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Kolonie "Fernheim"

Aktualisiert: 10. Jan.



Gegründet: 1930

Herkunft der Siedler: Russland


Die Kolonie Fernheim ist nach der Kolonie Menno (1927) die zweitälteste mennonitische Siedlungskolonie im paraguayischen Chaco. Ihre Entstehung ist eng mit der Flüchtlingsgeschichte der Russlandmennoniten am Ende der 1920er Jahre verbunden: In der Sowjetunion verschärften sich Enteignungen, Repression und die Perspektivlosigkeit vieler deutschstämmiger Dorfgemeinschaften.


1929 sammelten sich darum 12.000–14.000 Menschen (Mennoniten und andere Russlanddeutsche) vor Moskau, um eine Ausreise zu erzwingen. Durch diplomatische Intervention konnten schließlich 5.671 Personen am 25. November 1929 nach Deutschland reisen – darunter 3.885 Mennoniten; viele weitere wurden jedoch abgewiesen bzw. mussten zurück.


Von Deutschland in den Chaco: Warum Paraguay?


In Deutschland war rasch klar, dass ein dauerhaftes Bleiben für die meisten Flüchtlinge kaum möglich sein würde. Gleichzeitig suchten mennonitische Netzwerke nach einem Ort, an dem geschlossenes Siedeln, Gemeindeautonomie und ein Leben im Sinne des pazifistischen Glaubensverständnisses realistisch blieben. Paraguay bot diese Möglichkeit – jedoch nicht in einem „fertigen“ Siedlungsraum, sondern im damals weitgehend unerschlossenen Chaco.



Ein wichtiger Teil der Erinnerung an diese Zeit ist das Bild des „Roten Tores / Red Gate“ (Grenzsymbol an der sowjetisch-lettischen Grenze), das in mennonitischen Erzählungen als „Tor in die Freiheit“ steht. Archive dokumentieren diese Symbolik ausdrücklich.


Gründung 1930: „Fernheim“ – ein „Heim in der Ferne“


Die Kolonie wurde am 1. Juli 1930 gegründet. Nach Darstellung der Kooperative verließen 1.572 Personen Europa und legten damit den Grundstein für Fernheim; anfangs organisierte man sich in 12 Dörfern mit jeweils 20–25 Höfen. Das Lexikon der Mennoniten in Paraguay ergänzt, dass zunächst ein Provisorium bei Trébol entstand und sich die frühe Dorfstruktur in den ersten Jahren dynamisch weiterentwickelte (u. a. durch spätere kleinere Zuwanderungsgruppen).


Der Weg in den Chaco war logistisch anspruchsvoll: typischerweise ging es per Flussdampfer den Río Paraguay hinauf nach Puerto Casado, weiter mit einer Schmalspurbahn in den Busch und schließlich über Tage mit Ochsenkarren ins Siedlungsgebiet.


Filadelfia: Verwaltungszentrum dank Wasser


Das Zentrum Fernheims ist Filadelfia. Die Kooperative beschreibt den Kerngrund für die Standortwahl sehr konkret: Man entschied sich für den Platz des heutigen Filadelfia, weil dort ausreichend süßes Grundwasser verfügbar war und der Ort zentral zu den Dörfern lag. Als Gründungsdatum der Stadt wird in lokalen Darstellungen der 17. August 1931 genannt (Aufbau als Verwaltungs- und Versorgungszentrum).


Politisch-administrativ wurde Filadelfia später stärker aufgewertet: Seit 1993 gilt die Stadt als Hauptstadt des Departamento Boquerón. Und mit dem Gesetz Ley 2928 (9. Juni 2006) wurde der Municipio Filadelfia geschaffen; das Gesetz nennt als Flächengröße 13.879 km² (zuzüglich genauer Hektar-/m²-Angaben).


Kooperative Fernheim: Überleben durch Zusammenarbeit (ab 1931)


Ein Schlüssel zum Bestehen im „harten“ Siedlungsraum war das genossenschaftliche Prinzip. Die Kooperative Fernheim nennt als Gründungsdatum 13. Mai 1931 und bezeichnet sich als erste Kooperative Paraguays – entstanden aus der „Not und Mittellosigkeit“ der Pionierjahre. Aus einem anfänglichen Konsumladen mit Verwaltungsbüro entwickelte sich über Jahrzehnte ein großer Produktions- und Dienstleistungsverbund. Heute hat die Kooperative mehr als 2.000 Mitglieder.


Wirtschaftlich trägt Fernheim bis heute Landwirtschaft und Weiterverarbeitung: Die Kooperative nennt als Beispiele u. a. Erdnuss- und Sesamverarbeitung (Agrochaco) sowie die Vermarktung im Fleischbereich (z. B. Frigochaco). (Auch Überblicksdarstellungen nennen Baumwolle/Erdnüsse, Rindfleisch, Milch und Milchprodukte als wichtige Säulen.)


Infrastruktur und „Ankommen“: Kredite, Flugfeld, Straßen


Für die Entwicklung entscheidend waren Investitionen und Anbindung: Die Kooperative hebt den „Millionenkredit“ aus Nordamerika in den 1950er Jahren hervor sowie den Bau eines Flugfeldes und den späteren Durchbruch aus der Isolation durch Straßenverbindungen.


Quellen:

  • Mennoniten – Redaktion: Kolonie „Fernheim“ (Beitrag, 05.01.2021).

  • Menonitica (Lexikon der Mennoniten in Paraguay): Fernheim (Lexikonartikel; u. a. Gründung 01.07.1930, frühe Dorfgründungen, Zuwanderungsgruppen).

  • Cooperativa Fernheim (offizielle Webseite): Cooperative – Introduction/History (u. a. Gründung der Kooperative am 13.05.1931; Angaben zur Kolonie/Bevölkerung).

  • Cooperativa Fernheim (offizielle Webseite): Turismo – Filadelfia (u. a. Stadtgründung 17.08.1931; Filadelfia als Departementshauptstadt 1993; Bezirk/Distrikt 2006; Fläche 13.879 km²).

  • Frank H. Epp: Mennonites in Canada, 1920–1940: A People’s Struggle for Survival (Digitalisat; Tabelle/Angaben zu Moskau-Flüchtlingen: 5.671 insgesamt, davon 3.885 Mennoniten; Bezug zur Weiterwanderung u. a. nach Paraguay/Fernheim).

  • Mennonite Historical Society of British Columbia (Roots & Branches): Ausgabe/Artikel mit den Zahlen 5.671 / 3.885 zur Moskau-Flucht (PDF).

  • ABC Color: Fernheim conmemora 91 años de la fuga de la Unión Soviética (25.11.2020; Kontext 25.11.1929 und Kooperative 13.05.1931).

  • República del Paraguay (Gesetzestext bei Justia): Ley N° 2928 – “Que crea el Municipio Filadelfia…” (09.06.2006).

  • Wikipedia (zur Orientierung): Filadelfia (Paraguay) (u. a. Basisdaten/Fläche; als Sekundärquelle).


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