Kandidat aus der Kolonie: Arnoldo Wiens in der Präsidenten-Vorwahl
- Redaktion

- 30. Dez. 2022
- 4 Min. Lesezeit

In den mennonitischen Kolonien Paraguays wurde im Dezember 2022 eine Frage plötzlich ganz real: Kann einer „von uns“ bis ganz nach oben kommen? Arnoldo Wiens, politisch erfahren und in mennonitischen Kreisen als plautdietsch-geprägter Landsmann wahrgenommen, stand kurz davor, Präsidentschaftskandidat der mächtigen Colorado-Partei zu werden. Doch am Ende setzte sich Santiago Peña durch – deutlich.
Wiens’ mennonitische Prägung: zwischen Plautdietsch, Glauben und Öffentlichkeit
Wiens’ Geschichte passt nicht in das klassische Bild einer abgeschlossenen Koloniebiografie – und genau darin lag seine Besonderheit. Er stammt aus einer Low-German (plautdietsch) Mennonite colony und wuchs laut Berichten in der Fernheim-Kolonie im Chaco auf. Gleichzeitig war er Pastor, später Journalist und Medienmanager: Er leitete mennonitisch getragene Medienprojekte und wurde als Moderator von Radio- und TV-Formaten bekannt, die Themen wie christliche Familie und Land/Natur Paraguays in den Mittelpunkt stellten.
Für viele Mennoniten war das ein Signal: Einer, der die Sprache der Kolonie kennt, bewegt sich souverän in der spanischsprachigen Mehrheitsgesellschaft – und kann politisch „ankommen“. In der politischen Kultur Paraguays, die oft von Misstrauen gegenüber Korruption geprägt ist, stellte Wiens sein Profil früh als werteorientiert dar; sogar seine theologische Arbeit befasste sich mit dem Thema „Glaube und Korruption“ in Lateinamerika.

Dass das in mennonitischen Gemeinden ambivalent gesehen wird, ist Teil der Geschichte: Viele Kolonien verstanden ihre Einwanderung jahrzehntelang auch als Distanzierung von Politik. Gleichzeitig zeigen neuere Entwicklungen, dass mennonitische Beteiligung an Verwaltung und Regierung in Paraguay längst zunimmt – vom Departement bis in Ministerien und Parlament.
Das Duell Peña gegen Wiens: zwei Lager, zwei Machtzentren
Die Colorado-Partei (ANR) ging nicht geschlossen in diese Vorwahl – sie war offen gespalten:
Santiago Peña / Pedro Alliana standen für Honor Colorado, den Flügel um Ex-Präsident Horacio Cartes.
Arnoldo Wiens / Juan Manuel Brunetti traten für Fuerza Republicana an, den Lager-Kern rund um den damaligen Präsidenten Mario Abdo Benítez.
Inhaltlich verdichtete sich das auf eine zugespitzte Erzählung: Wiens sprach von einem Kampf zweier „Modelle“ – eines, das Institutionen und republikanische Werte betone, und eines, das von den Interessen eines mächtigen Wirtschafts-Netzwerks geprägt sei. In Interviews warnte er, das „Cartismo“ wolle zurück an die Macht, um sich juristische Immunität zu sichern.
Peña wiederum war der politische Ziehsohn von Cartes – und hatte die stärkere Parteimaschinerie im Rücken. ABC Color erinnerte daran, dass Peña Jahre zuvor parteiintern schon einmal gegen Abdo verloren hatte und danach im Umfeld von Cartes wieder aufgebaut wurde.
Warum Wiens überhaupt kandidierte: das „Velázquez-Vakuum“
Ein entscheidender Auslöser war ein erzwungener Kandidatenwechsel: Wiens rückte nach, nachdem Hugo Velázquez – bis dahin Hoffnungsträger des Abdo-Flügels – nach US-Vorwürfen („significant corruption“) politisch schwer unter Druck geriet und seinen Platz räumen musste. Damit trat Wiens nicht als „lange aufgebaute“ Parteifigur an, sondern als Kandidat, der in kurzer Zeit eine ganze Strömung zusammenhalten sollte.
Das Ergebnis: klare Zahlen, klare Botschaft
Am Wahlabend meldete das TREP-System (vorläufige Übermittlung) eine klare Führung:
Santiago Peña: 51,70 %
Arnoldo Wiens: 43,79 %
Die Zahlen bedeuteten mehr als nur einen Sieg: Am selben Tag gewann Cartes auch den parteiinternen Machtkampf um die Parteiführung. Für viele Beobachter war das der Moment, in dem Honor Colorado die Parteikontrolle festigte – und Wiens’ Chance auf die historische Kandidatur de facto beendete.
Was das für die Mennoniten bedeutet
In mennonitischen Kreisen bleibt nach dieser Vorwahl eine doppelte Erkenntnis. Erstens: Ein Kandidat mit mennonitischem Hintergrund kann in Paraguay bis in die erste Reihe vorstoßen – sichtbar, ernsthaft und mit Millionenpublikum. Zweitens: In der Colorado-Partei entscheiden am Ende nicht nur Biografien und Sympathien, sondern vor allem innerparteiliche Machtblöcke, Ressourcen und Loyalitäten. Und da war Peña 2022 schlicht stärker.
Und wie ging es politisch weiter?
Für Wiens bedeutet die Niederlage keinen Sturz ins Abseits. Berichten zufolge erhielt er anschließend einen Posten im Verwaltungsrat des binationalen Wasserkraftwerks Itaipú – einer Schlüsselinstitution für Paraguays Energie- und Staatsfinanzen.

Was bleibt, ist eine Wegmarke
Auch wenn der „Durchbruch“ ausblieb: Die Tatsache, dass ein Kandidat mit mennonitischem Hintergrund in einer derart mächtigen Partei überhaupt bis kurz vor die nationale Bühne kam, ist für viele Beobachter ein Zeichen veränderter Realitäten. Mennoniten sind in Paraguay längst nicht mehr nur „Kolonie und Landwirtschaft“, sondern auch Medien, Verwaltung und Politik. Und die Diskussion, ob Herkunft im 21. Jahrhundert noch ein Wahlhindernis ist – sie wird nach diesem Versuch eher lauter als leiser.
Quellen:
Menno-Welt – „Arnold Wiens verfehlt Präsidentschafts-Kandidatur“ (u. a. Hinweis auf Itaipú-Verwaltungsrat).
ABC Color – „TREP: Santi Peña se impuso a Wiens…“ (Vorwahlergebnis inkl. 51,70 % vs. 43,79 %; Zuordnung Honor Colorado vs. Fuerza Republicana).
Anabaptist World – „Former pastor seeks Paraguayan presidency“ (mennonitischer Hintergrund/Low-German colony; Aufwachsen in Fernheim; Rücktritt als Minister zur Kandidatur).
MercoPress – Bericht zur Kandidatenkür/Wechsel nach dem Velázquez-Thema (Kontext, warum Wiens als Kandidat des Flügels relevant wurde).
Asociación Rural del Paraguay (ARP) – Bilddatei arnoldo1-07-11-2022.jpg (genau das von dir gepostete Foto).
ARP-Artikel (Einbettung der Fotoserie zur Veranstaltung).
Última Hora – Artikel zur selben ARP-Veranstaltung (dort Bildnachweis „Foto: Gentileza“, mit eigenem Zuschnitt).
ITAIPU Binacional (Paraguay, offizieller News-Bereich) – Artikel mit Fotos zum geöffneten Vertedero/Spillwa




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