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Johann David Klaassen (Claassen) (1820–1876)

Aktualisiert: 11. Jan.

Johann David  Klaassen (auch Claassen geschrieben)
Johann David Klaassen (auch Claassen geschrieben)

Am 24. Dezember 1876 endete in Wohldemfürst in der Kuban-Kolonie das Leben eines Mannes, der für viele zum Sinnbild eines wachen Gewissens wurde: Johann David Klaassen (auch Claassen geschrieben), Mitbegründer der Mennonitischen Brüdergemeinde (MBG) und Wegbereiter einer Erneuerungsbewegung, die weit über Molotschna hinauswirkte.


Johann wurde am 27. Juli 1820 in Ohrlofferfelde/Orlofferfelde bei Tiegenhof in Westpreußen geboren. Seine Eltern waren David und Aganetha (geb. Penner) Klaassen. Als der Vater 1827 starb, wanderte die Familie kurz darauf im Planwagenzug nach Südrussland aus und ließ sich in der Molotschna-Kolonie nieder, wo Johann in Liebenau auf einer Kleinwirtschaft aufwuchs.


Schon früh zeigte sich seine Begabung: Mit 14 Jahren besuchte er die Halbstädter Zentralschule und schloss sie mit 18 ab. In den folgenden Jahren verband er Bildung mit praktischer Tatkraft. Er arbeitete wiederholt für Johann Cornies (u. a. auf Einkaufs- und Verkaufsreisen nach Melitopol, Berdjansk und Simferopol) und führte später mit Cornelius Reimer ein Geschäft in Liebenau – der eine als Kaufmann/Organisator, der andere als Ladenverwalter. Diese Mischung aus Weitblick und Bodenhaftung prägte sein ganzes Wirken.


„Gott und Gewissen“ – der Weg zur Erneuerung


Johann war Mitglied der mennonitischen Gemeinde in Gnadenfeld. In den 1840er Jahren erfasste die Molotschna eine geistliche Erweckung, angestoßen auch durch Prediger wie Eduard Wüst. Johann gehörte zu denen, die diese neue Frömmigkeit nicht als Mode verstanden, sondern als Ruf zu einem verbindlichen Christsein.


Dabei lag ihm besonders am Herzen, dass Glaube nicht nur „Sonntagssache“ bleibt, sondern den Alltag formt – auch in Schule und Erziehung. So war er 1857 einer der Träger der Bruderschule in Gnadenfeld, die „über das Dorfschulniveau hinaus“ eine bessere christliche Ausbildung fördern sollte. Um der Schule einen gesicherten Status zu geben, reiste Johann sogar zweimal nach St. Petersburg, um staatliche Anerkennung als Ausbildungsstätte zu erwirken.


Der 6. Januar 1860 – Johann Klaassens Anteil an der Gründung der MBG


Die Spannungen in der Gnadenfelder Gemeinde spitzten sich Ende 1859 zu. Nachdem in Elisabethtal ein privates Abendmahl stattgefunden hatte, geriet die Erneuerungsgruppe unter starken Druck. In den Gemeindeversammlungen am 19. und 27. Dezember 1859 wurden die „Brüder“ scharf angegriffen; selbst Johann Klaassen und Jakob Reimer, die am umstrittenen Abendmahl nicht beteiligt waren, wurden öffentlich zum Ziel.


In dieser zugespitzten Situation zeigte Johann eine Art von Mut, die nicht laut ist, aber konsequent: Als Jakob Reimer nach Spott und Zurufen den Saal verlassen durfte, erhob sich Johann – und rief die Gleichgesinnten, ihm zu folgen. Etwa zehn standen auf und gingen mit. Das war kein politischer Protest, sondern ein Schritt, der aus dem Glauben an Verantwortung vor Gott geboren war.


Johann suchte danach das Gespräch mit Abraham Cornelsen (Lehrer in Elisabethtal). Cornelsen sollte die Austrittsschrift verfassen, Johann die Zusammenkunft einberufen. So kam es am Epiphanias-Tag, 6. Januar 1860, im Haus von Isaak Koop in Elisabethtal zu einer Beratung: Die Austrittsschrift wurde geprüft, und nach ernstem, anhaltendem Gebet unterschrieben 18 Familienväter – darunter Johann Klaassen die Austrittsschrift. Damit war die Geburtsstunde der Mennonitischen Brüdergemeinde in Molotschna gekommen.


Der Ton der Erklärung zeigt, aus welcher inneren Not heraus dieser Schritt geschah: Man sprach davon, den geistlichen Verfall erkannt zu haben und „um Gottes und Gewissens willen“ nicht länger mitgehen zu können.


Unter Druck – und dennoch tragfähig handeln


Die Reaktion der Koloniebehörden folgte rasch: Versammlungen wurden untersagt, die Delegierten vorgeladen. Johann Klaassen, Cornelsen und Koop unterschrieben am 10. Februar 1860 eine Erklärung, zunächst nichts weiter zu unternehmen, bis staatliche Genehmigung vorläge. Johann merkte schon auf dem Heimweg, dass dies kaum je gewährt würde – und dass die Unterschrift ein Fehler gewesen war.


Doch gerade hier zeigt sich sein Charakterzug: Er blieb nicht in der Enttäuschung stehen, sondern suchte Wege, die Gemeinde zu schützen. In der Nacht zum 29. März 1860 verließ er – aus Sorge, man könne ihn aufhalten – sein Haus um 2 Uhr morgens und reiste nach St. Petersburg, um für die bedrängte Bruderschaft rechtliche Sicherheit zu erbitten.


Nach weiteren Bemühungen legte er am 15. Mai 1862 eine Petition vor und erhielt die Zusicherung, dass eine kirchliche Trennung keinen Verlust bürgerlicher Rechte und keine polizeiliche Verfolgung nach sich ziehen solle. Für die junge Bewegung war das ein entscheidender Schutzraum.


Kuban – Neuland aus Verantwortung


Schon früh wuchs unter den Brüdern die Überzeugung, man brauche auch räumlich einen Ort, an dem Gemeindeaufbau ohne ständige Reibung möglich wäre. Johann Klaassen gehörte zu denjenigen, die diese Perspektive praktisch umsetzten. Noch 1862 reiste er mit anderen erneut nach St. Petersburg, um Land im Kaukasusraum zu finden. Auf einem Areal von 6.500 Dessjatinen wurde Wohldemfürst in der Kuban-Region angelegt (1863; offizielle Genehmigung 1864), später folgte Alexanderfeld (1866). Johann zählt damit ausdrücklich zu den Gründern der Kuban-Ansiedlung.


Auch dort blieb er nicht nur „Siedler“, sondern übernahm Verantwortung: 1869 wurde er Oberschulze der Kolonie. In dieser Funktion nahm er 1871 an einer Begegnung anlässlich eines Empfangs für Zar Alexander II. teil und erhielt später staatliche Auszeichnungen (u. a. Silbermedaille 1872, Goldmedaille 1874 sowie eine Golduhr). Hinter diesen Ehrungen stand nicht persönliche Eitelkeit, sondern die Anerkennung für Aufbauarbeit – und sie zeigen, welche organisatorische Kraft dieser Mann besaß.


Familie, Leid und Hoffnung


Johann heiratete am 31. Januar 1847 Katharina Reimer (Tochter von David Reimer aus Felsenthal; Schwester von Jakob Reimer). Die Familie wurde reich gesegnet – und zugleich schwer geprüft: Von insgesamt zehn Kindern starben mindestens sechs sehr früh. Katharina starb am 25. Juli 1869 in der Kuban-Kolonie. Am 1. März 1870 heiratete Johann erneut: Catharina Schmidt (aus der Chortitza-Kolonie), mit der er weitere Kinder hatte


Wer solche Verluste trägt, lernt eine stille Theologie: dass man nicht alles erklären kann – aber dass man sich dennoch an Christus festhält. Vielleicht passt ein Satz, der in der frühen Brüderüberlieferung Johann zugeschrieben wird, gerade deshalb so gut zu ihm: „Wir wollen es dem Herrn anheimstellen, der wird die Sache herrlich hinausführen.“


Was bleibt


Johann Klaassen starb am 24. Dezember 1876 in Wohldemfürst – 56-jährig. Ein Historiker der russlandmennonitischen Geschichte (P. M. Friesen) bewertete ihn als einen der großen Förderer der Sache der Mennoniten in Russland. Und betrachtet man sein Lebenswerk, versteht man, warum: Er war einer, der Glauben und Bildung, Gemeinde und Ordnung, Gebet und Tatkraft zusammenhielt.


Gerade in der Gründung der MBG zeigt sich sein Vermächtnis: Nicht Streitlust führte ihn, sondern die Überzeugung, dass Gemeinde nur dann Zukunft hat, wenn sie aus Umkehr, neuer Hingabe und verantwortlichem Handeln lebt. So bleibt Johann Claassen als ein Zeuge dafür in Erinnerung, dass Erneuerung ihren Preis hat – und dass Gott oft Menschen gebraucht, die bereit sind, diesen Preis in Treue zu zahlen.


Quellen:

  • Friesen, P. M. Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Russland (1789–1910) im Rahmen der mennonitischen Gesamtgeschichte. Halbstadt (Taurien): Verlagsgesellschaft „Raduga“, 1911. (Oft genutzt als Reprint: Duderstadt: Mecke Druck und Verlag, 1991, ISBN 3-923453-40-X.)

  • Helmut T. Huebert, Events in Russian Mennonite History and the People that Made Them Happen (1999), Abschnitt „Johann Claassen“.

  • „Mennoniten-Brüdergemeinde“, MennLex (Artikel zur Entstehung, 6. Januar 1860).

  • Mennonite Historian 34/3 (Sep 2008), Darstellung der Ereignisse um 1859/1860.

  • A. H. Unruh (via Archive.org-Text), Überlieferung zur Austrittsschrift und Frühzeit.

  • Chortitza.org (W. Frese / Friesen-Bezug), Eintrag zu Johann David Klaassen (Daten, Orte, Rolle).

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