Die Mennoniten-Gemeinden in Russland während der Kriegs- und Revolutionsjahre 1914 bis 1920
- Redaktion

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Hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen ist ein beinahe vergessenes Zeugnis der russlandmennonitischen Geschichte erneut zugänglich gemacht worden. Im Jahr 2021 gab das Museo y Centro Cultural Menonita A. C. in Cuauhtémoc im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua das Buch Die Mennoniten-Gemeinden in Russland während der Kriegs- und Revolutionsjahre 1914 bis 1920 neu heraus. Die Neuauflage wurde maßgeblich von Peter Rempel, dem damaligen Präsidenten des Museums, betreut.
Die Ausgabe von 2021 verbindet zwei weit auseinanderliegende Erinnerungsorte: das Russland der Kriegs- und Revolutionszeit und die mennonitischen Kolonien im heutigen Mexiko. Damit bewahrt sie nicht nur einen historischen Text, sondern führt auch vor Augen, wie die Erfahrungen der Vorfahren über Länder und Generationen hinweg weitergegeben wurden.
Vom niederländischen Bericht zur deutschen Ausgabe
Die ursprüngliche Schrift erschien 1920 in niederländischer Sprache unter dem Titel De geschiedenis van de Doopsgezinde Gemeenten in Rusland in de oorlogs- en revolutiejaren 1914 tot 1920. Als Verfasser gilt der niederländische mennonitische Prediger Tjeerd Oeds Ma Hylke Hylkema. Die deutsche Ausgabe von 1921 nennt seinen Namen allerdings nicht. Im damaligen Vorwort heißt es lediglich, ein Mennonitenprediger, der ungenannt bleiben wollte, habe mündliche Berichte und schriftliche Mitteilungen gesammelt und daraus eine kurze Darstellung verfasst.
Für die deutsche Veröffentlichung wurde die niederländische Schrift übersetzt, stellenweise ergänzt und mit Bildern versehen. Sie erschien 1921 im Kommissions-Verlag der Mennonitischen Flüchtlingsfürsorge e. V. in Heilbronn am Neckar. Die gedruckte Ausgabe umfasste 115 Seiten, mehrere Abbildungen und eine Karte.
Der Text entstand aus zahlreichen Briefen, amtlichen Berichten, statistischen Angaben sowie mündlichen und schriftlichen Mitteilungen russlandmennonitischer Gewährsleute. Deshalb ist das Buch weder eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung noch ein persönlicher Augenzeugenbericht eines einzelnen Verfassers. Es ist vielmehr eine zeitnahe Zusammenstellung von Nachrichten, Erinnerungen und Hilferufen aus den betroffenen Gemeinden.
Der Inhalt des Buches
Der erste Teil führt knapp in die Geschichte der Mennoniten ein. Er beschreibt ihre Herkunft in den Niederlanden, die Flucht vieler Glaubensgeschwister nach Westpreußen und in die Danziger Gegend sowie die spätere Ansiedlung im Russischen Reich. Behandelt werden die Entstehung der großen Kolonien, das Gemeindeleben, das Schulwesen, die Landwirtschaft, soziale Einrichtungen und die wirtschaftliche Entwicklung bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges.
Im Mittelpunkt steht anschließend die Zeit von 1914 bis 1920. Der Krieg stellte die Mennoniten aufgrund ihrer deutschen Sprache und Herkunft zunehmend unter politischen Verdacht. Zugleich mussten sie einen Weg finden, ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachzukommen, ohne ihren überlieferten Grundsatz der Wehrlosigkeit aufzugeben. Viele junge Männer leisteten deshalb Sanitäts-, Transport- oder Forstdienst.
Noch schwerer trafen die Gemeinden die Revolution von 1917 und der anschließende Bürgerkrieg. Das Buch berichtet von wechselnden Herrschaften, Enteignungen, Plünderungen, Zwangsabgaben, Vertreibungen und Gewalttaten. Auch der umstrittene bewaffnete Selbstschutz einzelner Kolonien sowie die Überfälle durch revolutionäre und anarchistische Verbände werden thematisiert. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf Chortitza und Molotschna, sondern ebenso auf andere mennonitische Siedlungsgebiete in der Ukraine, auf der Krim, im Kaukasus, an der Wolga und in Sibirien.
Den Abschluss bilden Berichte über internationale Hilfsbemühungen. Mennoniten in den Niederlanden, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Nordamerika versuchten, den notleidenden Gemeinden mit Lebensmitteln, Kleidung, Geld und Auswanderungshilfe beizustehen.
Das Vorwort von 1921: Helfende Bruderliebe
Das ursprüngliche deutsche Vorwort ist selbst ein bemerkenswertes historisches Dokument. Es beginnt mit der Feststellung, dass die „furchtbare Not“ der Mennoniten in Russland Glaubensgeschwister in aller Welt tief bewegt habe. In verschiedenen Ländern entstanden Hilfsvereine, die versuchten, der Not entgegenzuwirken.
Die Veröffentlichung verfolgte deshalb ein klares Anliegen: Sie sollte über die Leiden der russischen Mennoniten informieren und zugleich die Hilfsbereitschaft stärken. Die Mennonitische Flüchtlingsfürsorge verband mit dem Buch die Hoffnung, dass es bei den deutschsprachigen Mennoniten „das Interesse und die helfende Bruderliebe“ für die bedrängten Glaubensgeschwister vermehren werde.
Das Buch war somit von Anfang an mehr als eine historische Darstellung. Es war zugleich Aufruf, Hilfsschrift und Ausdruck einer grenzüberschreitenden mennonitischen Verantwortungsgemeinschaft.
Peter Rempels Vorwort zur Neuauflage von 2021
Peter Rempel erklärt in seinem neuen Vorwort, dass er das alte Buch im Spätherbst in der Bibliothek des Museo y Centro Cultural Menonita entdeckt habe. Während der folgenden Wintermonate habe er den Text abgeschrieben beziehungsweise neu erfasst, um ihn genau hundert Jahre nach der deutschen Erstausgabe erneut zu veröffentlichen.
Rempel sieht den besonderen Wert des Buches darin, dass viele Mennoniten in Mexiko nur wenig über die Geschichte ihrer Vorfahren in Preußen und Russland wissen. Die kompakte Darstellung ermögliche ihnen, die lange Wanderungs- und Glaubensgeschichte ihrer Familien besser zu verstehen.
Besonders hebt er die wirtschaftlichen, sozialen und schulischen Leistungen der russlandmennonitischen Kolonien hervor. Für ihn ist ihre Geschichte zugleich ein Anstoß, in den mexikanischen Gemeinden über die Bedeutung von Bildung nachzudenken. Gerade die gute Ausbildung vieler Flüchtlinge habe ihnen später geholfen, nach dem Verlust ihrer Heimat in Nord- und Südamerika ein neues Leben aufzubauen.
Rempel liest die Ereignisse von 1914 bis 1920 außerdem als Warnung. Politische Spannungen, gesellschaftliche Gegensätze und revolutionäre Entwicklungen könnten auch in anderen Ländern erneut zu Unsicherheit und Gewalt führen. Die Geschichte solle deshalb nicht nur bewahrt, sondern als Orientierung für Gegenwart und Zukunft verstanden werden.
Bedeutung der Neuauflage
Die 2021 erschienene Ausgabe ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Sie bewahrt einen selten gewordenen deutschsprachigen Text, macht eine frühe Darstellung der russlandmennonitischen Leidensgeschichte zugänglich und dokumentiert zugleich die Erinnerungskultur der Mennoniten in Mexiko.
Als historische Quelle muss das Werk mit der notwendigen Umsicht gelesen werden. Es entstand unter dem unmittelbaren Eindruck von Krieg, Revolution und humanitärer Katastrophe. Einzelne Zahlen, Bewertungen und Berichte bedürfen deshalb des Vergleichs mit späteren Forschungen. Gerade seine zeitliche Nähe zu den Ereignissen, die aufgenommenen Stimmen aus den Gemeinden und sein ausgeprägtes Hilfsanliegen machen das Buch jedoch besonders wertvoll.
Die beiden Vorworte bilden dabei eine eindrucksvolle Klammer: 1921 sollte das Buch Hilfe für leidende Menschen mobilisieren; 2021 soll es Erinnerung, Identität und geschichtliches Verantwortungsbewusstsein bewahren.

Die Neuauflage kann direkt beim Museo y Centro Cultural Menonita bestellt werden. Bestellungen und Anfragen können per E-Mail an info@museomenonita.org gerichtet werden. Das historische deutsche Buch ist außerdem bei Google Books nachgewiesen; die niederländische Originalausgabe befindet sich als Digitalisat der niederländischen Königlichen Bibliothek im Internet.




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