60 Jahre Claldy – aus mennonitischer Zusammenarbeit gewachsen
- Redaktion
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Am 1. August 2026 blickte die uruguayische Molkerei Claldy auf 60 Jahre Geschichte zurück. Ihre Anfänge liegen in den mennonitischen Kolonien El Ombú und Gartental. Was zunächst als gemeinschaftliche Lösung für die Milchbauern beider Kolonien entstand, entwickelte sich zu einem bedeutenden Unternehmen der uruguayischen Milchwirtschaft.
Flüchtlinge beginnen noch einmal von vorne
Die Geschichte von Claldy begann lange vor der ersten Milchverarbeitung. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mennonitische Flüchtlinge aus Danzig, Westpreußen, Polen und anderen Teilen Osteuropas nach Uruguay. Viele hatten ihre Heimat und ihren Besitz verloren.
Eine erste größere Gruppe erreichte Uruguay 1948. Im Jahr 1950 erwarben mennonitische Familien das Landgut El Ombú in der Nähe von Young und gründeten dort eine landwirtschaftliche Siedlung. Eine zweite Gruppe von 431 Mennoniten traf im Oktober 1951 ein. Die meisten von ihnen ließen sich in Gartental nieder, unweit von San Javier. Die Geschichte dieser Ansiedlungen wird in der mennonitischen Geschichtsenzyklopädie GAMEO ausführlich dargestellt.
Die Neuankömmlinge mussten unter ungewohnten Bedingungen eine neue Lebensgrundlage schaffen. Sie bewirtschafteten das Land, probierten verschiedene Kulturen aus und hielten Vieh. Dabei erwies sich die Milchwirtschaft zunehmend als geeigneter Betriebszweig. Sie brachte den Familien regelmäßig Einnahmen und ließ sich mit dem Ackerbau verbinden.
Wenn die Milch nicht abgeholt wurde
Mit der steigenden Milchproduktion entstand jedoch ein Absatzproblem. Eine eigene Molkerei gab es in der Gegend von Young zunächst nicht. Die Milch wurde zu einem weiter entfernten Betrieb nach Paysandú gebracht beziehungsweise von dort abgeholt.
Aus einem Sitzungsprotokoll der Junta Departamental de Río Negro geht hervor, warum die Bauern schließlich selbst tätig wurden: In Zeiten hoher Milchproduktion erhielten sie sehr niedrige Preise. Mitunter wurde die Milch während der Spitzenzeiten im Frühjahr und Herbst gar nicht abgeholt.
Für die Bauern bedeutete dies erhebliche Verluste. Frische Milch konnte ohne ausreichende Kühlung nicht lange gelagert werden. Die Produzenten aus El Ombú und Gartental erkannten deshalb, dass sie ihre Milch gemeinsam verarbeiten mussten. Aus einer schwierigen Lage entstand der Entschluss zum Aufbau einer eigenen Molkerei.
Gemeinsame Vorbereitungen
Bereits 1960 hatten sich die Genossenschaften der mennonitischen Kolonien El Ombú, Gartental und Delta zur Dachorganisation UCAL zusammengeschlossen. Nach dem mennonitischen Geschichtswerk „Misión y Migración“ entstand aus dieser genossenschaftlichen Zusammenarbeit kurze Zeit später auch die Molkereigenossenschaft Claldy.
Die historischen Quellen nennen unterschiedliche Jahre für die Gründung. Einige lokale Darstellungen führen erste organisatorische Schritte auf 1962 zurück. Die Chronik der Kolonie El Ombú berichtet, dass Mitglieder von El Ombú und Gartental 1965 die Milchverarbeitungsanlage gründeten und mit ihrem Bau begannen.
Der ursprüngliche Name lautete Cooperativa Lechera Agropecuaria Limitada de Young. Aus den Anfangsbuchstaben entstand die Bezeichnung CLALDY. Heute lautet der Firmenname Compañía Láctea Agropecuaria Lecheros de Young S.A.
Unterstützung aus mehreren Ländern
Die Gründer brachten eigenes Kapital auf und nahmen Kredite auf. Nach dem Werk „Río Negro – Historia General“ von Aníbal Barrios Pintos wurde mit Hilfe der uruguayischen Banco de la República ein Grundstück an der Ruta 3 bei Young erworben. Dort entstand das zentrale Gebäude der Molkerei.
Bei der technischen Ausstattung halfen auch Mennoniten aus Nordamerika. Die Chronik von El Ombú berichtet, dass zunächst gebrauchte Maschinen aus den Vereinigten Staaten eingesetzt wurden. Finanziert wurden sie durch ein Darlehen von MEDA, den Mennonite Economic Development Associates.
Diese Hilfe war keine einfache Schenkung. Sie sollte die Siedler in die Lage versetzen, ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen aufzubauen. Darin zeigte sich ein Grundsatz, der viele mennonitische Siedlungsprojekte prägte: Unterstützung sollte nicht nur eine unmittelbare Not lindern, sondern den Familien ermöglichen, langfristig für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.
Der Betriebsbeginn im August 1966
Nach der Jubiläumsdarstellung von Claldy wurden am 1. August 1966 erstmals Milchlieferungen aus den landwirtschaftlichen Betrieben der Umgebung angenommen. Auf dieses Datum bezieht sich das 60-jährige Jubiläum.
Das 2005 erschienene Geschichtswerk „Río Negro – Historia General“ nennt den 30. August 1966 als Beginn der Käse- und Butterherstellung.
Unstrittig ist jedoch, dass Claldy im August 1966 seinen Betrieb aufnahm. Auch ein Interview mit dem damaligen Geschäftsführer Erwin Bachmann aus dem Jahr 2006 bestätigt, dass die Molkerei im August jenes Jahres ihr 40-jähriges Bestehen feierte. Das Interview erschien in der uruguayischen Zeitung El País.

Anfangs nur 700 Liter täglich
Die ausführlichste ältere Darstellung findet sich in „Río Negro – Historia General“. Danach kamen in den ersten Betriebstagen lediglich etwa 700 Liter Milch täglich in der neuen Anlage an. Die täglichen Milchlieferungen stiegen aber stetig an, sodass nach einem Jahr bereits 3.000 Liter täglich angeliefert wurden.
Diese Zahlen zeigen, wie bescheiden Claldy tatsächlich begann. Die Anlage war zunächst vor allem für die Herstellung von Käse und Butter vorgesehen. Im Jahr 1967 begann Claldy außerdem mit der Pasteurisierung von Trinkmilch. Rund 2.000 Liter wurden täglich in Flaschen abgefüllt und größtenteils in Young verkauft.
Der Trinkmilchverkauf war zunächst nicht erfolgreich genug und wurde zeitweise wieder eingestellt. Erst 1973 nahm Claldy ihn erneut auf – nun wurde die Milch nicht mehr in Flaschen, sondern in Kunststoffbeuteln, den sogenannten Sachets, verkauft.
Rascher Anstieg der Milchmenge
Obwohl die ersten Mengen gering waren, wuchs die Milchanlieferung schnell. Im Jahr 1970 erreichten bereits durchschnittlich 18.000 Liter Milch am Tag die Molkerei. Im weiteren Verlauf der 1970er-Jahre stieg die tägliche Menge nach Angaben von El País auf ungefähr 50.000 Liter. Aktuell werden täglich 130.000 Liter Milch verarbeitet.
Damit wurde die Milchwirtschaft zu einer der wichtigsten Einnahmequellen für El Ombú und Gartental. Zugleich schlossen sich immer mehr nichtmennonitische Milchbauern aus der Umgebung als Lieferanten an. Claldy entwickelte sich von einer Molkerei zweier Kolonien zu einem wichtigen Abnehmer für die gesamte Region um Young.

Neue Maschinen aus Deutschland
Die ersten gebrauchten Maschinen reichten bald nicht mehr aus. In den Jahren 1972 und 1973 erhielt Claldy mit finanzieller Unterstützung aus der Bundesrepublik Deutschland neue technische Anlagen. Nach der Chronik von El Ombú konnte die Molkerei dadurch erstmals dauerhaft wirtschaftlich arbeiten.
Das Werk „Río Negro – Historia General“ berichtet, dass die Maschinen 1973 vollständig durch moderne Anlagen deutscher Herkunft ersetzt wurden. Dadurch konnte Claldy wesentlich mehr Milch verarbeiten und eine größere Vielfalt an Erzeugnissen herstellen. Später kamen Kühlanlagen aus Brasilien hinzu, die zur Lagerung von Käse und Butter dienten.
Auch die Elektrifizierung der Kolonien erleichterte die Milchwirtschaft. Melkanlagen, Pumpen und Kühltechnik konnten nun zuverlässiger betrieben werden. Damit veränderte sich nicht nur die Molkerei, sondern auch die tägliche Arbeit auf den Bauernhöfen.

Von Milchkannen zu Kühltanks
Über viele Jahre wurde die Milch in Kannen gesammelt. Nach dem Melken füllten die Bauern sie von Hand ab und stellten sie zur Abholung bereit. Lastwagen brachten die schweren Kannen anschließend nach Young. Für ältere Bewohner der Kolonien gehören die Milchwagen und das tägliche Verladen der Kannen bis heute zu den prägenden Erinnerungen an diese Zeit.

Bis 1996 nahm Claldy noch Milch in Kannen an. Dann mussten die Milchbauern zunehmend auf Kühltanks umstellen. Für viele Familien war dies eine große Investition. Gleichzeitig bedeutete die neue Technik einen wichtigen Fortschritt: Die Milch konnte unmittelbar nach dem Melken heruntergekühlt und in Tankwagen zur Molkerei transportiert werden.

Ein Bericht von El País bestätigt, dass seit 1998 die gesamte von Claldy verarbeitete Milch mit gekühlten Tankwagen bei den landwirtschaftlichen Betrieben abgeholt wurde. Damit endete die Zeit der Milchkannen endgültig.
Aus der Genossenschaft wird eine Aktiengesellschaft
Im Jahr 1978 änderte Claldy seine Rechtsform und wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Verbindung zu den Gründerfamilien und den beiden Kolonien blieb jedoch bestehen. Auch die genossenschaftlich geprägte Vorstellung, gemeinsam für Produzenten, Mitarbeiter und Region Verantwortung zu tragen, wirkte weiter.
Als 1984 der Verkauf von Trinkmilch in Montevideo für weitere Anbieter geöffnet wurde, konnte Claldy seinen Absatz deutlich ausweiten. Im Jahr 1997 entstand ein Netz aus 46 Verteilerstellen. Von dort wurden nach damaligen Angaben rund 5.000 Geschäfte in Uruguay beliefert.
Im Jahr 2003 verarbeitete Claldy bereits 43 Millionen Liter Milch. Drei Jahre später waren es rund 60 Millionen Liter. Neben Trinkmilch und Käse kamen Joghurt, Butter, Sahne, Milchpulver, Molkepulver, Dulce de Leche und weitere Erzeugnisse hinzu.

Besonders wichtig wurde der Export. Die Unternehmensseite von Claldy nennt Käse, Butter, Molke und Milchpulver als bedeutende Exportprodukte. Die Erzeugnisse gelangten zeitweise unter anderem in die Vereinigten Staaten, nach Mexiko, Brasilien, Venezuela, Russland und Korea.


Ein Unternehmen mit Bedeutung für die ganze Region
Claldy schuf nicht nur einen gesicherten Absatz für die Milchbauern. Die Molkerei brachte Arbeitsplätze nach Young, förderte den Ausbau der Milchwirtschaft und unterstützte landwirtschaftliche Beratung und technische Entwicklung.
Inzwischen stammt der größere Teil der angelieferten Milch nicht mehr aus den beiden mennonitischen Kolonien, sondern von landwirtschaftlichen Betrieben der weiteren Umgebung. Dennoch bleiben El Ombú und Gartental untrennbar mit der Geschichte des Unternehmens verbunden.
Auch heute ist die Zukunft einer Molkerei nicht selbstverständlich. Schwankende Weltmarktpreise, steigende Produktionskosten und der notwendige technische Wandel stellen Bauern und Unternehmen immer wieder vor schwierige Entscheidungen. Gerade deshalb erinnert das Jubiläum daran, dass auch die Gründer vor großen Herausforderungen standen.

Arbeit, Ausdauer und gemeinschaftliche Verantwortung
Die Geschichte von Claldy ist ein Teil der mennonitischen Geschichte Uruguays. Menschen, die durch Krieg und Vertreibung fast alles verloren hatten, bauten sich eine neue Heimat auf. Sie warteten nicht darauf, dass andere ihre wirtschaftlichen Probleme lösten, sondern schlossen sich zusammen und übernahmen gemeinsam Verantwortung.
Aus zunächst 700 Litern Milch am Tag entstand eine Molkerei, die über Jahrzehnte die Entwicklung einer ganzen Region mitprägte. Aus gebrauchten Maschinen und einem einfachen Betriebsgebäude wuchs ein Unternehmen, dessen Produkte im ganzen Land verkauft und in zahlreiche Länder exportiert wurden.
Sechzig Jahre Claldy sind deshalb mehr als ein Firmenjubiläum. Sie erinnern an die Aufbauleistung der ersten Siedler, an die Zusammenarbeit von El Ombú und Gartental und an den Wert gemeinschaftlichen Handelns. Ihr Werk zeigt, was entstehen kann, wenn Menschen mit Ausdauer, Vertrauen und gegenseitiger Hilfe an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten.
Quellen:
Bilder und Informationen von dem Milchbauer Armin Warkentin
Informationen von Erwin Bachmann, ehemaliger Geschäftsführer von Claldy
Claldy: Historia de Claldy, Jubiläumstext zum 60-jährigen Bestehen, 2026; außerdem Unternehmensgeschichte und Exportinformationen.
Aníbal Barrios Pintos: Río Negro: historia general, Band II, Montevideo 2005, S. 642–643. Bibliotheksnachweis
Jaime Prieto Valladares: Misión y Migración. Historia Menonita Mundial: América Latina, 2. Auflage 2018, S. 97–106. Digitalisat
GAMEO: Uruguay und Gartental.
Colonia El Ombú: Geschichte der Kolonie und Meilensteine der Kolonie.
El País: „Claldy abastece a 5.000 almacenes“, 19. Mai 2004.
Stella Maris Pusino: „En Claldy no tuvimos paros“, El País, 12. Oktober 2006.
Antonella Aguinaga: „Claldy planea una reestructuración …“, El País, 25. Juli 2025.
Ergänzende Angaben: Sitzungsprotokoll der Junta Departamental de Río Negro sowie überlieferte Angaben zur Milchannahme in Kannen bis 1996.
