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4. Juni 1924: Bolivien warnt kanadische Mennoniten vor der Auswanderung nach Paraguay

Washington, D.C., frühe 1920er Jahre: In der amerikanischen Hauptstadt wurde der bolivianische Protest gegen die geplante Ansiedlung kanadischer Mennoniten im Chaco diplomatisch vorgebracht.
Washington, D.C., frühe 1920er Jahre: In der amerikanischen Hauptstadt wurde der bolivianische Protest gegen die geplante Ansiedlung kanadischer Mennoniten im Chaco diplomatisch vorgebracht.

Am 4. Juni 1924 erreichte die Auswanderungsbewegung konservativer Mennoniten aus Kanada nach Südamerika eine heikle politische Ebene. Der bolivianische Gesandte in Washington, D.C., warnte kanadische Mennoniten, die sich im paraguayischen Chaco ansiedeln wollten. Das Land, das ihnen in Aussicht gestellt wurde, gehöre nach bolivianischer Auffassung nicht zu Paraguay, sondern zu Bolivien.


Was zunächst wie eine diplomatische Randnotiz klang, war in Wirklichkeit ein frühes Warnzeichen für einen der schwersten Konflikte Südamerikas im 20. Jahrhundert: den Streit um den Chaco Boreal.


Mennoniten suchen eine neue Heimat


Viele konservative Mennoniten in Kanada standen nach dem Ersten Weltkrieg unter wachsendem Druck. Besonders die Schulfrage wurde für sie zum Gewissensproblem. In mehreren Provinzen, vor allem in Manitoba und Saskatchewan, wurden staatliche Schulgesetze verschärft. Der Unterricht sollte stärker vereinheitlicht, englischsprachig und staatlich kontrolliert werden.


Für viele Altkolonier, Sommerfelder und andere konservative Gruppen war das mehr als eine Verwaltungsfrage. Sie sahen ihre religiöse Erziehung, ihre deutsche Sprache, ihre Gemeindeschule und ihre abgesonderte Lebensweise bedroht. Schon früher hatten Mennoniten Länder verlassen, wenn ihnen Glaubensfreiheit, eigene Schulen und Wehrlosigkeit nicht mehr sicher erschienen. So war es in Preußen gewesen, später in Russland, dann in Kanada.


Darum suchten mennonitische Vertreter nach einem neuen Siedlungsgebiet. Paraguay zeigte sich offen. Das Land war nach dem verheerenden Krieg gegen die Triple-Allianz im 19. Jahrhundert dünn besiedelt und suchte Menschen, die den abgelegenen Westen des Landes erschließen konnten. Die Mennoniten wiederum suchten kein politisches Abenteuer, sondern Land, religiöse Freiheit, eigene Schulen und Befreiung vom Militärdienst.


Der Chaco als umstrittenes Grenzland


Das angebotene Siedlungsgebiet lag im Chaco Boreal, einer trockenen, schwer zugänglichen Landschaft westlich des Río Paraguay. Für Paraguay war dieses Gebiet ein wichtiger Teil des nationalen Territoriums. Für Bolivien war es ebenfalls von großer Bedeutung, denn Bolivien suchte nach dem Verlust seines Zugangs zum Pazifik im Salpeterkrieg nach Wegen, seine Stellung im Tiefland und möglicherweise einen Zugang zum Flusssystem des Río Paraguay zu stärken.


Die Grenze zwischen Paraguay und Bolivien war seit Jahrzehnten umstritten. Beide Staaten beriefen sich auf historische Rechte. Beide wollten ihre Ansprüche durch Verwaltung, Militärposten, Karten, Verträge und Siedlungen untermauern. In diesem Zusammenhang bekamen die mennonitischen Siedlungspläne eine Bedeutung, die die Auswanderer selbst wahrscheinlich nicht gesucht hatten.


Für Paraguay war die Ansiedlung der Mennoniten im Chaco politisch nützlich. Eine friedliche, arbeitsame Siedlergruppe konnte helfen, das Land dauerhaft zu bewohnen und damit Paraguays Anspruch zu stärken. Für Bolivien sah dieselbe Ansiedlung wie eine paraguayische Besitzergreifung aus.


Die Warnung aus Washington


Am 4. Juni 1924 erreichte die Auswanderungsbewegung konservativer Mennoniten aus Kanada nach Südamerika eine heikle politische Ebene. Der bolivianische Diplomat Eduardo Díez de Medina, der in dieser Frage als Sondergesandter Boliviens auftrat, warnte vor der geplanten Ansiedlung kanadischer Mennoniten im paraguayischen Chaco. Nach bolivianischer Auffassung handelte es sich bei dem angebotenen Gebiet nicht um unbestrittenes paraguayisches Land, sondern um Territorium, auf das Bolivien selbst Anspruch erhob.


Eduardo Díez de Medina, bolivianischer Diplomat. Er trat 1924 im Chaco-Streit gegen die geplante Ansiedlung kanadischer Mennoniten im umstrittenen Gebiet auf.
Eduardo Díez de Medina, bolivianischer Diplomat. Er trat 1924 im Chaco-Streit gegen die geplante Ansiedlung kanadischer Mennoniten im umstrittenen Gebiet auf.

Damit wurde die mennonitische Auswanderung plötzlich Teil eines größeren internationalen Konflikts. Die Mennoniten suchten vor allem Glaubensfreiheit, eigene Schulen, Befreiung vom Kriegsdienst und Land für ihre Familien. Bolivien aber sah in ihrer Ansiedlung eine Stärkung paraguayischer Besitzansprüche im Chaco Boreal.


Der Protest Boliviens richtete sich deshalb nicht gegen die Mennoniten als Glaubensgemeinschaft, sondern gegen die politische Wirkung ihrer Ansiedlung. Wenn Paraguay dort Siedler ansiedelte, konnte es später auf eine tatsächliche Besiedlung und Verwaltung des Gebietes verweisen. Genau das wollte Bolivien verhindern.


Paraguay hält an den Plänen fest


Paraguay wies den bolivianischen Protest zurück. Nach paraguayischer Darstellung hatte die Regierung den Mennoniten nicht einfach Staatsland in bolivianischem Gebiet übertragen. Vielmehr seien die Landkäufe über private beziehungsweise gesellschaftliche Besitzstrukturen erfolgt, insbesondere über die Carlos-Casado-Gesellschaft, die im Chaco große Ländereien besaß.


Historische Karte des Gran Chacos. Farblich eingetragen die verschiedenen Grenzziehungen von 1878 bis 1933. Quelle: Archiv der Vereinten Nationen in Genf
Historische Karte des Gran Chacos. Farblich eingetragen die verschiedenen Grenzziehungen von 1878 bis 1933. Quelle: Archiv der Vereinten Nationen in Genf

Wichtig war außerdem das sogenannte Privilegium. Paraguay gewährte den Mennoniten religiöse Freiheit, eigene Schulen, innere Gemeindeordnung und vor allem Befreiung vom Kriegsdienst. Gerade dieser Punkt war für die mennonitischen Gemeinden entscheidend. Ihre Wehrlosigkeit war kein politischer Standpunkt, sondern eine Glaubensüberzeugung aus der Nachfolge Jesu.


Damit standen die Mennoniten in einer eigentümlichen Lage. Sie wollten aus Gewissensgründen dem staatlichen Druck in Kanada entgehen. Doch das Land, das ihnen Freiheit versprach, lag mitten in einem internationalen Streitgebiet.


Friedliche Siedler in einem politischen Grenzkonflikt


Die ersten kanadischen Mennoniten kamen schließlich 1926 und 1927 in den paraguayischen Chaco. Sie gründeten die Kolonie Menno. Der Anfang war schwer. Hitze, Wassermangel, Krankheiten, Isolation und schlechte Verkehrswege forderten große Opfer. Viele Kinder starben. Manche Familien kehrten entmutigt nach Kanada zurück.


Trotzdem hielten viele aus. Sie rodeten, bauten Brunnen, legten Wege an, errichteten Schulen und Gemeindehäuser. Aus einer kaum erschlossenen Region wurde langsam ein Siedlungsraum. Die Mennoniten suchten dabei nicht den Streit mit Bolivien und nicht den Krieg für Paraguay. Sie wollten in Ruhe arbeiten, beten, ihre Kinder im Glauben erziehen und nach ihrer Ordnung leben.


Doch politisch wurde ihre Anwesenheit bedeutsam. Paraguay konnte auf die Siedlungen verweisen, wenn es seine Ansprüche auf den Chaco unterstrich. Bolivien dagegen sah darin eine weitere Verfestigung paraguayischer Kontrolle.


Vom diplomatischen Protest zum Chacokrieg


Die Warnung vom 4. Juni 1924 war deshalb ein frühes Zeichen für die wachsende Spannung. Acht Jahre später, 1932, brach der Chacokrieg aus. Paraguay und Bolivien kämpften bis 1935 um das Gebiet. Der Krieg wurde grausam, verlustreich und von Hunger, Durst, Krankheiten und großer Erschöpfung geprägt.


Militärparade des paraguayischen Militärs während des Chacokrieges
Militärparade des paraguayischen Militärs während des Chacokrieges

Die Mennoniten blieben ihrer Wehrlosigkeit verpflichtet. Sie dienten nicht als Soldaten. Dennoch wurden sie vom Krieg berührt. Ihre Siedlungen lagen im Raum des Konflikts. Paraguayische Truppen kamen durch mennonitische Gebiete. Lebensmittel, Wege, Brunnen und Ortskenntnisse spielten eine Rolle. Die Mennoniten standen damit vor einer schweren Aufgabe: Sie wollten friedlich bleiben und zugleich in einem Land leben, das Krieg führte.


Bedeutung des 4. Juni 1924


Der 4. Juni 1924 zeigt, wie eng Auswanderung, Glaubensfreiheit und Weltpolitik miteinander verbunden sein können. Für die kanadischen Mennoniten war Paraguay ein Zufluchtsort. Für Paraguay waren die Mennoniten Siedler, die den Chaco beleben konnten. Für Bolivien waren sie ein Zeichen dafür, dass Paraguay im umstrittenen Gebiet Tatsachen schaffen wollte.


Aus mennonitischer Sicht liegt darin eine ernste Lehre. Wer aus Glaubensgründen Frieden sucht, lebt dennoch nicht außerhalb der Geschichte. Auch ein stilles Volk kann in die Pläne von Staaten hineingezogen werden. Die kanadischen Mennoniten wollten keinen Grenzstreit entscheiden. Sie wollten nach Gottes Gebot leben, ihre Kinder erziehen und dem Kriegsdienst fernbleiben. Doch ihr Weg führte sie in ein Land, dessen Zugehörigkeit von zwei Staaten beansprucht wurde.


So steht dieser Tag am Anfang einer größeren Geschichte: der mennonitischen Besiedlung des paraguayischen Chaco, der bolivianisch-paraguayischen Grenzfrage und des späteren Chacokrieges. Die Warnung aus Washington war nicht das Ende der Auswanderung. Aber sie zeigte früh, dass der Weg nach Paraguay nicht nur durch Wüste, Dornenwald und Wassermangel führte, sondern auch durch ein politisch umkämpftes Gebiet.


Quellen:

  • Foreign Relations of the United States, 1924, Vol. I, Dokument 220: US-Schreiben vom 25. Juli 1924 zum paraguayisch-bolivianischen Grenzstreit und zum bolivianischen Protest gegen Landvergaben an kanadische Mennoniten.

  • Foreign Relations of the United States, 1924, Vol. I, Dokument 222: Bericht aus Asunción vom 4. September 1924 mit paraguayischer Antwort auf den bolivianischen Protest.

  • Foreign Relations of the United States, 1924, Vol. I, Dokument 221: Entwurf eines Abkommens zwischen Paraguay und Bolivien zur möglichen Schlichtung durch die USA.

  • Plett Foundation, Preservings: “The Casado Railway: Mennonites in the Chaco”: Hintergrund zur mennonitischen Landnahme, Eisenbahn und Erschließung des Chaco.

  • Mennonite Heritage Museum: “Pioneers in the Chaco”: Überblick zur Suche kanadischer Mennoniten nach Paraguay und zu den Gründen der Auswanderung.

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