Besuch im Kongo: Medizinische Hilfe, Ausbildung und gelebter Glaube
- Redaktion

- 28. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Jeden Samstagmorgen treffen sich die diensthabenden Ärzte in Vanga zum Frühstück im Wohnzimmer von Dr. Daniel Fountain. Es gibt Kaffee, ein Brötchen mit Erdnüssen, manchmal eine eingelegte Sardine mit Mayonnaise oder eine Banane. Dabei werden akute Engpässe besprochen, manchmal auch nur das Wetter. Und es wird gemeinsam gebetet.
Mein Reisebegleiter Dr. Anaklet, inzwischen 76 Jahre alt, erinnert sich: Schon 1984 war es so. Diese einfache, aber verbindende Gewohnheit besteht also seit über 40 Jahren. Dr. Fountain selbst ist bereits seit 2013 nicht mehr unter uns. Ich durfte ihn 2002 in Kenia bei einer Konferenz der Christian Medical and Dental Association persönlich kennenlernen. Seinen Vortrag „New Paradigms in Primary Health Care“ habe ich bis heute aufgehoben.
Darin ging es um einen Gedanken, der damals besonders für einen Chirurgen wie mich neu war: In Krankenhäusern und Kliniken soll man die Arbeit nicht FÜR die Bevölkerung tun, auch nicht MIT ihr, sondern „SIE mit UNS“. Dr. Fountain sprach davon, in der dortigen Geschwindigkeit zu arbeiten: „at their pace“ – in ihrem Tempo.
Ein Rundgang durch das Krankenhaus von Vanga Evangelical Hôpital
Gestern machten wir einen mehrstündigen Rundgang durch das 400-Betten-Krankenhaus von Vanga. Begleitet wurden wir von Dr. Rice, der eigentlich schon fast im Ruhestand ist, derzeit aber als ärztlicher Direktor dient.

Er kennt die Mitarbeiter, unterschreibt unterwegs Anweisungen, dokumentiert vieles mit dem Handy und geht kreuz und quer über das weitläufige Gelände.

Gleich am Anfang fällt die Preisliste ins Auge. Das Krankenhaus trägt sich (außer die Gehälter der mittlerweile wenigen ausländischen Ärzte) seit etwa 70 Jahren fast selbst. Schwierig wird es allerdings, wenn Mittel verschwinden, neue staatliche Vorgaben kommen oder die Universität zusätzliche Anforderungen stellt.
Ein Beispiel: Die Behandlung von Müttern und Kleinkindern ist gesetzlich kostenlos. Die Regierung verlangt diese Leistung, bezahlt sie aber nicht. Auch neue Zimmer, Renovierungen und die Stromversorgung über Solaranlage, Batterien und Generatoren lassen sich aus den normalen Einnahmen nicht finanzieren.

Theoretisch sollten Krankenschwestern und die lokalen Ärzte von der Regierung bezahlt werden. Praktisch dauern Verträge und Lizenzen manchmal bis zu zwei Jahre. Viele junge Ärzte, die noch nicht vollständig ausgebildet sind, suchen sich dann einen anderen Beruf oder gehen in ein anderes Land.
Frauen, Kinder und Unterernährung
Im Frauenhaus sind etwa 50 Patientinnen untergebracht, die wegen Fisteloperationen behandelt werden. Nach schwierigen Geburten, oft bei sehr jungen Frauen, kann sich eine Verbindung zwischen Blase und Scheide bilden. Die Folge ist, dass die Frauen den Urin nicht mehr halten können.
Für die Betroffenen bedeutet das großes Leid. Viele werden sozial ausgegrenzt, manche sogar von ihren Familien verlassen. Einmal im Jahr kommt eine Spezialistin aus Äthiopien nach Vanga und operiert diese Patientinnen. Danach müssen sie meist mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben.

Von dort ging es weiter zur Geburtenabteilung. Etwa 2000 Geburten finden hier jährlich statt, darunter über 300 Kaiserschnitte. Anschließend besuchten wir die Kinderabteilung und die Station für unterernährte Kinder. Im ersten Bett saß ein kleiner, magerer Junge. Dahinter war alles leer. In diesem Fall ist das ein gutes Zeichen.

Vieles ist einfach – und doch wirksam
Die Intensivstation ist geräumig, aber nur rudimentär ausgestattet. Es gibt keine Monitore, keine Beatmungsmaschine. Alles wird von Hand aufgeschrieben. Neu ist eine eigene Abteilung für Diabetes. Insulin ist dort im Depot vorhanden. Mehr als 300 Diabetiker werden ambulant betreut. Im Labor sah ich zum ersten Mal in einem afrikanischen Krankenhaus ein Blutdepot mit mehr als 30 Konserven. Ich selbst ließ eine Blutspende B+ dort, die noch am selben Nachmittag transfundiert wurde.

Die Männerabteilung, in der vor allem Hernien behandelt werden, sowie den Bereich der inneren Medizin übersprangen wir aus Zeitgründen. Ganz hinten auf dem Gelände befindet sich die Augenabteilung, die von der CBM (Christoffel-Blindenmission) unterstützt wird.

Ausbildung als Schlüssel
Besonders beeindruckend war für mich die Haltung der Mitarbeiter. Bei fast jedem zweiten Angestellten saßen junge Leute dabei, um zu lernen. Ihnen wurde erklärt, wie man arbeitet. Sie durften unter Aufsicht selbst mithelfen. So etwas habe ich selten gesehen.

Wer die Biografie von Dr. Fountain „Health for All“ kennt, erkennt darin sein Grundanliegen wieder: Allein kann man wenig erreichen. Man muss mit anderen zusammenarbeiten. Und dazu muss man sie ausbilden. Die Weltgesundheitsorganisation hatte 1978 in Alma-Ata das Ziel „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ formuliert. In Vanga wurde etwas davon bereits um 1985 sichtbar – mitten im Kongo. Diese Haltung ist bis heute geblieben, auch wenn Regierung, Universität und manchmal auch kirchliche Strukturen die Arbeit erschweren.
Dr. Anaklet, der uns überall begleitete und ehrenamtlich eine Bibelgruppe für christliche Krankenhäuser leitet, lud während des Rundgangs zu einem Gebetstreffen um 12 Uhr ein. Es wurde gut besucht.

Ein Krankenhaus für eine ganze Region
Die Universität des Kongo schickt regelmäßig Studenten nach Vanga. Derzeit sind es etwa 40, die hier ihre praktischen Lektionen lernen. Der Ort Vanga hat sich im Grunde um das Krankenhaus herum entwickelt. Das Krankenhaus ist für ein Gebiet von etwa 6000 Quadratkilometern zuständig und versorgt fast eine halbe Million Menschen.
Am Abend waren wir bei Dr. Rice eingeladen. Es gibt dort sogar ein kleines Schwimmbecken von etwa zwei mal sechs Metern – mit Wasser. Zum Abendessen gab es Reis mit Bohnen und Hähnchen. Das hatte ich fast schon vermisst.
Weiterreise nach Kikwit
Heute ging es weiter nach Kikwit, eine Stadt mit etwa einer Million Einwohnern, rund 500 Kilometer von Kinshasa entfernt. Kikwit hat eine eigene Universität, aber keinen Anschluss an ein funktionierendes Stromnetz. Dr. Rainald Dürksen hat hier für drei Jahre ein Haus gemietet und im Erdgeschoss einen Augen-Operationssaal eingerichtet. Dr. Moges, ein Äthiopier aus Belgien und ehemaliger Mitarbeiter der CBM arbeitet seit einem Jahr dauerhaft dort. Er baut eine verlässliche Patientengruppe auf. Ein ehemaliger bolivianischer Hubschrauberpilot dient als Stationsmanager. Wo Dr. Dürksen diese Mitarbeiter überall findet, bleibt mir ein Rätsel. Ich ziehe den Hut davor.

Landwirtschaft und Klinikarbeit
Zur gleichen Zeit waren vier Unternehmer aus Paraguay und Mexiko vor Ort. Sie können sich vorstellen, in dieser Gegend große, bisher ungenutzte Landflächen zu pachten oder zu kaufen, sie maschinell zu bewirtschaften und so in die landwirtschaftliche Produktion einzusteigen. Das Ziel wäre, unter anderem Nahrungsmittel herzustellen, lokale Arbeitsplätze zu schaffen und vor Ort Mittel zu erwirtschaften. In Verbindung damit könnte eine eigene Klinik aufgebaut und unterhalten werden. Einige Hektar Land wurden etwas außerhalb der Stadt bereits gekauft. Diesen Ort haben wir gemeinsam besucht. Die Heimatgemeinde von Therese und Rainald in Paraguay hat dafür Mittel bereitgestellt. Da keine stationäre Behandlung geplant ist, bleibt der Betrieb überschaubarer. Auch eine HNO-Abteilung wäre denkbar.
Ziel: Ausbilder ausbilden
Das eigentliche Ziel ist die Ausbildung von Ausbildern. Auch eine Ausbildung über spezialisierte Katarakt-Operationstechniker könnte möglicherweise ein Weg sein, wenn sich dafür politischer Wille findet. Für europäische Leser mag das zunächst ungewohnt klingen. Doch in Afrika habe ich selbst z.B. noch nie mit einem Narkosearzt operiert. Es waren immer gut oder weniger gut ausgebildete Anästhesietechniker, die diese Aufgabe übernahm. Auch in Mosambik werden viele Operationen bis heute von chirurgischen Technikern durchgeführt – und das durchaus ordentlich. Man kann fast alles lernen. Auch Französisch.
Der große Bedarf bei Augenoperationen
Statistisch gesehen müssten pro eine Million Einwohner jährlich etwa 1000 Patienten am grauen Star operiert werden, um die vermeidbare Blindheit durch diese Krankheit wirksam zu behandeln. Im Kongo liegt diese Zahl unter 100 Operationen pro eine Million Einwohner im Jahr. Das bedeutet: Jedes Jahr gibt es mehr blinde Menschen, nicht weniger.
Vor drei Jahren gründeten wir in Deutschland die Fundación Vision e.V. mit Sitz in Künzelsau. Der Verein hat ein eigenes Bankkonto, Spenden sind steuerlich absetzbar. Wer diese Arbeit unterstützen möchte, ist herzlich dazu eingeladen:
Fundación Vision e.V. Sparkasse Hohenlohekreis IBAN: DE09 6225 1550 0220 0518 46
In Paraguay kann gerne über die Concordia Mennonitengemeinde in Asunción gespendet werden.
Rückfahrt nach Kinshasa
Am Sonntag fuhren wir in strömendem Regen in elf Stunden zurück nach Kinshasa. An jeder Straßensperre mussten Dokumente gezeigt werden. In weiser Voraussicht hatten wir etwa 20 Kopien vorbereitet. Meist waren zusätzlich 2000 Franc zu bezahlen. Eines der größten Hindernisse für die Entwicklung des Landes bleibt die alltägliche Korruption. Sie beginnt unten und steigert sich nach oben. Leider macht sie auch vor christlichen Einrichtungen nicht halt. Dabei schneiden katholische Einrichtungen nach meiner Beobachtung oft besser ab als manche evangelische Kirchen, die stark von der Wohlstandstheologie geprägt sind. Es braucht hier wahrscheinlich nicht nur Evangelisten, sondern mehr gründliche theologische Lehrer.
Ermutigt trotz aller Schwierigkeiten
Ich wollte Therese und Rainald ermutigen, ihre Berufung weiterzuleben. Am Ende kehre ich selbst ermutigt zurück – trotz aller sichtbaren Schwierigkeiten. Aber eigentlich ist das immer so.
Für Leser aus den mennonitischen Kolonien sei gesagt: Eine solche Reise kostet pro Person ungefähr zwei Ochsen, dazu Pass, Visum, Kopien, etwas Kleingeld und Zeit.
Entnommen aus einem Bericht an das Mennoblatt,
mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Alfred Klassen.




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