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Das Erbe von Schleitheim: 500 Jahre Täuferbekenntnis und gelebte Nachfolge

Blick auf Schleitheim im Kanton Schaffhausen: In diesem Dorf wurde 1527 das Schleitheimer Bekenntnis verfasst, das für viele Mennoniten und Täufer bis heute ein wichtiges Glaubenszeugnis geblieben ist.
Blick auf Schleitheim im Kanton Schaffhausen: In diesem Dorf wurde 1527 das Schleitheimer Bekenntnis verfasst, das für viele Mennoniten und Täufer bis heute ein wichtiges Glaubenszeugnis geblieben ist.

Schleitheim. Im kleinen Schleitheim im Kanton Schaffhausen soll im kommenden Jahr ein Gedenkanlass von besonderer geschichtlicher Bedeutung stattfinden. Am Samstag und Sonntag, dem 3. und 4. Juli 2027, wird dort an das 500-jährige Jubiläum des Schleitheimer Bekenntnisses erinnert. Nach Aussage des Projektleiters Dominik Brasser soll es ein historischer Anlass werden, der Menschen aus der Region, aus der Schweiz und auch aus dem Ausland zusammenführt.


Ein wichtiges Glaubenszeugnis der Täufer


Für Mennoniten hat dieses Jubiläum eine besondere Bedeutung. Das Schleitheimer Bekenntnis, auch Schleitheimer Artikel genannt, gehört zu den wichtigsten frühen Glaubenszeugnissen der Täuferbewegung. Es entstand im Jahr 1527, nur wenige Jahre nach Beginn der Reformation. In einer Zeit großer religiöser Unruhe fassten Täufer in Schleitheim ihre Glaubensüberzeugungen in sieben Artikeln zusammen. Als mutmaßlicher Hauptverfasser gilt Michael Sattler, der kurze Zeit später wegen seines Glaubens hingerichtet wurde.


Das seltene Druckexemplar der „Brüderlichen Vereinigung“ im Museum Schleitheimertal: Das Büchlein mit den Schleitheimer Artikeln wurde vom damaligen Vereinspräsidenten Willi Bächtold zufällig in einem Auktionskatalog entdeckt, später ersteigert und von der Sturzenegger Stiftung Schaffhausen finanziert. Der genaue Kaufpreis belief sich damals auf 14.000 Mark.
Das seltene Druckexemplar der „Brüderlichen Vereinigung“ im Museum Schleitheimertal: Das Büchlein mit den Schleitheimer Artikeln wurde vom damaligen Vereinspräsidenten Willi Bächtold zufällig in einem Auktionskatalog entdeckt, später ersteigert und von der Sturzenegger Stiftung Schaffhausen finanziert. Der genaue Kaufpreis belief sich damals auf 14.000 Mark.

Die Schleitheimer Artikel behandeln zentrale Fragen des Gemeindelebens: die Glaubenstaufe, das Abendmahl, die Gemeindezucht, die Absonderung von der Welt, das Hirtenamt, die Wehrlosigkeit und die Ablehnung des Eides. Damit wurde in wenigen Punkten beschrieben, was vielen Täufern wichtig war: Der Glaube sollte nicht nur ein äußeres Bekenntnis sein, sondern im Leben sichtbar werden. Die Gemeinde sollte aus Menschen bestehen, die Christus freiwillig nachfolgen und sich an Gottes Wort ausrichten.


Bis heute in vielen Gemeinden lebendig


Gerade deshalb sind die Schleitheimer Artikel für viele Mennoniten bis heute nicht nur ein Stück Geschichte. In vielen Gemeinden wirken ihre Grundsätze weiterhin nach. Die Glaubenstaufe wird als persönliche Entscheidung verstanden. Das Abendmahl steht im Zusammenhang mit einem geordneten Gemeindeleben. Die Gemeindezucht erinnert daran, dass Nachfolge Christi auch Verantwortung füreinander bedeutet. Die Absonderung von der Welt wird in konservativen mennonitischen Gemeinden bis heute ernst genommen, wenn es um Kleidung, Lebensweise, Unterhaltung, Medien, Schule, Beruf und Gemeinschaft mit der Welt geht.


Konservative mennonitische Familie in Südamerika: Viele Grundsätze der Schleitheimer Artikel – wie Glaubenstaufe, Gemeindeordnung, Wehrlosigkeit und Absonderung von der Welt – prägen bis heute das Leben zahlreicher mennonitischer Gemeinden.
Konservative mennonitische Familie in Südamerika: Viele Grundsätze der Schleitheimer Artikel – wie Glaubenstaufe, Gemeindeordnung, Wehrlosigkeit und Absonderung von der Welt – prägen bis heute das Leben zahlreicher mennonitischer Gemeinden.

Auch die Wehrlosigkeit gehört zu den bleibenden Kennzeichen vieler täuferisch-mennonitischer Gemeinden. Der Verzicht auf Kriegsdienst, Gewalt und Rache gründet in der Lehre Jesu und wurde im Schleitheimer Bekenntnis klar ausgesprochen. Ebenso hat die Ablehnung des Eides in vielen Gemeinden bis heute Bedeutung. Statt zu schwören, soll das einfache Ja oder Nein eines Christen zuverlässig sein. Damit wird deutlich: Die Schleitheimer Artikel wollten nicht eine bloße Theorie aufstellen, sondern eine christliche Lebensordnung beschreiben.


Eine geistliche Linie bis in die Gegenwart


Für konservative Mennoniten, Altkolonier, Amische, Hutterer und andere täuferische Gruppen sind viele dieser Gedanken bis heute vertraut. Nicht alle Gemeinden wenden die Schleitheimer Artikel in gleicher Weise an, doch ihre Grundlinien sind in vielen mennonitischen Traditionen weiterhin erkennbar. Wo die Gemeinde als sichtbare Gemeinschaft von Gläubigen verstanden wird, wo man die Taufe an den persönlichen Glauben bindet, wo man Gewalt ablehnt und sich vor dem Geist der Welt bewahren möchte, dort lebt das Anliegen von Schleitheim weiter.


Ein Gedenkanlass für Jung und Alt


Der geplante Gedenkanlass will diese Geschichte nicht nur wissenschaftlich darstellen, sondern erlebbar machen. Während der zwei Tage sollen sechs unterschiedliche Formate angeboten werden, die Besucher jeden Alters ansprechen. Vorgesehen ist ein Mittelalter-Familien-Parcours, der besonders Familien mit Kindern ein lebendiges Erlebnis bieten soll. Dazu kommen ein gemeinsamer Kulturabend mit Musik und Gesang sowie Szenenspiele am Täuferweg, bei denen historische Begebenheiten an besonderen Orten dargestellt werden.


Der Täuferpfad im Schleitheimer Wald erinnert an die verborgenen Wege der frühen Täufer. Im Jubiläumsjahr 2027 sollen hier Szenenspiele am Täuferweg die Geschichte des Schleitheimer Bekenntnisses und der verfolgten Täuferfamilien lebendig werden lassen.
Der Täuferpfad im Schleitheimer Wald erinnert an die verborgenen Wege der frühen Täufer. Im Jubiläumsjahr 2027 sollen hier Szenenspiele am Täuferweg die Geschichte des Schleitheimer Bekenntnisses und der verfolgten Täuferfamilien lebendig werden lassen.

Täuferfamilien aus dem Schleitheimertal


Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sonderausstellung „Die Täuferfamilien aus dem Schleitheimertal“. Dabei soll der Blick auf einheimische Familien gerichtet werden, deren Namen bis heute in der Region bekannt sind. Genannt werden unter anderem Bächtold, Hess, Pletscher, Wanner, Stamm, Meyer, Heusi, Vogelsanger, Werner und Russenberger. Die Ausstellung macht deutlich, dass die Täufergeschichte nicht nur eine allgemeine Reformationsgeschichte ist, sondern auch eine Familien- und Dorfgeschichte. Hinter den Bekenntnissen standen Väter und Mütter, Kinder und Großeltern, Hausgemeinden und Dorfgemeinschaften, die für ihren Glauben schwere Folgen tragen mussten.


Symbolische Darstellung der Täuferfamilien aus dem Schleitheimertal: Die geplante Sonderausstellung zum Jubiläum 2027 soll an Familien wie Stamm, Wanner, Bächtold, Pletscher und Vogelsanger erinnern, die mit der frühen Täufergeschichte der Region verbunden sind.
Symbolische Darstellung der Täuferfamilien aus dem Schleitheimertal: Die geplante Sonderausstellung zum Jubiläum 2027 soll an Familien wie Stamm, Wanner, Bächtold, Pletscher und Vogelsanger erinnern, die mit der frühen Täufergeschichte der Region verbunden sind.

Forschung, Kultur und Erinnerung


Ergänzend dazu ist eine Kulturausstellung mit unterschiedlichen Perspektiven geplant. Fachreferate sollen den aktuellen Forschungsstand rund um das Schleitheimer Bekenntnis beleuchten und seine Wirkung bis in die Gegenwart nachzeichnen. Gerade für Mennoniten bietet dies die Möglichkeit, die eigenen geistlichen Wurzeln neu zu betrachten. Die Frage ist nicht nur, was 1527 geschah, sondern auch, was dieses Zeugnis heute bedeutet.


Auch über den Jubiläumsanlass hinaus soll die Erinnerung in Schleitheim sichtbar bleiben. Geplant ist ein Denkmal für die vertriebenen Täuferfamilien der Region. Dieses Denkmal soll im Dorf einen dauerhaften Erinnerungsort schaffen und zum Innehalten, Informieren und Nachdenken einladen. Nach den bisherigen Projektangaben trägt die Denkmalidee den Namen „Schleitheimer Himmelsleiter“. Sie soll an den schweren und oft gefährlichen Weg der verfolgten Täuferfamilien erinnern.


Hinter dem Anlass steht der Verein für Heimatkunde Schleitheim. Zahlreiche örtliche Vereine und Organisationen sollen eingebunden werden. Damit wird deutlich: Die Erinnerung an das Schleitheimer Bekenntnis soll nicht nur Sache einzelner Historiker bleiben, sondern von der Bevölkerung mitgetragen werden.


Ein Ort mit weltweiter Bedeutung


Für Mennoniten in Europa, Nordamerika, Südamerika und anderen Teilen der Welt ist Schleitheim ein besonderer Erinnerungsort. Viele ihrer Vorfahren wurden wegen ähnlicher Glaubensüberzeugungen verfolgt, vertrieben oder zur Auswanderung gezwungen. Manche Familienlinien führen direkt oder indirekt in die Schweiz, nach Süddeutschland, ins Elsass oder in andere frühe Täufergebiete zurück. Der Ort Schleitheim steht deshalb stellvertretend für eine Glaubensgeschichte, die später über Preußen, Russland, Kanada, Mexiko, Paraguay, Bolivien und viele weitere Länder weiterging.


Mahnung zur Treue


Das Jubiläum im Jahr 2027 erinnert daran, dass die Täufer ihren Glauben nicht nur mit Worten bekannten. Sie wollten Christus nachfolgen, auch wenn es etwas kostete. Die Schleitheimer Artikel waren ein Bekenntnis zu einer Gemeinde, die sich von Gottes Wort leiten lässt, Gewalt ablehnt, die Wahrheit redet und sich nicht dem Geist der Welt anpasst.


Damit bleibt Schleitheim auch nach 500 Jahren aktuell. Für viele Mennoniten sind die Schleitheimer Artikel nicht nur ein Dokument aus der Vergangenheit, sondern eine Mahnung zur Treue. Sie erinnern daran, dass echte Nachfolge nicht nur im Gottesdienst sichtbar wird, sondern im ganzen Leben: in der Familie, in der Gemeinde, im Umgang mit der Welt und im Frieden mit dem Nächsten.


Weitere Informationen zum geplanten Gedenkanlass, zum Programm, zur Geschichte des Schleitheimer Bekenntnisses sowie zum vorgesehenen Denkmal finden Interessierte auf der offiziellen Internetseite des Projekts:


Quellen:

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