20. Mai 1533 Verhaftung von Melchior Hoffmann in Straßburg
- Redaktion

- vor 7 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

Am 20. Mai 1533 wurde Melchior Hoffmann in Straßburg verhaftet und eingekerkert. Für die Geschichte der Täuferbewegung war dieses Ereignis von großer Bedeutung. Hoffmann war nicht nur ein wandernder Prediger, sondern einer der einflussreichsten Vertreter des frühen norddeutschen und niederländischen Täufertums. Seine Lehren wirkten weit über Straßburg hinaus – bis nach Ostfriesland, Amsterdam und später auch in jene Kreise, aus denen die niederländisch-mennonitische Bewegung hervorging.
Melchior Hoffmann wurde um 1495 oder um 1500 in der Gegend von Schwäbisch Hall geboren. Von Beruf war er Kürschner. Eine akademische Ausbildung hatte er nicht, doch er besaß eine starke religiöse Überzeugungskraft und trat früh als Laienprediger auf. Seit den 1520er Jahren wirkte er in verschiedenen Gebieten Nordeuropas: in Livland, in schwedischen Städten, in Schleswig-Holstein, in Ostfriesland und schließlich in Straßburg. Dabei geriet er immer wieder in Konflikt mit kirchlichen und obrigkeitlichen Stellen.
Zunächst stand Hoffmann der lutherischen Reformation nahe. Doch bald entfernte er sich von Luther, besonders in der Abendmahlsfrage. Bei einer Disputation in Flensburg am 8. April 1529 wurde seine Lehre verworfen; anschließend musste er Dänemark verlassen. Danach kam er nach Straßburg, einer Reichsstadt, die in den 1520er Jahren für viele religiöse Flüchtlinge und nonkonforme Gruppen zeitweise ein Zufluchtsort war. Dort kam Hoffmann mit täuferischen Kreisen in Berührung.

Von Straßburg aus führte sein Weg weiter nach Ostfriesland und in die Niederlande. In Emden und später auch in Amsterdam gewann er zahlreiche Anhänger. Die Bewegung, die sich um ihn bildete, wurde nach ihm „Melchioriten“ genannt. Hoffmanns Bedeutung liegt besonders darin, dass er täuferische Gedanken aus dem süddeutschen Raum in den Norden brachte. In der Neuen Deutschen Biographie heißt es, er habe die Wiedertaufe „von Süddeutschland nach dem Norden“ getragen. GAMEO bezeichnet ihn sogar als eine Schlüsselfigur für die Ausbreitung des Täufertums in den Niederlanden.
Hoffmanns Verkündigung war stark endzeitlich geprägt. Er deutete die Offenbarung des Johannes und andere biblische Texte so, dass er den Anbruch einer neuen Zeit unmittelbar erwartete. Straßburg spielte in seiner Vorstellung eine besondere Rolle: Die Stadt sollte nach seinen Erwartungen ein Mittelpunkt des kommenden Reiches Gottes, ja eine Art „neues Jerusalem“ werden. Diese Gedanken weckten bei seinen Anhängern große Erwartungen, bei den städtischen Behörden jedoch wachsende Sorge.
Vermutlich im März 1533 kehrte Hoffmann nach Straßburg zurück. Nach späterer Überlieferung, unter anderem bei Obbe Philips, soll ihm in Emden vorausgesagt worden sein, dass er in Straßburg für eine bestimmte Zeit gefangen gesetzt werde. Hoffmann selbst erwartete offenbar, dass seine Haft nur vorübergehend sein würde. Tatsächlich aber sollte er das Gefängnis nicht mehr verlassen.
Am 20. Mai 1533 griff der Straßburger Rat ein. Hoffmann wurde verhaftet und eingekerkert. Im Juni 1533 wurde er als unbelehrbarer Ketzer verurteilt. Seine Lehren galten den Straßburger Reformatoren und dem Rat als gefährlich, besonders wegen seiner endzeitlichen Erwartung, seiner Ablehnung der Kindertaufe und seiner eigenwilligen Auslegung der Schrift. Auch Martin Bucer, der führende Reformator Straßburgs, setzte sich intensiv mit Hoffmann und den Täufern auseinander. Die Quellen zur Täufergeschichte in Straßburg sind später in mehreren Bänden ediert worden; darunter befinden sich auch wichtige Texte zu Bucers Auseinandersetzung mit Melchior Hoffmann.
Die Sorge der Obrigkeit wurde noch größer, als sich in Münster kurze Zeit später eine radikale Täuferherrschaft entwickelte. Zwar darf Hoffmann nicht einfach mit den gewaltsamen Ereignissen in Münster gleichgesetzt werden. GAMEO betont ausdrücklich, dass die sozialen und moralischen Entgleisungen in Münster keine direkte Entsprechung in Hoffmanns Leben und Lehre hätten. Dennoch wirkten einige seiner endzeitlichen Gedanken in melchioritischen Kreisen weiter und trugen zur angespannten Lage bei.
Hoffmann blieb ungefähr zehn Jahre in Straßburger Haft. Wahrscheinlich starb er Ende 1543 oder Anfang 1544 im Gefängnis. Auch während seiner Gefangenschaft gab er seine Überzeugungen nicht einfach auf. Nach heutigen Forschungsangaben verfasste oder vermittelte er weiterhin Schriften; sogar Texte aus der Haft gelangten zu Anhängern in Köln und in den Niederlanden. Ein aktuelles Göttinger Editionsprojekt arbeitet daran, Hoffmanns umfangreiche Schriften kritisch zu erschließen.
Für die spätere mennonitische Geschichte bleibt Melchior Hoffmann eine zwiespältige, aber wichtige Gestalt. Seine apokalyptischen Erwartungen führten in gefährliche Spannungen und wurden von vielen Täufern später nicht übernommen. Zugleich bereitete seine Tätigkeit in Norddeutschland und den Niederlanden den Boden für jene friedlicheren täuferischen Kreise, aus denen später Menno Simons, Obbe Philips und Dirk Philips hervortraten. Damit steht der 20. Mai 1533 nicht nur für die Verhaftung eines einzelnen Predigers, sondern auch für einen Wendepunkt in der frühen Geschichte des niederländisch-mennonitischen Täufertums.
Quellen
Neue Deutsche Biographie: „Hoffman, Melchior“
GAMEO: „Hoffman, Melchior (ca. 1495–1544?)“
MennLex: „Straßburg“
SUB Göttingen: Projekt „Melchior Hoffman: The Writings. Critical Edition“
Quellen zur Geschichte der Täufer, Elsaß, besonders Stadt Straßburg 1533–1535.




Kommentare