18. April 1688 Erster Protest gegen die Sklaverei
- Redaktion

- 18. Apr.
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Aktualisiert: 19. Apr.

„Am 18. April 1688 wurde in Pennsylvania Weltgeschichte geschrieben – nicht durch ein Heer, sondern durch die radikale Konsequenz des mennonitisch-quäkerischen Glaubenszeugnisses. In einer Zeit, in der die Versklavung von Menschen als wirtschaftlich legitim galt, erhoben vier Männer ihre Stimme, weil ihr Gewissen untrennbar an das Wort Gottes und die täuferische Tradition der Gewaltfreiheit gebunden war. Diese Pioniere aus Germantown, geprägt durch die mennonitische Erfahrung von Verfolgung und den quäkerischen Ruf nach Gleichheit, verstanden die Nachfolge Christi nicht als bloßes Lippenbekenntnis, sondern als praktischen Widerstand gegen die Entwürdigung des Nächsten. Ihr Protest war der Anfang einer weltweiten Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei. Es war ein erster, mutiger Funke einer kleinen Glaubensgemeinschaft, der die moralische Integrität der gesamten neuen Kolonie herausforderte und das Gewissen einer künftigen Nation weckte.

Gerrit Hendricks, Derick op den Graeff, Francis Daniel Pastorius und Abraham op den Graeff waren Teil der ersten geschlossenen Gruppe von deutschen Auswanderern aus Krefeld und Kriegsheim. Viele von ihnen trugen das mennonitische Erbe in sich, auch wenn sie sich in Amerika der Quäker-Gemeinde angeschlossen hatten. Ihr Handeln war tief in der täuferischen Theologie verwurzelt.
1. Das mennonitische Erbe: Verfolgte verstehen Verfolgte
Die Unterzeichner stammten aus einer Tradition, die selbst jahrzehntelang unter Verfolgung, Vertreibung und Gewalt gelitten hatte. Das täuferisch-mennonitische Verständnis der Gewaltfreiheit (Wehrlosigkeit) und der Trennung von Welt und Gemeinde schärfte ihren Blick für das Unrecht.
Wer selbst erfahren hat, was es bedeutet, aufgrund seines Glaubens wie eine „Sache“ behandelt zu werden, konnte nicht schweigen, wenn in der neuen Heimat Menschen ihrer gottgegebenen Würde beraubt wurden. Für sie war klar: Ein Glaube, der die Unterdrückung des Nächsten toleriert, hat seine Kraft verloren.
2. Die Bibel als schärfste Waffe
Ihr Protestschreiben von 1688 ist ein Meisterwerk biblischer Argumentation. Sie griffen nicht zu politischen Theorien, sondern hielten ihren Mitmenschen den Spiegel des Evangeliums vor:
Die Goldene Regel (Matthäus 7,12): Dies war ihr Kernargument. „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ Sie fragten schlicht: Wenn ihr nicht versklavt werden wollt, wie könnt ihr es dann anderen antun?
Die Einheit der Schöpfung (Apostelgeschichte 17,26): Sie erinnerten daran, dass Gott „aus einem Blut alle Geschlechter der Menschen gemacht hat“. Für die mennonitische Denkart gab es keine geistliche Rechtfertigung für Rassismus; vor Gott ist jede Seele von gleichem Wert.
Das Verbot des Menschenraubs (Exodus 21,16): Sie benannten den Sklavenhandel als das, was er biblisch ist: Raub und Diebstahl an Gottes Ebenbild.
3. Nachfolge bedeutet Handeln
Im Zentrum des mennonitischen Glaubens steht die Nachfolge Christi im Alltag. Glaube ist für Mennoniten keine rein innerliche Angelegenheit, sondern muss sichtbar werden.
„Es ist kein Christentum, das Raub und Unfreiheit rechtfertigt.“
Mit dieser Überzeugung griffen sie die Heuchelei ihrer Zeit an. Sie warnten davor, dass der Sklavenhandel ein Hindernis für die Mission sei: Wie sollte man Ungläubige für Christus gewinnen, wenn diese sahen, dass „Christen“ Menschen wie Vieh behandelten?

Das Echo von Germantown: Zwischen institutionellem Zögern und prophetischem Ruf
Der Protest von 1688 war kein theoretisches Manifest für die Ferne, sondern ein direkter Appell an die engste Gemeinschaft. Die vier Unterzeichner richteten ihr Schreiben an die lokale Quäker-Gemeinde, das sogenannte „Monthly Meeting“ in Dublin (Pennsylvania). Sie wählten diesen Weg, weil die Gemeindeversammlungen die höchste moralische Instanz der Kolonie darstellten. Doch der Weg des Dokuments durch die Institutionen offenbart die tiefe Zerrissenheit der damaligen Gesellschaft:
April 1688 (Monatstreffen): Die Versammlung der Kirchengemeinde empfand das Thema als „zu gewichtig“ (too weighty), um es allein zu entscheiden.
Juni 1688 (Vierteljahrestreffen): Auch das Regionaltreffen in Philadelphia scheute eine klare Antwort. Man fürchtete um die Einheit, da auch einflussreiche Quäker Sklaven besaßen.
Juli 1688 (Jahrestreffen): Die höchste Instanz entschied schließlich, dass ein Urteil über die Sklaverei zum jetzigen Zeitpunkt „nicht ratsam“ sei.
Dass die Adressaten keine fernen Politiker, sondern die Glaubensgeschwister in der Nachbarbank waren, machte den Protest so persönlich und radikal. Die Verfasser forderten ihre Nachbarn auf, den gemeinsamen Prinzipien – dem „Inneren Licht“ und der Gleichheit aller Menschen – treu zu bleiben. Obwohl sie institutionell scheiterten, zwangen sie die Kirche dazu, das Unrecht der Sklaverei zum ersten Mal überhaupt offiziell auf die Tagesordnung zu setzen.
Heute bleibt dieses Zeugnis ein leuchtendes Beispiel für den Versuch einer konsequente Ausrichtung der Lebensführung an biblischen Maßstäben. In drei Punkten bleibt das Dokument von 1688 für heutige Gläubige eine bleibende Mahnung:
Bibeltreue ist unbequem: Es reicht nicht, die Bibel zu lesen; man muss die Kraft aufbringen, ihre Botschaft auch dann zu vertreten, wenn sie dem Zeitgeist und wirtschaftlichen Interessen widerspricht.
Frieden braucht Gerechtigkeit: Zum mennonitischen Friedenszeugnis gehört untrennbar der Einsatz für die Unterdrückten. Wahrer Friede ist mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg.
Die Macht der kleinen Herde: Vier Männer, tief geprägt durch die mennonitische Lehre der Nachfolge, begannen einen Prozess, der schließlich das Gewissen einer ganzen Nation verändern sollte.
Fazit: Der Germantown-Protest war ein Akt tiefster Frömmigkeit. Er erinnert uns daran, dass wahrer biblischer Glaube niemals die Augen vor dem Leid des Nächsten verschließen darf. Hier muss auch egal sein, wie hoch der wirtschaftliche Preis für diese Haltung sein mag.
Informationen aus dem Buch "Weltweite Bruderschaft" von Horst Gerlach
Weitere Informationen unter:
Weitere Quellen:
The Germantown Petition Against Slavery (1688): Das Originalmanuskript befindet sich in der Haverford College Quaker & Special Collections (Haverford, Pennsylvania). Digitale Kopien und Transkripte sind über die Library of Congress oder Wikimedia Commons zugänglich.
Lernsi, J. (2012): The 1688 Germantown Petition Against Slavery: An American Document. (Detaillierte Analyse des Textes und seiner Auswirkungen auf die US-Geschichte).
Bender, H. S. (1956): The Mennonite Encyclopedia. Artikel zu „Germantown“ und „Slavery“. (Bietet die theologische Einordnung aus täuferischer Sicht).
Niepoth, W. (1953): The Ancestry of the Thirteen Krefeld Emigrants of 1683. (Wichtig für den Nachweis der mennonitischen Wurzeln der Unterzeichner).
Drake, T. E. (1950): Quakers and Slavery in America. Yale University Press. (Standardwerk zum institutionellen Umgang der Quäker mit dem Protest).
Mennonite World Conference (mwc-cmm.org): Ressourcen zur Geschichte des Friedenszeugnisses und zur sozialen Gerechtigkeit.
Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): Eintrag „Germantown (Pennsylvania, USA)“. (Sehr zuverlässige Quelle für kirchengeschichtliche Details).
Philadelphia Yearly Meeting (pym.org): Historische Archive zur Geschichte der Sklavenbefreiung innerhalb der Quäker-Gemeinden in Pennsylvania.




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