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Mennoniten in Suriname: Abgeholt, weggesperrt und unerwünscht

vor 46 Minuten
5 Min. Lesezeit

Mitten in der Nacht holten Polizei und Militär Mennonitenfamilien aus ihren Unterkünften. Frauen, Kinder und drei Babys wurden mit Bussen abtransportiert und in bewachte Militärbaracken gebracht. Am 31. Oktober wurden sie schließlich aus Suriname ausgewiesen. Während die Familien ihre Zukunft verlieren, wird die Abschiebung in den sozialen Medien teilweise regelrecht gefeiert.


Mennoniten aus Masonia, Sipaliwini (Suriname) werden abgeholt und in eine Militärkaserne gebracht
Mennoniten aus Masonia, Sipaliwini (Suriname) werden abgeholt und in eine Militärkaserne gebracht

Mitten in der Nacht abgeholt

Es ist das vorläufige Ende eines Agrarprojekts, für das Dutzende Mennonitenfamilien ihre bisherige Heimat verlassen hatten.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober rückten Polizei und Militäreinheiten in das Gebiet Masonia vor. Die Familien wurden aus ihren Unterkünften geholt und mit Bussen abtransportiert.

Betroffen waren rund 60 bis 63 Menschen aus Bolivien und Mexiko, darunter drei Babys und sieben weitere kleine Kinder.

Die Polizei brachte sie nach Kraka im Distrikt Para, in die Nähe des internationalen Flughafens. Dort wurden sie in einer großen, bewachten Baracke untergebracht. Geschlafen wurde auf einfachen Feldbetten. Die Zufahrt wurde von der Polizei kontrolliert, Journalisten durften zunächst nicht zu den Familien.

Auch ihr Anwalt Derrick Veira wurde zunächst am Eingang abgewiesen. Erst nach mehreren Telefonaten mit Verantwortlichen der Polizei und dem Justizminister erhielt er schließlich Zugang zu seinen Mandanten.

Die Situation war für die Familien besonders belastend: Sie wussten nicht, wann sie abgeschoben werden sollten, wohin man sie bringen würde und was mit ihrem bisherigen Leben geschehen sollte.


Abschiebung vor dem Gerichtstermin

Am Samstag, dem 31. Oktober, meldete das Nachrichtenportal Starnieuws, dass die Mennonitengruppe tatsächlich aus Suriname ausgewiesen worden sei.

Die Zeitung veröffentlichte dazu Fotos vom Flughafen. Darauf sind Mennonitenfrauen mit Kindern auf dem Flughafenvorfeld zu sehen. Die Bilder machen deutlich, dass es nicht mehr nur um die Vorbereitung einer Abschiebung ging.

Besonders brisant ist der Zeitpunkt: Ihr Anwalt hatte ein weiteres Eilverfahren eingeleitet. Die Verhandlung sollte am Montag, dem 2. November, stattfinden. Er wollte erreichen, dass die Familien bis zur Klärung ihrer rechtlichen Situation nicht abgeschoben werden.

Dazu kam es offenbar nicht mehr. Die Ausweisung erfolgte bereits am Samstag.

Anwalt Veira reagierte noch am selben Tag mit scharfer Kritik. Er wirft dem Staat vor, gegen das surinamische Ausländerrecht verstoßen zu haben, weil ein Antrag auf Überprüfung bei Präsidentin Jennifer Simons noch nicht entschieden gewesen sei. Er kündigte an, am Montag mit einem angepassten Antrag erneut vor Gericht zu gehen.

Ob die Abschiebung tatsächlich rechtswidrig war, ist damit noch nicht gerichtlich geklärt. Auch die genaue Zahl der tatsächlich abgeschobenen Personen und ihr Zielort waren zunächst nicht offiziell bestätigt.

Eilantrag der Mennoniten gegen den Staat Suriname, mit dem eine Abschiebung verhindert werden soll
Eilantrag der Mennoniten gegen den Staat Suriname, mit dem eine Abschiebung verhindert werden soll

Wie konnte es dazu kommen?

Die Mennoniten kamen im Rahmen eines Agrarprojekts des Unternehmens Suriname Green Energy Agriculture N.V. nach Suriname. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um das andere Ansiedlungsprojekt von Braganza, das hauptsächlich Mennoniten aus Belize betrifft.

Die jetzt abgeschobenen Familien stammten vor allem aus Bolivien, teilweise auch aus Mexiko.

Ihre Ansiedlung war nicht einfach eine eigenmächtige Aktion. Bereits am 6. Oktober 2022 hatte der damalige Außenminister Albert Ramdin schriftlich der Einreise von 50 Mennonitenfamilien aus Bolivien zu landwirtschaftlichen Zwecken zugestimmt. Später folgte eine Vereinbarung zwischen dem Unternehmen und dem surinamischen Staat.

Die Familien investierten in ihre neue Zukunft, brachten Maschinen und Baumaterial nach Suriname und gaben nach Angaben ihres Unterstützers Bert Schreuders ihre bisherige Existenz in Bolivien auf. Häuser, Grundstücke und Unternehmen seien verkauft worden.

Allerdings waren die staatlichen Zusagen an Bedingungen geknüpft. Die notwendigen Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen mussten weiterhin eingeholt werden.

Genau hier liegt der Kern des Konflikts.

Abschiebung: Mennonitenfrauen mit Kindern auf dem Flughafenvorfeld in Suriname
Abschiebung: Mennonitenfrauen mit Kindern auf dem Flughafenvorfeld in Suriname

Wurden die Familien im Stich gelassen?

Besonders aufschlussreich ist dazu der Beitrag von Dr. Bert Schreuders bei United News:

Schreuders begleitet die Familien seit Jahren bei Verwaltungs- und Genehmigungsangelegenheiten.

Er berichtet, dass die Familien bereits 2024 über VFS Global Anträge auf eine Aufenthaltserlaubnis gestellt und dafür bezahlt hätten. Er veröffentlicht dazu Antragsnummern und einen Zahlungsbeleg über 513 Euro.

Nach seiner Darstellung warteten die Familien zweieinhalb Jahre auf eine Antwort der Behörden.

Die surinamische Regierung vertritt dagegen die Auffassung, dass keine gültigen Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen vorlagen. Auch das Gericht wies den Eilantrag des Unternehmens gegen die Ausweisung zurück.

Die unterschiedlichen Darstellungen zur Bearbeitung der Aufenthaltsanträge sind bislang nicht abschließend geklärt.

Für die betroffenen Familien dürfte das kaum noch einen Unterschied machen. Sie haben ihre bisherige Heimat verlassen, viel Geld investiert und stehen nun vor einer ungewissen Zukunft.

Die entscheidende Frage bleibt: Warum wurden diese Menschen nach Suriname geholt, wenn die rechtlichen Voraussetzungen für ihren dauerhaften Aufenthalt nicht geklärt waren?


Nach der Abschiebung: Jubel und offene Ablehnung auf Facebook

Besonders erschreckend sind die Reaktionen auf die Meldung der tatsächlich erfolgten Abschiebung.

In den Facebook-Kommentarspalten surinamischer Nachrichtenportale wird die Entscheidung von zahlreichen Nutzern regelrecht gefeiert.

„Thank God!“, „Endlich hat die Regierung etwas Gutes getan“ und „Großartiger Schritt des Präsidenten“ lauten einige der Reaktionen.

Andere schreiben schlicht „Hau ab!“ oder fordern: „Keine Sekten in unserem Land!“

Die Ablehnung richtet sich dabei nicht mehr nur gegen das konkrete Agrarprojekt. Auch die religiöse Gemeinschaft und ihre traditionelle Lebensweise werden angegriffen.

Ein Kommentator argumentiert beispielsweise, geschlossene Gemeinschaften mit eigenen Regeln und Gesetzen hätten auf surinamischem Territorium keinen Platz. Andere warnen vor einem „Staat im Staat“ und behaupten, die Mennoniten wollten sich von der übrigen Bevölkerung abschotten.

Teilweise werden sogar Vergleiche mit der Sekte um Jim Jones in Guyana gezogen.

Besonders auffällig ist, dass einige Kommentatoren die Abschiebung der bolivianischen und mexikanischen Familien zum Anlass nehmen, gleich die Ausweisung weiterer Ausländergruppen zu fordern. Genannt werden unter anderem Chinesen, Brasilianer, Kubaner, Haitianer und Venezolaner. Auch die Mennoniten des anderen Projekts von Braganza werden ausdrücklich erwähnt.

Die Diskussion geht damit weit über den ursprünglichen Fall hinaus. Es entsteht der Eindruck, dass manche Nutzer grundsätzlich weniger ausländische Gemeinschaften im Land haben möchten.


Es gibt auch kritische Stimmen gegenüber der Regierung

Allerdings sind nicht alle Kommentare gegen die Mennoniten gerichtet.

Mehrere Surinamer fragen, warum ausgerechnet diese Familien so konsequent verfolgt werden, während andere ausländische Akteure im Landesinneren Gold abbauen, Wälder zerstören und Flüsse mit Chemikalien belasten.

Einige fragen, warum die Verantwortlichen, die die Familien nach Suriname geholt und ihnen eine Zukunft versprochen haben, nicht ebenfalls zur Rechenschaft gezogen werden.

Ein Kommentator weist darauf hin, dass die Menschen nicht von selbst nach Suriname gekommen seien, sondern dass jemand ihre Ansiedlung organisiert und ihnen entsprechende Zusicherungen gemacht haben müsse.

Andere sehen in den Mennoniten erfahrene Großlandwirte, die der surinamischen Landwirtschaft durchaus einen wirtschaftlichen Impuls hätten geben können.

Auch die Behandlung der Familien wird kritisiert. Besonders die Tatsache, dass kleine Kinder und Babys von der Räumung und Abschiebung betroffen sind, stößt bei einigen Nutzern auf Unverständnis.

Die Facebook-Kommentare sind natürlich keine repräsentative Umfrage über die Meinung aller Surinamer. Trotzdem ist die teilweise aggressive und abwertende Stimmung bemerkenswert.


Regenwald schützen – aber Menschen fair behandeln

Natürlich hat Suriname das Recht, seine Gesetze durchzusetzen und seinen Regenwald zu schützen. Großflächige Rodungen müssen verhindert und die Rechte der einheimischen Bevölkerung respektiert werden.

Aber die Verantwortung für ein möglicherweise schlecht vorbereitetes Agrarprojekt darf nicht einfach auf die einzelnen Familien abgewälzt werden.

Wer hat sie angeworben? Wer hat ihnen die staatliche Zustimmung und eine landwirtschaftliche Zukunft in Aussicht gestellt? Wer hat sich um die notwendigen Genehmigungen gekümmert?

Das sind Fragen, die weiterhin beantwortet werden müssen.

Die Mennonitenfamilien sind inzwischen aus Suriname ausgewiesen. Was aus ihren Investitionen, ihren Maschinen und ihrer persönlichen Zukunft wird, ist unklar.

Eine andere Religion, eine andere Kleidung und eine traditionelle Lebensweise sind kein Verbrechen. Auch Menschen, die lieber innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft leben, haben Anspruch auf eine faire und menschenwürdige Behandlung.

Am Ende bleibt eine bittere Frage: Die Familien sind abgeschoben – aber wer übernimmt die Verantwortung für das gescheiterte Projekt und für die Menschen, die ihm vertraut haben?



Quellen und weiterführende Berichte:

Kommentare


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Mennoniten: Arbeite und hoffe
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