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27. September 1920: Aus einem Hilferuf entsteht das Mennonite Central Committee

vor 22 Stunden
5 Min. Lesezeit

Als das Mennonite Central Committee, kurz MCC, am 27. September 1920 in Chicago zu seiner ersten offiziellen Sitzung zusammenkam, warteten Menschen in der Ukraine dringend auf Hilfe. Bürgerkrieg, Krankheiten und Hunger hatten auch die mennonitischen Siedlungen schwer getroffen. Vier Abgesandte waren nach Nordamerika gereist, um den Gemeinden dort die Not ihrer Glaubensgeschwister vor Augen zu führen.


Mennonitische Flüchtlinge in Konstantinopel, aufgenommen 1921 oder 1922. In ihren Heimatgebieten in Südrussland herrschte damals eine schwere Hungersnot.
Mennonitische Flüchtlinge in Konstantinopel, aufgenommen 1921 oder 1922. In ihren Heimatgebieten in Südrussland herrschte damals eine schwere Hungersnot.

Mehrere mennonitische Hilfsausschüsse beschlossen daraufhin, gemeinsam zu handeln. Bereits am 27. Juli hatten Vertreter verschiedener Gruppen in Elkhart, Indiana, die Bildung eines gemeinsamen Komitees vereinbart. Die Sitzung im September gab dieser Zusammenarbeit eine festere Form.


Der Erste Weltkrieg lag zu diesem Zeitpunkt knapp zwei Jahre zurück. Nordamerikanische Mennoniten hatten bereits zuvor Hilfsaktionen für Menschen in Not unterstützt. Das MCC selbst bestand damals noch nicht. Seine Gründung gab der Zusammenarbeit verschiedener mennonitischer Gruppen eine dauerhaftere Grundlage.


Nahrung für die Ukraine


Noch vor der offiziellen Sitzung in Chicago waren Orie O. Miller, Arthur Slagel und Clayton Kratz am 20. September 1920 nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, aufgebrochen. Sie sollten erkunden, wie Hilfe die Menschen in der Ukraine erreichen konnte. In Konstantinopel betreute das MCC Flüchtlinge und bereitete Hilfslieferungen vor. Während Slagel dort blieb, reisten Miller und Kratz weiter in die verwüsteten mennonitischen Siedlungsgebiete. Kratz verschwand später während der Kämpfe. Sein Schicksal wurde nie abschließend geklärt.


Orie O. Miller gehörte zu den ersten Mitarbeitern des MCC. Im September 1920 reiste er nach Konstantinopel, um Hilfe für die Menschen in der Ukraine vorzubereiten.
Orie O. Miller gehörte zu den ersten Mitarbeitern des MCC. Im September 1920 reiste er nach Konstantinopel, um Hilfe für die Menschen in der Ukraine vorzubereiten.

Der Bürgerkrieg erschwerte zunächst jede Hilfe vor Ort. Erst im Frühjahr 1922 konnte das MCC Speiseküchen in den mennonitischen Gebieten der Ukraine einrichten. Die Auswahl der Hilfsbedürftigen richtete sich nach ihrer Not. Auch Menschen, die keiner mennonitischen Gemeinde angehörten, erhielten Essen.


In den Speiseküchen der amerikanischen mennonitischen Hilfe erhielten hungernde Menschen in der Ukraine Nahrung. Die Hilfe galt auch Bedürftigen außerhalb der mennonitischen Gemeinden.
In den Speiseküchen der amerikanischen mennonitischen Hilfe erhielten hungernde Menschen in der Ukraine Nahrung. Die Hilfe galt auch Bedürftigen außerhalb der mennonitischen Gemeinden.

In den Jahren 1922 und 1923 wurden etwa 75.000 Menschen mit lebensnotwendigen Gütern versorgt, darunter rund 60.000 Mennoniten. Das Hilfswerk stellte außerdem 50 Traktoren und 200 Pferde bereit, damit Bauern ihre Felder wieder bestellen konnten.


Acht Traktoren der amerikanischen mennonitischen Hilfe pflügen im Oktober 1922 bei Chortitza. Sie halfen den Bauern, ihre Felder nach Bürgerkrieg und Hungersnot wieder zu bestellen.
Acht Traktoren der amerikanischen mennonitischen Hilfe pflügen im Oktober 1922 bei Chortitza. Sie halfen den Bauern, ihre Felder nach Bürgerkrieg und Hungersnot wieder zu bestellen.

Als die Hungersnot nachließ, stand das MCC vor einer neuen Aufgabe. Ende 1929 gelangten Tausende Menschen aus der Sowjetunion nach Deutschland, darunter viele Mennoniten. Sie hatten zunächst nur eine vorübergehende Zuflucht gefunden und brauchten einen Ort, an dem sie dauerhaft leben konnten. Mit Unterstützung des MCC zogen rund 1.600 von ihnen in den paraguayischen Chaco. Das Hilfswerk half beim Landkauf und bei der Finanzierung der Ansiedlung. Dort gründeten die Flüchtlinge 1930 die Kolonie Fernheim, in der Nähe der bereits bestehenden Kolonie Menno.


Mennonitische Flüchtlinge versammeln sich im März 1930 in Mölln vor ihrer Abreise nach Paraguay. Im Chaco bauten viele von ihnen die neue Kolonie Fernheim auf.
Mennonitische Flüchtlinge versammeln sich im März 1930 in Mölln vor ihrer Abreise nach Paraguay. Im Chaco bauten viele von ihnen die neue Kolonie Fernheim auf.

Der Neubeginn war schwer. Die ersten Siedler wohnten zeitweise in einem Zeltlager bei Trébol. Sie mussten geeignete Plätze für ihre Dörfer finden, Land vermessen und Brunnen graben. Zugleich belasteten sie die Kosten der Flucht, der Überfahrt und des Siedlungsaufbaus. Weitere Flüchtlinge kamen hinzu, darunter 1932 etwa 370 Mennoniten, die über China entkommen waren. Bis 1932 wuchs Fernheim auf rund 2.000 Einwohner in 17 Dörfern. Aus der ursprünglichen Hungerhilfe war eine langfristige Begleitung von Familien geworden, die sich unter schwierigen Bedingungen eine neue Heimat aufbauten.


Hilfe während des Zweiten Weltkriegs


Während des Zweiten Weltkriegs wurden erneut große Hilfsaktionen nötig. Das MCC brachte Hilfsgüter nach Polen, Frankreich und England, besonders für Kinder. In Südfrankreich betreute es Kinder spanischer Flüchtlinge. In Lyon erhielten Schulkinder Unterricht. Über mehrere Jahre versorgte das Hilfswerk in Frankreich Flüchtlingskinder mit Milch und unterhielt Kinderheime.


Auch in Nordamerika übernahm das MCC eine Aufgabe, die mit seiner Friedensüberzeugung verbunden war. Es wirkte an der Organisation des Civilian Public Service mit. Dieser zivile Dienst eröffnete mennonitischen Kriegsdienstverweigerern in den Vereinigten Staaten die Möglichkeit, anstelle des Militärdienstes Arbeit zum Wohl anderer zu leisten. Die Männer waren unter anderem in der Landwirtschaft, im Forstwesen und im Gesundheitswesen tätig. Auf dem Höhepunkt des Programms im Jahr 1945 arbeiteten 4.288 Männer in den vom MCC betreuten Einrichtungen und Einheiten.


Lebensmittel, Kleidung und neue Wohnorte


Nach Kriegsende trafen die Helfer in Europa auf zerstörte Städte, fehlende Lebensmittel und zahlreiche entwurzelte Familien. Das MCC verschiffte Kleidung, Schuhe, Seife, Nahrung und Unterrichtsmaterial über den Atlantik. In den Niederlanden begann seine Nachkriegsarbeit 1945, in Deutschland 1946. Von einem Büro in Frankfurt am Main aus wurde Hilfe für Menschen in Not organisiert.


In Deutschland begann das MCC unter anderem mit Speisungen für Kinder. Es verteilte Lebensmittel und Kleidung und half Flüchtlingsfamilien bei der Suche nach einer neuen Lebensgrundlage. Die Hilfe erreichte auch Menschen außerhalb mennonitischer Gemeinden. In Hamburg etwa gaben Gemeindemitglieder Hilfsgüter an Flüchtlingsfamilien vor Ort weiter und schickten Pakete an Familien, die weiter entfernt lebten.


Für viele Mennoniten aus Westpreußen und der Sowjetunion war nach 1945 eine Rückkehr in ihre Heimat nicht möglich. Mitarbeiter des MCC unterstützten Flüchtlinge in Lagern, halfen bei der Auswanderung nach Kanada, Paraguay und Uruguay und wirkten am Bau neuer Siedlungen in Deutschland mit, unter anderem bei Bielefeld, in Espelkamp und bei Neuwied.


Mennonitische Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. Das MCC versorgte entwurzelte Familien und unterstützte viele von ihnen bei der Suche nach einem neuen Wohnort.
Mennonitische Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg. Das MCC versorgte entwurzelte Familien und unterstützte viele von ihnen bei der Suche nach einem neuen Wohnort.


Zu den MCC Mitarbeitern in Europa gehörten Peter und Elfrieda Dyck sowie C. F. Klassen. Sie setzten sich besonders für mennonitische Flüchtlinge und deren Auswanderung ein. In Paraguay half das MCC später beim Aufbau der Kolonien Neuland und Volendam.



Peter und Elfrieda Dyck begleiteten mennonitische Flüchtlinge im Auftrag des MCC nach Südamerika. Ihre Arbeit gehörte zur umfangreichen Flüchtlingshilfe des Hilfswerks nach 1945.
Peter und Elfrieda Dyck begleiteten mennonitische Flüchtlinge im Auftrag des MCC nach Südamerika. Ihre Arbeit gehörte zur umfangreichen Flüchtlingshilfe des Hilfswerks nach 1945.

Der Anfang des MCC lag in einem Hilferuf aus der Ukraine. Seine Geschichte zeigt, wie weit die Antwort der mennonitischen Gemeinden reichte: von Speiseküchen und landwirtschaftlicher Hilfe über die Betreuung von Kindern im Krieg bis zur Versorgung und Neuansiedlung von Flüchtlingen. Für die beteiligten Mennoniten war diese Arbeit ein Ausdruck ihres Glaubens und ihrer Verantwortung, Menschen in ihrer Not beizustehen.


Quellen:

  1. Mennonite Archival Information Database: MCC Constitution, Articles of Incorporation and Bylaws. Belegt die Zusammenkunft in Elkhart im Juli und die erste offizielle Sitzung in Chicago am 27. September 1920. Mennonite Archival Information Database

  2. Mennonite Historical Society of Ontario: „MCC beginnings, 100 years ago“, Ontario Mennonite History, Oktober 2021. Zur Entsendung der ersten Mitarbeiter, zu Clayton Kratz und zur Hungerhilfe in der Ukraine. mhso.org

  3. Mennonite Archival Information Database: Bestandsbeschreibung zum MCC. Zu den Hilfseinrichtungen in Konstantinopel sowie zu den Zahlen der Hungerhilfe, darunter 75.000 versorgte Menschen, 50 Traktoren und 200 Pferde. Mennonite Archival Information Database

  4. Mennonitisches Lexikon: „Mennonite Central Committee (MCC)“. Überblick über die Hilfsarbeit im Zweiten Weltkrieg, die Kinderhilfe in Frankreich, den Civilian Public Service und die Nachkriegsarbeit. mennlex.de

  5. Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: „Fernheim Colony“. Zur Gründung Fernheims, zur Unterstützung durch das MCC und zur Entwicklung der Kolonie. GAMEO

  6. Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online: „World War (1939–1945) – Germany“. Zur Versorgung von Flüchtlingen, zur Auswanderungshilfe und zum Siedlungsbau in Deutschland nach 1945. gameo.org

  7. Chortitza.org: „Hunger 1921–22 und die Amerikanische Hilfe“ und Bilder aus Chortitza. Hier befinden sich unter anderem die Aufnahmen der Hilfsküche und der Traktoren. Chortitza

  8. Chortitza.org: „Bilder Auswanderung 1929–30“. Die Sammlung enthält die im Artikel vorgesehenen Bilder von Orie O. Miller, der Abreise nach Paraguay, den Flüchtlingen nach 1945 sowie Peter und Elfrieda Dyck. chortitza.org

   

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