Stadtspaziergang Krefeld: Auf den Spuren der Mennoniten
- Redaktion

- vor 4 Stunden
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Der Stadtspaziergang mit Christoph Wiebe, Pfarrer der Mennonitengemeinde Krefeld, führt nicht nur zu einzelnen historischen Gebäuden, sondern folgt zugleich der Entwicklung der Stadt selbst. Besonders deutlich wird dabei, wie eng die Krefelder Stadterweiterungen mit der Geschichte der religiösen Minderheiten verbunden waren. Wo neue Straßen, Plätze und Stadtgrenzen entstanden, öffneten sich nach und nach auch neue Möglichkeiten für Mennoniten, Katholiken, Lutheraner und Juden. Die Führung zeigt deshalb, dass Krefelds Wachstum nicht nur eine Frage von Handel, Seide und Stadtplanung war, sondern auch ein Spiegel der langsam wachsenden Glaubensfreiheit. Gerade die Mennonitenkirche, zunächst als verborgene Hofkirche gebaut, macht anschaulich, wie aus Duldung, Begrenzung und wirtschaftlichem Aufstieg schließlich eine anerkannte religiöse Präsenz in der Stadt wurde.
Der Vorplatz der Mennonitenkirche: früher hinten, heute vorne

Der heutige Kirchenvorplatz wirkt wie der Haupteingang. Tatsächlich stand hier früher ein Gebäude, das unter anderem als Predigerwohnung und zeitweise auch als Heim für Witwen und Waisen diente. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieser Bereich stark zerstört. Beim Bombenangriff auf Krefeld im Juni 1943 wurden die Kirche, die Gemeindehäuser und Nebengebäude schwer beschädigt. Die Nebengebäude wurden nach dem Krieg nicht in der alten Form wieder aufgebaut.
Mit diesem Ort verbindet sich auch die Geschichte Samuel Mullers. Er war als Waisenjunge mit der Krefelder Gemeinde verbunden und wurde später ein bedeutender niederländisch-mennonitischer Theologe. Diese Geschichte zeigt, wie eng Krefeld auch noch im 19. Jahrhundert mit der niederländischen Mennonitenwelt verbunden war.
Der Innenraum der Mennonitenkirche

Die ursprüngliche Mennonitenkirche war ein schlichter rechteckiger Bau. Wie der Innenraum anfangs genau aussah, ist nicht vollständig bekannt. Vermutlich befand sich die Kanzel an einer Längsseite, dazu gab es wohl Emporen, um mehr Besuchern Platz zu bieten. Eine besondere Episode führt in das Jahr 1751: Der reformierte Liederdichter und Erweckungsprediger Gerhard Tersteegen, der enge Beziehungen zu Krefelder Mennoniten hatte, predigte damals in der Mennonitenkirche. Nach zeitgenössischen Berichten war die Kirche dicht gefüllt; unter den Zuhörern waren Mennoniten, Reformierte und Angehörige anderer Konfessionen.
Im Jahr 1843 wurde die Kirche deutlich umgebaut. Der einfache rechteckige Raum erhielt einen Chorraum und einen kleinen Vorraum. Innen prägten nun zwei Säulenreihen das Bild und gaben der Kirche eine repräsentativere Gestalt. Dieser Umbau zeigt auch die veränderte Stellung der Mennoniten in Krefeld. Aus einer geduldeten Minderheit war eine wirtschaftlich einflussreiche und gesellschaftlich anerkannte Gemeinde geworden. Viele mennonitische Familien hatten wesentlich zum Aufstieg Krefelds beigetragen, besonders im Textil- und Seidengewerbe.
Im Juni 1943 wurde die Kirche bei den Bombenangriffen auf Krefeld schwer beschädigt. Das Dach brannte ab, Teile des Innenraums wurden zerstört, und auch die Gemeindehäuser litten stark. Zwar blieben die Außenmauern stehen, doch der Innenraum war nicht mehr nutzbar. Nach dem Krieg wurde die Kirche unter Leitung des Architekten Erwin Busch wiederaufgebaut. Seit Mai 1950 konnte die Gemeinde dort wieder Gottesdienste feiern. Auf die Säulen des 19. Jahrhunderts verzichtete man beim Wiederaufbau; die Kirche erhielt wieder einen schlichteren Charakter. Bei der grundlegenden Restaurierung von 1997 bis 2001 wurde im hinteren Bereich ein Stück der alten Steinmauer freigelegt, um an die lange Geschichte des Gebäudes zu erinnern.
Viele Besucher bemerken im Innenraum die schlichte weiße Wand ohne dauerhaft angebrachtes Kreuz. Das ist kein besonderes mennonitisches Glaubensgesetz, sondern hängt mit der Entwicklung des Kirchenraums zusammen. Dennoch passt diese Schlichtheit gut zum mennonitischen Verständnis des Gottesdienstes: Im Mittelpunkt stehen nicht äußere Darstellungen, sondern Gottes Wort, Gebet, Gemeinde und Nachfolge Jesu.
Die Rückseite mit Tor und Mauer

Hinter der Kirche wird die ursprüngliche Situation besonders anschaulich. Dort befand sich der alte Zugang. Von hier aus betraten die Mennoniten ihr Gotteshaus. Die Mauer machte deutlich: Diese Kirche durfte bestehen, aber sie sollte nicht als öffentliche Kirche im Stadtbild erscheinen.
So erzählt dieser Ort von Duldung und Begrenzung, aber auch von Beständigkeit. Die Mennoniten lebten ihren Glauben nicht laut und herrschaftlich, sondern schlicht, beharrlich und gemeinschaftlich. Die verborgene Kirche wurde zu einem festen geistlichen Mittelpunkt.
Die Mennonitenkirche ist deshalb mehr als ein altes Gebäude. Sie steht für die Geschichte einer Glaubensgemeinschaft, die verfolgt, geduldet, begrenzt und schließlich anerkannt wurde. Zugleich steht sie für den Aufstieg Krefelds. Ohne die mennonitischen Familien, ihre Arbeit, ihr Gewerbe und ihre internationalen Verbindungen wäre die Entwicklung der Stadt anders verlaufen.
Die Krefelder Mennonitenkirche erinnert bis heute daran, dass Glaubensfreiheit nicht selbstverständlich war. Sie musste über lange Zeit errungen und bewahrt werden. Gerade deshalb ist diese verborgene Kirche ein besonders sprechendes Zeugnis mennonitischer Geschichte am Niederrhein.
Quäker mit mennonitischen Wurzeln

Der Gedenkstein erinnert an die dreizehn Krefelder Familien, die im Jahr 1683 nach Pennsylvanien auswanderten und dort Germantown gründeten, die erste dauerhaft deutsche Siedlung in Nordamerika. Viele dieser Auswanderer kamen aus dem Umfeld der Krefelder Mennonitengemeinde und hatten sich später den Quäkern angeschlossen. Der Stein macht sichtbar, wie eng die Geschichte Krefelds mit der frühen deutschen Einwanderung nach Amerika verbunden ist: Aus einer kleinen, religiös geprägten Minderheit am Niederrhein entstand ein bedeutender Beitrag zur Siedlungsgeschichte Pennsylvaniens.
Alten Kirche in Krefeld

Bereits 1166 wird mit der Dionysius-Kapelle der älteste urkundlich erwähnte Sakralbau Krefelds genannt. 1472 entstand eine spätgotische dreischiffige Kirche. Ab 1560 führte Graf Hermann von Moers in seiner Grafschaft das Augsburger Bekenntnis ein; seit 1607 wird die Kirche als evangelisch-reformierte Kirche geführt. Nach dem Brand Krefelds im Jahr 1584 wurde die Kirche beschädigt, konnte aber ab 1599 wieder für Gottesdienste genutzt werden. 1840 bis 1842 entstand nach Plänen von Johann Heinrich Freyse eine gotisierende Hallenkirche, die an den alten Turm angebaut wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Kirchenschiff am 22. Juni 1943 durch einen Bombenangriff zerstört; der gotische Turm stürzte 1951 ein. Die wiederaufgebaute Alte Kirche wurde am 14. Dezember 1952 eingeweiht, 1965 kam ein neuer Turm hinzu. Später wurde die Kirche weiter künstlerisch ausgestaltet; 2003 wurde die Vleugels-Orgel in Dienst genommen.
Bildung statt bloßem Wohlstand: Eine Krefelder Inschrift von 1747

Die Inschriftentafel an der Seitenwand der Alten Kirche erinnert an die Spannungen zwischen Stadterweiterung, wirtschaftlichem Aufstieg und Schulbildung im Krefeld des 18. Jahrhunderts. Nach den Oraniern kamen ab 1702 die Preußen als Landesherren. Unter ihrer Herrschaft erhielten die Krefelder Mennoniten zunehmend mehr Rechte: Nachdem sie bereits bürgerlich gleichgestellt waren, bekamen sie 1738 auch eigene kirchliche Rechte, darunter die Führung eigener Kirchenbücher. Gleichzeitig erlebte Krefeld durch das Samt- und Seidengewerbe, besonders durch die Familie von der Leyen, einen starken wirtschaftlichen Aufschwung. Viele Mennoniten wurden dadurch sehr einflussreich.

Die Inschrift von 1747 lautet sinngemäß: Man könne Häuser bauen, Stadtmauern und Tore erweitern, Fabriken errichten und Reichtum anhäufen – wenn es aber keine Schule gebe, bleibe alles wie zuvor. Damit bezog sich die Tafel auf die damalige Diskussion um das Schulwesen. Die reformierte Stadtobrigkeit sah sich durch die katholische Schule und durch den wirtschaftlichen Einfluss der Mennoniten unter Druck gesetzt. Deshalb wurde Geld aus der Armenkasse in die Schule gesteckt. Die Botschaft war klar: Wer die soziale Not der ärmeren Bevölkerung wirklich verändern will, muss in Bildung investieren. Gerade darin ist die Tafel bis heute aktuell, weil sie zeigt, dass wirtschaftlicher Wohlstand allein keine gerechte Gesellschaft schafft, wenn die nächste Generation keine gute Schulbildung erhält.
Die Katholische Kirche

Im Vorfeld der Kirche finden sich eingelassenen Eisenträger welche die Stelle der nordwestliche Ecke des alten Krefelder Stadtgebiets markieren. Zugleich deuten weitere Eisenlinien den Grundriss eines früheren Klosters an, vermutlich eines katholischen Klosters von Franziskaner-Terziarinnen. Nach dem Friedensschluss von 1607 durften die Katholiken in Krefeld zwar katholisch bleiben und Gottesdienst feiern, jedoch nur in privater Form. Nach dem Dreißigjährigen Krieg entstand deshalb Streit darüber, ob die Gottesdienste der Nonnen um das sogenannte Normaljahr 1624 öffentlich oder privat gewesen seien: Die Protestanten behaupteten, die Tür sei geschlossen gewesen; die Katholiken betonten, sie sei offen gewesen. Dahinter stand die entscheidende Frage, ob katholischer Gottesdienst in Krefeld öffentlich erlaubt sein sollte.
Als Friedrich II. im Jahr 1740 preußischer König wurde, nutzten die Krefelder Katholiken die Gelegenheit und baten um eine eigene Schule und später auch um eine eigene Kirche. Friedrich gewährte ihnen dieses Recht grundsätzlich mit dem Hinweis, dass in seinem Land alle Religionen frei seien. Die praktische Umsetzung stieß jedoch auf Widerstände, auch von mennonitischer Seite, weil einige Mennoniten in den betroffenen Bereichen Grundstücke und geschäftliche Interessen hatten und dort keine katholische Kirche wünschten. Schließlich wurde Krefeld 1752 ein viertes Mal erweitert, damit die Katholiken ihre Kirche bauen konnten. Wenig später entstanden auch eine lutherische Kirche und eine Synagoge. So zeigt diese Station, wie eng in Krefeld Stadterweiterung, konfessionelle Spannungen und religiöse Vielfalt miteinander verbunden waren. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand hier auf engem Raum eine für das Rheinland ungewöhnliche religiöse Pluralität.
Ehemalige Stadtpalais Conrad von der Leyen heute Krefelder Rathaus

Das heutige Krefelder Rathaus wurde ursprünglich als repräsentatives Stadtpalais Conrad von der Leyen gebaut. Es entstand 1791 bis 1794 am damaligen Stadtrand und zeigt den hohen gesellschaftlichen Anspruch der mennonitischen Seidenunternehmerfamilie von der Leyen. Die Familie stammte aus täuferisch-mennonitischem Umfeld, kam aus Radevormwald nach Krefeld und spielte eine entscheidende Rolle beim Aufstieg der Stadt zur Seidenstadt.
Kurz nach Fertigstellung des Palais besetzten französische Truppen Krefeld; später wurde das Gebäude wieder von der Familie genutzt und 1860 an die Stadt verkauft, die es seitdem als Rathaus verwendet. Das Palais steht damit für den wirtschaftlichen Aufstieg der Krefelder Mennoniten, aber auch für den Übergang von einer schlichten, geduldeten Minderheit zu einer einflussreichen städtischen Elite.
Das Floh’sche Haus und der Aufstieg der Krefelder Mennoniten

Das sogenannte Floh’sche Haus wurde ursprünglich nicht von der Familie Floh, sondern von Johann von der Leyen erbaut. Es entstand 1766 als repräsentatives Stadtpalais an der Friedrichstraße/Carl-Wilhelm-Straße und gehört zur Geschichte der fünften Krefelder Stadterweiterung. Das Gebäude zeigt den Wohlstand und gesellschaftlichen Anspruch der mennonitischen Unternehmerfamilie von der Leyen, die durch das Samt- und Seidengewerbe großen Einfluss in Krefeld gewann.
Der Name Floh’sches Haus entstand erst später, weil das Haus durch Heirat mit der Familie Floh verbunden wurde. An der Fassade befindet sich noch das Wappen der Familie von der Leyen. Die Krone am Wappen verweist auf die spätere Erhebung in den Adelsstand.

Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, danach aber weitgehend wiederhergestellt. Es bleibt ein wichtiges Zeugnis des alten Krefelder Patrizier- und Seidenunternehmertums.
Mit dem Namen Floh verbindet sich außerdem Jakob Hendrik Floh, ein aus Krefeld stammender mennonitischer Prediger, der später in den Niederlanden politisch wirkte. Er setzte sich in der Zeit der Batavischen Republik für bürgerliche Freiheitsrechte ein, besonders für die Gleichberechtigung der Juden. Damit steht der Name Floh nicht nur für ein Krefelder Haus, sondern auch für mennonitische Beiträge zu Toleranz und Bürgerrechten.

Abschließend zeigt der Stadtspaziergang, dass die Geschichte der Mennoniten in Krefeld nicht nur in der Mennonitenkirche selbst sichtbar wird, sondern an vielen Orten der Innenstadt Spuren hinterlassen hat. Die verborgene Kirche, alte Stadttore, Gedenktafeln, Bürgerhäuser und das frühere Stadtpalais der Familie von der Leyen erzählen gemeinsam von Duldung, wirtschaftlichem Aufstieg, konfessionellen Spannungen und wachsender Glaubensfreiheit. Wer an einer solchen Führung teilnimmt, erhält weit mehr als einen kurzen Überblick: Pfarrer Christoph Wiebe berichtet unterwegs viele weitere Einzelheiten aus der Krefelder Mennonitengeschichte und macht deutlich, wie eng die Entwicklung der Stadt mit dem Wirken mennonitischer Familien verbunden war.
Bei Interesse an einer Führung kann Pfarrer Christoph Wiebe direkt kontaktiert werden unter:
Telefon: 02151-65839-12direkte Durchwahl mit Anrufbeantworter
Mobil: 0176-40554447auch per WhatsApp oder Telegram




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