Neue Heimat in Uruguay
- Redaktion

- 5. Aug.
- 5 Min. Lesezeit

Das Buch „Neue Heimat in Uruguay“ von Johannes Bergmann erzählt den Weg deutschsprachiger Mennoniten aus Danzig, Westpreußen, Polen und Galizien nach Südamerika. Es ist weit mehr als eine Darstellung von Auswanderung und Ansiedlung: Augenzeugenberichte, Tagebuchaufzeichnungen und persönliche Erinnerungen lassen erkennen, was Flucht, Heimatverlust und Neubeginn für die betroffenen Familien bedeuteten.
Flucht aus der alten Heimat
Die Geschichte beginnt in den mennonitischen Gemeinden im Gebiet um Danzig und im Weichseldelta. Viele Familien lebten dort seit Generationen. Landwirtschaft, Gemeinde und Familie waren eng miteinander verbunden. Der Zweite Weltkrieg zerstörte diese gewachsene Lebenswelt.
Im Winter 1944/45 mussten zahlreiche Mennoniten vor der heranrückenden sowjetischen Armee fliehen oder wurden über die Ostsee nach Westen gebracht. Familien wurden auseinandergerissen, Männer blieben vermisst oder kehrten nicht aus dem Krieg zurück. Hunger, Kälte, Krankheit und die Ungewissheit über das Schicksal der Angehörigen bestimmten den Alltag.
Etwa 1.800 mennonitische Flüchtlinge gelangten nach Kriegsende nach Dänemark. Dort waren sie auf zahlreiche Lager verteilt, zum Teil hinter Stacheldraht. Manche verbrachten mehrere Jahre in diesen Unterkünften. Für viele bestand kaum Aussicht, in ihre frühere Heimat zurückzukehren oder in Deutschland wieder als geschlossene Gemeinschaft siedeln zu können.
Auf der Suche nach einem Zufluchtsort
Das Mennonite Central Committee (MCC) bemühte sich, den Flüchtlingen zu helfen und ein Land zu finden, das zur Aufnahme einer größeren Gruppe bereit war. Eine Einwanderung nach Kanada oder in die Vereinigten Staaten war wegen der damaligen Bestimmungen kaum möglich. Paraguay kam ebenfalls infrage, doch ein Teil der Flüchtlinge hoffte auf ein Land mit gemäßigterem Klima.
Schließlich erklärte sich Uruguay bereit, die Gruppe aufzunehmen. Die Genehmigungen trafen erst kurz vor der Abreise ein. Am 7. Oktober 1948 verließ die „Volendam“ Bremerhaven. An Bord befanden sich 1.693 Flüchtlinge, darunter 751 Mennoniten aus Westpreußen, dem Raum Danzig, Polen und Galizien, deren Ziel Uruguay war.
Nach einer dreiwöchigen Überfahrt erreichte das Schiff am 27. Oktober 1948 Montevideo. Dort gingen die 751 Flüchtlinge an Land. Für Menschen, die Heimat, Besitz und vielfach auch Angehörige verloren hatten, begann damit ein neuer Lebensabschnitt.
Dankbarkeit nach schwerer Zeit
Die Ankunft wurde von einem Dankgottesdienst begleitet. Trotz aller Verluste verstanden viele der Flüchtlinge ihre Aufnahme in Uruguay als Führung und Bewahrung Gottes. Auf der „Volendam“ hatte der mennonitische Älteste Ernst Regehr zum „Gott des Neuanfangs“ gebetet. Diese Haltung prägte auch die ersten Jahre im neuen Land.
Zunächst wurden die Neuankömmlinge auf verschiedene provisorische Unterkünfte verteilt. Ein Teil kam in die Nähe von Colonia, andere Familien wurden im weit entfernten Militärlager Arapey untergebracht. Das Zusammenleben war beengt, und die Menschen waren weiterhin auf Unterstützung angewiesen. Gleichzeitig mussten sie Spanisch lernen und sich an die Lebens- und Arbeitsbedingungen Uruguays gewöhnen.
Die ersten mennonitischen Kolonien
Im Jahr 1950 entstand mit El Ombú die erste mennonitische Kolonie Uruguays. Rund 80 Familien begannen dort mit dem Aufbau landwirtschaftlicher Betriebe. Gemeinsam gründeten sie die Cooperativa Las Flores de Río Negro. Die Genossenschaft half ihnen bei der Beschaffung von Betriebsmitteln sowie bei der Verarbeitung und Vermarktung ihrer Erzeugnisse.
Am 19. Oktober 1951 traf eine zweite Gruppe mit 431 Mennoniten in Uruguay ein. Die meisten ließen sich in der neu gegründeten Kolonie Gartental nieder. Zu ihnen gehörten Menschen aus dem Danziger Raum, aus Polen und Russland. Johannes Bergmann war am kirchlichen Aufbau der Gemeinde beteiligt und wird neben Ernst Enss als einer ihrer ersten Prediger genannt. Er schrieb daher nicht nur als späterer Historiker, sondern als jemand, der die Gemeinschaft und ihre Entwicklung aus eigener Nähe kannte.
Weitere Gründungen folgten: 1952 entstand die Mennonitengemeinde Montevideo und 1955 die Kolonie Delta. Die ersten Jahre waren von harter Arbeit, finanziellen Sorgen und manchen Rückschlägen geprägt. Nicht alle Einwanderer blieben dauerhaft in Uruguay. Einige zogen nach Deutschland, Kanada oder in andere Länder weiter.
Für die verbliebenen Familien wurde die Zusammenarbeit in Gemeinden und Genossenschaften zu einer wichtigen Grundlage. Ein gemeinsames Geschäftszentrum in Montevideo erleichterte seit 1958 den Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Im Jahr 1966 nahm die Molkerei Claldy ihre Arbeit auf und trug wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung von El Ombú und Gartental bei.
Geschichte aus der Sicht der Betroffenen
Eine besondere Stärke des Buches liegt in den persönlichen Berichten. Geschichte wird hier nicht nur durch Jahreszahlen, Schiffsreisen und Koloniegründungen dargestellt. Die Leser begegnen Menschen, die Abschied nehmen mussten, in Flüchtlingslagern auf Nachricht von Angehörigen warteten und schließlich in einem unbekannten Land noch einmal von vorn begannen.
Tagebücher und Augenzeugenberichte vermitteln, wie die Betroffenen selbst die Ereignisse wahrnahmen. Dadurch bleiben nicht nur die äußeren Abläufe, sondern auch ihre Ängste, Hoffnungen und Glaubenserfahrungen erhalten. Zugleich ist zu bedenken, dass persönliche Erinnerungen immer aus einer bestimmten Sicht geschrieben werden. Gerade diese Nähe macht das Buch jedoch zu einer wichtigen Quelle für die Geschichte der Mennoniten in Uruguay.
Was „Heimat“ bedeutet
Der Titel „Neue Heimat in Uruguay“ greift eine Formulierung auf, die von mehreren Pionieren verwendet wurde. Uruguay wurde für sie nicht einfach zu einem neuen Wohnort. Nach Jahren der Flucht und Unsicherheit fanden sie dort wieder Land, Arbeit und die Möglichkeit, Gemeinden, Schulen und Familienbetriebe aufzubauen.
Die verlorene Heimat in Europa wurde dadurch nicht vergessen. Erinnerungen, deutsche Sprache, Gemeindetraditionen und familiäre Verbindungen blieben erhalten. Gleichzeitig entwickelte sich eine neue Verbundenheit mit Uruguay und seinen Menschen. Aus Flüchtlingen wurden Nachbarn, Landwirte, Handwerker, Gemeindeglieder und schließlich Bürger des Landes.
Im Oktober 2023 erinnerten die mennonitischen Gemeinden mit einer großen Feier in El Ombú an den 75. Jahrestag der Ankunft. Dabei wurde auch ein Museum der mennonitischen Einwanderer eröffnet. Zahlreiche Werkzeuge, Kleidungsstücke und Alltagsgegenstände der ersten Siedler bewahren dort die Geschichte, die Johannes Bergmann in seinem Buch schriftlich festgehalten hat.
Ein wertvolles Erinnerungsbuch
„Neue Heimat in Uruguay“ ist besonders für Leser wertvoll, deren Familien selbst aus Danzig, Westpreußen, Polen oder Galizien stammen. Namen, Orte und Erlebnisse können helfen, die Wege der eigenen Vorfahren besser zu verstehen. Doch auch über diesen Kreis hinaus bietet das Buch einen eindrücklichen Einblick in ein wenig bekanntes Kapitel der europäischen Nachkriegs- und südamerikanischen Einwanderungsgeschichte.
Vor allem bewahrt es das Zeugnis einer Generation, die viel verloren hatte und dennoch nicht in Hoffnungslosigkeit stehen blieb. Ihr Neuanfang beruhte auf Gottvertrauen, gegenseitiger Hilfe und der Bereitschaft, unter schwierigen Bedingungen wieder eine Gemeinschaft aufzubauen.
Ausgaben des Buches
Von dem Werk erschienen mehrere Ausgaben mit unterschiedlicher Seitenzahl. Eine frühe deutschsprachige Ausgabe von 1988 umfasst 213 Seiten und enthält Schwarz-Weiß-Fotografien und Karten. Eine Ausgabe von 1995 wird mit 211 Seiten geführt. Die dritte, korrigierte deutschsprachige Auflage erschien 2011 in Montevideo und umfasst 215 Seiten mit Fotografien.
Unter dem Titel „En Uruguay encontramos una nueva patria“ erschien das Werk auch in spanischer Sprache. Die spanische Ausgabe macht die Geschichte der Einwanderer auch ihren uruguayischen Nachkommen und einer breiteren Leserschaft zugänglich.
Quellen:
Autor: Johannes Bergmann




Kommentare