Das Bild von Menno Simons
- Redaktion

- 20. Juli
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Menno Simons gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Täufergeschichte. Sein Name wurde schließlich sogar zur Bezeichnung einer ganzen Glaubensgemeinschaft: den Mennoniten. Dabei war Menno nicht der Gründer der niederländischen Täuferbewegung. Als er sich ihr in den 1530er-Jahren anschloss, bestand sie bereits. Seine besondere Bedeutung lag vielmehr darin, den friedfertigen, biblisch ausgerichteten Täufern in einer Zeit schwerer Verfolgung Orientierung und Zusammenhalt zu geben. [1]
Heute erkennen viele Menschen Menno Simons auf Bildern sofort: ein älterer Mann mit langem Bart, dunkler Kleidung und ernstem Gesichtsausdruck. Auf manchen Darstellungen stützt er sich auf eine Krücke, auf anderen hält er ein Buch oder eine Bibel in der Hand.
Doch wie sah Menno Simons tatsächlich aus? Die überraschende Antwort lautet: Wir wissen es nicht genau. Es ist kein Porträt bekannt, das nachweislich zu seinen Lebzeiten und nach persönlicher Anschauung angefertigt wurde. Das vertraute Bild Menno Simons’ entstand erst Jahrzehnte nach seinem Tod und entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer festen Bildtradition.
Ein Leben im Untergrund
Dass kein gesichertes zeitgenössisches Porträt Mennos überliefert ist, überrascht angesichts seiner Lebensumstände kaum. Nachdem Menno Simons 1536 endgültig mit seinem bisherigen Leben als katholischer Priester gebrochen hatte, begann für ihn ein jahrzehntelanges Leben als verfolgter Prediger und Ältester der Täuferbewegung. Er reiste durch die Niederlande und den norddeutschen Raum, besuchte Gemeinden, predigte und verfasste zahlreiche Schriften. [1]
Die Verfolgung war ernst. Im Jahr 1542 wurde ein Kopfgeld auf seine Ergreifung ausgesetzt. Menschen, die ihn beherbergten oder unterstützten, konnten ebenfalls verfolgt werden. Erst in seinen letzten Lebensjahren fand Menno auf dem Gut Wüstenfelde bei Oldesloe unter dem Schutz des Adeligen Bartholomeus von Ahlefeldt einen vergleichsweise sicheren Aufenthaltsort. Dort starb er 1561. [1]
Unter solchen Bedingungen war die Anfertigung eines offiziellen Porträts kaum denkbar. Menno lebte nicht als anerkannter Reformator an einem Fürstenhof oder als öffentlich wirkender Theologe einer geschützten Kirche. Er war vielmehr über viele Jahre ein Mann auf der Flucht.
Wie sah Menno Simons aus?
Obwohl kein gesichertes Porträt aus seiner Lebenszeit existiert, sind einige frühe Beschreibungen seines Äußeren überliefert. Sie lassen auf einen kräftigen Mann mit dunklem beziehungsweise braunem Bart schließen. Außerdem wird berichtet, dass Menno Schwierigkeiten beim Gehen hatte. Dieses Merkmal wurde später zu einem besonders wichtigen Erkennungszeichen seiner bildlichen Darstellung: Menno mit der Krücke. [1]
Ob die Künstler, die ihn Jahrzehnte später darstellten, solche Personenbeschreibungen tatsächlich kannten oder sich vor allem auf bereits bestehende Bildmuster stützten, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen.
Die älteste bekannte Bildtradition
Die älteste heute bekannte Bildtradition Menno Simons’ geht auf den niederländischen Druckgrafiker Christoffel van Sichem I. zurück. Das Rijksmuseum datiert den Druck auf die Jahre 1603 bis 1624. Damit entstand die Darstellung frühestens mehr als vier Jahrzehnte nach Mennos Tod. [2]
Menno wird auf dieser Darstellung auf eine Krücke gestützt gezeigt. In seiner Hand hält er ein aufgeschlagenes Buch mit einem Hinweis auf 1. Korinther 3. Das Bild will daher nicht nur ein Gesicht zeigen, sondern zugleich eine Botschaft vermitteln: Menno erscheint als Bibelausleger und geistlicher Lehrer. [2]
![Frühe Darstellung Menno Simons’ von Christoffel van Sichem I.; vom Rijksmuseum auf 1603–1624 datiert. [2]](https://static.wixstatic.com/media/3a8d15_555bd975be0144678de71fffeb8eb9ce~mv2.jpg/v1/fill/w_570,h_718,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/3a8d15_555bd975be0144678de71fffeb8eb9ce~mv2.jpg)
Gerade darin zeigt sich ein wichtiges Merkmal historischer Porträts: Sie wollten nicht immer nur das tatsächliche Aussehen einer Person wiedergeben. Kleidung, Bücher, Körperhaltung und andere Gegenstände dienten zugleich dazu, ihre Bedeutung und ihre Eigenschaften sichtbar zu machen. Es ist deshalb gut möglich, dass diese frühe Darstellung stärker ein symbolisches Porträt des Täuferführers als eine zuverlässige Wiedergabe seines tatsächlichen Aussehens ist.
Neue Bildtypen im 17. Jahrhundert
Im Laufe des 17. Jahrhunderts entstanden weitere Darstellungen Menno Simons’. Die Künstler griffen teilweise auf ältere Bildmuster zurück, veränderten Haltung, Kleidung und Gesichtszüge jedoch deutlich. Dadurch bildeten sich mehrere unterschiedliche Porträttypen heraus.
Eine bekannte Porträtgrafik stammt von Jan van de Velde II. Das Metropolitan Museum of Art datiert diese Darstellung allgemein in die Jahre 1613 bis 1641. Menno erscheint hier als gelehrter, würdevoll sitzender Mann mit Buch. [3]
![Menno Simons in einer Darstellung von Jan van de Velde II., datiert auf 1613–1641. [3]](https://static.wixstatic.com/media/3a8d15_dee357945a1140e2acf9645f91875d50~mv2.jpg/v1/fill/w_545,h_709,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/3a8d15_dee357945a1140e2acf9645f91875d50~mv2.jpg)
Eine weitere Darstellung wird Abraham de Cooge zugeschrieben. Das Rijksmuseum ordnet seine Menno-Simons-Darstellung in einen breiten Zeitraum von 1615 bis 1680 ein. Auch hier wird deutlich, dass das Aussehen Mennos bereits zu einer künstlerischen Tradition geworden war, die von Generation zu Generation weiterentwickelt wurde. [4]
![Menno Simons in einer Abraham de Cooge zugeschriebenen Darstellung; vom Rijksmuseum in den Zeitraum 1615–1680 eingeordnet. [4]](https://static.wixstatic.com/media/3a8d15_fe66b882e5fd45dfa3b9073afdf27e19~mv2.jpg/v1/fill/w_560,h_820,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/3a8d15_fe66b882e5fd45dfa3b9073afdf27e19~mv2.jpg)
Jan Luykens Menno Simons von 1681
Eine besonders einflussreiche Darstellung schuf Jan Luyken im Jahr 1681. Der Druck steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit der in Amsterdam erschienenen Ausgabe von Mennos gesammelten theologischen Werken, der „Opera omnia theologica“. Durch solche Buchausgaben konnten sich bestimmte Porträttypen weit verbreiten und das Bild einer historischen Persönlichkeit über Generationen hinweg prägen. [5]
![Porträt Menno Simons’ von Jan Luyken, 1681. [5]](https://static.wixstatic.com/media/3a8d15_b5c4b9846f1242f48cfca2934d06f11a~mv2.jpg/v1/fill/w_557,h_861,al_c,q_85,enc_avif,quality_auto/3a8d15_b5c4b9846f1242f48cfca2934d06f11a~mv2.jpg)
Damit veränderte sich auch die Funktion des Menno-Porträts. Während die frühen Darstellungen noch in vergleichsweise geringem zeitlichen Abstand zur Verfolgungszeit entstanden waren, wurde Menno zunehmend zu einer historischen Identifikationsfigur der niederländischen Mennoniten. Sein Bild stand nun stellvertretend für eine Glaubenstradition, die sich nach Jahrzehnten der Verfolgung dauerhaft etabliert hatte.
Das bekannte Porträt von 1683
Zu den bekanntesten Darstellungen gehört der Kupferstich von Jacob Burghart aus dem Jahr 1683. Menno sitzt an einem Schreibtisch, schreibt mit einer Feder und ist von Büchern umgeben. Die Darstellung zeigt ihn damit deutlich als Bibelausleger und theologischen Schriftsteller. Da das Bild mehr als 120 Jahre nach Mennos Tod entstand, kann es nicht als Porträt nach dem Leben gelten. Es zeigt vielmehr, welches Bild sich das späte 17. Jahrhundert von ihm machte.

Menno als handelnde Person
Spätere Künstler gingen noch einen Schritt weiter. Sie zeigten Menno nicht mehr ausschließlich als Porträt, sondern stellten ihn in erzählerischen Szenen dar. Dadurch wurde aus dem statischen Bildnis eine Darstellung seines Wirkens.
Ein Beispiel ist eine Szene, in der Menno als predigender oder lehrender Glaubensführer vor einer Gruppe von Menschen erscheint. Solche Bilder wollten weniger sein tatsächliches Aussehen rekonstruieren, sondern seine Bedeutung für die Täuferbewegung sichtbar machen.

Ein Gesicht wird zum Symbol
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Bild Menno Simons’ zunehmend in größere Darstellungen der mennonitischen Geschichte eingebunden. Sein Gesicht erschien nicht mehr nur auf Einzelporträts, sondern als Symbol für die gesamte doopsgezinde beziehungsweise mennonitische Tradition.
Besonders deutlich wird dies im „Monument voor de Doopsgezinden“ von Cornelis Brouwer nach einer Zeichnung von Daniël Kerkhoff aus dem Jahr 1792. Im oberen Bereich des allegorischen Monuments befindet sich ein Medaillon mit dem Porträt Menno Simons’. Das Rijksmuseum beschreibt das Werk als Darstellung wichtiger Elemente des doopsgezinden Gemeindelebens. [6]
![„Monument voor de Doopsgezinden“, Cornelis Brouwer nach Daniël Kerkhoff, 1792. Im oberen Medaillon ist Menno Simons dargestellt. [6]](https://static.wixstatic.com/media/3a8d15_8033b3194866490a940e4f7c418ad3b5~mv2.jpg/v1/fill/w_980,h_685,al_c,q_85,usm_0.66_1.00_0.01,enc_avif,quality_auto/3a8d15_8033b3194866490a940e4f7c418ad3b5~mv2.jpg)
Auch erzählerische Darstellungen wie die sogenannte Postwagenlegende zeigen, wie Menno im Laufe der Zeit Teil einer eigenen Erinnerungskultur wurde. In solchen Bildern ist sein Gesicht bereits fest mit bestimmten älteren Porträttypen verbunden.

Ein neues Menno-Bild im 20. Jahrhundert
Auch im 20. Jahrhundert setzte sich die Suche nach einem angemessenen Bild Menno Simons’ fort. Eine moderne Darstellung zeigt ihn mit besonders markantem, fast expressivem Gesicht und einer aufgeschlagenen Bibel. Mehrere Jahrhunderte nach Mennos Tod war selbstverständlich keine historische Rekonstruktion seines tatsächlichen Aussehens mehr möglich. Das Werk zeigt vielmehr, wie jede Zeit ihre eigenen Vorstellungen mit der Person Menno Simons verband.

Wie sah Menno Simons nun wirklich aus?
Die ehrliche Antwort bleibt: Wir wissen es nicht. Wir können aus frühen Beschreibungen einzelne Merkmale ableiten. Wahrscheinlich war Menno ein kräftiger Mann mit dunklem oder braunem Bart, der zumindest in späteren Lebensjahren Schwierigkeiten beim Gehen hatte. Doch sein genaues Gesicht kennen wir nicht.
Das uns heute vertraute Bild ist das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung. Aus wenigen schriftlichen Beschreibungen, den ersten Darstellungen des frühen 17. Jahrhunderts und immer neuen künstlerischen Bearbeitungen entstand allmählich jenes Gesicht, das heute weltweit mit Menno Simons verbunden wird.
Vielleicht liegt gerade darin die besondere Bedeutung dieser Bilder. Sie zeigen uns nicht mit Sicherheit, wie Menno Simons aussah – aber sie zeigen, wie Generationen von Mennoniten und anderen Betrachtern ihn gesehen haben: als Bibellehrer, Prediger, verfolgten Glaubenszeugen und als eine der prägenden Persönlichkeiten der friedlichen Täuferbewegung.
Quellen und Literaturhinweise
[1] Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO): „Menno Simons (1496–1561)“ und weiterführende biografische Literatur.
[2] Rijksmuseum Amsterdam: „Portret van Menno Simons“, Christoffel van Sichem I., Datierung 1603–1624, Objekt RP-P-1982-24. https://www.rijksmuseum.nl/en/collection/object/Portret-van-Menno-Simons--c16af98832e14755613c292d6db2ba75
[3] The Metropolitan Museum of Art: Jan van de Velde II, „Portrait of Menno Simons“, Datierung 1613–1641. https://www.metmuseum.org/art/collection/search/769314
[4] Rijksmuseum Amsterdam: Abraham de Cooge, „Portret van Menno Simons“, Datierung 1615–1680 (Sammlungsdaten).
[5] Rijksmuseum Amsterdam: Jan Luyken, „Portret van Menno Simons“, 1681, Objekt RP-P-2022-2718. https://www.rijksmuseum.nl/en/collection/object/Portret%2Bvan%2BMenno%2BSimons--da9434627ee8c592798342a107c26607
[6] Rijksmuseum Amsterdam: Cornelis Brouwer nach Daniël Kerkhoff, „Monument voor de Doopsgezinden“, 1792. https://www.rijksmuseum.nl/en/collection/object/Monument%2Bvoor%2Bde%2BDoopsgezinden--1a870ff46f330ac494bd4f1292ff1c8d
[7] Piet Visser (Hrsg.): „Spuren von Menno. Das Bild von Menno Simons und den niederländischen Mennisten im Wandel“. Deutsche Ausgabe, ISBN 3-930435-20-9.





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