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24. Juli 1875 „The Rare Mennonite“ – Wie eine Zeitung 1875 über Mennoniten berichtete

Aktualisiert: vor 2 Tagen


Am Samstag, dem 24. Juli 1875, veröffentlichte der in Moorhead im US-Bundesstaat Minnesota erscheinende Red River Star eine kurze, humoristisch gemeinte Beschreibung der Mennoniten, die damals in großer Zahl durch die Stadt reisten. Der nicht namentlich gekennzeichnete Beitrag trug die Überschrift The Rare Mennonite – „Der seltene Mennonit“. Tatsächlich waren die Mennoniten zu dieser Zeit in Moorhead alles andere als selten.


Moorhead war 1875 ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf der Einwanderungsroute nach Manitoba. Mennonitische Familien aus dem Russischen Reich reisten von Quebec über Montreal und Toronto nach Sarnia, setzten ihre Reise mit einem Schiff über die Großen Seen bis Duluth fort und fuhren anschließend mit der Eisenbahn nach Moorhead. Dort wechselten sie auf einen Raddampfer, der sie auf dem Red River nach Norden brachte.


Das Dampfschiff International bringt im August 1874 mennonitische Einwanderer nach Fort Garry.
Das Dampfschiff International bringt im August 1874 mennonitische Einwanderer nach Fort Garry.

Der mennonitische Älteste Johann Wiebe beschrieb diese Route in seinem Tagebuch. Seine Reisegruppe erreichte Moorhead früh am Morgen und ging noch am selben Abend an Bord eines Dampfers. Nach einer Fahrt von rund 150 Meilen erreichten die Einwanderer Fort Dufferin nahe der kanadischen Grenze. Allein im Juli 1875 kamen dort fast 1.000 Mennoniten an. Viele von ihnen stammten aus den Kolonien Chortitza und Fürstenland im heutigen Gebiet der Ukraine und gehörten zu den ersten Siedlern der späteren Westreserve in Manitoba.


Mennoniten zum Frühstück, Mittag- und Abendessen


Der Zeitungsbeitrag begann mit der spöttischen Feststellung: “We are having Mennonite for breakfast, dinner, and supper.” Damit wollte der Verfasser ausdrücken, dass überall in Moorhead Mennoniten zu sehen waren. Ihre große Zahl und ihr ungewohntes Erscheinungsbild erregten offensichtlich beträchtliche Aufmerksamkeit.


Der Autor bezeichnete die Einwanderer als eigenartig und fremdartig. Besonders die Kleidung der Frauen wurde ausführlich und wenig respektvoll kommentiert. Erwähnt wurden ihre Hauben sowie die aus Sicht des Schreibers ungewöhnliche Beinbekleidung. Die Formulierung „Adam hosiery“ dürfte scherzhaft bedeuten, dass manche Frauen oder Kinder keine sichtbaren Strümpfe trugen. Die Bemerkung, ihre Hauben seien mit „B. C.“ gekennzeichnet, sollte vermutlich andeuten, dass diese Kopfbedeckungen bereits aus der Zeit „vor Christus“ stammten und somit hoffnungslos altmodisch seien.



Darüber hinaus machte sich der Schreiber über Körperbau und Aussehen der Frauen lustig. Der Text ist deshalb nicht nur humoristisch, sondern deutlich von den Vorurteilen und dem Überlegenheitsgefühl eines englischsprachigen Beobachters geprägt. Die Mennoniten wurden nicht als einzelne Menschen wahrgenommen, sondern als eine fremdartige Masse, deren Kleidung, Sprache und Lebensweise Anlass zu Spott boten.


Beiden Geschlechtern schrieb der Verfasser eine besondere Vorliebe für Zwiebeln, Eisenwaren, Milchkühe und Fisch zu. Ihre Glaubensgemeinschaft bezeichnete er ungenau als eine Art Quäkertum. Diese Einordnung dürfte auf Ähnlichkeiten wie schlichte Kleidung, Friedfertigkeit und eine zurückhaltende Lebensweise zurückzuführen sein.


Schlicht gekleidet – aber mit Geld in den Taschen


Neben den spöttischen Bemerkungen enthält die Notiz eine bemerkenswerte Beobachtung: Die Mennoniten seien sparsam, verfügten aber über „shiners“ in zahlreichen Beuteln. „Shiners“ war eine damalige umgangssprachliche Bezeichnung für Münzen oder Geld. Der Verfasser wollte damit sagen, dass die äußerlich schlicht wirkenden Einwanderer unerwartet viel Bargeld mit sich führten.


Kinder in großer Zahl. Wie diese Familie aus Ontario erregten auch die mit großen Familien in Manitoba ankommenden Mennoniten Aufmerksamkeit. Quelle: Mennonite Historical Society of Canada, Brubacher Collection, CA MAO 1989-10 68.
Kinder in großer Zahl. Wie diese Familie aus Ontario erregten auch die mit großen Familien in Manitoba ankommenden Mennoniten Aufmerksamkeit. Quelle: Mennonite Historical Society of Canada, Brubacher Collection, CA MAO 1989-10 68.

Diese Wahrnehmung war nicht völlig aus der Luft gegriffen. Viele Mennoniten hatten vor ihrer Auswanderung Höfe, Vieh und Besitz im Russischen Reich verkauft. Zwar waren längst nicht alle Familien wohlhabend und manche waren auf Darlehen oder die Unterstützung ihrer Glaubensgeschwister angewiesen. Insgesamt brachten die mennonitischen Einwanderer jedoch beträchtliches Kapital nach Kanada. Ein späterer Einwanderungsbericht bezifferte den von ihnen mitgebrachten Wert auf rund 380.000 Dollar – ungefähr ein Drittel des damals von allen Einwanderern gemeldeten Geldes und Besitzes.


Die Historikerin Shelisa Klassen weist allerdings darauf hin, dass die damaligen Zeitungen die Mennoniten meist als geschlossene Gruppe betrachteten. Die tatsächlich erheblichen wirtschaftlichen Unterschiede zwischen wohlhabenden Landbesitzern, bescheidenen Bauern und nahezu mittellosen Familien wurden dabei kaum beachtet.


Ein gutes Geschäft für Moorhead


An einer anderen Stelle derselben Zeitungsausgabe wurde unter der Überschrift And Still More Mennonites über eine weitere Einwanderergruppe berichtet. Sie war am Donnerstagmorgen, dem 22. Juli, mit einem Sonderzug in Moorhead eingetroffen. Noch am selben Abend ging die Gruppe an Bord des Dampfers Selkirk und eines angehängten Lastkahns.




Die Zeitung lobte die Betreuung der Reisenden durch einen Herrn De Mers und ihren Dolmetscher. Besonders erfreut zeigte sie sich darüber, dass die örtlichen Händler große Mengen an Waren verkaufen konnten. Bereits für die folgende Woche wurde die nächste Mennonitengruppe erwartet. Der Schiffsfahrplan derselben Ausgabe vermerkt, dass die Selkirk am 22. Juli Moorhead verließ; an anderer Stelle ist von rund 500 Passagieren die Rede.


Damit wird deutlich, dass hinter dem Spott auch wirtschaftliches Interesse stand. Die Mennoniten kauften Eisenwaren, Werkzeuge, Lebensmittel, Vieh und weitere Dinge, die sie zum Aufbau ihrer neuen Höfe benötigten. Ihr kurzer Aufenthalt brachte den Geschäften in Moorhead erhebliche Einnahmen.


Ein Zeitdokument über die Begegnung mit dem Fremden


Der Beitrag des Red River Star erzählt deshalb mindestens ebenso viel über die Einwohner Moorheads wie über die Mennoniten. Die fremde Sprache, die schlichte Kleidung, die großen Familien und die geschlossene Reiseweise machten die Einwanderer auffällig. Humor diente dazu, die Fremden einzuordnen und zugleich auf Abstand zu halten.


1875 erreichte die mennonitische Einwanderung nach Manitoba ihren Höhepunkt. In diesem Jahr kamen rund 3.300 Mennoniten über den Atlantik nach Kanada; insgesamt ließen sich während der 1870er-Jahre ungefähr 7.500 Mennoniten in Manitoba nieder. Ausschlaggebend waren die drohende Wehrpflicht im Russischen Reich und die kanadische Zusicherung von Religionsfreiheit, Wehrdienstbefreiung und eigenen Schulen.


Was der Zeitungsredakteur als ungewöhnlichen „Zustrom“ beobachtete, war somit ein entscheidender Abschnitt der mennonitischen Geschichte Nordamerikas. Aus den verspotteten Reisenden wurden Bauern, Handwerker und Gemeindegründer. Mit ihrer Erfahrung, ihrem Zusammenhalt und ihrer Bereitschaft zu harter Arbeit trugen sie wesentlich zur landwirtschaftlichen Erschließung des südlichen Manitoba bei.


Quellen

  • The Red River Star, Moorhead, Minnesota, 24. Juli 1875, Seite 1: „The Rare Mennonite“ und „And Still More Mennonites“. Minnesota Historical Society

  • Lawrence Klippenstein: „Manitoba Settlement and the Mennonite West Reserve (1875–1876)“. Manitoba Historical Society

  • Eleanor Chornoboy: „What Happened at Fort Dufferin?“ D. F. Plett Historical Research Foundation 

  • Shelisa Klassen: „Working Like Men: Newspaper Examinations of Gender, Respectability and Mennonite Immigration to Manitoba in the Late Nineteenth Century“. Manitoba Historical Society

  • „Mennonites and Canadian Accommodation“. Canadian Museum of Immigration at Pier 21 

  • „International“. Informationen und historisches Bild des Red-River-Dampfschiffes. Manitoba Historical Society

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