La Casa 1922: Ein Stück mennonitischer Geschichte wird bewahrt

Mehr als hundert Jahre nach der Ankunft der ersten mennonitischen Siedler in Chihuahua stand eines der ältesten erhaltenen mennonitischen Wohnhäuser Mexikos vor dem Ende. Das Holz war grau verwittert, Teile des Daches waren beschädigt, Fenster fehlten oder waren zerbrochen und im Inneren hatten zahlreiche Veränderungen die ursprüngliche Konstruktion verdeckt. Dennoch hatte das 1922 errichtete Haus erstaunlich viel seiner historischen Substanz bewahrt.

Benny Dueck erkannte den Wert des Gebäudes. Nach seinen Angaben handelt es sich um eines der beiden ältesten mennonitischen Häuser, die in Mexiko errichtet wurden. Es sei durchaus möglich, dass es sogar das erste gewesen sei. Das Holz für den Bau war 1922 aus Kanada mit einem der ersten Züge nach Mexiko gekommen. Die Internetseite der heutigen „La Casa 1922“ nennt als Baumaterial kanadische Rot-Tanne und Kiefer und gibt Campo 4 in der Manitoba-Kolonie als ursprünglichen Standort an.



Das Haus von Franz Froese
Nach den Angaben von Benny Dueck ließ Franz Froese das Haus 1922 errichten. Dueck bezeichnet ihn als ersten Vorsteher der Manitoba-Kolonie. Damit war das Gebäude nicht lediglich eines der frühen Wohnhäuser, sondern zugleich mit einem Mann verbunden, der in den Anfangsjahren Verantwortung innerhalb der neuen Siedlung trug.
Über Jahrzehnte wurde das Haus bewohnt und verändert. Die Bilder vom Zustand vor der Restaurierung zeigen noch deutlich die Spuren dieser langen Nutzung. Die ursprünglich horizontal angebrachten Holzbretter der Außenwände waren stark ausgebleicht. Das Wellblechdach war an mehreren Stellen beschädigt. Einige Fensteröffnungen waren provisorisch verschlossen, andere Fenster hatten keine Scheiben mehr.
Trotzdem fällt auf, wie gut die eigentliche Holzkonstruktion die hundert Jahre überstanden hatte. Die massiven Balken, viele Außenbretter, Teile der Dachkonstruktion und zahlreiche Dielen waren noch vorhanden.



Unter dem Putz kam das alte Haus wieder zum Vorschein
Noch deutlicher wird die Geschichte im Inneren. Die Aufnahmen zeigen Räume mit farbig gestrichenen Holzdielen, alten Türen und verputzten Wänden. An mehreren Stellen war der Putz bereits abgefallen oder bei den Arbeiten entfernt worden. Darunter kamen ältere Wandaufbauten und Teile der historischen Holzkonstruktion zum Vorschein.

Die Dokumentation des Hauses berichtet, dass bei der Restaurierung ältere Lehmfüllungen Stück für Stück entfernt und spätere Putzschichten abgenommen wurden, um die ursprüngliche Holzkonstruktion wieder freizulegen.

Gerade diese Aufnahmen machen deutlich, dass die Restaurierung nicht darin bestand, lediglich ein altes Gebäude neu anzustreichen. Zunächst musste herausgefunden werden, welche Teile tatsächlich aus dem Jahr 1922 stammten und erhalten werden konnten.
Vorbereitung auf eine außergewöhnliche Versetzung
Bevor das eigentliche Haus transportiert werden konnte, mussten die späteren beziehungsweise nicht zum transportierten Holzkern gehörenden Gebäudeteile abgetrennt werden.

Für den Transport konnte das Haus nicht in seinem damaligen Zustand bleiben. Das hohe Satteldach wurde abgenommen. Übrig blieb der rechteckige Holzkörper des Erdgeschosses.
Bild 6a: Das Dach ist bereits entfernt. Der mehr als hundert Jahre alte Holzkörper steht nun für die nächsten Arbeitsschritte frei und kann für die Versetzung vorbereitet werden.
Das ganze Haus wurde angehoben
Der spektakulärste Teil der Rettung war die Versetzung.
Anstatt das alte Haus abzureißen und an anderer Stelle nachzubauen, entschied man sich dafür, den historischen Holzkörper möglichst vollständig zu erhalten.


Das Haus musste zunächst vom Fundament gelöst und vorsichtig angehoben werden. Dabei durfte sich der mehr als hundert Jahre alte Holzkörper möglichst nicht verziehen.


Die offizielle Darstellung von „La Casa 1922“ gibt die zurückgelegte Strecke mit rund zehn Meilen, also etwa 16 Kilometern, an. Das Haus sei dabei mit Ausnahme des Daches als Ganzes transportiert worden.

Einige der eindrucksvollsten Bilder dieser Rettungsaktion zeigen das Gebäude während der Fahrt. Was 1922 mit der Eisenbahn aus Kanada nach Chihuahua gekommen war, wurde mehr als hundert Jahre später noch einmal auf eine außergewöhnliche Reise geschickt.



Am neuen Standort begann der Wiederaufbau
Am neuen Standort wurde das Haus auf das vorbereitete Fundament gesetzt. Danach begann der eigentliche Wiederaufbau.

Die Fotografien dokumentieren den Wiederaufbau ungewöhnlich ausführlich. Zunächst musste das große Satteldach wiederhergestellt werden.

Dabei blieb die charakteristische Form erhalten: ein langgestreckter rechteckiger Baukörper mit hohem Satteldach und einem nutzbaren Obergeschoss.


Anschließend erhielt das Gebäude wieder ein Metalldach. Auch die schmalen, hohen Fensteröffnungen blieben erhalten. Sie prägen bis heute das Erscheinungsbild des Hauses.

Altes Holz bleibt sichtbar
Besonderer Wert wurde darauf gelegt, die historische Substanz nicht vollständig hinter modernen Materialien verschwinden zu lassen.
Nach Angaben der Betreiber sind noch Originalfußböden aus dem Jahr 1922 sowie historische Balken erhalten. An den Hölzern seien teilweise sogar noch Bearbeitungsspuren aus der Entstehungszeit zu erkennen.
Gleichzeitig musste das Gebäude an eine heutige Nutzung angepasst werden. Dämmung, Stromversorgung und andere notwendige Einrichtungen wurden ergänzt.

Gerade dieser Gegensatz macht die Restaurierung interessant. Das Haus wirkt nicht wie ein vollständig neuer Bau im historischen Stil. An vielen Stellen kann der Besucher weiterhin erkennen, dass Teile des verwendeten Holzes seit 1922 zum Gebäude gehören.

Eine große Veranda ergänzt das historische Haus
Beim Wiederaufbau erhielt das Gebäude außerdem eine große überdachte Holzveranda. Sie zieht sich heute über die Vorderseite und Teile der Seiten des Hauses.
Sie gehört nicht zu den auf den frühen Zustandsbildern sichtbaren ursprünglichen Bauteilen und sollte deshalb bei einer historischen Beschreibung als Ergänzung im Zuge der Restaurierung bezeichnet werden.

Durch Material und Bauform fügt sie sich dennoch zurückhaltend in das Erscheinungsbild des Hauses ein.

Eine Luftaufnahme zeigt besonders gut, wie sich das gerettete Haus heute auf seinem neuen Grundstück präsentiert.

Vom verfallenden Haus zur „La Casa 1922“
Die Restaurierung hatte ein ungewöhnliches Ziel. Das Haus sollte nicht hinter einer Museumsschranke stehen.
Benny Dueck ließ es wieder zu einem bewohnbaren Haus werden. Heute wird es unter dem Namen „La Casa 1922“ als Unterkunft angeboten. Die derzeitige Beschreibung nennt drei Schlafzimmer und zwei Badezimmer. Besucher können damit tatsächlich in einem Haus übernachten, dessen wesentliche Konstruktion aus der Anfangszeit der mennonitischen Besiedlung Chihuahuas stammt.
Das bedeutet zwangsläufig einen Kompromiss zwischen historischer Bewahrung und heutiger Nutzung. Moderne Einrichtungen wurden eingebaut, gleichzeitig blieben alte Fußböden, Balken und wesentliche Teile des hölzernen Baukörpers erhalten.

Mehr als die Rettung eines alten Gebäudes
Der Wert dieses Hauses liegt deshalb nicht allein in seinem Alter.
1922 kamen Tausende Mennoniten mit Sonderzügen aus Kanada nach Chihuahua. Sie brachten nicht nur Möbel, Tiere und landwirtschaftliche Geräte mit, sondern auch Baumaterial. Die Eisenbahn war damit unmittelbar an der Entstehung der ersten mennonitischen Siedlungen beteiligt. Eine historische Darstellung zur Einwanderung bestätigt, dass die ersten Züge im März 1922 San Antonio de los Arenales, das heutige Cuauhtémoc, erreichten.
Genau diese Geschichte steckt im Holz des Hauses.
Was 1922 mit der Eisenbahn aus Kanada nach Mexiko kam, wurde mehr als ein Jahrhundert später noch einmal auf eine außergewöhnliche Reise geschickt. Diesmal nicht, um eine neue Kolonie aufzubauen, sondern um ein Stück ihrer Anfänge zu bewahren.

Dass das Haus heute wieder steht, ist deshalb weit mehr als eine gelungene Renovierung. Es ist die Rettung eines greifbaren Zeugnisses der mennonitischen Einwanderung nach Mexiko.
Quelle:
La Casa 1922, offizielle Internetseite des restaurierten Hauses, Angaben zu Geschichte, Baumaterial, Versetzung und Restaurierung.
Benny Dueck, persönliche Angaben sowie Fotodokumentation zur Geschichte und Restaurierung des Hauses.
Lucero García Reyna: Un nuevo hogar para los menonitas de la Vieja Orden, in: Mirada Ferroviaria, Nr. 42, Mai–August 2021. Zur mennonitischen Einwanderung nach Chihuahua 1922 und zur Bedeutung der Eisenbahn. MFDSA
La Casa 1922 / Google Travel, Angaben zur heutigen Nutzung des restaurierten Gebäudes als Unterkunft.





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