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Ambartsum Egorowitsch Ambarzumow (1845–1919)

Aktualisiert: 3. Jan.


Ambartsum Egorowitsch Ambarzumow (auch: Ambarzumianz) tritt in der Geschichte der Molotschna nicht als großer Redner oder Amtsträger hervor, sondern als einer, der eine Not sah – und nicht mehr losließ. In den mennonitischen Überlieferungen wird er ausdrücklich als evangelischer Armenier bezeichnet: also als jemand, der von außen kam und doch gerade deshalb den Blick auf etwas lenkte, das in vielen Familien still mitgetragen wurde – taubstumme Kinder, für die es kaum Bildungschancen gab.


Seine Prägung erhielt Ambarzumow offenbar schon früh durch seine Ausbildung. Berichtet wird, dass er während einer Ausbildungszeit in der Schweiz, am armenischen Lehrerseminar in Beuggen, erstmals eine Taubstummenschule kennenlernte. Diese Begegnung, so heißt es, habe ihn „tief“ berührt und für sein ganzes Leben an die Aufgabe gebunden, gehörlosen Kindern Sprache, Bildung und damit Würde und Zukunft zu eröffnen. Aus einer zufälligen Beobachtung wurde ein Lebensberuf: Taubstummenpädagogik nicht als Randgebiet, sondern als Herzenssache.


Wie genau Ambarzumow anschließend den Weg zu den Mennoniten in Südrussland fand, bleibt in den Quellen selbst bemerkenswert offen – man sagt schlicht: Man wisse es nicht. Aber sicher ist, dass er unter den Mennoniten der Molotschna wiederholt auftauchte, aufmerksam zuhörte, nachfragte, Familien besuchte und die taubstummen Kinder „aufsuchte“. Das war mehr als ein kurzer Besuch. Es war die geduldige, konkrete Arbeit eines Menschen, der nicht nur Mitleid empfand, sondern Wege suchte: Wer kann helfen? Wer trägt Verantwortung? Wer hat Einfluss? Und vor allem: Wie lässt sich aus einer Idee eine Schule machen?


Hier beginnt der Teil seines Lebens, der sich fast wie eine kleine Bewegung liest. Ambarzumow fand offene Türen – besonders bei Gerhard Klassen aus Blumenort und bei Abraham Wiebe, einem einflussreichen Oberschulzen. Mit solchen Verbündeten gewann das Anliegen Gewicht. Aus einem persönlichen Engagement wurde ein gemeinschaftliches Projekt: Der Bezirk Halbstadt übernahm Verantwortung, sammelte, plante und organisierte. 1885 wurde schließlich die Marien-Taubstummenschule eröffnet – anfangs in einem Haus von Gerhard Klassen in Blumenort, später fest in Tiege verankert. Man kann sagen: Ohne die mennonitische Tatkraft wäre es wohl nicht gegangen – aber ohne Ambarzumows beharrlichen Anstoß wäre es womöglich nie begonnen worden.


Straßenansicht der Taubstummenschule in Tiege
Straßenansicht der Taubstummenschule in Tiege

Dass er nicht nur Initiator, sondern auch Aufbauhelfer war, zeigt seine eigene Mitarbeit: A. G. Ambarzumow wurde Lehrer, und er führte die Einrichtung gemeinsam mit seiner Frau eine Zeit lang als eine Art „Hauseltern“. Bis 1891 werden beide in dieser Funktion genannt. Wer sich eine Schule des 19. Jahrhunderts vorstellt, sollte dabei nicht an ein reines Unterrichtsgebäude denken, sondern an einen Lebensraum: Kinder wohnten, lernten, arbeiteten, wurden erzogen – und brauchten Menschen, die ihnen Halt gaben. Gerade für gehörlose Kinder bedeutete das: geduldige Einübung von Sprache und Zeichen, Ordnung, Zuwendung, Vertrauen. In solchen Jahren entscheidet sich oft, ob eine Institution dauerhaft trägt. Ambarzumow war in dieser Phase nicht nur Fachmann, sondern Mitträger des Alltags.


Zu seinem späteren Weg finden sich Hinweise außerhalb der mennonitischen Überlieferung, die gut zu dieser Lebenslinie passen: dass er auch andernorts – etwa in Saratow oder später in Moskau – für die Bildung gehörloser Menschen gearbeitet habe, teils sogar unter finanziellen Schwierigkeiten, weil er Bedürftige nicht abweisen wollte. Ob alle diese Stationen mit „unserem“ Ambarzumow identisch sind, lässt sich nicht in jedem Detail beweisen; aber das Bild ist stimmig: ein Pädagoge, der sein Wissen dorthin trug, wo Kinder sonst vergessen wurden.


So bleibt von A. G. Ambarzumow vor allem dies: Er war einer, der die Schwächeren nicht nur „im Blick“ hatte, sondern für sie eine Tür aufstieß – und andere dazu brachte, mit anzupacken. In der Geschichte der Marien-Taubstummenschule steht sein Name deshalb wie ein leiser Anfang: kein Paukenschlag, aber ein erster Schritt. Und manchmal ist genau das die entscheidende Form von Größe.


Quellenangabe 

  • Dick, Margarita: „Marien-Taubstummenschule“ in Tiege, Molotschna (PDF, 6 S., 2013) – mit längeren Auszügen/Übertragungen aus Friesen (1911) und Isaac (1908) sowie Angaben zu Ambarzumow/Ambarzumianz als Initiator.

  • Friesen, Peter M.: Die Alt-Evangelische Mennonitische Brüderschaft in Rußland (1798–1910) im Rahmen der mennonitischen Gesamtgeschichte (Halbstadt/Odessa 1911; Digitalisat bei chortitza/media).

  • Isaac, Franz: Die Molotschnaer Mennoniten. Ein Beitrag zur Geschichte derselben (Halbstadt, Taurien: H. J. Braun, 1908; Digitalisat als Seiten-Scans bei der Mennonite Library and Archives/Bethel College).

  • Энциклопедия фонда «Хайазг»: Artikel „Амбарцумян Амбарцум Егорович“ (führt Ausbildung in der Schweiz und Tätigkeit im Umfeld von F. A. Rau / Gehörlosenbildung in Russland an).

  • Армянский музей Москвы: Л. В. Каледа, „Воспоминания об отце — священномученике Владимире Амбарцумове“ (enthält Familienangaben inkl. Großvater Амбарцум Егорович als Lehrer der Gehörlosen und помощник Ф. А. Рау).

  • Mennonitische Rundschau (Hinweis über chortitza-Index): Einträge zur Taubstummenschule in Tiege (u. a. Isaac Dyck, 19.12.1928; H. Reimer, 17.02.1926; weitere Hinweise).

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