Zwischen Zürich und Straßburg

Zwischen Zürich und Straßburg liegt im Norden der Schweiz das Dorf Schleitheim. Die geografische Lage verbindet den Ort mit zwei bedeutenden Städten der Täufergeschichte: In Zürich begann 1525 die Täuferbewegung, Straßburg wurde zu einem wichtigen Treffpunkt und zeitweiligen Zufluchtsort. Schleitheim selbst ging durch eine Versammlung im Februar 1527 in die Täufergeschichte ein. Hier entstand ein Glaubensbekenntnis, das das Gemeindeleben der Täufer und ihrer Nachfahren bis heute prägt.
Ein alter Ort an einem wichtigen Weg
Schleitheim liegt nahe der deutschen Grenze in einem eigenen Tal zwischen dem Langen Randen und den Höhenzügen Stauffebärg und Lendebärg. Der Schlaatemerbach durchfließt das lang gestreckte Dorf und prägt mit seinen Windungen bis heute das Ortsbild. Die beiden Hauptstraßen folgen ungefähr seinem Lauf.

Schon in der Antike führte durch das Tal eine wichtige Verbindung zwischen den Landschaften an Neckar, Donau, Rhein und Aare. An dieser Straße lag die römische Kleinstadt Iuliomagus, deren Reste noch heute von der frühen Geschichte des Ortes zeugen. Im Thermenmuseum sind Teile einer römischen Badeanlage erhalten.

Auch die christliche Geschichte reicht weit zurück. Archäologische Funde weisen auf eine Kirche aus der Zeit um das Jahr 600 hin. Die heute sichtbare reformierte Kirche erhielt ihre wesentliche Gestalt allerdings erst im 19. Jahrhundert. Sie ist deshalb kein unverändert erhaltenes Bauwerk aus der Täuferzeit.
Zürich: Der Anfang der Täuferbewegung
Im nahen Zürich setzte sich Huldrych Zwingli für die Reformation der Kirche ein. Einige seiner Anhänger, darunter Konrad Grebel und Felix Manz, wollten jedoch in entscheidenden Fragen weitergehen. Sie waren überzeugt, dass die Taufe nur denen zukomme, die persönlich an Jesus Christus glaubten.

Am 21. Januar 1525 kam es in Zürich zu den ersten Glaubenstaufen. Konrad Grebel taufte Jörg Blaurock; weitere Männer empfingen ebenfalls die Taufe. Die Täufer verstanden die Gemeinde nicht als Gemeinschaft aller Einwohner eines Landes, sondern als Versammlung gläubiger Menschen, die Christus bewusst nachfolgen wollten. Der Bruch mit der bestehenden Kirchenordnung führte bald zu Verfolgungen.
Straßburg: Begegnung und Zuflucht
Straßburg am Rhein wurde in den folgenden Jahren zu einem bedeutenden Ort der Begegnung für Täufer. Die freie Reichsstadt bot Verfolgten zunächst vergleichsweise größere Freiräume als manche andere Stadt.

Dort trafen Menschen aus verschiedenen Regionen und mit unterschiedlichen Auffassungen zusammen. Hans Denck, Ludwig Hätzer und später Pilgram Marpeck gehörten zu den bekannten Persönlichkeiten, die mit Straßburg verbunden waren.
Der Austausch in Straßburg zeigte zugleich, dass die junge Täuferbewegung nicht in allen Fragen einheitlich war. Umso wichtiger war es für viele Gemeinden, die Grundsätze des christlichen Lebens klar aus der Heiligen Schrift zu begründen.
Schleitheim: Die Versammlung vom 24. Februar 1527
In dieser bewegten Anfangszeit versammelten sich am 24. Februar 1527 täuferische Brüder in Schleitheim. Eine führende Rolle spielte Michael Sattler, ein ehemaliger Benediktinermönch. Über den genauen Ort der Zusammenkunft ist nichts Sicheres bekannt. Das Treffen musste in einer Zeit stattfinden, in der Täufer wegen ihres Glaubens vielerorts bedrängt und verfolgt wurden.
Das Ergebnis war die „Brüderliche Vereinigung“, heute meist Schleitheimer Artikel oder Schleitheimer Bekenntnis genannt. In sieben Artikeln ging es um die Glaubenstaufe, die Gemeindezucht, das Abendmahl, die Absonderung von der Welt, das Hirtenamt, die Ablehnung des Schwertes und die Verweigerung des Eides.
Damit gaben die Versammelten ihrem Verständnis von der christlichen Gemeinde eine klare Form. Für sie sollte die Zugehörigkeit zur Gemeinde auf persönlichem Glauben beruhen. Die Nachfolge Jesu musste auch im täglichen Leben sichtbar werden.
Besonders deutlich bekannten sie sich zur Gewaltlosigkeit und zum Verzicht auf die Anwendung des Schwertes. Die Bergpredigt Jesu war für diese Überzeugung von grundlegender Bedeutung.
Die Schleitheimer Artikel waren nicht das Bekenntnis aller Täufergruppen. Vor allem für die Schweizer Brüder und ihnen nahestehende Gemeinden wurden sie jedoch zu einem entscheidenden Orientierungspunkt.
Zürich war der Ort des Aufbruchs; Schleitheim wurde zu einem Ort der Klärung und geistlichen Festigung.
Ein Glaube, der Verfolgung nicht auswich
Die Vereinbarung von Schleitheim machte den Gegensatz zur damaligen Verbindung von Kirche und Staat besonders deutlich. Die Täufer lehnten verpflichtende Eide ebenso ab wie die Gewaltanwendung zur Durchsetzung des Glaubens. Gerade diese Haltung brachte sie in Konflikt mit den Obrigkeiten.

Auch aus Schleitheim und seiner Umgebung mussten Gläubige ihre Heimat verlassen. Die Ortsgeschichte berichtet von Auswanderungen nach Mähren und in die Pfalz. Als letzte Täuferin des Kantons wird dort die Witwe Margaretha Hess-Bächtold genannt, die 1680 fortzog.
Die Überzeugungen der frühen Brüder gingen durch die Vertreibung dennoch nicht verloren.
Schleitheim bewahrt die Erinnerung
Heute erinnert das Museum Schleitheimertal im Gebäude der Alten Schule an dieses Glaubenszeugnis. Das Schulhaus wurde 1780/81 erbaut und 1824 erweitert. Seit der Museumseröffnung 1995 befindet sich dort auch eine Ausstellung zur Täufergeschichte.

Von besonderem Wert ist eine zweite Ausgabe des Schleitheimer Bekenntnisses aus dem Jahr 1550. Die 2021 veröffentlichte Ortsbroschüre berichtet, dass dieses seltene Exemplar seit 2004 öffentlich ausgestellt wird.

Ein 2017 eröffneter Täuferweg von Merishausen nach Schleitheim lädt dazu ein, sich auch in der Landschaft mit dieser Geschichte zu beschäftigen.
So ist Schleitheim mehr als ein Dorf zwischen Zürich und Straßburg. Hier wurden im Jahr 1527 Glaubensgrundsätze formuliert, die den Weg zahlreicher täuferischer Gemeinden mitbestimmten. Bis heute erinnern die Schleitheimer Artikel daran, dass die Gemeinde Jesu sich am Wort Gottes orientieren und die Nachfolge Christi in Glauben, Leben und Handeln sichtbar werden lassen soll.
Quellen:
1. Zentralbibliothek Zürich: Heinrich Thomann, Kopienband zur zürcherischen Kirchen- und Reformationsgeschichte, 1605–1606, Ms B 316, Blatt 245v. Originalhandschrift.
2. Historisches Lexikon der Schweiz: „Täufer“. Zur Entstehung, Verfolgung und Entwicklung der Täuferbewegung. hls-dhs-dss.ch.
3. Historisches Lexikon der Schweiz: „Michael Sattler“. Zu seinem Wirken in Zürich, Straßburg und Schleitheim. hls-dhs-dss.ch.
4. Regionaler Naturpark Schaffhausen: Andreas Schiendorfer, Unser Kulturerbe: Schleitheim, 2021. Zur Ortsgeschichte und zum Täuferzimmer. PDF herunterladen.
NATOURPARK
5. Der Märtyrerspiegel: Die Schleitheimer Artikel von 1527. Historischer Bekenntnistext und Hintergrundinformationen. maertyrerspiegel.de





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