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06. Oktober 1683 Von Krefeld nach Pennsylvania: Auswanderung der „Original 13“

Aktualisiert: 11. Jan.





Am 6. Oktober 1683 (nach englischer Old-Style-Zeitrechnung) betreten dreizehn Familien vom Niederrhein in Pennsylvania festen Boden – eine kleine Gruppe, die später als „Original 13“ bekannt wird. Ihre Reise steht am Anfang einer größeren deutschsprachigen Einwanderung nach Pennsylvania – und sie ist vor allem eine Auswanderungsgeschichte: geplant, organisiert, risikoreich und von religiösen Überzeugungen geprägt.


Ausgangspunkt: Krefeld als Zuflucht – aber nicht als Endstation


Die Familien lebten in Krefeld (damals häufig „Crefeld“ geschrieben), einer kleinen Stadt im Einflussbereich der Grafschaft Moers. Im frühen 17. Jahrhundert entwickelte sich dort – begünstigt durch politische Sonderlagen – eine relative religiöse Toleranz, die verfolgte Minderheiten (u. a. Mennoniten und später Quäker) anzog. Gleichzeitig war die Lage „nicht ideal“: Das Umfeld blieb konfessionell geprägt und Druck/Benachteiligung religiöser Minderheiten war real genug, dass Auswanderung als Ausweg attraktiv wurde.


Viele dieser Familien waren Handwerker (besonders Leinenweber und Färber) – sie hatten Fähigkeiten, die sie „mitnehmen“ konnten, auch wenn Land und Besitz zurückblieben.


Die Vorbereitung: Verträge, Vollmachten – und ein Mann in Pennsylvania


Die Auswanderung geschah nicht „spontan“. Entscheidender Motor war ein transatlantisches Netzwerk aus Quäkern, Siedlungswerbung und Landkauf.


Eine Schlüsselrolle spielte Franz Daniel Pastorius (Jurist), der als Beauftragter der „Frankfurter Gesellschaft“ (Frankfort Company) Land in Pennsylvania sichern sollte. Er verließ England am 10. Juni 1683 mit dem Schiff „America“ und kam am 20. August 1683 in Philadelphia an – also Wochen vor den Krefelder Familien. Damit war vor Ort jemand, der Landfragen, Vermessung und Rechtskram koordinieren konnte.


Von Krefeld zur Küste: Rheinroute, Rotterdam, England


Einen exakt datierten „Abmarsch-Tag“ aus Krefeld kennt die Forschung nicht. Aber: Am 14. und 15. Juni 1683 erledigten einige Auswanderer noch rechtliche Regelungen zu Immobilienbesitz – kurz danach dürfte der Aufbruch erfolgt sein.


Wahrscheinlich nutzten sie die Rheinroute: von Uerdingen (heute Krefeld-Uerdingen) flussabwärts Richtung Rotterdam, anschließend über den Kanal nach England, wo das Auswandererschiff wartete.


Die Überfahrt: „Concord“, Abfahrt 24. Juli 1683 – Ankunft 6. Oktober


Die Passage war durch den Londoner Quäker James Claypoole mitorganisiert; die „Friends from Crefeld“ waren zeitweise im Rückstand und hätten das Schiff beinahe verpasst. Schließlich lief die „Concord“ am 24. Juli 1683 bei Gravesend (Themse, östlich von London) aus.


Huelsbergen beschreibt die Concord als großes, gut ausgerüstetes Schiff (ca. 500 Tonnen, Kapitän William Jeffries, Crew ~40, Proviant u. a. geschlachtete Ochsen und Bier). Die Reise verlief vergleichsweise „komfortabel“, jedenfalls ohne das typische Massensterben mancher Atlantikpassagen.


Am 6. Oktober 1683 (Old Style) erreichten die Familien den Delaware-Raum bei Philadelphia. (Hinweis für Datensammler: „Old Style“ bedeutet englische julianische Datierung; kontinentale Quellen rechnen teils anders.)


Wer waren die „13“? (Haushaltsvorstände)


Als Haushaltsvorstände werden in der Forschung u. a. genannt:

  • Dirk, Herman, Abraham op den Graeff

  • Tuenes Kunders

  • Lenert Arens

  • Reinert Tisen

  • Wilhelm Strepers

  • Jan Lensen

  • Peter Keurlis

  • Jan Siemens

  • Johann Bleikers

  • Abraham Tuenes

  • Jan Leuken 


Wichtig zur Einordnung: Religiös waren sie überwiegend Mennoniten (mostly Mennonites), einige standen dem Quäkertum nahe bzw. schlossen sich später den Friends an – die Gruppe war also nicht strikt „entweder-oder“.


Ankommen und Zusammenbleiben: Germantown als geplante Gruppensiedlung


Entscheidend für die Auswanderung war nicht nur „ankommen“, sondern als Gemeinschaft bleiben. Die Familien entschieden sich, zusammen auf einem großen Landblock zu siedeln, der über Penn/Pastorius verfügbar wurde. Ihr Ziel: Gewissensfreiheit und ein Leben ohne religiösen Druck, wie sie ihn aus der Heimat kannten.


Die Siedlung lag etwa sechs Meilen von Philadelphia entfernt und wurde als „Deutschstadt / Germantown“ bekannt. Bereits 1689 bekam Germantown städtische Strukturen; Pastorius erscheint in der Überlieferung als kommunaler Führungsakteur (oft als „Mayor“ bezeichnet).


Was die Auswanderer mitbrachten: Arbeit statt Legende


Nach den ersten Monaten, in denen Unterkünfte und Nahrung Vorrang hatten, griffen die Krefelder auf das zurück, was sie konnten: Weben. Germantown wurde bald für Leinen/Strümpfe bekannt; die Siedlung wuchs durch nachziehende Verwandte und Kontakte. Für 1702 nennt Huelsbergen bereits rund 60 Familien sowie Schule und Versammlungsstrukturen.


Mennonitische Spuren in Germantown


Auch wenn Teile der ersten Generation quäkernahe Wege gingen, entstanden in Germantown sehr früh wieder klar mennonitische Strukturen: 1708 wurde entlang der späteren Germantown Avenue das erste mennonitische Versammlungshaus in Amerika errichtet; 1770 entstand am selben Ort der bis heute bekannte Bau (Germantown Mennonite Meetinghouse).


Ein frühes Echo der Gewissensfreiheit: Protest gegen Sklaverei (1688)


Fünf Jahre nach der Ankunft entstand in Germantown ein Dokument, das oft als früher Meilenstein gilt: der Germantown-Protest gegen Sklaverei (1688), verbunden mit Pastorius und zwei der op-den-Graeff-Unterzeichner. Eine gut zugängliche Einführung liefert der NPS; eine Faksimile-/Textfassung ist über die Library of Congress erreichbar.


Erinnerungskultur: Warum der 6. Oktober heute „German-American Day“ ist


Die Ankunft der Concord-Gruppe wurde im 20. Jahrhundert bewusst als Symbolmarke gesetzt:

  • 1983 proklamierte Präsident Reagan das Tricentennial-Jahr der deutschen Ansiedlung in Amerika.

  • 1987 bestimmte der US-Kongress per Gesetz den 6. Oktober 1987 offiziell als „German-American Day“, und Reagan veröffentlichte dazu eine Proklamation.


Quellen:

  • Helmut E. Huelsbergen, The First Thirteen Families… (PDF, Kansas)

  • Historical Society of Pennsylvania: Francis Daniel Pastorius papers (Abreise/Ankunft 1683 u. a.)

  • Daniel Fischer, The German Colonization of the American Colonies (Kontext Pastorius/Germantown/Distanz zu Philadelphia/1689)

  • HSP-Blog: Meeting with the Mennonites (1708/1770 Meetinghouse)

  • Germantown Mennonite Historic Trust: meetinghouse.info (Meetinghouse-Infos)

  • U.S. Congress: Public Law 100-104 (German-American Day)

  • Ronald Reagan Presidential Library: Proclamation 5719 (German-American Day 1987)

  • NPS: Germantown Friends’ First Protest Against Slavery, 1688 + Library of Congress Faksimile



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