amtlicher Austausch, der schließlich zur großen Auswanderung der Jahre 1874 bis 1880 führte, in deren Verlauf rund 7.000 Mennoniten aus Südrussland nach Manitoba kamen. Was im März 1872 nach Ottawa weitergereicht wurde, war daher weit mehr als bloße Aktenpost: Es war ein früher Schritt auf dem Weg zu einer neuen mennonitischen Heimat in Kanada.
Quellen
James Urry: “The British Colonial Office and Russian Mennonite Settlement in Canada, 1872.” In: Mennonite Historian, Vol. 15, No. 3, September 1989.
Ernst H. Correll: “Mennonite Immigration into Manitoba: Sources and Documents, 1872–1873.” In: Mennonite Quarterly Review 11 (Juli 1937), S. 196–227.
Ernst H. Correll: “Mennonite Immigration into Manitoba: Sources and Documents, 1872–1873 (Concluded).” In: Mennonite Quarterly Review 11 (Oktober 1937), S. 267–283.
Frank H. Epp: Mennonites in Canada, 1786–1920: The History of a Separate People. Toronto 1974; digitaler Scan bei Conrad Grebel University College / University of Waterloo.
Benjamin W. Hamm: “Negotiating the 1870s Mennonite Migration to North America.” Journal of Mennonite Studies (2023). Als neuere Überblicksdarstellung nützlich, auch mit Rückverweisen auf Correll und Urry.




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