28. Dezember 1858: Einweihung Bethaus in Neu-Halbstadt an der Molotschna
- Redaktion

- 28. Dez. 2025
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Als sich die Gemeinde am 28. Dezember 1858 zur Einweihung ihres neuen Bethauses versammelte, lag hinter ihr nicht nur ein Bauprojekt, sondern eine ganze Kette von Erwartungen, Enttäuschungen und Verzögerungen. Gerade deshalb bekam dieser Wintertag ein Gewicht, das über das Bauprojekt hinausging: Es war ein Moment der Sammlung – und ein sichtbares Zeichen, dass nach unruhigen Jahren wieder Ordnung in den Alltag der Kolonie einkehren konnte.
Ein Bau der zum Prüfstein wurde
Das 1810 in Petershagen aus Stein errichtete Bethaus war im Laufe der Jahrzehnte reparaturbedürftig geworden. Zunächst dachte die Gemeinde an eine Instandsetzung, doch unter dem Einfluss des damaligen Kirchenvorstehers Johann Neufeld (in Halbstadt) wuchs in der Gemeinde die Überzeugung: Ein Neubau sei sinnvoller – und zwar in Neu-Halbstadt, im Umfeld des Zentrums Halbstadt.
Im Mai 1852 begann man mit dem Neubau: Das alte Bethaus wurde abgetragen; Holz und die aus den Mauern gewonnenen Steine brachte man auf den neuen Bauplatz nach Neu-Halbstadt. Was wie ein geordneter Übergang aussah, wurde jedoch bald zur Belastungsprobe. Kirchenvorsteher Neufeld änderte den geplanten Bauentwurf, was die Baukosten ansteigen lies. Dieses führte zu einer spürbaren Unzufriedenheit in der Gemeinde. Trotzdem ging der Bau des Bethauses weiter. Noch im selben Jahr wurde das Fundament gelegt, sogar mit Steinen des alten Bethauses – ein symbolischer Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Der Krimkrieg führt zum Stillstand des Baues
Dann kam die große Verzögerung, die der späteren Einweihung ihren besonderen Klang geben sollte: In den Jahren 1853 bis 1856 als der Krimkrieg tobte stockte vieles, auch der Bau des Bethauses. Im Jahr 1853 wurde nicht gebaut. Später, am 22. Februar 1854 entschloss man sich ausdrücklich wegen der unsicheren Lage, den Bau vorläufig einzustellen.
Erst nach dem Friedensschluss am 30. März 1856 in Paris wurden die Baumaßnahmen an dem Bethaus wieder aufgenommen.
Johann Neufelds Angebot: Risiko, Vertrauen – und eine klare Bedingung
Im Juni 1856, nachdem der Krieg schon einige Monate beendet war, kam der entscheidende Wendepunkt: Johann Neufeld machte der Gemeinde ein kühnes Angebot. Er wolle das Bethaus auf eigene Kosten auf dem bereits gelegten Fundament fertig errichten; nach Fertigstellung könnten dann die Gemeindeglieder über freiwillige Beiträge die Baukosten decken. Was dann noch fehlen sollte, wolle er selbst tragen. Als Zweifel geäußert wurden, ob die Spenden reichen würden, antwortete er sinngemäß: Bei mir wird es immer zureichen.
Doch an seinen Vorschlag knüpfte Neufeld eine Bedingung: Die Gemeinde musste das Baumaterial heranfahren. Viele trauten der Sache zunächst nicht ganz – aber man nahm das Angebot an. So wurde das Bethaus schließlich fertig gebaut und vollendet.
28. Dezember 1858: Die Einweihung – und warum sie so bedeutsam war
Am 28. Dezember 1858 wurde das Bethaus feierlich eingeweiht. Der zuständige Älteste Bernhard Fast war zu diesem Zeitpunkt krank, sodass man zur Einweihung einen andere Ältesten einlud. Die Einweihung führte somit der Älteste der Gnadenfelder Gemeinde, August Hermann Lenzmann durch.
Überliefert ist sogar die Weiheformel, die den Charakter dieses Tages greifbar macht. In ihr wird das Bethaus ausdrücklich als Friedensort und Versammlungsstätte der Gemeinde benannt – ein Kernsatz lautet: „Ich weihe dieses Haus kraft meines Amtes als ein berufener und verordneter Diener des Worts zu einer Stätte des Friedens.“
Genau darin liegt die Tiefenbedeutung des 28. Dezember: Nach Jahren der Unsicherheit, nach Bau-Stopp, Streit über Kosten und Kriegsschatten wird das neue Haus als Ort des Friedens ausgesprochen – nicht als Triumph, sondern als geistlicher Anker.
Schlussbild: Ein Wintertag, der im Gedächtnis blieb
Man darf sich den 28. Dezember 1858 ohne romantische Überhöhung vorstellen: Winterkälte, weite Wege, schlichte Kleidung, ein neu errichtetes Haus, das nach langen Jahren endlich „seine“ Bestimmung erhält. Und doch war es ein Tag mit festlichem Kern: Die Gemeinde hörte die Weihrede, nahm das Haus in Besitz – und verknüpfte damit die Hoffnung, dass der Alltag wieder verlässlich wird.

Gerade weil der Bau durch den Krieg verzögert und durch innere Spannungen begleitet war, konnte die Einweihung als gemeinsames Bekenntnis wirken: Wir sind noch da. Wir ordnen uns. Wir sammeln uns. Und wir setzen den Frieden Gottes wieder in die Mitte.
Quellenliste
Isaak, Franz. Die Molotschnaer Mennoniten; ein Beitrag zur Geschichte derselben, aus Akten älterer und neuerer Zeit, wie auch auf Grund eigener Erlebnisse und Erfahrungen dargestellt. Halbstadt: Kommissionsverlag und Druck von H. J. Braun, 1908. (Abschnitt zum Bethaus in (Neu-)Halbstadt: Bauverlauf, Baustopp in den Kriegsjahren, Einweihung am 28.12.1858, Weihrede/Einweihungsworte).
Unruh, A. H. Die Geschichte der Mennoniten Brüder Gemeinde (digit. Textausgabe). (Kontext zu frühen Bethäusern/Kirchen in der Molotschna-Kolonie, u. a. Petershagen/Ohrloff).
Plett Foundation (D. F. Plett Historical Research Foundation). Die Molotschna Kolonie (Zusammenstellung/Überblick, deutsch).
Epp, D. H. Die Chortitzaer Mennoniten (PDF-Digitalisat; Hintergrund zur mennonitischen Koloniegeschichte in Südrussland).




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