06. Januar 1860: Der „Austritt“ von Elisabethtal und die Geburtsstunde der Mennonitischen Brüdergemeinde
- Redaktion

- 6. Jan.
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Am 06. Januar 1860 geschah in der mennonitischen Siedlung Elisabethtal (Molotschna) ein Schritt, der weit über das Dorf hinauswirkte: 18 Familienvorsteher unterzeichneten eine „Austrittsschrift“ an die Ältesten der Molotschna-Gemeinden – und begründeten damit die Mennonitische Brüdergemeinde (M.B.G.) als eigenständige Bewegung.
Molotschna als Bühne: Wohlstand, Spannung, geistliche Unruhe
Die Molotschna-Kolonie (gegründet 1804 als „Neue Kolonie“, schließlich ein Netz vieler Dörfer) war im 19. Jahrhundert ein Zentrum russlandmennonitischen Lebens – wirtschaftlich erfolgreich, demographisch wachsend und zugleich innerlich unter Druck. Zeitgenössische Kritik entzündete sich nicht nur an „äußeren Formen“, sondern auch an sozialen und geistlichen Spannungen: mangelnde Gemeindezucht, ein als bequem empfundener „Status quo“ – und das Gefühl, dass persönlicher Glaube und Nachfolge in Teilen der Gemeinden verdünnt seien.
Der Einfluss Eduard Hugo Otto Wüsts: Erweckung mit Nebenwirkungen
Die Gründer von 1860 standen im Bann einer Erweckungsströmung, die eng mit dem Namen Eduard Hugo Otto Wüst (Wuest) verbunden ist. Wüst, ein pietistisch geprägter lutherischer Prediger, kam 1845 in die Region (u. a. Neuhoffnung) und wurde auch unter Mennoniten gehört: in Häusern, bei Versammlungen, bei Missionsfesten. Seine Botschaft betonte Bekehrung, Heilsgewissheit und ein bewusstes Leben vor Gott – und prägte viele, die später zu den mennonitischen Brüdergemeinden gehören sollten. Wüst starb am 13. Juli 1859 – doch die von ihm mit angestoßene Bewegung trug wenige Monate später in Elisabethtal sichtbare Frucht.
Der Weg nach Epiphanias 1860: Hausgemeinschaft, Streit, Entscheidung
Der konkrete Vorlauf ist in mehreren Darstellungen gut greifbar: Ende November 1859 feierte eine kleine Gruppe in Elisabethtal das Abendmahl in einem Privathaus – ein Zeichen enger Gemeinschaft, aber auch ein Signal der Distanz zur offiziellen Ordnung. Im Dezember 1859 eskalierten in Gemeindeversammlungen (u. a. in Gnadenfeld) die Konflikte: Die „neue Richtung“ wurde scharf angegriffen, einzelne Personen traten aus – und der Gedanke einer formellen Trennung gewann Gestalt. Schließlich verabredeten Johann Klaassen und der Lehrer Abraham Cornelsen, dass Cornelsen eine Austrittsschrift formulieren und Klaassen für Epiphanias (06. Januar) ein brüderliches Treffen in Elisabethtal ansetzen solle.
Der 06. Januar 1860: Unterschrift unter ein hartes Urteil – und unter ein neues Gemeindeverständnis
Überliefert ist, dass das „Gründertreffen“ im Haus von Isaak Koop stattfand. Die vorbereitete Austrittsschrift wurde sorgfältig geprüft; dann – im Bewusstsein der Tragweite – verbrachte man den Nachmittag „bis zum Abend“ im Gebet, bevor das Dokument zur freiwilligen Unterschrift ausgelegt wurde. 18 Familienvorsteher unterschrieben noch am selben Tag; am 18. Januar kamen weitere Unterschriften hinzu.
Inhaltlich ist das Schreiben bemerkenswert scharf. Es spricht von einem „verfallenen/entarteten“ Zustand der mennonitischen Bruderschaft und klagt „offen gottloses Leben“ an; drastisch ist sogar die Rede davon, dass man auf Jahrmärkten „satanische“ Lebensweise sehe bzw. Menschen „dem Teufel dienen“ hörbar würden. Zugleich nennt das Schreiben ein Motiv, das in Russlandmennonitischer Geschichte besonders brisant ist: die Angst, durch fortgesetzte Missachtung von Ordnung und Obrigkeit staatliche Privilegien zu gefährden.
Neben der Anklage steht aber ein positives Programm: Die Unterzeichner betonen Übereinstimmung „mit Menno“ und bekennen eine Taufe „auf den Glauben“ – verbunden mit dem Ruf nach Wiedergeburt (Joh. 3) und einer „lebendigen“ Glaubenspraxis In späteren Rückblicken aus dem mennonitischen Umfeld wird dieser Tag deshalb nicht nur als Bruch, sondern als geistliche Neuorientierung beschrieben: als Schritt von einer breiten Volkskirchlichkeit hin zu einer Gemeinde, die bewusst als Gemeinschaft erkennbarer Nachfolge verstanden werden wollte.
Erste Folgen: Riss in der Kolonie – und ein Name, der bleibt
Der Preis war hoch: Die Wortwahl der Austrittsschrift verschärfte Spannungen massiv. Der Historiker John A. Toews urteilte später, die Anklagen seien teils „zu pauschal“ und „zu hart“ gewesen; zugleich räumten auch Stimmen in der „Mutterkirche“ ein, dass geistliche Erneuerung nötig war – nur habe man den Weg der Spaltung bedauert.
Trotz Konflikten wurde aus dem Schritt eine dauerhafte Wirklichkeit: Die entstehende Mennoniten Brüder-Bewegung verbreitete sich in den Mennonitenkolonien, rang um Duldung und rechtliche Klarheit und gewann schließlich auch formale Anerkennung (in der späteren Entwicklung wird als wichtiger Meilenstein u. a. die Anerkennung im Jahr 1880 genannt). In der Migration der Russlandmennoniten (ab 1870er Jahren) wanderte auch diese kirchliche Prägung mit – bis hinein in die heutigen weltweiten Mennonitischen Brüdergemeinden.
Quellen:
J. A. Toews, A History of the Mennonite Brethren Church (Text-Ausgabe bei Archive.org): Gründertreffen, Wortlaut-Auszüge, Unterschriftenzahlen.
Delbert F. Plett (Hg.), Mennonite Historian (PDF): Kontext der Vorgänge 1859/1860 und die Zuspitzung bis Epiphanias.
MB History: „Profiles: The Mennonite Brethren Church“ (Überblick, Einordnung, Konfliktwahrnehmung, Anerkennung/Entwicklung).
CMBS (Centre for Mennonite Brethren Studies): Biografische Skizze Eduard H. O. Wüst (Daten, Wirkung auf Molotschna/Berdjansk).
Direction (Fachaufsatz): Pietistische Einflüsse und Wüsts Rolle in der Erweckung unter Russlandmennoniten.
Molotschna-Kolonie (Überblick zu Gründung/Struktur): Wikipedia




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