03. Januar 1890 Einweihung der Marien-Taubstummenschule in Tiege, Molotschna
- Redaktion

- 3. Jan.
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Aktualisiert: 3. Jan.

Es ist Winter in der Molotschna. Am 3. Januar 1890 strömen Menschen nach Tiege: Die Gemeinde weiht ein Gebäude ein, das schon von außen „die Aufmerksamkeit des Vorüberreisenden“ auf sich ziehen soll – die neu errichtete Marien-Taubstummenschule. In der Überlieferung heißt es, der Bau sei „unter zahlreicher Beteiligung feierlich eingeweiht“ worden.
Warum dieses Datum bemerkenswert ist? Weil sich an diesem Tag eine Seite mennonitischen Gemeindelebens besonders greifbar zeigt: verantwortete Fürsorge für die Schwächeren der eigenen Gemeinschaft – organisiert, finanziert, personell getragen und auf Dauer angelegt.
Eine Idee aus Mitgefühl – und der Wille, sie dauerhaft zu tragen
Schon in den Jahren vor 1890 war den Mennoniten in Südrussland bewusst, wie leicht gehörlose Kinder „zwischen die Stühle“ geraten konnten: ohne besondere Förderung kaum Bildung, später wenig Chancen auf Arbeit und Selbstständigkeit. Die Schule in Tiege wurde deshalb nicht als „Nebenprojekt“, sondern als Wohltätigkeitsanstalt gedacht – ausdrücklich als Dienst am Nächsten.

Ein wichtiger Anstoß kam dabei von außerhalb der mennonitischen Welt: In den Quellen wird der armenische Christ Ambartsum Egorowitsch Ambarzumow als Initiator genannt. Die Mennoniten griffen das Anliegen auf, machten es zu Gemeindesache und gaben ihm eine tragfähige Struktur.
„Marien-Schule“: eine amtliche Genehmigung mit Signalwirkung (1881)
Dass das Vorhaben nicht nur frommer Wunsch blieb, zeigt ein erhaltenes Dokument: Am 22. Dezember 1881 wird festgehalten, dass die Halbstädter Wolostversammlung eine Taubstummenschule errichten wolle; die Benennung als „Marien-Schule“ (nach der Kaiserin) wurde genehmigt, verbunden mit offiziellem Dank an die Ansiedler.
Der Anfang: Unterricht im Privathaus (ab 28. Januar 1885)
Der Schulbetrieb startete zunächst bescheiden: am 28. Januar 1885 begann der Unterricht in einem Haus in Blumenort, das Gerhard Klassen zur Verfügung stellte. Gerade dieser Umstand erzählt viel über mennonitisches Engagement: Bevor es Mauern gab, gab es Menschen, die Platz schufen – und eine Gemeinschaft, die bereit war, ein dauerhaftes Werk wachsen zu lassen.
Der Bau: Land geschenkt, Geld gesammelt, Arbeit gestiftet (1887–1890)
Schon früh war klar: Die Schule braucht ein eigenes Haus. Den entscheidenden Schritt machte die Tieger Dorfgemeinde, indem sie eine geeignete Baustelle unentgeltlich anbot. Im Herbst 1887 begann der Bau; innerhalb von zwei Jahren war er vollendet.

Die Zahlen machen das Ausmaß sichtbar: Die Baukosten beliefen sich auf 40.138 Rubel, gedeckt durch Kollekten und Privatbeiträge. Dazu kamen zusätzliche Sach- und Arbeitsstiftungen (Fensterglas, Ausmalung, eiserne Treppen), die nicht einmal in der Abrechnung enthalten waren. Im Dezember 1889 zog man mit Lehrern, Schülern und Inventar in den Neubau – und am 3. Januar 1890 wurde er eingeweiht.
Wie Hilfe organisiert wurde: Internat, Hauseltern, klare Regeln
Die Schule war als Internat gedacht. Ein „Hauselternpaar“ übernahm die leibliche Versorgung und den Alltag der Kinder. Dass dieses Amt als echter Dienst verstanden wurde, sieht man an den namentlich genannten Hauseltern über die Jahre, wie beispielsweise die Hauseltern Prediger Abraham Epp und seine Frau (1895–1899). Ein späterer Bericht nennt die Epps ausdrücklich als Menschen, die in Mission und Wohltätigkeit aktiv waren und in Tiege als Hauseltern wirkten.

Auch die Aufnahmebedingungen zeigen: Man wollte helfen, aber verantwortet und planvoll. Aufgenommen wurden in der Regel Kinder 8–12 Jahre; der Unterricht lief jährlich 15. August bis 15. Juni. Das Schul- und Kostgeld lag bei 160 Rubel im Jahr, für Kinder mennonitischer Eltern bei 130 Rubel – und entscheidend: Kinder „ganz unbemittelter“ Eltern konnten unentgeltlich aufgenommen werden. So wurde Nächstenliebe nicht nur gepredigt, sondern in einer konkreten sozialen Absicherung umgesetzt.
Bildung, Handwerk, Würde: das Ziel war Selbstständigkeit
Die Quellen sind erstaunlich deutlich, was die Schule erreichen wollte: Die Absolventen sollten lesen, schreiben, rechnen, biblische Geschichte und Geografie kennenlernen; dazu kamen Handwerksfähigkeiten wie Korbflechten (für Jungen) und Handarbeiten (für Mädchen). Viele lernten „sehr ordentlich“ zu sprechen. Das Ergebnis, so heißt es, sei bei manchen eine „unabhängige ökonomische Stellung“ im Leben gewesen.
Auch das Personal zeigt den Anspruch: Mehrere Lehrkräfte hatten spezielle Ausbildung an Taubstummen-Lehreranstalten, etwa in Frankfurt am Main oder Berlin; Ambarzumow selbst wird später als Lehrer an der Moskauer Taubstummenschule genannt.
Ein Werk der ganzen Gemeinschaft – nicht nur eines Dorfes
Besonders typisch für die Mennoniten ist die Breite der Trägerschaft: Die Schule wurde laut Quelle durch freiwillige Beiträge unterhalten, an denen sich „alle Mennoniten Russlands“ beteiligten; erwähnt wird auch Wohlwollen und Förderung durch die Allgemeine Mennonitische Konferenz. Das war gelebte Solidarität über Dorf- und Bezirksgrenzen hinweg: Wer nicht selbst ein gehörloses Kind hatte, half mit, damit diese Kinder nicht vergessen wurden.
Und dass der Bau tatsächlich Eindruck machte, belegen auch Archivbeschreibungen späterer Fotos: Ein „großes, imposantes Ziegelgebäude“ mit markanter Umfriedung – ein sichtbares Zeichen dafür, dass diese Kinder der Gemeinschaft etwas wert waren.
Quellen
Internetseite chortitza.org
Margarita Dick (Zusammenstellung nach älteren Darstellungen): „Marien-Taubstummenschule in Tiege, Molotschna“ – enthält Dokument (22.12.1881), Eröffnung 28.01.1885, Bau 1887–1889, Umzug Dez. 1889, Einweihung 03.01.1890, Kosten 40.138 Rubel, Aufnahmebedingungen, Verwaltung, Personal, Ergebnisse.
Mennonite Archival Information Database (MHSC/Mennonite Heritage Centre Archives): Archivbeschreibungen/Fotohinweise zur Schule (Gebäudeansicht, Gruppenfoto 1924, Bezug zu P. M. Friesen).
Aquila-PDF (historischer Artikel im Heftkontext): Hinweis auf Gründung/Benennung und Hauseltern-Dienst der Familie Epp (1895–99) in Tiege.




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