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10. März 1916: Manitoba drängt das Deutsche aus den Schulen – und trifft die mennonitischen Gemeinden ins Herz


Am 10. März 1916 wurde in Manitoba ein Einschnitt vollzogen, dessen Folgen weit über eine bloße Sprachregelung hinausgingen. Mit einer Änderung des Public Schools Act wurde die bisherige gesetzliche Grundlage für zweisprachigen Unterricht aufgehoben. Die 1897 eingeführte Bestimmung hatte erlaubt, dass Kinder in einer Schule auf Französisch oder in einer anderen Muttersprache und auf Englisch unterrichtet werden konnten, wenn mindestens zehn Schüler diese Sprache als Muttersprache sprachen. Mit ihrer Aufhebung war der Weg frei für das Prinzip: Englisch allein soll Unterrichtssprache sein.


Für die mennonitischen Gemeinden Manitobas war das ein besonders schwerer Schlag. Viele von ihnen waren seit den 1870er Jahren nach Kanada gekommen, im Vertrauen darauf, ihren Glauben, ihre Gemeindestruktur und auch die Erziehung ihrer Kinder in eigener Verantwortung bewahren zu können. Das Bildungswesen war für sie keine Nebensache, sondern Teil ihres religiösen Lebens. Gerade in den deutschsprachigen mennonitischen Schulen wurden Sprache, Bibelkenntnis, Singen, Katechese und Gemeindedisziplin bewusst miteinander verbunden. Die späteren Auseinandersetzungen wurden deshalb von vielen Mennoniten als Bruch jener früheren Zusicherungen empfunden, unter denen sie sich in Kanada angesiedelt hatten.


Der Schritt von 1916 muss zudem im Klima des Ersten Weltkriegs gesehen werden. Deutschsprachige Gruppen gerieten in Kanada zunehmend unter Verdacht. Für Mennoniten war diese Lage doppelt heikel: Sie waren nicht nur deutschsprachig, sondern auch pazifistisch und lehnten den Militärdienst aus Glaubensgründen ab. In diesem aufgeheizten Umfeld verschärfte die Provinz die Schulpolitik. Zeitgenössische und spätere Darstellungen beschreiben, dass in den öffentlichen Schulen patriotische Rituale, Flaggen, Bilder des Königs und national ausgerichtete Unterrichtsinhalte forciert wurden. Für viele Mennoniten wirkte das wie ein direkter Angriff auf ihre religiöse Eigenständigkeit.


Wichtig ist dabei eine historische Präzisierung: Das Gesetz vom 10. März 1916 verbot nicht einfach nur „Deutsch“ in einem engen Sinn und auch nicht ausschließlich in mennonitischen Schulen. Es beseitigte vielmehr die rechtliche Grundlage des bilingualen Unterrichts im Schulsystem Manitobas insgesamt. Im selben Jahr kam jedoch mit dem School Attendance Act eine weitere Verschärfung hinzu: Jedes Kind zwischen sieben und vierzehn Jahren musste nun die Schule besuchen, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Private Schulen wurden zwar nicht formell verboten, mussten sich aber staatlichen Vorgaben unterwerfen; wurden sie als unzureichend beurteilt, konnten sie verurteilt und faktisch ausgeschaltet werden. Genau hier lag der Nerv der mennonitischen Schulfrage.


Mennonite Heritage Village in Steinbach, Manitoba. Foto: Robert Linsdell, Wikimedia Commons, CC BY 2.0.
Mennonite Heritage Village in Steinbach, Manitoba. Foto: Robert Linsdell, Wikimedia Commons, CC BY 2.0.

Besonders die konservativen Altkolonier reagierten mit großem Widerstand. Sie verwiesen darauf, dass sie ihre eigenen Schulen bereits in Russland geführt hatten und dass ihnen bei der Ansiedlung in Kanada ebenfalls Freiraum in der Erziehung zugesichert worden sei. Eine von Gemeindeführern eingereichte Petition hielt fest, dass sie in Manitoba 22 Schulen betrieben, regelmäßig unterrichteten und unter ihren Kindern keine Analphabeten kannten. Dennoch setzte die Regierung zunehmend auf Kontrolle und Zwang. Berichte schildern, dass öffentliche Schulen in mennonitischen Gebieten eingerichtet wurden, obwohl viele Familien ihre Kinder weiterhin in die eigenen Kirchenschulen schickten.


Die Spannungen blieben nicht theoretisch. Schon wenige Jahre später zeigte sich, wie tief der Konflikt saß. Forschungen zur Schulgeschichte der Mennoniten vermerken, dass die Mennoniten in Manitoba 1916 sehr stark auf die staatlichen Vorgaben reagierten; zugleich kam es zu Gerichtsverfahren und Konflikten um die Schulpflicht. Für viele Familien stand nicht nur die Sprache auf dem Spiel, sondern die Frage, wer über die Seele des Kindes bestimmen sollte – Staat oder Gemeinde.


Langfristig trug genau dieser Schulkonflikt wesentlich zur großen mennonitischen Abwanderung der 1920er Jahre bei. Aus Manitoba und Saskatchewan wanderten damals nahezu 8.000 Mennoniten nach Mexiko und Paraguay aus, um dort wieder eigene Schulen und ein eigenständiges Gemeindeleben aufbauen zu können. In der Forschung wird diese Bewegung als die größte freiwillige Auswanderung einer einzelnen Bevölkerungsgruppe in der kanadischen Geschichte beschrieben. Damit wurde aus der Schulgesetzgebung von 1916 nicht nur ein Provinzgesetz, sondern ein Wendepunkt der mennonitischen Weltgeschichte.


Der 10. März 1916 war für die mennonitischen Gemeinden in Manitoba ein Symbol staatlicher Assimilationspolitik in Kriegszeiten. Was in der Sprache begann, griff in Glauben, Erziehung und Identität ein – und wurde am Ende zu einem jener Auslöser, die Tausende erneut auf den Weg in die Fremde trieben.


Quellen

  • Legislative Assembly of Manitoba, Debates and Proceedings, 31st Legislature, 4th Session, 2. Juli 1980. Besonders wichtig, weil hier der Wortlaut der 1916er Änderung wiedergegeben wird: Die Aufhebung von Section 258 des Public Schools Act und der frühere Wortlaut der bilingualen Regelung von 1897 werden ausdrücklich zitiert.

  • Canada, Dominion Bureau of Statistics, Legislation and Principal Events of the Years 1916 and 1917, S. 684. Diese amtliche Übersicht fasst für Manitoba zusammen, dass nach chapter 97 of 1916 jedes Kind zwischen sieben und vierzehn Jahren die Schule besuchen musste, mit bestimmten Ausnahmen.

  • Rose Bruno-Jofré, „Citizenship and Schooling in Manitoba, 1918–1945“, in: Manitoba History 36 (Autumn/Winter 1998–1999). Sehr nützlich für den größeren politischen Rahmen: Der Beitrag erklärt, dass 1916 in Manitoba die bilinguale Unterrichtsregelung aufgehoben und zugleich die Schulpflicht beschlossen wurde, eingebettet in Anglo-Konformität, Patriotismus und „Canadianization“.

  • Steven Schwinghamer, „Mennonites and Canadian Accommodation“, Canadian Museum of Immigration at Pier 21, aktualisiert am 21. Juli 2021. Gut geeignet für den Kontext der mennonitischen Einwanderung nach Manitoba, das Privilegium von 1873 und die Frage, wie Kriegszeit, Sprachpolitik und staatlicher Druck frühere Zusicherungen untergruben.

  • Frank H. Epp, Mennonites in Canada, 1920–1940: A People’s Struggle for Survival. In dem digital zugänglichen Textabschnitt werden die Mennoniten-Schulpetitionen von 1916–1922, die gerichtlichen Auseinandersetzungen und die zentrale Sorge um die religiöse Erziehung der Kinder ausführlich behandelt.

  • GAMEO, „Old Colony Mennonites“. Besonders wertvoll für das Detail, dass die Altkolonier in einer Petition vom 18. Januar 1917 auf ihre 22 Schulen, die regelmäßige Aufsicht und den eigenen Unterricht verwiesen.

  • Emerick K. Francis, „The Mennonite School Problem in Manitoba, 1874–1919“, Mennonite Quarterly Review 27 (Juli 1953), S. 204–237. Das ist eine klassische Standardstudie zum Thema; der bibliographische Nachweis ist über den MQR-Index gut belegt.

  • John Jacob Bergen, „The Manitoba Mennonites and their Schools from 1873–1924“ (M.Ed.-Arbeit, University of Manitoba, 1950). Diese Arbeit wird in der mennonitischen Forschung ausdrücklich als wichtige Studie zur Schulfrage genannt.

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