Bolivien nach 100 Tagen Rodrigo Paz: Reformkurs unter Druck – und trotzdem Rückhalt
- Redaktion

- vor 21 Stunden
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Als Rodrigo Paz am 8. November 2025 das Präsidentenamt übernahm, war es mehr als ein Regierungswechsel: Nach fast zwei Jahrzehnten Dominanz des MAS-Lagers begann in Bolivien ein politischer Neustart – ausgelöst von einer schweren Wirtschafts- und Versorgungskrise mit Dollarmangel, Treibstoffknappheit und starkem Preisdruck.

Hundert Tage später – markiert vom Präsidenten am 19. Februar 2026 – präsentiert sich Paz als Stabilisierungspolitiker. In einer Bilanz erklärte er, die Wirtschaft habe sich „stabilisiert“, 2026 solle nun dem „Ordnen des Hauses“ dienen und Reformen über neue Gesetze absichern. Kritiker halten dagegen: Das Tempo sei hoch, die soziale Belastung spürbar – und die Regierung gerate immer wieder in Konflikte mit Gewerkschaften und Regionen.
Der Kern der ersten 100 Tage: Treibstoff, Preise, Vertrauen
Die mit Abstand folgenreichste Entscheidung fiel kurz vor Weihnachten: Mit einem umfangreichen Dekret hob die Regierung am 17. Dezember die seit rund 20 Jahren bestehende staatliche Treibstoffsubvention für Benzin und Diesel auf. Paz nannte das einen notwendigen „Rettungsschritt“, um Defizit und wirtschaftlichen Verfall zu bremsen.
Die Folgen trafen die Menschen unmittelbar. Medien berichteten von kräftigen Preissprüngen – Benzin etwa +85%, in anderen Darstellungen eine Verdopplung – und von einem Dominoeffekt bei Transportkosten und Lebensmitteln. Besonders sichtbar wurde der Widerstand bei Streiks und Blockaden: In La Paz und Santa Cruz stand der Verkehr zeitweise still, Transportverbände drohten mit landesweiten Protesten.
Gleichzeitig versuchte die Regierung, die Härten abzufedern. Laut AP gehörten dazu eine Lohnerhöhung um 20% sowie die Zusage, Sozialboni für ärmere Bevölkerungsteile beizubehalten.
Sparen, Umbauen, „Staatsfett“ kürzen
Schon in den ersten Wochen setzte Paz auf ein Signal an Märkte und Investoren: 30% weniger Staatsausgaben für 2026, weniger Ministerien (von 17 auf 14) und der Plan, mehrere Steuern abzuschaffen, darunter die Abgabe auf große Vermögen. Die Regierung argumentiert: Diese Steuern brächten wenig Ertrag, schadeten aber Investitionen.
Politisch ist das riskant, weil Paz im Parlament auf Bündnisse angewiesen ist: Seine Partei verfügt laut AP nur über rund 39% der Sitze – ein Start ohne komfortable Mehrheit.
Außenpolitik und Kredite: „Bolivien für die Welt“
Parallel zur Innenpolitik ging die Regierung auf internationale Partner zu. Berichte betonen eine Abkehr von ideologischen Bündnissen und eine Annäherung an die USA, außerdem Gespräche mit internationalen Finanzinstitutionen.
Zentral ist dabei Geld: Die Entwicklungsbank CAF stellte einen Finanzierungsrahmen von bis zu 3,1 Mrd. US-Dollar für mehrere Jahre in Aussicht.
Krisenstoff im Alltag: „schlechter“ Sprit und die Frage nach Kompetenz
Wie dünn die Decke bleibt, zeigte Anfang Februar ein unerwarteter Skandal: Die Regierung räumte ein, dass Benzin zeitweise in schlechter Qualität verteilt worden sei – Transportverbände fordern Entschädigungen wegen Motorschäden, im Parlament wurde eine Untersuchung angekündigt. Der Vorgang verschärfte die Stimmung gerade deshalb, weil der Kraftstoff gleichzeitig deutlich teurer geworden war.
Zufriedenheit der Bevölkerung: erstaunlich hoch – aber mit Einschränkungen
Trotz der Zumutungen hält sich Paz’ Rückhalt laut Umfragen bislang.
Eine Ipsos-CIESMORI-Erhebung (für UNITEL) weist 65% Zustimmung zur Amtsführung in den großen Städten des „zentralen Korridors“ aus; 24% lehnen ab, der Rest ist unentschieden.
Wichtig: Das sind 4 Städte (u. a. La Paz/El Alto, Cochabamba, Santa Cruz) mit 400 Interviews und ±4,9% Fehlertoleranz – nicht das gesamte Land.
Ein lateinamerikanisches Ranking der CB Consultora ordnet Paz im Februar im Mittelfeld ein: 48,8% Zustimmung stehen 46,3% Ablehnung gegenüber. Das Bild ist also deutlich knapper als in den städtischen Teilstichproben.
Unterm Strich lässt sich sagen: Viele Bolivianerinnen und Bolivianer scheinen den Reformkurs als notwendig zu akzeptieren – solange er mit sozialem Ausgleich und sichtbaren Verbesserungen (Versorgung, Inflation, Jobs) einhergeht. Gleichzeitig zeigen Streiks, Blockaden und der Treibstoffstreit, wie schnell die Geduld kippen kann.
Mennoniten und das „100-Tage“-Stimmungsbild
Ein besonderer Blick lohnt sich in die mennonitischen Kolonien – nicht nur, weil sie gesellschaftlich oft zurückhaltend auftreten, sondern weil sie in den Tieflandregionen (v. a. Santa Cruz) zu den prägenden Akteuren der Landwirtschaft gehören. Studien beschreiben die mennonitischen Kolonien als wichtigen Faktor der agrarischen Expansion; zugleich tragen sie einen relevanten Anteil zur bolivianischen Sojaproduktion bei.

Gerade deshalb treffen wirtschaftspolitische Weichenstellungen der ersten 100 Tage diese Regionen besonders direkt: Die Aufhebung der Treibstoffsubventionen wurde ausdrücklich so angelegt, dass sie zunächst Landwirtschaft und Unternehmen spürbar betrifft – also jene Sektoren, in denen Diesel- und Transportkosten zentral sind.
Vor diesem Hintergrund ist ein Stimmungsbild aus mennonitischem Umfeld interessant: In einer (nicht repräsentativen) Umfrage innerhalb mennonitischer Kreise bewerteten 52% die ersten 100 Tage positiv, 22% „regular“ (mittel/abwartend) und 26% „malo“ (negativ). Das ist – so die Deutung – ein „Bestanden“, das stark an Hoffnung und Erwartungen hängt und bei weiterem Kostendruck schnell kippen kann.
Auffällig ist: Diese 52% liegen in einer ähnlichen Größenordnung wie überregionale Messungen zur Präsidentenwahrnehmung (z. B. 51,7% positives Image in einer regionalen Vergleichsstudie kurz nach Amtsantritt). Gleichzeitig zeigen Stadtumfragen in Boliviens zentralem Korridor teils deutlich höhere Zustimmungswerte – was die Unterschiede zwischen städtischem Stimmungsbild und produktionsnahen Regionen unterstreicht.
Einordnung: Für die Regierung sind die Agrarräume – einschließlich der mennonitischen Produzenten – ein Schlüssel, weil hier „Alltagseffekte“ (Diesel, Logistik, Preise) besonders schnell politisch spürbar werden. Genau dort wird sich entscheiden, ob der Reformkurs über die ersten 100 Tage hinaus Akzeptanz behält oder ob aus „regular“ rasch „malo“ wird.
Ausblick: Die Schonfrist endet
Die ersten 100 Tage von Rodrigo Paz waren ein Härtetest: schnelle Entscheidungen, ein großer Bruch mit einem zentralen Element des bisherigen Wirtschaftsmodells (Subventionen) und der Versuch, international Vertrauen zurückzugewinnen. Ob daraus eine stabile Reformära wird, hängt an drei Fragen: Kann die Regierung die Teuerung spürbar dämpfen? Gelingt es, im Parlament Mehrheiten zu organisieren? Und schafft Paz es, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Belastungen nicht nur „Sparpolitik“, sondern der Beginn einer verlässlicheren Zukunft sind?




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