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Am Ende die Freiheit: Durch Zarenreich und Sowjetunion nach Südamerika (Jakob Martens)


Dieses Buch ist ein Lebensbericht, der sich wie ein schmaler Grat zwischen persönlicher Erinnerung und großer Zeitgeschichte liest: Jakob Martens schildert seinen Weg von der deutschstämmigen Siedlungswelt in der damaligen Ukraine durch Revolution, Bürgerkrieg, stalinistische Verfolgung und Lagererfahrungen bis zum Neubeginn in Südamerika. In der aktuellen Ausgabe umfasst der Band rund 500 Seiten und wurde von Berthold Kliewer herausgegeben.


Inhalt und Spannungsbogen


Die Stärke des Buches liegt im konsequent biografischen Zugriff: Nicht „die Geschichte“ wird erzählt, sondern der Alltag darin. Der Autor beschreibt Jugend und Ausbildung, dann die Erschütterungen der Kriegs- und Revolutionsjahre – und schließlich das, was viele Familien aus dem Umfeld der Russlandmennoniten als den eigentlichen Bruch erleben: die sowjetische Klassifizierung als „Kulak“, Enteignung, Repression, Verschleppung und das System der Arbeitslager.


Dass der Bericht im Titel auf „Freiheit“ zuläuft, ist dabei keine rhetorische Pose, sondern dramaturgisch spürbar: Es geht um das lange Ringen um Handlungsspielräume – mal winzig (ein Stück Brot, ein Kontakt, eine Entscheidung zur Flucht), mal existenziell (Familie, Heimat, Neubeginn). Am Ende steht die Einbettung in die mennonitische Kolonie Fernheim in Paraguay, die im Buch nicht als „Happy End“ verklärt wird, sondern als realer Ort des Ankommens nach Jahrzehnten der Entwurzelung.


Stil und Ton


Auffällig ist der sachliche Grundton, wie ihn auch die Hinweise zur Neuauflage betonen: Der Text wirkt weniger wie ein „literarischer“ Erinnerungsroman, sondern eher wie ein präzises, oft nüchtern geführtes Protokoll. Gerade diese Zurückhaltung macht vieles eindrücklich. Wo ein Autor emotional aufdrehen könnte, bleibt Martens häufig bei Beobachtung, Abfolge und Konsequenzen – und überlässt dem Leser die Wucht der Schlüsse.


Man muss allerdings bereit sein, sich auf diese Art Erzählen einzulassen: Wer dialogreiche Szenen und psychologische Innenperspektiven erwartet, wird weniger „Romanhaftes“ finden. Wer dagegen Zeitzeugnisse schätzt, wird den Ton als glaubwürdig empfinden – zumal er die typischen Muster von Lager- und Fluchtberichten (Kälte, Hunger, Angst, Misstrauen, Zufall und Glück) nicht dekorativ ausschmückt, sondern in die Ereigniskette einbettet.


Historische Einordnung und Mehrwert


Als Lektüre ist das Buch doppelt wertvoll:

  1. Als Zeitzeugnis: Es macht historische Prozesse auf der Ebene eines Lebenswegs sichtbar – vom Zarenreich über die sowjetischen Umbrüche bis zu den Verfolgungsmechanismen der Stalinzeit.

  2. Als mennonitischer Erinnerungsraum: Der Bericht steht im Kontext jener Migrationen und Neusiedlungen, die für viele Familiengeschichten bis heute prägend sind. Dass Martens schließlich in Fernheim endet, verankert diese Weltgeschichte in einer konkreten Siedlungsgeschichte des Chaco.


Hilfreich sind an der Ausgabe auch die editorischen Rahmendaten (u. a. Karten) und die klare bibliografische Verortung (ISBN, Ausgabejahr), die das Buch für Bibliotheken, Forschung und Familienchroniken gut nutzbar machen.


Für wen lohnt sich das Buch?


  • Für Leser, die Memoiren und Zeitzeugenberichte mögen, besonders aus dem Kontext Osteuropa/Sowjetunion.

  • Für Menschen, die Familien- und Siedlungsgeschichte (Russlandmennoniten, Chaco-Kolonien) nachvollziehen wollen.

  • Für Unterricht/Erwachsenenbildung, wenn man Biografie als Zugang zur Geschichte einsetzen möchte (mit dem Hinweis: Themen wie Lager/Verfolgung sind schwer und nicht „nebenbei“ zu lesen).


Weniger geeignet ist es für Leser, die primär eine kompakte historische Überblicksdarstellung suchen. Dafür ist das Buch zu sehr „von innen“ geschrieben – seine Stärke ist gerade die Detailnähe eines Lebens.


Fazit


Am Ende die Freiheit: Durch Zarenreich und Sowjetunion nach Südamerika ist ein intensiver, oft erschütternder Lebensbericht, der ohne große literarische Effekte auskommt – und genau dadurch überzeugt. Die Neuauflage macht eine Quelle zugänglich, die Erinnerungsarbeit, Familiengeschichte und Zeitgeschichte auf seltene Weise zusammenführt. Wer bereit ist, sich auf einen langen, nüchtern erzählten Weg durch die Gewalt- und Umbruchzeit des 20. Jahrhunderts einzulassen, wird hier eine Lektüre finden, die bleibt.


Quellen:

  • Menno-Welt: „Erinnerungen an dramatische Zeiten“ (Beitrag über die Neuauflage und den Inhalt).

  • Kliewer Verlag: Buchseite zu Am Ende die Freiheit: Durch Zarenreich und Sowjetunion nach Südamerika (ISBN, Leseproben, Inhaltsangaben, Hinweise zu Lesungen).

  • RPTU Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau / CampusKultur: Veranstaltungshinweis „Lesung und Musik“ zum Buch.

  • Universität der Bundeswehr München (OPAC): Katalogeintrag mit bibliografischen Angaben (Auflage, Umfang, Bildteil, Karten).

  • medimops: Artikelseite (Second-Hand-Angebot/Produktdetails inkl. ISBN, Seitenzahl, Erscheinungsdatum).

  • Booklooker: Angebots-/Trefferliste zur ISBN 9783982490007 (gebraucht/neu).

  • Amazon: Titelseite/Produktlisting (ISBN-Bezug).

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