Mennoniten und die Drogenfrage: Eine stille Not wird sichtbar
- Redaktion
- vor 23 Stunden
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Filadelfia/Manitoba/Pailón. Heute, am 26. Juni, wird weltweit der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr begangen. Die Vereinten Nationen haben diesen Tag 1987 eingeführt, um auf die Gefahren von Drogenkonsum, Sucht und illegalem Drogenhandel aufmerksam zu machen. In vielen Ländern wird an diesem Tag über Prävention, Hilfsangebote und die zerstörerischen Folgen von Drogen gesprochen.
Dabei geht es nicht nur um Großstädte, Bandenkriminalität oder internationale Schmuggelrouten. Die Drogenproblematik reicht inzwischen bis in abgelegene Dörfer, ländliche Siedlungen und religiös geprägte Gemeinschaften hinein. Auch mennonitische Kolonien in Lateinamerika bleiben davon nicht unberührt. Gerade der Internationale Drogentag macht deutlich, dass Wachsamkeit, offene Gespräche und Hilfe für Betroffene notwendig sind.

Für viele Mennoniten in Lateinamerika ist das eine schmerzliche Erkenntnis. Die Kolonien entstanden vielfach mit dem Wunsch, abseits der Welt in Ruhe zu leben, den Glauben zu bewahren, die Kinder in einer geordneten Umgebung großzuziehen und als Gemeinde zusammenzustehen. Doch Absonderung bedeutet nicht, dass Versuchung, Sucht und kriminelle Strukturen automatisch draußen bleiben.

Ein besonders stilles Bild kommt aus der Kolonie Manitoba in Mexiko. Dort gibt es das Rehabilitationszentrum „Luz en mi Camino“ – „Licht auf meinem Weg“. Es wurde gegründet, um plautdietsch sprechenden Mennoniten bei Alkohol- und Drogensucht zu helfen. Ein Bericht erzählt von einer Frau, deren Name geändert wurde. Sie kam in das Zentrum an dem Tag, an dem ihr erstes Enkelkind geboren wurde. Während daheim ein neues Leben begann, musste sie selbst einen neuen Anfang suchen. Es ging nicht um eine Schlagzeile, sondern um eine Großmutter, die ihrer Familie wieder ein gutes Vorbild sein wollte.

Gerade solche Geschichten zeigen, wie tief Sucht in Familien hineinwirkt. Es geht nicht nur um den Einzelnen. Es geht um Ehepartner, Kinder, Enkel, Eltern und Gemeinden. Wer abhängig wird, verliert oft Vertrauen. Wer aus der Behandlung zurückkehrt, braucht mehr als gute Vorsätze. Er braucht Menschen, die ihn nicht nur prüfen, sondern tragen.

Auch in Bolivien wird diese Not sichtbar. Bei Pailón arbeitet das Zentrum „Guía de Paz“ mit plautdietschen Mennoniten, die mit Sucht, Eheproblemen und anderen schweren Belastungen kommen. Männer und Frauen wohnen dort getrennt. Der Alltag ist geordnet. Es gibt biblische Seelsorge, Gespräche und praktische Mitarbeit. Hinter jedem Platz in einem solchen Zentrum steht ein Mensch, der irgendwo aus einer Kolonie kommt: aus einem Haus mit vielen Kindern, aus einer Familie, die sich schämt, aus einer Gemeinde, in der man lange gehofft hat, dass das Problem von selbst verschwindet.

Doch manchmal verschwindet es nicht. Manchmal wird aus dem Schweigen ein größeres Leid. Berichte über „Guía de Paz“ zeigen, dass manche Betroffene die Behandlung abbrechen, weil familiärer oder kolonialer Druck zu groß wird. Das ist eine ernste Mahnung. Wo Sucht nur als Schande gilt, sucht der Kranke oft zu spät Hilfe. Wo aber Wahrheit und Barmherzigkeit zusammenkommen, kann ein Weg zurück beginnen.
Paraguay zeigt eine andere Seite der Entwicklung. Im Chaco Central waren die mennonitischen Kolonien lange mit Arbeit, Landwirtschaft, Schulen und Gemeindeaufbau verbunden. Doch Filadelfia, Loma Plata und Neuland liegen nicht außerhalb der Zeit. Schon vor Jahren berichteten paraguayische Medien, dass im Chaco Central auch unter jungen Mennoniten Drogen konsumiert würden. Damals war besonders erschütternd, dass nicht nur Fremde von außen genannt wurden, sondern auch junge Leute aus den Kolonien selbst.
Im Jahr 2026 kamen neue Meldungen aus Filadelfia hinzu. In einem Fall wurde ein 29-jähriger Mennonit im Stadtzentrum festgenommen. Die Behörden gingen nach Medienberichten von einem lokalen Kleinhandel aus. Nur kurze Zeit später wurde im Stadtteil Primavera eine 38-jährige Frau mit mennonitischem Namen festgenommen. Auch dort sprachen die Berichte von einem Verkaufsort für Drogen. Solche Fälle dürfen nicht benutzt werden, um eine ganze Gemeinschaft zu beschuldigen. Aber sie dürfen auch nicht verharmlost werden. Sie zeigen: Die Grenze verläuft nicht einfach zwischen „der Welt draußen“ und „der Kolonie drinnen“. Die Grenze verläuft durch Herzen, Familien und Entscheidungen.
Ein älterer Fall aus Bolivien zeigt, wie schwer die Lage werden kann, wenn kriminelle Strukturen abgelegene Gebiete nutzen. 2013 berichteten bolivianische Medien von einem Drogenlabor in einer mennonitischen Siedlungsumgebung bei Santa Cruz. Drei Mennoniten wurden damals festgenommen. Auch dieser Fall ist kein Beweis gegen die mennonitische Gemeinschaft als Ganzes. Er zeigt aber, dass Abgeschiedenheit auch missbraucht werden kann, wenn Menschen sich auf schnelles Geld, Heimlichkeit und Gesetzlosigkeit einlassen.
Die Drogenfrage ist deshalb nicht nur ein Thema für Polizei und Gerichte. Sie ist auch eine Frage für Eltern, Lehrer, Prediger, Jugendleiter und Kolonieleitungen. Wo Jugendliche keine klare geistliche Orientierung haben, wo über Sucht nicht gesprochen wird, wo Heimlichkeit geduldet wird und wo Geld wichtiger wird als ein reines Gewissen, entsteht Gefahr.

Gleichzeitig darf die Antwort nicht nur hart sein. Wer abhängig geworden ist, braucht Hilfe. Wer gefallen ist, braucht Wahrheit. Wer schuldig geworden ist, muss Verantwortung tragen. Und wer zurückkommen will, braucht eine Gemeinde, die Sünde nicht entschuldigt, aber Buße, Wiederherstellung und neue Treue ernst nimmt.

Die Berichte aus Mexiko, Paraguay und Bolivien zeigen ein nüchternes Bild. Mennoniten sind nicht die Ursache der weltweiten Drogenkrise. Aber sie sind von ihr betroffen. Manche als Angehörige, manche als Konsumenten, manche als Helfer, manche auch als Beschuldigte. Gerade deshalb braucht es Wachsamkeit. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung vor Gott, vor den Kindern und vor der Gemeinde.

Der Internationale Drogentag erinnert daran, dass Drogen Leben zerstören können. Für mennonitische Gemeinschaften liegt darin eine besondere Mahnung: Äußere Absonderung allein genügt nicht. Das Herz muss bewahrt werden. Familien müssen reden lernen. Gemeinden müssen helfen lernen. Und die junge Generation muss wissen, dass Freiheit nicht darin liegt, jede Versuchung auszuprobieren, sondern darin, dem Bösen zu widerstehen und auf dem guten Weg zu bleiben.
Quellenliste:
United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC): World Drug Report 2026: Global drug markets transforming rapidly as technology, novel drug types and instability present traffickers with new opportunities. Wien, 26. Juni 2026.
United Nations: International Day Against Drug Abuse and Illicit Trafficking. Hintergrundseite zum Internationalen Drogentag am 26. Juni.
Canadian Mennonite: Addiction centre a “place of new beginnings”. Bericht über das Rehabilitationszentrum „Luz en mi Camino“ in der Kolonie Manitoba, Mexiko, 21. Oktober 2011.
Anabaptist World: Keepers of the old ways. Bericht über plautdietsche Mennoniten in Bolivien und das Rehabilitationszentrum „Guía de Paz“, 27. Oktober 2023.
ABC Color: Marvin Duerksen: Crece consumo de drogas en el Chaco Central. Bericht über wachsenden Drogenkonsum im Chaco Central mit Erwähnung junger Mennoniten aus Filadelfia, Loma Plata und Neuland, 4. Dezember 2014.
Secretaría Nacional Antidrogas Paraguay (SENAD): SENAD impulsó acciones de prevención en el Chaco Paraguayo. Bericht über Präventionsmaßnahmen in Mariscal Estigarribia, Loma Plata, Colonia Neuland und Filadelfia.
Wochenblatt Paraguay: Chaco: Mennonitin verkaufte Drogen in Filadelfia. Bericht über einen Drogenfall im Stadtteil Primavera in Filadelfia, 11. Juni 2026.
Opinión Bolivia: Detienen a 3 menonitas por narcotráfico. Bericht über die Festnahme von drei Mennoniten im Zusammenhang mit einem Kokainlabor in der Region Santa Cruz, 20. Februar 2013.
U.S. Department of Justice: Mexican Drug Cartel Working With Members Of Mexican Mennonite Community Indicted In Large Scale Drug Trafficking Conspiracy. Pressemitteilung der US-Staatsanwaltschaft Colorado, 11. September 2013.
European Union Drugs Agency (EUDA): European Drug Report 2026: Trends and Developments. Europäischer Bericht zur aktuellen Drogensituation, 2026.
