5. September 1918: Roter Terror und weiße Gegenmacht
- Redaktion

- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit
Der 5. September 1918 markiert einen wichtigen Wendepunkt im Kampf um die Zukunft Russlands. An diesem Tag verabschiedete der Rat der Volkskommissare unter Wladimir Lenin den Beschluss über den „Roten Terror“. Verhaftungen, die Internierung vermeintlicher Klassenfeinde und Massenerschießungen erhielten damit eine ausdrückliche staatliche Grundlage. Die bolschewistische Führung reagierte auf Attentate, Aufstände und den drohenden Verlust weiter Teile des Landes.
Während sich die Repression in den von den Bolschewiki beherrschten Gebieten verschärfte, entstand im Osten Russlands ein mächtiges Gegenlager. Dessen wichtigstes politisches Zentrum war die sibirische Stadt Omsk.

Der Aufstand der Tschechoslowakischen Legion
Dass Omsk Anfang September 1918 als eine Bastion der Regierungsgegner dastand, war das Ergebnis einer rasanten Entwicklung während der vorausgegangenen Monate. Im Mai 1918 hatte sich die Tschechoslowakische Legion entlang der Transsibirischen Eisenbahn gegen die Bolschewiki erhoben.
Die Legion bestand aus mehreren zehntausend gut organisierten tschechischen und slowakischen Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs auf russischer Seite gegen Österreich-Ungarn gekämpft hatten. Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk sollten sie über Wladiwostok nach Westeuropa gebracht werden. Dort wollten sie den Kampf gegen die Mittelmächte fortsetzen.
Als die Bolschewiki versuchten, die Legion zu entwaffnen, kam es zu offenen Kämpfen. Innerhalb weniger Wochen brachten die Legionäre große Teile der Transsibirischen Eisenbahn und zahlreiche Städte unter ihre Kontrolle. Bereits am 7. Juni 1918 verließen die führenden Bolschewiki Omsk und flohen in Richtung Tobolsk.

Der Vormarsch der Tschechoslowakischen Legion ermöglichte es den Gegnern der Bolschewiki, in den eroberten Gebieten neue Verwaltungen und militärische Verbände aufzubauen. Die Transsibirische Eisenbahn wurde dabei zur entscheidenden Verbindung zwischen den weit auseinanderliegenden Machtzentren.

Omsk wird zum Zentrum der Gegenregierung
Am 30. Juni 1918 entstand in Omsk unter dem Juristen Pjotr Wologodski die „Provisorische Sibirische Regierung“. Sie beanspruchte zunächst die Regierungsgewalt über Sibirien und den russischen Fernen Osten.
Die neue Regierung wollte eine geordnete Verwaltung errichten, eine schlagkräftige Armee aufstellen und die verschiedenen antibolschewistischen Kräfte zusammenführen. Sie erkannte die früheren Bündnisverpflichtungen Russlands gegenüber den Alliierten an und erklärte ihre Bereitschaft, den Kampf gegen Deutschland wiederaufzunehmen. Damit wandte sie sich ausdrücklich gegen den von den Bolschewiki im März 1918 geschlossenen Frieden von Brest-Litowsk.
Bis zum September entwickelte sich Omsk von einer regionalen Verwaltungsstadt zum politischen Herzstück des antibolschewistischen Ostens. Die dortige Regierung war allerdings noch keine Regierung für ganz Russland. Neben ihr bestanden weitere antibolschewistische Machtzentren, darunter das Komitee der Mitglieder der Verfassunggebenden Versammlung in Samara, kurz „Komutsch“, sowie verschiedene Kosakenregierungen.

Der 5. September und die Eskalation des Terrors
Die Gewalt hatte lange vor dem 5. September begonnen. Bereits im Sommer 1918 waren Gegner der Bolschewiki verhaftet und erschossen worden. Auch auf der Seite der Weißen kam es zu Repressalien und Gewalttaten. Das Dekret vom 5. September gab dem bolschewistischen Terror jedoch eine offizielle Grundlage und verlieh der Tscheka weitreichende außergerichtliche Befugnisse.
Der Beschluss verlangte, sogenannte Klassenfeinde in Konzentrationslagern zu isolieren. Personen, die mit weißgardistischen Organisationen, Verschwörungen oder Aufständen in Verbindung gebracht wurden, sollten erschossen werden. Dabei entschied häufig nicht eine nachgewiesene persönliche Schuld, sondern die gesellschaftliche Herkunft oder politische Zuordnung über das Schicksal eines Menschen.
Das Dekret war die Antwort der bolschewistischen Führung auf eine schwere Krise. Am 30. August 1918 war Lenin bei einem Attentat verwundet worden. Am selben Tag wurde der Petrograder Tscheka-Leiter Moissei Urizki ermordet. Gleichzeitig standen die Bolschewiki militärisch unter erheblichem Druck. Im Osten kontrollierten ihre Gegner große Gebiete, während auch im Norden und Süden Russlands neue Fronten entstanden.

Die Alliierten greifen in Sibirien ein
Bereits vor dem Beschluss über den Roten Terror hatten die ehemaligen Verbündeten des Russischen Kaiserreiches begonnen, militärisch in Russland einzugreifen. Großbritannien, Frankreich, die Vereinigten Staaten, Italien und Japan entsandten Soldaten, Waffen und Berater nach Sibirien.
Die ersten größeren alliierten Verbände landeten im August 1918 in Wladiwostok. Die Mächte wollten die dort gelagerten Kriegsgüter sichern, die Tschechoslowakische Legion unterstützen und nach Möglichkeit eine neue Ostfront gegen Deutschland errichten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs rückte der Kampf gegen die Bolschewiki immer stärker in den Vordergrund.
Die Alliierten verfolgten jedoch keine einheitliche Politik. Während die Vereinigten Staaten ihre Soldaten nur begrenzt einsetzen wollten, bauten die Japaner ihren Einfluss im russischen Fernen Osten eigenmächtig aus. Großbritannien und Frankreich drängten dagegen auf eine entschlossenere Unterstützung der antibolschewistischen Armeen.

Die Bildung der Allrussischen Regierung
Während der Rote Terror in den bolschewistisch beherrschten Gebieten begann, versuchten die zersplitterten Gegner Lenins, ihre politischen Gegensätze zu überwinden. Am 8. September 1918 – drei Tage nach dem Terrorbeschluss – begann in Ufa eine große Staatskonferenz.
Daran beteiligten sich Vertreter der Sibirischen Regierung in Omsk, des sozialistisch geprägten Komutsch in Samara, verschiedener Kosakenverbände, politischer Parteien und regionaler Verwaltungen. Die Beratungen dauerten bis zum 23. September.
An diesem Tag beschlossen die Delegierten die Bildung der „Provisorischen Allrussischen Regierung“. Wegen ihres fünfköpfigen Führungsgremiums wurde sie auch „Ufa-Direktorium“ genannt. Den Vorsitz übernahm der Sozialrevolutionär Nikolai Awksentjew. Die neue Regierung sollte bis zur erneuten Einberufung der Verfassunggebenden Versammlung die höchste Staatsgewalt ausüben.

Als sich die Rote Armee Ufa näherte, verlegte das Direktorium seinen Sitz am 9. Oktober nach Omsk. Dort stützte es sich weitgehend auf die Behörden der bisherigen Sibirischen Regierung. Pjotr Wologodski blieb Vorsitzender des Ministerrates und damit eine zentrale Persönlichkeit der neuen Regierung.
Die Mennoniten Sibiriens zwischen den Fronten
Die zunehmende Eskalation des Bürgerkriegs bedrohte auch die mennonitischen Siedlungen im Raum Omsk, Akmolinsk und Slawgorod. Viele Mennoniten hatten sich dort erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt und mit großen Mühen neue Dörfer, Gemeinden und Schulen aufgebaut.
Nach der Vertreibung der Bolschewiki im Sommer 1918 hofften viele Bewohner zunächst auf eine Wiederherstellung geordneter Verhältnisse. In Slawgorod konnten Mennoniten wieder an örtlichen Verwaltungsorganen mitwirken. Doch die neue Herrschaft brachte keinen dauerhaften Frieden.
Auch die antibolschewistischen Machthaber benötigten Soldaten, Pferde, Lebensmittel und Transportmittel. Mobilmachungen, Abgaben und Requisitionen stellten die mennonitische Bevölkerung vor schwere Belastungen. Besonders die Forderung nach militärischer Beteiligung führte zu Gewissenskonflikten, da die Gemeinden traditionell am biblisch begründeten Bekenntnis zur Wehrlosigkeit festhielten.
In einigen mennonitischen Siedlungen Sibiriens entstanden angesichts von Plünderungen und allgemeiner Rechtlosigkeit bewaffnete Selbstschutzgruppen. Andere Gemeindeglieder lehnten den Gebrauch von Waffen weiterhin entschieden ab. Der Bürgerkrieg wurde dadurch auch zu einer inneren geistlichen Zerreißprobe.
Vom Direktorium zur Militärherrschaft Koltschaks
Die Provisorische Allrussische Regierung erwies sich als zu schwach, um die unterschiedlichen politischen und militärischen Kräfte dauerhaft zusammenzuhalten. Gemäßigte Sozialisten, liberale Politiker, Monarchisten, Kosakenführer und ehemalige zaristische Offiziere waren sich zwar in ihrer Ablehnung der Bolschewiki einig, stritten jedoch über die zukünftige Ordnung Russlands.
Am 18. November 1918, weniger als zwei Monate nach der Bildung des Direktoriums, führten rechte Offiziere in Omsk einen Staatsstreich durch. Mehrere Mitglieder des Direktoriums wurden verhaftet. Admiral Alexander Koltschak, der zuvor zum Kriegs- und Marineminister ernannt worden war, übernahm als „Oberster Regent Russlands“ die Macht.
Damit endete der Versuch, die verschiedenen politischen Richtungen in einer gemeinsamen zivilen Regierung zu vereinen. Omsk wurde nun zum Zentrum einer militärisch geprägten Herrschaft. Besonders Großbritannien unterstützte Koltschaks Armee mit Waffen, Ausrüstung und Militärberatern.

Das Erbe des 5. September 1918
Der 5. September 1918 kennzeichnete den Übergang zu einer ausdrücklich staatlich organisierten Politik des Terrors. Das Dekret schuf den Rahmen für Verhaftungen, Lagerhaft und außergerichtliche Hinrichtungen. Zugleich offenbarte die Entwicklung im Osten Russlands, dass sich der Konflikt längst zu einem umfassenden Bürgerkrieg ausgeweitet hatte.
Koltschaks Armee erzielte im Frühjahr 1919 zunächst beträchtliche Geländegewinne. Doch schlechte Versorgung, Korruption, politische Unterdrückung und der Widerstand großer Teile der bäuerlichen Bevölkerung schwächten seine Herrschaft. Im Laufe des Jahres drängte die Rote Armee die weißen Truppen immer weiter nach Osten zurück.
Am 14. November 1919 eroberte die Rote Armee Omsk. Koltschak wurde später gefangen genommen und im Februar 1920 in Irkutsk erschossen. Der Kampf zwischen Roten und Weißen ging in anderen Teilen des ehemaligen Russischen Reiches noch weiter.
Für die Zivilbevölkerung – darunter zahlreiche mennonitische Familien – brachte keine der wechselnden Herrschaften dauerhafte Sicherheit. Zwischen Rotem Terror, weißer Gegenmacht, ausländischen Truppen und örtlichen bewaffneten Verbänden mussten die Gemeinden darum ringen, ihren Glauben, ihre Familien und ihre Dörfer zu bewahren.




Kommentare