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24. August 1555: Täufer beraten in Straßburg über Einheit und Glaubensfragen

Straßburg auf einer Stadtansicht von Frans Hogenberg aus dem Jahr 1572. Die freie Reichsstadt entwickelte sich im 16. Jahrhundert zu einem wichtigen Zufluchts- und Versammlungsort unterschiedlicher Täufergruppen.
Straßburg auf einer Stadtansicht von Frans Hogenberg aus dem Jahr 1572. Die freie Reichsstadt entwickelte sich im 16. Jahrhundert zu einem wichtigen Zufluchts- und Versammlungsort unterschiedlicher Täufergruppen.

Am 24. August 1555 kamen in Straßburg Älteste und Prediger verschiedener Täufergemeinden zu einer geheimen Beratung zusammen. Im Mittelpunkt stand eine schwierige theologische Frage: Wie war die Menschwerdung Jesu Christi zu verstehen? Hinter dieser Lehrfrage stand zugleich ein praktisches Anliegen. Die versammelten Brüder wollten verhindern, dass unterschiedliche Auffassungen zu Bann, Trennung und neuen Spaltungen unter den ohnehin verfolgten Gemeinden führten.


Das Treffen wurde zu einem wichtigen Schritt beim Zusammenschluss täuferischer Gemeinden zwischen der Schweiz, Süddeutschland, dem Elsass und dem Niederrhein.



Straßburg als Zufluchtsort der Täufer


Straßburg gehörte seit den 1520er-Jahren zu den bedeutendsten Zentren der Täuferbewegung. Die freie Reichsstadt zog Glaubensflüchtlinge aus der Schweiz, Süddeutschland, Tirol und den Niederlanden an. Zu den bekannten Täufern, die zeitweilig in Straßburg lebten oder dort wirkten, gehörten Hans Denck, Michael Sattler, Wilhelm Reublin, Jakob Kautz, Melchior Hofmann und Pilgram Marpeck.


Die Straßburger Obrigkeit ging zunächst weniger hart gegen religiöse Abweichler vor als viele andere Städte. Während Täufer andernorts ertränkt, enthauptet oder verbrannt wurden, verhängte der Straßburger Rat häufiger Gefängnisstrafen oder Ausweisungen. Dennoch waren täuferische Versammlungen verboten. Bereits 1527 hatte der Rat ein Mandat erlassen, das den Bürgern untersagte, täuferischen Lehren anzuhängen oder verfolgten Täufern Unterkunft zu geben.


In den folgenden Jahrzehnten mussten die Gemeinden daher zunehmend im Verborgenen arbeiten. Ihre Gottesdienste und Beratungen fanden in Privathäusern, Werkstätten oder angemieteten Räumen statt. Auch die späteren Straßburger Täuferkonferenzen wurden unter strenger Geheimhaltung durchgeführt.


Weil ihre Gottesdienste und Beratungen verboten waren, mussten sich Täufer häufig heimlich versammeln. Die Radierung von Jan Luyken zeigt den Täufer Pieter Pietersz. Bekjen, der 1569 während einer verborgenen Zusammenkunft auf einem Boot bei Amsterdam aus der Bibel vorliest. Das Bild veranschaulicht die damaligen Bedingungen, zeigt jedoch nicht das Straßburger Treffen von 1555.
Weil ihre Gottesdienste und Beratungen verboten waren, mussten sich Täufer häufig heimlich versammeln. Die Radierung von Jan Luyken zeigt den Täufer Pieter Pietersz. Bekjen, der 1569 während einer verborgenen Zusammenkunft auf einem Boot bei Amsterdam aus der Bibel vorliest. Das Bild veranschaulicht die damaligen Bedingungen, zeigt jedoch nicht das Straßburger Treffen von 1555.

Eine Bewegung mit unterschiedlichen Richtungen


Die Täuferbewegung war keine einheitlich geleitete Kirche. Durch Verfolgung, Vertreibung und große Entfernungen hatten sich verschiedene Gruppen entwickelt. Zu ihnen gehörten die Schweizer Brüder, die süddeutschen Gemeinden im Umfeld Pilgram Marpecks, die Hutterischen Brüder in Mähren sowie unterschiedliche niederländische und norddeutsche Täufergruppen.


Auch die Anhänger Melchior Hofmanns bildeten eine eigene Richtung. Hofmann hatte um 1529 in Straßburg gepredigt und die Stadt in den Mittelpunkt seiner endzeitlichen Erwartungen gestellt. Nach seiner Gefangennahme im Jahr 1533 und seinem Tod in Straßburger Haft um 1543 zerfiel seine Anhängerschaft jedoch in verschiedene Gruppen. Manche seiner früheren Anhänger wandten sich von den gewaltsamen Entwicklungen in Münster ab und suchten Gemeinschaft mit friedfertigen Täufergemeinden.


Melchior Hofmann auf einem um 1600 entstandenen Kupferstich von Christoffel van Sichem. Hofmann hatte in Straßburg und den Niederlanden zahlreiche Anhänger gewonnen. Vertreter der später als Melchioriten bezeichneten Gemeinden gehörten zu den Initiatoren des Täufertreffens von 1555. Hofmann selbst war bereits um 1543 in Straßburger Gefangenschaft gestorben.
Melchior Hofmann auf einem um 1600 entstandenen Kupferstich von Christoffel van Sichem. Hofmann hatte in Straßburg und den Niederlanden zahlreiche Anhänger gewonnen. Vertreter der später als Melchioriten bezeichneten Gemeinden gehörten zu den Initiatoren des Täufertreffens von 1555. Hofmann selbst war bereits um 1543 in Straßburger Gefangenschaft gestorben.

Daneben bestanden am Niederrhein und in der Eifel zahlreiche Gemeinden. Einige von ihnen waren zeitweise mit Menno Simons und den niederländischen Taufgesinnten verbunden. Unterschiede in der Lehre und in der Anwendung des Bannes belasteten jedoch die Beziehungen.


Die Frage nach der Menschwerdung Christi


Der unmittelbare Anlass des Treffens von 1555 war die sogenannte Inkarnationslehre – die Lehre von der Menschwerdung Jesu Christi. Ein Teil der Täufer vertrat die Auffassung, Christus habe sein menschliches Fleisch wirklich von Maria empfangen. Andere, besonders von Melchior Hofmann beeinflusste Täufer, lehrten, Christus habe sein Fleisch vom Himmel mitgebracht und sei lediglich durch Maria hindurch in die Welt gekommen.


Diese heute schwer verständlich erscheinende Auseinandersetzung war für die damaligen Täufer keineswegs eine nebensächliche Spekulation. Es ging um die Frage, wie Jesus zugleich wahrer Gott und wahrer Mensch sein konnte. Damit berührte der Streit unmittelbar das Verständnis der Erlösung.


Auch unter niederländischen Täufern wurde darüber heftig gestritten. Adam Pastor betonte die wirkliche menschliche Herkunft Jesu aus Maria und geriet deshalb mit Dirk Philips und Menno Simons in Konflikt. Zugleich äußerte Pastor Ansichten über die Gottheit Christi, die von seinen Gegnern als antitrinitarisch angesehen wurden. Bei Zusammenkünften in Goch und Lübeck waren die Spannungen so groß geworden, dass Pastor aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde.


Die geheime Zusammenkunft vom 24. August


Über die Teilnehmer des Straßburger Treffens von 1555 ist keine vollständige Namensliste erhalten. Sicher ist lediglich, dass „Diener und Älteste“ zusammenkamen. Nach dem überlieferten Bericht waren sie von Brüdern, „die man Hofmanniten nennt“, sowie von Brüdern aus den Niederlanden eingeladen worden.


Eine zwei Jahre später in Straßburg abgehaltene Konferenz wurde von ungefähr fünfzig Ältesten und Predigern besucht. Sie kamen aus Mähren, Schwaben, der Schweiz, Württemberg, dem Breisgau und dem Elsass. Ob das Treffen von 1555 ähnlich groß war, lässt sich nicht feststellen. Deshalb sollte die Teilnehmerzahl nicht mit jener der Konferenz von 1557 gleichgesetzt werden.


Die Beratung von 1555 führte zu einer bemerkenswert versöhnlichen Vereinbarung. Die Brüder beschlossen, einander wegen der unterschiedlichen Auffassungen über die Menschwerdung Christi nicht zu bannen. Damit wurde die Lehrfrage nicht vollständig gelöst. Die Beteiligten erkannten jedoch, dass sie die bestehende Gemeinschaft nicht an dieser Frage zerbrechen lassen wollten.


Diese Haltung bedeutete nicht, dass ihnen die biblische Lehre gleichgültig gewesen wäre. Vielmehr versuchten sie, zwischen einer ernsthaften theologischen Überzeugung und einer Trennung der Gemeinden zu unterscheiden. Die Einheit der Gläubigen sollte nicht vorschnell durch gegenseitige Verurteilungen zerstört werden.


Aufnahme weiterer Gemeinden


Die Vereinbarung öffnete den Weg dafür, verbliebene Anhänger Melchior Hofmanns sowie Gemeinden am Niederrhein und in der Eifel in den größeren Gemeindeverband der Schweizer Brüder aufzunehmen. Der Name „Schweizer Brüder“ bezeichnete zu dieser Zeit längst nicht mehr nur Gemeinden in der Schweiz. Es handelte sich um ein weitgespanntes Netzwerk täuferischer Gemeinden, das sich vom Niederrhein über das Elsass und Süddeutschland bis nach Mähren erstreckte.


Durch die Straßburger Vereinbarung von 1555 wurde dieses Netzwerk erheblich erweitert. Besonders die Gemeinden in Köln und Aachen gewannen in den folgenden Jahren an Bedeutung. Sie unterhielten Verbindungen zu Täufern in den Niederlanden, in der Eifel, in der Pfalz und im süddeutschen Raum.


Der Historiker Martin Rothkegel beschreibt die Zusammenkunft deshalb nicht nur als theologisches Gespräch, sondern auch als wichtigen Schritt beim Aufbau einer überregionalen täuferischen Untergrundkirche.


Eine Kirche ohne staatlichen Schutz


Nur einen Monat nach dem Täufertreffen wurde am 25. September 1555 der Augsburger Religionsfrieden beschlossen. Er erkannte neben der römisch-katholischen Kirche erstmals das lutherische Bekenntnis reichsrechtlich an. Für die Täufer brachte dieser Religionsfrieden jedoch keine Erleichterung. Sie blieben von seinem Schutz ausgeschlossen.


Titelblatt eines 1555 in Mainz erschienenen Drucks des Augsburger Religionsfriedens. Der nur einen Monat nach dem Straßburger Täufertreffen beschlossene Religionsfrieden erkannte Katholiken und Lutheraner an. Die Täufer blieben dagegen weiterhin ohne rechtlichen Schutz.
Titelblatt eines 1555 in Mainz erschienenen Drucks des Augsburger Religionsfriedens. Der nur einen Monat nach dem Straßburger Täufertreffen beschlossene Religionsfrieden erkannte Katholiken und Lutheraner an. Die Täufer blieben dagegen weiterhin ohne rechtlichen Schutz.

Während katholische und lutherische Obrigkeiten ihre jeweiligen Kirchen staatlich absichern konnten, mussten sich die Täufer weiterhin heimlich organisieren. Ihre Gemeinden besaßen keine Kirchengebäude, keine öffentlichen Schulen und keine anerkannte Leitung. Dennoch bildeten sie ein erstaunlich weitreichendes Netz. Älteste und Prediger reisten unter großer Gefahr von Gemeinde zu Gemeinde, überbrachten Briefe, ordinierten Diener und berieten gemeinsam über Lehre und Gemeindeordnung.


Straßburg wurde dabei zu einem bevorzugten Treffpunkt. Von 1555 an sind dort wiederholt Synoden der Schweizer Brüder nachweisbar. Auf späteren Konferenzen wurden Fragen des Bannes, der Gemeindedisziplin, der Ämter und der Beziehungen zu anderen Täufergruppen behandelt. Die Straßburger Gemeindeordnung von 1568 blieb bis weit ins 17. Jahrhundert hinein von Bedeutung.


Nur eine spätere Übersetzung ist erhalten


Das ursprüngliche Dokument über das Treffen vom 24. August 1555 ist verloren gegangen. Sein Inhalt ist lediglich in einer späteren niederländischen Übersetzung überliefert. Diese trägt den Titel:


„Verdragh ghemaeckt by de Broederen en Ousten tot Straesborgh vergadert van wegen de wetenschap van de herkomst des vlees Christi.“


Sinngemäß bedeutet dies:


„Vereinbarung der Brüder und Ältesten, die in Straßburg wegen der Frage nach der Herkunft des Fleisches Christi versammelt waren.“


Der Text wurde 1630 von dem niederländischen täuferischen Ältesten Hans Alenson wiedergegeben und später in der Bibliotheca Reformatoria Neerlandica veröffentlicht. Die Datumsangabe 24. August 1555 beruht auf dieser Überlieferung.


Der niederländische täuferische Prediger Hans Alenson. In seinem 1630 veröffentlichten „Tegen-Bericht“ überlieferte er den heute nur noch in niederländischer Übersetzung bekannten Beschluss des Straßburger Täufertreffens vom 24. August 1555. Späterer Kupferstich nach Crispijn van de Passe.
Der niederländische täuferische Prediger Hans Alenson. In seinem 1630 veröffentlichten „Tegen-Bericht“ überlieferte er den heute nur noch in niederländischer Übersetzung bekannten Beschluss des Straßburger Täufertreffens vom 24. August 1555. Späterer Kupferstich nach Crispijn van de Passe.

Die Bedeutung des Treffens


Das Straßburger Täufertreffen von 1555 zeigt, wie die verfolgten Gemeinden um Einheit rangen. Die Beteiligten wussten aus bitterer Erfahrung, dass Lehrstreitigkeiten Gemeinschaften spalten und einzelne Gläubige isolieren konnten. Deshalb suchten sie nach einer Möglichkeit, unterschiedliche Auffassungen zu ertragen, ohne die Wahrheit des Evangeliums geringzuschätzen.


Die erzielte Einigung blieb begrenzt. In den folgenden Jahren kam es erneut zu Auseinandersetzungen mit Menno Simons, besonders über Bann und Meidung. Eine vollständige Vereinigung der oberdeutsch-schweizerischen und der niederländischen Täufer gelang nicht. Dennoch verhinderte die Vereinbarung von 1555 zunächst eine weitere Spaltung und ermöglichte die Aufnahme zahlreicher Gemeinden in ein größeres brüderliches Netzwerk.


Damit steht der 24. August 1555 für einen bedeutsamen, wenn auch wenig bekannten Augenblick der Täufergeschichte: Unter den Bedingungen von Verfolgung und Geheimhaltung versuchten Brüder aus unterschiedlichen Richtungen, einander zuzuhören, gemeinsam in der Heiligen Schrift nach Wahrheit zu suchen und die Einheit der Gemeinde zu bewahren.


Quellen und weiterführende Literatur:

  • Martin Rothkegel: Theologische Kontroversgespräche zwischen Reformierten und Schweizer Brüdern. Spuren einer transterritorialen täuferischen Untergrundkirche des 16. Jahrhunderts.

  • Martin Rothkegel: Daniel Graff über Pomponio Algieri von Nola, in: Mennonitische Geschichtsblätter.

  • Mennonitisches Lexikon: Straßburg (Strasbourg).

  • Tjerk Brok: Adam Pastor’s Vnderscheit/Onderscheet, in: Mennonite Quarterly Review.

  • Samuel Cramer (Hrsg.): Bibliotheca Reformatoria Neerlandica, Band 7, ’s-Gravenhage 1910, Seiten 226–228.

  • C. Arnold Snyder (Hrsg.): Later Writings of the Swiss Anabaptists, 1529–1592.

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