Kolonie "Menno"
- Redaktion

- 6. Jan. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Jan.

Gegründet: 1927 (erste Einwanderer erreichen Puerto Casado Ende 1926) Herkunft der Siedler: Kanada (Ost-/Westreserve in Manitoba sowie Bergthaler aus Saskatchewan; russlandmennonitische Wurzeln) Lage: Zentraler Chaco (Departamentos u. a. Boquerón), Hauptort Loma Plata, Nachbarkolonien Fernheim und Neuland
Die Kolonie Menno gilt als erste mennonitische Einwanderersiedlung in Paraguay – und zugleich als frühes, prägendes Kapitel mennonitischer Geschichte in der südlichen Hemisphäre. Ihr Name erinnert bewusst an Menno Simons: ein Signal, dass man in der neuen Heimat Glauben, Gemeindeordnung und Schule in eigener Verantwortung bewahren wollte.
Warum aus Kanada nach Paraguay?
Die mennonitischen Familien, die Menno gründeten, stammten aus konservativen Gemeinden der Ostreserve (Chortitzer) und Westreserve (Sommerfelder) im Red-River-Gebiet (Manitoba) sowie aus Bergthal (Saskatchewan). Entscheidende Auslöser waren Entwicklungen in Kanada, die man als Bedrohung der eigenen Lebensform verstand: insbesondere die staatliche Schulpflicht auf säkularer, englischsprachiger Grundlage (ab 1917) und Regelungen, die dem vertrauten genossenschaftlichen Wirtschaftsmodell entgegenstanden.
Paraguay wiederum hatte ein politisches und wirtschaftliches Interesse daran, das dünn besiedelte Chaco-Gebiet stärker zu erschließen. In diesem Kontext entstand 1921 das Gesetz 514, das den Einwanderern weitreichende Zusicherungen gab – darunter Befreiung vom Wehrdienst, eigene Schulen, weitgehende autonome Verwaltung/Rechtsprechung, Religionsfreiheit und die Möglichkeit weiterer Zuwanderung.
Die Chacoexpedition 1921 – Fred Engen und das „Pionierkreuz“
Bereits 1921 wurde eine große Erkundung auf den Weg gebracht: die Chacoexpedition, an der Vertreter der Gemeinden beteiligt waren. Geleitet und begleitet wurde sie von dem norwegischen Landmakler und Pazifisten Fred Engen, der den Chaco zuvor bereits bereist hatte. Die Expedition prüfte Böden, Vegetation und Wasserfragen und legte besonderes Augenmerk auf die höher gelegenen, grasbewachsenen Kämpe, die man für Ackerbau geeignet hielt.
Mit dieser Expedition verbindet sich ein eindrückliches Symbol: ein „Pionierkreuz“ (mit Mondsichel), das als Zeichen der Hoffnung und als Marker im Gelände diente und später im Umfeld von Menno museal bewahrt wurde.
Ankunft 1926/27 – Puerto Casado, Verzögerung und Verluste
Die ersten Einwanderergruppen trafen zwischen Ende 1926 und 1927 in Paraguay ein (insgesamt rund 1.740 Personen, je nach Zählung). Doch der Start in die neue Heimat wurde dramatisch erschwert: Das erworbene Land war nicht vermessen, und der Zugang ins Siedlungsgebiet war – entgegen früheren Zusagen – noch nicht ausreichend gesichert. Daher lebten viele zunächst in Lagern, u. a. in Puerto Casado.
Diese Wartezeit dauerte etwa 16 bis 18 Monate und wurde zur schwersten Prüfung der Anfangsphase. Infolge von Krankheit/Epidemie und äußerst harten Bedingungen starben 171 Menschen; zudem kehrte ein Teil entmutigt nach Kanada zurück. Am Ende bildeten ungefähr 1.200 Siedler die Grundlage der Kolonie im Chaco.
Hinzu kam, dass das Land im Chaco über einen großen Grundbesitzerkomplex (u. a. Carlos Casado SA) überhaupt erst zu erwerben war – ein Vorgang, der in zeitgenössischen Darstellungen und späteren Rückblicken auch kritisch bewertet wurde.
Aufbauarbeit im Chaco: Landwirtschaft, Wasser, Isolation
Die ersten Jahre waren von Entbehrungen geprägt – nicht nur durch Hitze und Trockenzeiten, sondern auch, weil Wissen und Erfahrung aus der kanadischen Prärie nur begrenzt übertragbar waren. Viele Betriebe mussten zunächst auf Subsistenzwirtschaft umstellen.
Gleichzeitig begann die eigentliche Pionierarbeit: Flächen wurden gerodet, Gärten angelegt, und frühe Kulturen (u. a. Maniok, Bohnen) sowie zeitweise auch Baumwolle spielten eine Rolle. Die gewünschte „Absonderung von der Welt“ bedeutete anfangs allerdings auch: schwierige Vermarktung, geringe Infrastruktur, kaum Handel.
Organisation: Gemeinde, Schule und das Chortitzer Komitee
Wie in vielen mennonitischen Kolonien stand die innere Ordnung von Beginn an auf zwei tragenden Säulen: Gemeinde/Schule (kulturelle und religiöse Identität) und wirtschaftliche Organisation (Kooperation, Versorgung, Vermarktung). In Menno übernahm ab 1936 das Chortitzer Komitee zentrale Verwaltungsaufgaben.
Krisen und Wegmarken: Chacokrieg, Abwanderung, Infrastruktur
In den 1930er Jahren fiel die Kolonie in eine unruhige Zeit: Der Chacokrieg (1932–1935) brachte negative wie auch indirekt modernisierende Effekte (u. a. Aufmerksamkeit, staatliche Präsenz, Bewegungen im Raum).
In den 1950er Jahren kam es zudem – wegen anhaltend widriger Lebensbedingungen und innerer Spannungen – zu einer Abwanderungswelle. Langfristig wurde jedoch entscheidend, dass der Chaco infrastrukturell besser angebunden wurde: Die Ruta Transchaco (PY09) verbindet den Westen mit Asunción und dem Grenzraum Richtung Bolivien und ist als Verkehrsachse für die Region zentral.
Wirtschaftlicher Durchbruch: Vieh, Milch und Verarbeitung
Ein Wendepunkt in der landwirtschaftlichen Entwicklung war die Einführung geeigneter Weide- und Haltungssysteme (z. B. Büffelgras als Grundlage extensiver Viehhaltung) sowie später die konsequente Investition in Verarbeitung.
Der große wirtschaftliche Aufschwung im Zentralchaco setzte besonders ab den frühen 1980er Jahren ein, als Kooperativen – unter anderem mithilfe eines Weltbankkredits – in die Milchverarbeitung investierten. Heute sind Milchprodukte (bekannt u. a. unter der Marke Trébol) sowie Vieh- und Fleischwirtschaft wichtige Standbeine; der Aufbau des Schlachthofs FrigoChorti (2001) steht beispielhaft für diese Entwicklung.
Menno heute
Die Kolonie umfasst – je nach Abgrenzung – rund 7.500 km²; Verwaltungs- und Alltagszentrum ist Loma Plata. In Menno leben (je nach Erhebung und Zählweise) rund 9.000 Einwohner (2010) bzw. über 10.000 Menschen (ACOMEPA-Statistik 2022); damit gilt Menno als größte mennonitische Siedlung Paraguays.
So steht Menno bis heute für eine Entwicklung, die viele mennonitische Siedlungsgeschichten prägt: Migration aus Gewissensgründen, harte Aufbaujahre, innere Bewahrung von Gemeinde und Schule – und zugleich die wachsende Einbindung in Wirtschaft, Infrastruktur und Gesellschaft Paraguays.
Quellen:
Menno (Paraguay), Wikipedia (de) – Geschichte, Gesetz 514, Ankunft/Verluste, Wirtschaft.
Menonitica-Lexikon: Menno – Gründung, Einwanderungszahlen, Chortitzer Komitee, Trébol/FrigoChorti.
Menonitica-Lexikon: Chacoexpedition 1921 – Ablauf, Puerto Casado, Kontakte, Gesetz 514.
MennLex: Verein für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay – „Pionierkreuz“/Symbolik. mennlex.de
Mennonite Heritage Archives (MHSC): Datensatz „Cross of pioneers“ (1921) – Kontext/Datierung/Überlieferung.
Menno-Welt: ACOMEPA-Statistik (2022) – Bevölkerungszahlen, Einordnung Menno.
Ruta 9 (Paraguay) / Ruta Transchaco, Wikipedia (de/en) – Basisdaten der Verkehrsachse.




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