12. Dezember 1830 – Gründung des Landwirtschaftlichen Vereins in der Kolonie Molotschna
- Redaktion

- 12. Dez. 2025
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Aktualisiert: 12. Dez. 2025

Der 12. Dezember 1830 gilt nach Hildebrand’s Zeittafel als Gründungstag des Landwirtschaftlichen Vereins in der mennonitischen Kolonie Molotschna im Süden des Russischen Reiches. Während die wissenschaftliche Literatur in der Regel nur das Jahr 1830 nennt, fixiert Hildebrand dieses Ereignis auf ein konkretes Datum und macht es so für die Erinnerungskultur besonders greifbar.
Der Verein entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer zentralen Institution der Kolonie und prägte die landwirtschaftliche Entwicklung der Mennoniten in Russland nachhaltig.
Ausgangslage der Kolonie Molotschna
Die Kolonie Molotschna war Anfang des 19. Jahrhunderts noch eine vergleichsweise junge Siedlung. Seit 1804 waren mennonitische Familien aus Westpreußen angesiedelt worden. Die Region bot fruchtbare Schwarzerdeböden, war jedoch von einer Reihe struktureller Probleme gekennzeichnet:
weitgehend baumlose Steppe und Mangel an Brenn- und Bauholz,
Winderosion und unzureichende Schutzmaßnahmen für die Felder,
unregelmäßige Niederschläge und lokale Überschwemmungen,
staatliche Erwartungen, dass die Kolonisten als „Mustergutsbesitzer“ für das Zarenreich dienen sollten.

Parallel dazu entstand innerhalb der Kolonie eine Gruppe von führenden Persönlichkeiten – darunter Johann Cornies –, die sowohl in der mennonitischen Selbstverwaltung als auch im Kontakt mit dem staatlichen Fürsorgekomitee der Neurussischen Kolonien eine wichtige Rolle spielten.
Der Verein und sein offizieller Auftrag
Am 12. Dezember 1830 wurde in Molotschna der Verein mit dem offiziellen deutschen Titel
„Verein zur fördersamen Verbreitung des Gehölz-, Garten-, Seiden- und Weinbaus“
gegründet, der in den Quellen später häufig kurz als „landwirtschaftlicher Verein“ bezeichnet wird.
Die Gründung erfolgte im Spannungsfeld zweier Ebenen:
Staatliche Kolonialpolitik
Das russische Fürsorgekomitee stellte finanzielle Mittel und rechtliche Rahmenbedingungen bereit, um Aufforstung, Gartenbau, Seidenraupenzucht und Weinbau in den neuen Kolonien zu fördern.
Mennonitische Selbstorganisation
Durch den Verein wurden diese staatlichen Ziele in eine Form überführt, die an die innere Struktur der Kolonie anknüpfte: gewählte bzw. ernannte Vertreter, lokale Kontrollen und ein Netzwerk von Versuchswirtschaften.
Zum Vorsitzenden wurde Johann Cornies berufen, der diese Funktion später auch in den aus dem Verein hervorgehenden oder umbenannten Nachfolgeorganisationen behielt.
Forstwirtschaft – Aufforstung als Kernaufgabe
Ein zentraler Aufgabenbereich des Landwirtschaftlichen Vereins war die Forstwirtschaft. Ziel war es,
Schutzstreifen aus Bäumen gegen den Wind anzulegen,
Waldflächen in Forsteien wie Alt-Berdjansk und Gross-Anadol aufzubauen,
Baumschulen zu betreiben und Setzlinge an Kolonisten auszugeben,
Dorfstraßen und Hofbereiche durch Baumpflanzungen zu strukturieren.

Diese Maßnahmen veränderten das Landschaftsbild sichtbar: Aus der offenen Steppe entwickelte sich eine von Baumreihen, Obstgärten und Waldstreifen gegliederte Agrarlandschaft. Historische Reiseberichte und spätere Fotografien aus Forsteien zeigen, dass sich die Aufforstungsprogramme nicht nur auf die unmittelbare Umgebung einzelner Dörfer beschränkten, sondern einen großräumigen Charakter hatten.
Weitere Tätigkeitsfelder: Gartenbau, Seidenraupenzucht, Weinbau
Neben der Forstwirtschaft zielte der Verein auf die Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion:
Gartenbau: Förderung von Obst- und Gemüsegärten, Einführung neuer Sorten und verbesserter Anbaumethoden.
Seidenraupenzucht: Anpflanzung von Maulbeerbäumen und Experimente mit der Aufzucht von Seidenraupen, im Rahmen eines größeren russischen Programms zur Entwicklung einer heimischen Seidenproduktion.
Weinbau: Versuche mit Rebsorten und Weinbereitung, vor allem in dafür geeigneten Lagen der Region.
Die Ergebnisse fielen unterschiedlich aus: Während Aufforstung und Obstbau langfristig als erfolgreich gelten, blieben Seidenraupenzucht und Weinbau in vielen Dörfern Versuchsfelder mit begrenzter wirtschaftlicher Bedeutung. Dennoch verankerte der Verein diese Tätigkeiten im Bewusstsein der Kolonie und trug dazu bei, dass Versuchswirtschaften wie Juschanlee zu Demonstrationsbetrieben wurden.
Juschanlee als Musterwirtschaft
Kurz vor der Vereinsgründung war das Gut Juschanlee bei Halbstadt eingerichtet worden. Es diente als Musterwirtschaft, auf der verschiedene Reformmaßnahmen erprobt und demonstriert wurden:
Kombination von Ackerbau, Viehhaltung und Forst,
geordnete Hofstrukturen und neue Bautypen,
Versuchsanlagen für Fruchtfolgen und Futterbau,
Obst- und Gartenanlagen.

In der Erinnerungsliteratur und in Bildsammlungen – etwa auf chortitza.org – wird Juschanlee ausdrücklich mit dem Landwirtschaftlichen Verein in Verbindung gebracht. Grabinschriften und Bildunterschriften betonen die Funktion Johann Cornies’ als Vorsitzender des Vereins, wodurch die institutionelle und persönliche Ebene eng miteinander verknüpft werden.
Behörde statt „Verein“ im modernen Sinn
Zeitgenössische und spätere Quellen weisen darauf hin, dass der Landwirtschaftliche Verein weniger ein freiwilliger Zusammenschluss im heutigen Sinne war, sondern eher eine mit amtlichen Vollmachten ausgestattete Behörde:
Der Verein bestand aus wenigen Mitgliedern, die als Leitungsgremium fungierten.
Er konnte Anordnungen treffen, z.B. zur Anlage von Baumreihen oder zum Umbau von Wirtschaftsgebäuden.
Er vergab Prämien und Zuschüsse, die an die Einhaltung bestimmter Vorgaben geknüpft waren.
In der Folgezeit griff er auch in Schul- und Siedlungsfragen ein und wurde zu einem wichtigen Akteur innerhalb der Kolonialverwaltung.

Damit gewann die Entscheidung vom 12. Dezember 1830 eine Bedeutung, die weit über reine Fachberatung hinausging. Der Verein wurde zu einem Instrument, mit dem staatliche Reformvorstellungen in die mennonitische Kolonialwirklichkeit hinein vermittelt und durchgesetzt wurden.
Einordnung und Langzeitwirkung
Die Gründung des Landwirtschaftlichen Vereins am 12. Dezember 1830 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Kolonie Molotschna und – in der Folge – in der Geschichte der russlandmennonitischen Landwirtschaft:
Landschaftlich trugen die Aufforstungsprogramme und die Förderung von Gärten und Obstbau zu einer deutlichen Veränderung des Siedlungsbildes bei.
Wirtschaftlich wurden Rationalisierung, Verbesserung der Viehhaltung und Einführung neuer Kulturen beschleunigt.
Verwaltungsgeschichtlich entstand ein Modell, in dem mennonitische Führungsfiguren eng mit dem russischen Staat kooperierten und zugleich erheblichen Einfluss auf die Kolonie ausübten.
Für die mennonitische Geschichtsschreibung ist der 12. Dezember 1830 daher ein markantes Datum: Er steht für den Übergang von eher informellen Reforminitiativen hin zu einer strukturierten, institutionell verankerten Form der Agrar- und Kolonialpolitik innerhalb der Molotschna-Kolonie.
Literatur und Quellen (Auswahl)
Hildebrand, Johann J.
Hildebrand’s Zeittafel. Chronologische Zeittafel: 1500 Daten historischer Ereignisse aus der Geschichte der Mennoniten und ihrer Vorläufer. Winnipeg, 1945.
Walter, Gerhard.
Ein Mann, der Segen schuf. Johann Cornies. Manuskript / Broschüre, o. O. (online zugänglich über chortitza.org).
Plett, Delbert F.
Nur Heilige. Mennoniten in Russland 1789–1889. Steinbach: D. F. Plett Historical Research Foundation, 1989.
Neutatz, Dietmar.
„Die Schwarzmeerdeutschen (bis 1917).“ In: Enzyklopädie der Russlanddeutschen. Online-Ausgabe.
Mennonitischer Geschichtsverein.
„Cornies, Johann.“ In: MennLex – Das Mennonitische Lexikon Online.
Epp, Peter u. a.
„Molotschna Kolonie.“ Auf: chortitza.org (mit Angaben zum Landwirtschaftlichen Verein und seinen Aufgaben).
„Das Molotschnaer Mennonitengebiet 1848.“
Historischer Bericht (Stach-Text), ediert auf chortitza.org.
„Juschanlee, Molotschna.“
Ortsartikel mit Angaben zur Musterwirtschaft und zum Zusammenhang mit dem Landwirtschaftlichen Verein, auf chortitza.org.




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