„Mennoniten für 250 Dollar zu verkaufen“
- Redaktion

- 1. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Feb.

„Mennoniten für 250 Dollar zu verkaufen.“
Mit dieser Schlagzeile hatte eine argentinische Zeitung im Jahr 1947 Stimmung gegen die Mennoniten gemacht. Es war Unwahrheit, was damals über die Mennoniten geschrieben wurde.
Leider passiert es heute wieder, dass argentinische Medien Unwahrheiten über die Mennoniten verbreiten.
Im Jahr 1947 erschien in der argentinischen Presse eine Schlagzeile, die bis heute erschüttert: „Mennoniten für 250 Dollar zu verkaufen.“ Schon die Wortwahl zeigt, worum es damals ging: nicht um nüchterne und ehrliche Berichterstattung, sondern um Skandalisierung und unberechtigte Aufmerksamkeit.

Die betroffenen Mennoniten waren Flüchtlinge, die sich in Buenos Aires auf der Weiterreise nach Paraguay befanden. Sie hatten Krieg, Flucht und Verlust hinter sich. Statt ihre Lage sachlich darzustellen, wurde ihnen in jener Überschrift eine menschenverachtende Geschichte zugeschrieben – so, als würden Menschen wie Ware „verkauft“.
Nach heutigem Kenntnisstand und im Licht der überlieferten mennonitischen Berichte ist klar, dass diese Behauptung nicht wahr gewesen ist. Es handelte sich um eine verleumderische Darstellung, die mit einer schockierenden Zahl arbeitete („250 Dollar“), um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ein tatsächlichen „Verkauf“ von Mennoniten hat nie stattgefunden; die Schlagzeile war vielmehr Teil einer sensationsorientierten und diffamierenden Darstellung der Flüchtlinge.
Gerade deshalb ist diese Überschrift historisch bedeutsam: Sie zeigt, wie schnell ganze Menschengruppen in politischen und sozialen Spannungszeiten zum Ziel öffentlicher Hetze werden konnten. Die Mennoniten warteten in Buenos Aires auf ihre Weiterreise – doch ein Teil der Presse machte aus ihrer Notlage einen Skandalstoff.
Ein plötzlicher Stimmungsumschwung in der Presse
Besonders eindrücklich schildern Peter und Elfrieda Dyck, wie überraschend diese Kampagne einsetzte. Nach ihren Berichten hatte die argentinische Presse zunächst wohlwollend und relativ zutreffend über die Mennonitas berichtet, die in einer Zeltstadt am Hafenrand lebten. Dann kam der Umschwung:
„Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf uns dann das Unglück.“
Am 12. Mai veröffentlichte die Zeitung La Crítica eine Titelgeschichte, die angeblich erstmals die „wahre“ und „schockierende“ Wahrheit über die Flüchtlinge enthüllen sollte – und über das, was ihr vermeintlicher Wohltäter, das Mennonite Central Committee (MCC), mit ihnen anstelle. In dieser Darstellung hieß es sinngemäß, die Mennoniten würden „wie Tiere“ behandelt und für 250 Dollar pro Kopf verkauft.
Damit wurde nicht nur das Leid der Flüchtlinge sensationell ausgeschlachtet, sondern zugleich die mennonitische Flüchtlingshilfe des MCC in ein falsches und diffamierendes Licht gerückt.
Die Berichterstattung blieb nicht bei einer einzelnen Schlagzeile. Die Zeitung La Crítica breitete die Geschichte noch weiter aus. So wurden in der Ausgabe vom 12. Mai 1947 angebliche Einzelheiten über das „schreckliche Los“ der Flüchtlinge beschrieben, verbunden mit Angriffen auf das MCC, das als eine „fürchterlich kapitalistische, nordamerikanische Einrichtung“ dargestellt wurde. Zudem wurde behauptet, die Flüchtlinge hätten sich mit einem Hilferuf an Präsident Juan Perón gewandt.
Diese Darstellung trug alle Merkmale einer politisch aufgeladenen Kampagne: emotionalisierende Sprache, moralische Entrüstung, angebliche Enthüllungen – jedoch ohne belastbare Belege für den zentralen Vorwurf.
Im Nachhinein stellte sich raus, dass alle diese Darstellungen nicht der Wahrheit entsprachen.
Das Bild als „Beweis“ – und als Mittel der Manipulation
Besonders aufschlussreich ist ein Detail: Um den Vorwurf des „Verkaufs“ scheinbar zu belegen, druckte die Zeitung ein Foto eines Flüchtlings, Herrn Boldt, ab. Er wirkte darauf tief traurig, trug die Gefangenennummer 21 sowie ein Schild mit der Aufschrift „250 Dollar“ über der Brust.

Gerade diese Inszenierung zeigt, wie stark mit visueller Wirkung gearbeitet wurde. Das Bild diente nicht der Aufklärung, sondern sollte die erfundene Erzählung von einem „Menschenverkauf“ emotional untermauern. Aus einem Flüchtling wurde so in der Öffentlichkeit eine Figur eines Presedramas gemacht.
Die Reaktion des MCC: bewusstes Schweigen
Die Zeitung forderte das MCC auf, zu den Behauptungen Stellung zu nehmen. Die verantwortlichen Mitarbeiter des MCC berichten, dass man daraufhin einen argentinischen Anwalt konsultierte. Dieser riet ausdrücklich davon ab, öffentlich zu reagieren:
„Schweigen ist die beste Antwort. Das Ganze wird bald vorbei sein, wenn Sie sich nicht äußern.“

Dieser Rat macht deutlich, in welcher schwierigen Lage sich die Helfer befanden. Eine öffentliche Gegendarstellung hätte die Kampagne möglicherweise noch weiter angeheizt. Gleichzeitig bedeutete Schweigen, die Verleumdung zunächst auszuhalten – in der Hoffnung, dass die Sensationswelle abebbt.
Was bedeuteten die „250 Dollar“ wirklich?
Die Zahl „250 Dollar“ war keine reale „Verkaufssumme“ für einen Menschen, sondern wurde in der Schlagzeile von La Crítica offenbar als skandalisierende Zuspitzung benutzt. Gemeint war sehr wahrscheinlich ein pro-Kopf-Betrag im Zusammenhang mit den Kosten der Weiterreise und Umsiedlung (Transport, Organisation, Unterbringung bzw. Ansiedlung), die im Rahmen der mennonitischen Flüchtlingshilfe durch das MCC organisiert wurden.
Aus einer solchen Kostenzahl machte die Zeitung eine menschenverachtende „Verkaufs“-Behauptung. Damit wurde aus einer Rettungs- und Hilfsaktion für entwurzelte Kriegsflüchtlinge ein sensationsheischender und falscher Vorwurf konstruiert.
Historische Bedeutung der Schlagzeile
Die Schlagzeile „Mennoniten für 250 Dollar zu verkaufen“ steht heute daher nicht als Tatsachenbericht, sondern als Beispiel für eine entgleiste Berichterstattung: laut, wirkungsvoll – und in der Sache gelogen.
Auch wenn dieses Beispiel inzwischen fast 80 Jahre zurückliegt, erleben wir aktuell in Argentinien erneut eine Berichterstattung über die Mennoniten, die der Wahrheit nicht entspricht.
In vielen argentinischen Zeitungen ist derzeit von einer Frau zu lesen, die vor sieben Jahren eine mennonitische Kolonie verlassen hat. Ihre Berichte werden zudem über soziale Medien weiterverbreitet. Leider findet dabei – ähnlich wie damals bei dem Zeitungsbericht – offenbar keine sorgfältige Prüfung der gemachten Aussagen statt. Die sehr subjektiven Schilderungen dieser Frau werden vielfach eins zu eins übernommen. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild einer ganzen Gemeinschaft, das nicht der Realität entspricht.
Durch die Aussagen einer einzelnen Person werden tausende ernsthaft gläubige Menschen pauschal unter Verdacht gestellt und zu Unrecht beschuldigt.
Wie schon damals bewahren die zu Unrecht Beschuldigten Ruhe und äußern sich nicht öffentlich zu den Vorwürfen, um die Angelegenheit nicht noch weiter anzuheizen. Dieses Schweigen wird jedoch von vielen Außenstehenden leider als Schuldeingeständnis missverstanden.
Das ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr wird hier ein Grundsatz angewendet, der sich auch im Wort Jesu Christi aus Johannes 8,7 widerspiegelt: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“
Quellen:
Crítica (Buenos Aires), 12. Mai 1947, Nr. 11755.Digitalisat im Internet Archive, Identifier: BNA_S001181802_19470512N11755 (inkl. OCR-Textdatei: ..._djvu.txt).
Prieto Valladares, Jaime: Mission and Migration. Latin America (Global Mennonite History Series). Intercourse, PA / Kitchener, ON: Good Books / Pandora Press, 2010.
Zum Kontext der Ankunft 1947 in Buenos Aires (Puerto Nuevo) und der Weiterreise nach Paraguay sowie zu den Anmerkungen mit weiterführenden Quellen (u. a. La Voz Menonita, Juni 1947).
Luayza, Albano: „Los Menonitas en Puerto Nuevo“, in: La Voz Menonita, Juni 1947, S. 78–79 (in Prieto als Quelle genannt).




Kommentare