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5. September 1873: Die „Hammonia“ erreicht nach schwerem Sturm die Elbmündung

Am Morgen des 5. September 1873 näherte sich der Dampfer „Hammonia“ der deutschen Küste. An Bord befanden sich mennonitische Delegierte, die mehrere Monate lang Kanada und die Vereinigten Staaten bereist hatten. Hinter ihnen lag nicht nur eine lange und anstrengende Erkundungsreise, sondern auch eine gefährliche Atlantiküberquerung. Als das Schiff sicher die Elbmündung bei Cuxhaven erreichte, empfanden die Männer ihre Bewahrung als sichtbare Gnade Gottes.


Der HAPAG-Dampfer „Hammonia“, auf dem die mennonitischen Delegierten 1873 von New York nach Europa zurückkehrten. Während der Überfahrt geriet das Schiff in einen schweren Sturm. Historische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.
Der HAPAG-Dampfer „Hammonia“, auf dem die mennonitischen Delegierten 1873 von New York nach Europa zurückkehrten. Während der Überfahrt geriet das Schiff in einen schweren Sturm. Historische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert.

Eine Reise aus Sorge um den Glauben


Die Reise stand im Zusammenhang mit einer schweren Entscheidung, vor der die Mennoniten im Russischen Reich Anfang der 1870er-Jahre standen. Die Regierung hatte angekündigt, die bisherigen Sonderrechte der deutschen Kolonisten aufzuheben. Besonders die bevorstehende Einführung der allgemeinen Wehrpflicht brachte die wehrlosen Mennoniten in einen tiefen Gewissenskonflikt.


Für sie bedeutete Wehrlosigkeit mehr als die persönliche Ablehnung des Krieges. Sie gehörte zum Gehorsam gegenüber Jesus Christus und damit zum gemeinsamen Glaubensbekenntnis. Auch ein Sanitätsdienst innerhalb des Militärwesens wurde von vielen Mennoniten kritisch gesehen, weil er nach ihrer Überzeugung die Kriegsführung mittelbar unterstützte.


Nach längeren Beratungen beschlossen mehrere Gemeinden, Abgesandte nach Nordamerika zu schicken. Diese sollten prüfen, ob dort eine neue Heimat gefunden werden könne, in der die Mennoniten ihren Glauben bewahren, vom Militärdienst befreit bleiben, ihre Kinder in eigenen Schulen unterrichten und weiterhin in geschlossenen Dorfgemeinschaften leben könnten.


Insgesamt kamen 1873 zwölf mennonitische und hutterische Delegierte in Nordamerika zusammen. Sie vertraten unter anderem Gemeinden aus der Kolonie Bergthal, der Kleinen Gemeinde, der Molotschna, Wolhynien und Westpreußen. Zu ihnen gehörten Heinrich Wiebe, Cornelius Buhr, Jakob Peters, David Klassen, Cornelius Toews, Paul und Lorenz Tschetter, Tobias Unruh, Andreas Schrag, Jakob Buller, Wilhelm Ewert und Leonhard Sudermann.


Die mennonitischen und hutterischen Delegierten mit ihren Begleitern vor dem Dominion Lands Office in Winnipeg im Juni 1873. Ihre Erkundungsreise bereitete die große Auswanderung nach Nordamerika vor. Foto: Archives of Manitoba.
Die mennonitischen und hutterischen Delegierten mit ihren Begleitern vor dem Dominion Lands Office in Winnipeg im Juni 1873. Ihre Erkundungsreise bereitete die große Auswanderung nach Nordamerika vor. Foto: Archives of Manitoba.

Zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten


Die Delegierten bereisten weite Teile Kanadas und der Vereinigten Staaten. Sie besuchten Ontario und Manitoba, reisten durch Minnesota, Dakota, Nebraska und Kansas und prüften auch weiter südlich gelegene Gebiete.


Dabei wurden Bodenqualität, Klima, Wasserverhältnisse, Verkehrswege und Landpreise sorgfältig untersucht. Noch wichtiger waren jedoch die Gespräche mit Regierungen, Eisenbahngesellschaften und bereits ansässigen Mennoniten. Die Delegierten benötigten verlässliche Zusagen über Religionsfreiheit, Wehrdienstbefreiung und die Gestaltung des Schul- und Gemeindelebens.


In Kanada erhielten Vertreter der Bergthaler und der Kleinen Gemeinde ein weitreichendes Angebot. Es stellte ihnen Land in Manitoba, die Befreiung vom Militärdienst und weitgehende religiöse Freiheit in Aussicht. Dieses später als „Privilegium von 1873“ bekannte Schreiben wurde zu einer wesentlichen Grundlage für die mennonitische Einwanderung nach Manitoba.


Andere Delegierte bevorzugten die Vereinigten Staaten. Besonders Kansas erschien wegen seiner landwirtschaftlichen Möglichkeiten und der Angebote der Eisenbahngesellschaften als geeignet. So zeichneten sich bereits während der Reise unterschiedliche Empfehlungen ab: Ein Teil der Mennoniten würde später nach Kanada ziehen, andere würden sich in Kansas, Nebraska, Minnesota und Dakota niederlassen.


Heimreise auf der „Hammonia“


Leonhard Sudermann, Ältester der Gemeinde bei Berdjansk, hatte die Reise gemeinsam mit Jakob Buller aus Alexanderwohl und Wilhelm Ewert aus Westpreußen unternommen. Am 21. August 1873 gingen die drei Männer in New York an Bord des Dampfers „Hammonia“, um nach Europa zurückzukehren.


Sudermann beschreibt die Abfahrt als einen ernsten Augenblick. Auf dem Hafenplatz begegneten die Delegierten unerwartet einigen mennonitischen Familien aus Südrussland, die bereits alles verkauft hatten und nun in Amerika eine neue Heimat suchten. Während die Delegierten heimkehrten, um Bericht zu erstatten, wagten diese Familien bereits den endgültigen Schritt in die Fremde.


Die „Hammonia“ war ein großer Dampfer der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft. Obwohl sie von einer Dampfmaschine angetrieben wurde, führte sie zusätzlich Segel, die bei günstigem Wind die Fahrt unterstützten.


Sudermann verwendete in seinem 1897 veröffentlichten Reisebericht die Schreibweise „Hammonia“. In anderen zeitgenössischen und späteren Verzeichnissen erscheint das Schiff als „Hammonia“. Die gelegentlich verwendete Bezeichnung „Kamonia“ dürfte auf eine fehlerhafte Übertragung des Namens zurückgehen.


Eine Nacht in Todesgefahr


Die Rückreise verlief zunächst ruhig. Dann geriet das Schiff in einen schweren Sturm. Der Wind steigerte sich zu einem Orkan, und gewaltige Wellen schlugen über das Deck. Eine besonders mächtige Sturzwelle traf die Steuerbordseite des Schiffes.


Ein Rettungsboot wurde fortgerissen, zwei weitere wurden aus ihren Befestigungen gerissen und auf das Deck geschleudert. Überbauten und Fenster zerbrachen. Durch große Öffnungen strömte Wasser in die Salons und Kabinen. Vierzehn Menschen wurden verletzt, glücklicherweise keiner von ihnen lebensgefährlich. Zwei der fünf Dampfkessel wurden unbrauchbar.


Die „Hammonia“ bei der Überquerung des Atlantiks
Die „Hammonia“ bei der Überquerung des Atlantiks

Die „Hammonia“ geriet auf ihrer Rückfahrt im August 1873 in einen schweren Sturm und wurde von einer mächtigen Welle getroffen. Gemälde von Carl Bille, 1863.


Sudermann und seine Reisegefährten standen zeitweise bis zu den Knöcheln im Wasser. Er dachte an seine Frau und seine Kinder und befahl sie der Fürsorge Gottes. Auch sein eigenes Leben legte er, wie er später berichtete, bewusst in die Hände Jesu Christi. Die Passagiere wussten nicht, ob das schwer beschädigte Schiff die Nacht überstehen würde.


Schließlich gelang es der Mannschaft, die Öffnungen mit Brettern und Segeltuch zu verschließen. Das eingedrungene Wasser musste mit Eimern aus den unteren Räumen getragen werden. Langsam ließ der Sturm nach. Obwohl die „Hammonia“ schwer beschädigt war, konnte sie ihre Reise mit verminderter Kraft fortsetzen.


Für Sudermann war diese Rettung keine glückliche Fügung des Zufalls. Er schrieb ausdrücklich, das Schiff habe den Gewalten des Meeres „unter Gottes gnädigem Schutz“ widerstehen können. Die Erfahrung habe den Reisenden Gottes Herrlichkeit und Allmacht neu vor Augen gestellt.


Dankbare Ankunft an der Elbe


Am 2. September wurden nach dreizehntägiger Fahrt die ersten Leuchttürme vor den britischen Inseln sichtbar. Die „Hammonia“ lief kurzzeitig Plymouth und Cherbourg an und setzte anschließend ihre Fahrt durch den Ärmelkanal und die Nordsee fort.


In der Nacht vom 3. auf den 4. September durchfuhr das Schiff die Meerenge zwischen Dover und Calais. Danach ging es durch die Nordsee auf die Elbmündung zu. Bereits am Abend des 4. September erkannten die Reisenden zwei Leuchttürme an der deutschen Küste.


Am frühen Morgen des 5. September kam der Lotse an Bord. Gegen sechs Uhr sahen die Reisenden Helgoland. Etwa um zehn Uhr erreichten sie bei Cuxhaven die Mündung der Elbe.


Die Insel Neuwerk vor Cuxhaven an der Mündung der Elbe. In diesem Seegebiet erreichte die schwer beschädigte „Hammonia“ am Morgen des 5. September 1873 wieder die deutsche Küste. Stahlstich von Henry Winkles, um 1840.
Die Insel Neuwerk vor Cuxhaven an der Mündung der Elbe. In diesem Seegebiet erreichte die schwer beschädigte „Hammonia“ am Morgen des 5. September 1873 wieder die deutsche Küste. Stahlstich von Henry Winkles, um 1840.

Um zwölf Uhr kam die „Hammonia“ bei Glückstadt an. Dort wechselten die Reisenden auf einen kleineren Dampfer, der sie weiter nach Hamburg brachte. Genau genommen lief die „Hammonia“ somit nicht unmittelbar in den damaligen Cuxhavener Hafen ein, sondern erreichte bei Cuxhaven sicher die Elbmündung.


Nach den Erlebnissen auf dem Atlantik war diese Ankunft für die Delegierten ein besonderer Augenblick. Sudermann erinnerte sich dabei an Psalm 107. Dort wird von Menschen berichtet, die mit Schiffen über das Meer fahren, in einen Sturm geraten, zum Herrn schreien und schließlich an das ersehnte Land gebracht werden:

„Die zum Herrn schrien in ihrer Not, und er führte sie aus ihren Ängsten; und er stillte das Ungewitter, dass die Wellen sich legten; und sie froh wurden, dass es still geworden war und er sie zu Lande brachte nach ihrem Wunsch.“

Für die heimkehrenden Männer beschrieben diese Worte genau das, was sie erlebt hatten. Ihre Dankbarkeit richtete sich nicht allein auf die seemännische Leistung der Mannschaft oder die Widerstandskraft des beschädigten Schiffes. Sie sahen in ihrer Rettung vor allem das gnädige Eingreifen Gottes.


Am folgenden Tag erreichten die Männer eine mennonitische Gemeinde bei Marienburg in Westpreußen. Dort hatten sie inmitten einer großen Versammlung Gelegenheit, gemeinsam mit ihren Glaubensgeschwistern für die Bewahrung zu danken. Acht Tage später kamen sie in Alexanderwohl in Südrussland an und erstatteten den Gemeinden Bericht über ihre Reise.


Die Kugelbake an der Elbmündung. Das weithin sichtbare Seezeichen kennzeichnete den Übergang von der Elbe zur Nordsee. Die Zeichnung Ferdinand Lindners erschien 1880, wenige Jahre nachdem die „Hammonia“ am 5. September 1873 sicher die Elbmündung bei Cuxhaven erreicht hatte.
Die Kugelbake an der Elbmündung. Das weithin sichtbare Seezeichen kennzeichnete den Übergang von der Elbe zur Nordsee. Die Zeichnung Ferdinand Lindners erschien 1880, wenige Jahre nachdem die „Hammonia“ am 5. September 1873 sicher die Elbmündung bei Cuxhaven erreicht hatte.

Eine Reise verändert die Geschichte


Die sichere Rückkehr der Delegierten war zugleich der Abschluss der Erkundung und der Beginn einer großen Wanderungsbewegung. Ihre Berichte halfen Tausenden mennonitischen Familien bei der Entscheidung, ihre bisherigen Dörfer im Russischen Reich und in Westpreußen zu verlassen.


Bereits 1874 begann die große Auswanderung. Die Bergthaler und große Teile der Kleinen Gemeinde zogen nach Manitoba. Die Alexanderwohler Gemeinde wählte Kansas als neue Heimat. Weitere mennonitische und hutterische Gruppen ließen sich in Minnesota, Nebraska und Dakota nieder. Damit legte die Reise des Jahres 1873 eine wesentliche Grundlage für die spätere Ausbreitung der Russlandmennoniten in Nordamerika.


Leonhard Sudermann beschloss seinen Rückblick mit einem schlichten Bekenntnis, das den Sinn dieses 5. September zusammenfasst. Die Reisenden hatten die Gewalt des Meeres erlebt, in ihrer Not zu Gott gerufen und seine Bewahrung erfahren. Darum galt ihr erster Dank nicht dem Schiff, der Technik oder dem eigenen Mut, sondern dem Herrn:

„Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich!“

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