Abraham Cornelsen (1826–1884)
- Redaktion

- 6. Jan.
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Wenn man auf das Leben von Abraham Cornelsen blickt, tritt ein Mensch hervor, der zwei Berufungen in sich vereinte: die Berufung zum Lehrer und die Berufung zum geistlichen Dienst. Beides war bei ihm nicht nur Aufgabe, sondern Ausdruck einer inneren Haltung: Wahrheit suchen, Gewissen bewahren, Menschen dienen – auch dann, wenn es persönlich teuer wird.
Frühe Prägungen: Verantwortung statt Sicherheit
Abraham Cornelsen wurde am 11. August 1826 in Preußen geboren. Schon früh erlebte er, dass das Leben nicht immer in geordneten Bahnen verläuft: Die Familie zog 1827 in die Molotschna-Kolonie, kurz darauf starb der Vater. Diese frühe Erfahrung von Verlust und Neuorientierung machte ihn nicht bitter, sondern ernsthaft. Wer ihn später kannte, schilderte ihn als einen Mann, der nicht nach Bequemlichkeit suchte, sondern nach dem, was vor Gott richtig ist.
Lehrer in Elisabethtal: Bildung als Dienst an der Gemeinschaft
Cornelsen wurde Dorfschullehrer – ein Amt, das in den mennonitischen Kolonien weit mehr war als „Unterricht“. Der Lehrer war Mitträger der Dorfordnung, Vermittler von Sprache, Bibelwissen und Alltagskompetenz, häufig auch Seelsorger im Kleinen. Cornelsen nahm diese Verantwortung an. Er war kein Mann großer Worte um ihrer selbst willen, sondern einer, der Klarheit liebte: im Denken, im Glauben, im Leben.
Am 1. Februar 1849 heiratete er Aganetha Gaede. Gemeinsam bekamen sie 13 Kinder. Wer eine so große Familie durch schwere Zeiten trägt, zeigt, was Treue bedeutet: nicht im Ideal, sondern im Alltag.
1859/1860: Gewissen, Erneuerung – und der Preis
In den Jahren um 1859 verdichtete sich in Molotschna eine geistliche Bewegung. Viele spürten: Es genügt nicht, „zur Gemeinde zu gehören“; der Glaube muss das Herz erreichen, das Leben verändern, Christus sichtbar machen. Cornelsen stand mitten in dieser Suche nach Erneuerung.
Im Spätherbst 1859 beteiligte er sich in Elisabethtal an einer privaten Abendmahlsfeier, die zum Auslöser heftiger Konflikte wurde. Für die einen war es ein Schritt des Glaubens, für andere ein unerlaubter Bruch mit Ordnung und Autorität. Cornelsen geriet dadurch ins Zentrum einer Auseinandersetzung, die nicht nur „Formfragen“ betraf, sondern die Frage:
Was ist Gemeinde – Tradition oder gelebte Nachfolge?
Der entscheidende Schritt folgte am 6. Januar 1860: In Elisabethtal wurde die Austritts- bzw. Stiftungsschrift beraten und unterschrieben, die in der Überlieferung als offizieller Gründungsakt der Mennonitischen Brüdergemeinde (M.B.G.) gilt. Cornelsen war nicht nur Unterzeichner – er gehörte zu denjenigen, die die Erklärung mit vorbereiteten und Verantwortung übernahmen. Als Lehrer war er geübt, Gedanken präzise zu formulieren. Gerade diese Fähigkeit wurde in diesem Moment bedeutsam: Nicht Protest um des Protestes willen, sondern ein begründetes Zeugnis des Gewissens.
Damit war sein Weg praktisch vorgezeichnet. Cornelsen verlor seine Anstellung als Lehrer und musste Elisabethtal verlassen. Wer die Stabilität eines sicheren Amtes kennt, versteht, was das bedeutet: Einkommen, Ansehen, soziale Einbettung – alles stand auf dem Spiel. Aber Cornelsen wählte nicht den bequemeren Ausweg, sondern den, den er vor Gott verantworten konnte.
Am 25. April 1860 ließ er sich taufen; seine Frau folgte am 15. Mai 1860. Es ist ein stilles, aber starkes Zeichen: Aus einer inneren Bewegung wurde ein öffentliches Bekenntnis – nicht ohne Konsequenzen.
Prüfungen und Dienst: Hände, die arbeiten – und ein Herz, das bleibt
Nach der Entlassung musste Cornelsen seine Familie unter schwierigen Bedingungen versorgen. Zeitweise arbeitete er in einer Mühle; dabei erlitt er einen schweren Unfall und verlor Teile mehrerer Finger. Später folgten Krankheit und Schwächephasen. Solche Erlebnisse prägen einen Menschen. Cornelsen zog sich jedoch nicht zurück. Sein Leben zeigt: Ein Zeugnis besteht nicht nur aus großen Entscheidungen, sondern aus dem Durchhalten in den kleinen und schmerzhaften Kapiteln.
In den folgenden Jahren lebte die Familie in verschiedenen Regionen. Cornelsen wirkte zunehmend als Prediger und Missionar – auch unter Nichtmennoniten. Gerade das kennzeichnet viele der frühen Brüder: Der Glaube wurde nicht als Besitzstand verstanden, sondern als Auftrag. Wo Türen aufgingen, trat Cornelsen ein; wo Widerstand kam, blieb er standhaft. Es heißt, dass ihm staatlicher Druck und auch Haft nicht erspart blieben. Umso deutlicher wird: Er suchte nicht Konflikt, aber er wich dem Zeugnis nicht aus.
Neubeginn in Amerika: Ältester in Kansas
Am 24. Juni 1879 wanderte Cornelsen mit seiner Familie in die USA aus und ließ sich in der Nähe von Hillsboro (Kansas) nieder. Wieder ein Neuanfang – im fortgeschrittenen Alter, mit Familie, nach Jahren der Belastung. Doch gerade darin zeigt sich sein Charakter: Er war keiner, der nur dort dienen konnte, wo alles vertraut war.
In Kansas wurde er zu einem geistlichen Leiter. 1882 wurde er als Ältester eingesetzt (Ebenfeld Mennonite Brethren Church). Damit schloss sich ein Kreis: Der Lehrer, der einst wegen seines Gewissens seine Stelle verlor, durfte nun offiziell als Hirte und Leiter dienen – nicht als Sieger, sondern als Diener, geformt durch Leiden und Treue.
Letzte Jahre und Heimgang
Ab 1883 häuften sich gesundheitliche Einbrüche; Schlaganfälle schwächten ihn. Am 24. September 1884 starb Abraham Cornelsen. Sein Leben endete nicht in äußerem Glanz, aber in etwas Tieferem: in einem Weg, der Christus treu bleiben wollte.
Was bleibt: Sein Vermächtnis für die M.B.G. und darüber hinaus
Abraham Cornelsen gehört zu den Gestalten, bei denen die Gründung der Mennonitischen Brüdergemeinde nicht wie ein „Ereignis“ wirkt, sondern wie eine Gewissensentscheidung, die ein ganzes Leben prägt. Er half mit, die Bewegung von 1860 in Worte zu fassen und öffentlich zu bekennen. Dafür bezahlte er mit Sicherheit und Stellung. Und doch gewann er etwas, das kein Amt geben kann: die innere Freiheit, Gott mehr zu gehorchen als Menschen, ohne die Menschen zu verachten.
Sein Lebenszeugnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Er diente mit dem Verstand des Lehrers, mit der Standhaftigkeit des Glaubenden und mit der Treue eines Hirten – und blieb dabei ein Bruder unter Brüdern.




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