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28. August 1895: Die obrigkeitliche Genehmigung der Chortitzer Mädchenschule

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Mädchenschule in der Kolonie Chortitza, prachtvoller Neubau von 1904
Mädchenschule in der Kolonie Chortitza, prachtvoller Neubau von 1904

Am 28. August 1895 erhielt die Chortitzer Mädchenschule die obrigkeitliche Genehmigung zur Eröffnung. Dieses Datum markiert einen wichtigen Schritt in der mennonitischen Bildungsgeschichte der Alten Kolonie Chortitza. Die Schule entstand nicht durch staatliche Planung, sondern aus der Privatinitiative mennonitischer Lehrer, Prediger, Eltern und Förderer, die den Wert einer weiteren Ausbildung für heranwachsende Mädchen erkannten.


Schon vorher hatte es in Chortitza Bemühungen gegeben, Mädchen eine bessere Schulbildung zu ermöglichen. Zeitweise war ihnen der Eintritt in die Chortitzer Zentralschule gestattet. Als die Kolonieverwaltung diese Aufnahme untersagte, verloren viele Mädchen nach der Volksschule die Möglichkeit einer geeigneten Fortbildung. Bereits 1870 schlug das Fürsorgekomitee dem Chortitzer Gebietsamt vor, eine besondere Mädchenschule einzurichten. Diese sollte ursprünglich eine Gemeindeschule werden. Doch die Gemeinden waren damals noch nicht bereit, ein solches Vorhaben gemeinsam zu tragen.


Damit blieb nur der Weg der Privatinitiative. Gegen Ende der 1880er Jahre wurde der Gedanke einer Mädchenschule besonders durch den Lehrer und Prediger D. Epp sowie durch Jakob Abram Klassen angeregt und verbreitet. Später trat auch A. Neufeld, Leiter der Chortitzer Zentralschule, entschieden für eine Mädchenschule im Chortitzer Bezirk ein. Nach und nach wuchs die Zustimmung. Männer stellten sich hinter das Vorhaben, und auch die Frauen der Gemeinde drängten auf weitere Tätigkeit.


Jakob Abram Klassen, Schulleiter dr Mädchenschule von 1885-1913
Jakob Abram Klassen, Schulleiter dr Mädchenschule von 1885-1913

Im Februar 1895 war die Sache so weit gediehen, dass eine erste Sitzung abgehalten werden konnte. Dort wurde beschlossen, die Mädchenschule möglichst rasch zu eröffnen. Zur Ausführung der nötigen Arbeiten wählte man ein Leitungskomitee. Noch im selben Monat wurden die ausgearbeiteten Statuten zur Bestätigung eingereicht. Am 28. August 1895 folgte schließlich die obrigkeitliche Genehmigung. Damit war der Weg frei für die Eröffnung der Chortitzer Mädchenschule.


Die Schule begann zunächst mit drei Klassen, später wurden es vier. Aufgenommen wurden Mädchen im Alter von etwa elf bis zwölf Jahren, nachdem sie die Volksschule abgeschlossen hatten. Der Lehrplan richtete sich nach dem Programm der Chortitzer Zentralschule. Unterrichtet wurden Religion, russische und deutsche Sprache, Arithmetik, Geometrie, Algebra, Geschichte, Geographie, Naturkunde, Physik, Zeichnen, Schönschreiben, Gesang und Handarbeit. Musikunterricht wurde ebenfalls angeboten, war aber nicht verpflichtend.


Die Finanzierung der Schule ruhte auf mehreren Säulen. Die Mittel kamen aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Lotterien, Schulgeld, Zuschüssen des Jekaterinoslawischen Semstwo und verschiedenen weiteren Einnahmen. Weil die vorhandenen Mittel anfangs nicht für einen Neubau reichten, kaufte man zunächst einen Hof mit einigen Räumlichkeiten. Dort wurde die Schule mehrere Jahre untergebracht.


Erst 1904 begann der Bau eines eigenen Schulgebäudes. Es entstand ein stattliches Haus mit großen, hellen Klassenräumen, einem hohen Saal, breiten Korridoren, einem Vestibül, einem Lehrerzimmer, einem physikalischen Kabinett und einer Lehrerwohnung. Auch das Gelände entsprach den damaligen Anforderungen an Schulhygiene. Der Neubau zeigte sichtbar, welchen Wert die mennonitische Gemeinschaft der Bildung beimaß.


Die ehemalige mennonitische Mädchenschule, Aufnahme stammt aus dem Jahr 2002
Die ehemalige mennonitische Mädchenschule, Aufnahme stammt aus dem Jahr 2002

In den ersten Jahren musste die Schule manche Anfeindungen erdulden. Nicht alle standen einer weiterführenden Bildung für Mädchen offen gegenüber. Doch mit der Zeit wuchs die Anerkennung. Die Zahl der Schülerinnen nahm zu, und die Mädchenschule wurde zu einem wichtigen Bildungsfaktor der Gemeinde. Nach Angaben der Täufer-Ausstellung wurde die Schule mit 17 Mädchen eröffnet und zählte 1913 bereits 116 Schülerinnen.


Die Rückseite, also die Hofseite der Mädchenschule
Die Rückseite, also die Hofseite der Mädchenschule

Von 1895 bis 1919 konnte die Schule ununterbrochen arbeiten. Dann kamen die schweren Unruhen der Bürgerkriegszeit. Im Oktober 1919 wurde Chortitza schwer heimgesucht; die Mädchenschule wurde, wie auch andere Lehranstalten, geschlossen. Im Frühjahr 1920 nahm sie noch einmal kurz ihre Arbeit auf. Doch im Herbst desselben Jahres, im 25. Jahr ihres Bestehens, wurde die Mädchenschule als selbständige Schule geschlossen. Danach wurden Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet.


Die Chortitzer Mädchenschule bestand als eigenständige Einrichtung nur 25 Jahre. Dennoch blieb sie ein bedeutendes Zeugnis mennonitischer Bildungsarbeit. Ihr Anfang am 28. August 1895 zeigt, wie aus Sorge um die Töchter der Gemeinde, durch Beharrlichkeit und private Opferbereitschaft, ein Werk entstehen konnte, das weit über seine eigene Zeit hinaus Bedeutung behielt.


Quellen

  • Beitrag der ehemaligen Schulleiterin A. Epp über die Chortitzer Mädchenschule, 30. Mai 1942. chortitza.org

  • Angaben zur Chortitzer Zentralschule und zum Schulwesen in Chortitza.

  • Historische Darstellungen zur Mädchenschule Chortitza/Rosenthal und zum Neubau von 1904.

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